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Zeitschrift
HERAU8QEGEBEN VON
PUBLI&E PAR
Albert BÜCH1 Joh. Peter KIRSCH
o. ö. Professoren an der Universität Freiburg (Schweiz)
UND
Francois DUCREST,
Dircctcur de la Bibliothique cantonalc, Fribourg.
XVIII. Jahrgang — XVIII m ' Annee.
I924
Stans 1924.
Hans von Matt, Verlagshandlung.
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INHALTSVERZEICHNIS. — SOMMAIRE
XVIII. Jahrgang. — XVIII me Annöe.
1924
Aufsätze. — Artldes de fond.
Seite
Bastgen, Prof. Dr., Der Schweizer Nuntius Gizzi.257
Büchi, Dr. Alb., Peter Girod und der Ausbruch der Reformbewegung
in Freiburg.i, 3 o 5
Cahannes, Dr. Gion, Die Pilgerreise Carlo Borromeo’s nach Disentis
im August 1 58 1.1 36
Castella, Dr. Gaston, L’esprit de la Revolution.200
v. Castelm ur, Dr. Ant., Ein Versuch zur Einführung der ständischen
Verfassung im Bistum Chur 1468. 96
Coppier, Louis, La chapelle de la Grave ä Laconnex (Genfcve) ... 42
Hefi, P. Ignaz, O.S. B., Ein Missionsbrief des Jesuiten P. Alois Conrad
Pfeil . . 166
Jordan, Dr. Joseph, L’Eglise et la Conföderation jusqu’ä la Reforme 109
Müller, Dr. Aloys, Feindliche Einfalle ins Zugerland zur Zeit der
Villmergerkriege.173
Trezzini, Dr. Celestino, Un Cardinale Ticinese.324
Troxler, Joseph, Januarius Dangel, Abt von Rheinau (1725-1775) . . 184
Winter, Dr. Ernst Karl, P. Nikolaus Joseph Albert von Diesbach, S. J. 22, 282
de Zürich, Pierre, Les origines du d^canat de Fribourg. 81
Kleinere Beiträge. - Mllanges.
He6, P. Ignaz, O.S. B., Der Dichter P. Marianus Rot (1597-1603) zu
einem Kapitel schweizerischer Theatergeschichte.234
Hildebrand, Dr. Paul, Ein gutes neues Lehrbuch für die Geschichte
des Mittelalters.2o5
Hoppeier, Guido, Der St. Theodulskult im Zürichgebiet vor der
Reformation . . . 207
-Ein Erbauungs- und Andachtsbuch aus dem Dominikanerinnen¬
kloster Ötenbach in Zürich vom Jahre 1436.210
Kü nzle, P. Dr. Magnus, O. M. Cap., Zur Biographie von P. Theodosius
Florentini. 68
Lütolf, K., Reliquienverzeichnis von Gro§-Dietwil (Kt. Luzern) . 33 1
Müller, Joseph, Ein stift-st. gallisches Mandat zum Jubelablafi von i 566 222
-Zur Charakteristik des letzten Abtes von Pfäfers.240
Siegen, J., Prior, Eine Reformationstagung im Lötschental vom
4. Dezember i 56 a. • . 216
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IV
Seile
Stückelberg, G. A., Der hohe Altar zu Einigen. 66
-Das Wappen des Klosters Klingenthal. 67
-Das Bildhaus von Alt-Staad. 67
-Zwei mittelalterliche Siegelstempel aus Königsfelden .... 68
-Lombardische Reliquienfreunde und -Sammler.329
Wymann, Ed., Bestätigung von Pfrundbesetzungen in Livinen durch
Karlo Borromeo im Jahre i 568 .• . . 225
-Zur Biographie des Landschreibers Valentin Compar von Uri . 229
-Eine vierstimmige Messe beim Grabe Mariens am i 5 . August i58i 232
-Päpstliche Ablässe für elf Alumnen des deutsch-ungarischen
Kollegs in Rom. 238
-Die Ernennung des P. Theodosius Florentini zum bischöflichen
Offizial von Chur.242
' 1
Aufdermauer, Dominik, Der Glarnerhandel oder « Tschudikrieg *
(1556-64), Freiburger Dissertation, 1923. (A. Büchi). 333
Bierbaum, Dr. Max, Papst Pius XL, Lebensbild. (Ed. Wymann) . . 256
Brauer, Dr. Theodor, Adolf Kolping. (Jul. Zimmermann) .... 254
Braunsberger, Otto, Beati Petri Canisii S. J. epistulae et-acta Vol. VII
(1572-81). (A. Büchi). 336
Büchi, Dr. Alb., Kardinal Matthäus Schiner als Staatsmann und
Kirchenfürst. (Dr. Imesch).246
Daucourt, Ern., Les troubles de i 836 dans le Jura Bernois. (Eugöne
FolIetAte).232
Gazier, Augustin, Histoire g£n6rale du mouvement jansäniste depuis
ses origines jusqu’ä nos jours. (Joseph Jordan).249
Klassiker katholischer Sozialphilosophie. Siehe Brauer und Schwer.
(Jul. Zimmermann).254
v. Pastor, L., Geschichte der Päpste, IX. (F. Segmüller). 73
Peissard, N., La ddcouverte du tombeau de S. Maurice, martyr
d’Agaune, ä S* Maurice en Valais. (P. Gail Jecker O. S. B). . . 78
Pfülf, Otto, Die Anfänge der deutschen Provinz der neu erstandenen
Gesellschaft Jesu und ihr Wirken in der Schweiz 1805-1847.
(A. Büchi).334
Schwer, Dr. Wilhelm, Papst Leo XIII. (Jul. Zimmermann). ... 254
Wellesz, Egon, Aufgaben und Probleme der byzantinischen und
orientalischen Kirchenmusik. (P. Wagner). 335
- »< -
Frtibur*. — St. P*alimlrueker«i. — 4«4. 14
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Zeitschrift
9
HERAUSGEGEBEN VON
PUBLIEE PAR
A LBERT BUCH1
J oh. Peter KIRSCH
o ö. Professoren an der Universität Freiburg (9chwciz)
UND
Francois DUCREST,
Dirccteur de la Bibliorhequc cantonale. Fribourg
XV 11 I. JAHRGANG. J. HEFT. — i8~ ANNEE, FASC. I.
Erscheint viermal jährlich. — Parait quatre fols par an.
\Abonnementspreis . 8 Tr. — Prix de l'abonnement : 8 F
r.
Stans »924.
Hans von Matt, VeRlacshandlung.
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Inhaltsverzeichnis
Sommaire
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D' Ernst Karl Winter. *-*l\ Nikolaus Joseph Albert vyn Diesbach, S. J.
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Louis Coppier. — Ca cha pelle de la Grave ä l.aconnex tGenevei .
Kleinere Beiträge. — Melanges ... . . V . . . .
Rezensionen.'— Comptes rendus..
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< »RÖSSERE BEITRÄGE,
'\wclche für die Höchsten Summern
in Aussicht genommen wurden:
TRAVAIX
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prochaincment.
R. Hoppeier, Das Swbsidmm charitatbum vom Jahre — L. Kern,
'l \ • ? • - k \ J vi *V'lj j ' ^ ’ i # * • • Ptt X,V 1 **
l.’incorporalion dos couvents.de femmes dans POrdre de Cfteaux. — P. Fridolin
Segmüller, Mariunus Herzog. — A. Büchi, Die Bestrebungen zur Errichtung
«' % • t / a . * ’ .
eingr katholischen HocHschqle in der Schweiz. — K. Lütolf, Flltationen und
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Inkorporationen am Stifte Beromünster. — Prof. Dr. Bastgen, Der Schweizer
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Nuntius Girolatno d‘Andrea. — Ihrsclte. Der Schweizer Nuntius Gizzi. -
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NB; — Alle für die Zeitschrift für Schweiz, Kirchengoschichtc bestimmten
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Rezensionsexemplare sind an die Redaktion. Freiburg, zu adressieren. —
Tous les duvragos des’tinds a recevoir un compte rendu dans la Revu&
d'llistoire SctUsiasliqite suisse doiveni et re envoyds di rec lernen i ä la Redaction,
Fribourg. - . * .
Die Zeitschrift
LA REVUE
für Schweizerische Kirchengeschichte
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erscheint 4 mal jährlich.
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Peter Girod
und der Ausbruch der Reformbewegung
in Freiburg.
Von Albert BÜCHI.
Von Peter Girod (oder Petrus Riccardus, wie er auch öfter genannt
wird), dem Stadtschreiber von Freiburg und hernach von Bern, hat
uns Matthias Sulser eine eingehende und solid fundamentierte Bio¬
graphie geschenkt, die bereits in dieser Zeitschrift eine Besprechung
erhalten hat (s. oben XVII, 239). Allein schon dort habe ich mir Vor¬
behalten, auf die Frage, weshalb G. Freiburg verließ und nach Bern
übergesiedelt ist, in einem besondem Artikel zurückzukommen. Dies
bietet mir außerdem eine willkommene Gelegenheit, Sulsers biographische
Notizen über Girods Aufenthalt an der Universität Paris, wie hernach in
Freiburg, durch einige neue Feststellungen zu ergänzen. Da nach meiner
Ansicht das religiöse Bekenntnis Girods bei seinem Domizilwechsel
nicht auszuschalten ist, so habe ich meine Untersuchung auch auf
diese Frage ausgedehnt und an Hand der Quellen hier alles zusammen¬
gestellt, was uns über die Anhänger der Glaubensneuerung in Freiburg
und deren Bekämpfung bis 1525 zuverlässig überliefert ist, und ich
glaubte auch, daß es notwendig sei, die betreffenden ungedruckten
Dokumente und Erlasse im Anhänge im Originalwortlaute zum ersten
Male wiedergeben zu sollen.
Ich will nicht unnötigerweise wiederholen, was uns Sulser über
Familie, Abstammung und seine Jugendzeit mitgeteilt hat. Nach einem
handschriftlichen Eintrag in Cod. 95 der Falk’schen Bibliothek im
Kapuzinerkloster in Freiburg müßte man annehmen, er habe im Jahre
1514 die Stelle eines Schulmeisters versehen. 1 Doch ist hierüber sonst
#
1 Dono et humanitate d. Petri Riccardi, ludimagistri Friburgensis amici
electissimi, hunc possideo libmm 1514. — Petri Falck et amicorum — lautet ein
Eintrag von der Hand Peter Falks auf dem Vorsetzblatt von Erasmus Adagia,
REVUE D'HISTOIRE ECCL&SIASTIQUK i
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2
nichts bekannt und auch nichts zu ermitteln. 1 Sollte er vielleicht
an die Stelle des alten Schulmeisters getreten sein, dessen Abzug im
2. Semester 1511 gemeldet wird ? 2 Über dessen Ersatz verlautet
nichts. Er verließ auf Anraten Falks seine Stelle und seine Vaterstadt,
weil er sich durch sein übermütiges Benehmen, Störung der Nachtruhe
seiner friedlichen Mitbürger verhaßt und in Freiburg unmöglich
gemacht hatte 3 , in der Hoffnung, inzwischen werde der Zorn gegen ihn
wieder verrauchen.
Von hier begab sich Girod im Juni 1514 zugleich mit Christoph
Schilling von Luzern zum Studium der Rechte an die Universität
Pavia für zwei Jahre, mit einem Stipendium von 50 Gulden pro Jahr,
das er jedenfalls seinem Gönner Peter Falk zu verdanken hatte. 4
Das Verdienst, zuerst dies festgestellt zu haben, gebührt Zimmermann *.
während Sulser, da ihm die Abhandlung Zimmermanns entgangen ist,
davon nichts zu melden weiß. Unterm 28. November 1513 hatte der
Herzog von Mailand, Maximilian Sforza, sich aus gnädigem Willen
gegenüber der Eidgenossenschaft verpflichtet, jedem Ort einen Stu¬
denten 5 Jahre lang auf der hohen Schule zu Pavia mit einem Jahrgeld
Basel, Froben, 1513; auf der Rückseite steht geschrieben von der Hand Girods:
Petrus Ricardus Friburgensis. moderator juventutis undecumque docto viro.
Petro Falconi dono dedit in monumentum heroicum jambi anacreontio:
Falco, tu patrie columen, pater, anchora nostre
Urbis decusque summum
Accipias munus lenidense hoc fronte serena,
Majora qui potest, det
Rusticus enormis, cui non sunt thura Sabea,
Jacte hic litat molane.
Exemplar der Bibliothek des Kapuzinerklosters in Freiburg, Z 38. Ich ver¬
danke den Hinweis darauf der Güte des hochw. Herrn P. Adalbert Wagner,
O. Min. Cap.
1 Weder bei Franz Heinemann, Geschichte des Schul- und Bildungslebens
im alten Freiburg, Freiburg 1895 (S. A. aus Freiburger Geschichtsbl. Jahrg. II),
noch in den Akten des Freiburger Staatsarchivs konnte ich eine Bestätigung
oder auch nur einen Anhaltspunkt dafür finden.
* Vergl. S. R. Nr. 218 (1511 II) Gemein Ausgaben: Denne dem alten Schul¬
meister für sinen abzug, us geheiss miner herren 2 y t tt.
8 Vgl. das Schreiben Girods an Peter Falk vom 27. Dezember 1518, unten
Beilage VI.
4 Aus Codice Trivulziano Nr. 143, herausgeg. in Archivio storico lombardo
III 530 sv. (1876) und darnach auch bei [Mo«a] Studenti e pensionati Svizen
a Pavia, Bolletino storico XIX, 104 ff.
• Jos. Zimmermann, Peter Falk, S. 112, Freiburg 1905 (S. A. aus Freiburger
Geschichtsbl. XII).
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3
von 50 Rh. Gulden frei zu halten, damit er seinen Studien obliegen
könne. 1 Girod gehörte zu den ersten, die dieser Vergüistigung teil- •
haftig wurden, neben einem Peter Schaller aus Freiburg, Valentin
Tschudi von Glarus und an der Seite von Melchior Dürr aus Solothurn,
der später sich auch als Anhänger der evangelischen Neuerung hervor¬
getan. Eine weitere Bestätigung für diesen Aufenthalt in Pavia findet
sich in einem Schreiben Girods an Falk vom 18. Februar aus Pavia a ,
worin er seinem hochmögenden Gönner ein Lebenszeichen gibt und
zugleich ihm einige lateinische Gedichte eines gewissen Comiger*
ein weiteres von Dr. art. et med. Hieronymo Secazoni auf den Tod
Comigers und ein weiteres von Joh. Franciscus Philomusus auf die
zweimalige Niederlage der Franzosen durch die Schweizer (bei Pavia
und Novara) übersendet und dazu noch ein eigenes Distichon hinzufügt:
Ut Phaeton pereat, qui Gallica diligit arma
Et sequitur partes, rex Ludovice, tuas.
Er habe die Gedichte erhalten von einem gebildeten Greise auf
dem Marktplatz und in Gegenwart des mit Falk sehr befreundeten
Erzpriesters von Bellinzona, Herr Hieronymus, der ihn aufs lieben¬
würdigste bewirtete.
Jedenfalls von hier aus machte er noch im Jahre 1514 den
Wiegendruck der Adagia des Erasmus von Rotterdam, der im
Jahre 1513 bei Froben in Basel neu herausgegeben wurde, seinem
Freund und Gönner Peter Falk zum Geschenk, offenbar als Anerkennung
für die Zuwendung des Stipendiums an der Universität Pavia. 4 Man
kann daraus ersehen, daß die Verehrung für den großen holländischen
Humanisten die beiden verband.
Hier dürfte Girod auch bereits die Bekanntschaft seines großen
Landsmannes Heinrich Loriti oder Glarean gemacht haben, der im
Frühjahr 1515 mit einem eidgenössischen Stipendium die Universität
Pavia bezog, aber bald wieder in die Schweiz zurückkehrte. 6
Sonst ist uns über diesen Studienaufenthalt in Pavia nichts bekannt.
Nachdem er sich den Grad eines mag. art. daselbst erworben, dürfte er
Anfang 1517 von dort nach Freiburg zurückgekehrt sein. Daß er noch
•
1 S. Eidgen. Abschiede III, 2, 748 g, sowie Anshelm III, 493.
1 Vgl. nnten Beilage I.
* Francesco Comigero Tanzi, aus dem Mailändischen, Poet von der Wende
des XV.-XVI. Jahrhnndeits.
4 Vgl. oben S. 1, Anm. 1.
* Fritxsche, Glarean, Frauenfeld 1890, S. 16 ff.
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4
in Pavia magister geworden, muß angenommen werden, da er in einem
offiziellen Aktenstück vom 31. März 1517 bereits als « meister » tituliert
wird. 1 * Damit wird einer großen Verwirrung ein Ende gemacht, die
unter den Historikern herrschte über den Zeitpunkt seines Abgangs
an die Universität Paris, da diese Verleihung des Freiplatzes daselbst
an Girod durch Ratsbeschluß ihnen allen unbekannt geblieben war.
Daguet, Heinemann und Sulser lassen ihn bereits 1516 nach Paris
ziehen. *
Eine positive Angabe, wann G. nach Paris abging, haben wir
freilich nicht. Die Verleihung des dortigen Freiplatzes, am 31. März
1517, macht es aber sehr wahrscheinlich, daß es nicht früher geschah.
Nicht ausgeschlossen dürfte sein, daß zwischen seiner Heimkehr aus
Pavia und seiner Abreise nach Paris ein gewisser Zeitabstand liegt;
doch wissen wir darüber gar nichts. Sein Stipendium in Pavia war
am 1. Juni 1516 abgelaufen. Ob er trotzdem noch weiter in Pavia
verblieb oder alsbald die Heimreise antrat, läßt sich nicht feststellen.
Ich bin geneigt, eher ersteres anzunehmen. Vielleicht hat Peter Falk
ihm sein weiteres Verbleiben daselbst ermöglicht durch seine Fürsprache
oder Gewährung einer finanziellen Unterstützung. Offenbar zu diesem
Zwecke und um ihm unter die Arme zu greifen, erhielt er am 3. Dezember
1518 vom Freiburger Rat den Genuß der Heiliggeist-Pfründe an der
St. Niklauskirche 3 , ohne daß wir wüßten, wie hoch sich deren Ein¬
künfte beliefen. Dieser Umstand dürfte mm einige Historiker verleitet
haben zu der irrigen Annahme, Girod sei ein Geistlicher oder gar
Chorherr von St. Niklaus gewesen. 4 Zur Erlangung einer solchen
Pfründe genügte es bekanntlich, die niedem Weihen zu besitzen, und
eine solche Verleihung bedeutete im Grunde nichts anderes und war
zu jener Zeit öfters gebräuchlich als eine Form von Stipendium an
Studierende. Da die Heiliggeist-Bruderschaft das Patronat an diesem
1 Beschluß des Freiburger Rats vom 31. März 1517 : « Demnach haben min
lierm einen platz gegen Paris gegönt 3 jar Thoman, Uelly Schnewlis sun. Denne
ist der ander platz meister Giroz vergönt. * St.*A. Freiburg, R. M. 34.
* Daguet läßt ihn 1519 mag. art. werden. Arch. Soc. hist. Fribourg II 179.
Heinemann 151, ebenso Zimmermann in A. 4 und Sulser 3.
8 Min herren haben magister Peter Gironis den altar des Heiligen Geistes
in Sant Niclausen kilchen gegönt. St.-A. Freiburg, R. M. 36.
4 Dellion, Dictionnaire des paroisses VI 320 schreibt z. J. 1518 : il fut 61 u
chapelain de l'autel du St-Esprit. Ebenso bei [Brasey], Le chapitre de Saint-
Nicolas, Fribourg 1912, p. 149, der ihn im Verzeichnis der Chorherren von
St. Niklaus erwähnt.
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5
Altäre hatte, der heute der heiligen Dreifaltigkeit geweiht ist und
vermutlich gut dotiert war, so muß man aus diesen und andern
Gründen annehmen, daß auch bei der Verleihung dieser Pfründe der
mächtige Gönner Schultheiß Peter Falk seinen Einfluß zu Gunsten
Girods geltend zu machen wußte. 1 Daß er kein Geistlicher war, dafür
spricht auch seine nachherige Beförderung zum Stadtschreiber, eine
Stelle, die mit dem geistlichen Stande nicht wohl vereinbar war.
So begab sich Girod nunmehr nach Paris auf einen von den zwei
dem Orte Freiburg an der dortigen Universität zustehenden Freiplätze.
Bereits Zimmermann hat ausgeführt a , wie Girod dort in der Burse
Glareans wohnte und als Petrus Ricardus bekannt und in den Briefen
seiner Freunde einfach so benannt war. Zu diesen letzteren, die von
Paris aus mit Ulrich Zwingli in brieflichem Verkehre standen, gehörten
u. a. Valentin Tschudi, der Bruder des Geschichtschreibers, der als
Pfarrer von Glarus sich später der Zwinglischen Reform anschloß,
Kanrad Grebel aus Zürich, ein feingebildeter Humanist und Schwager
Vadians, der zum radikalen Flügel der Glaubensneuerung sich schlug
und als Haupt der Wiedertäufer endete. Alle die Genannten, ein¬
schließlich Girod, die ja Zwingli bekannt seien, und noch zwei andere
Schweizer hätten sich beim Ausbruch der Pest im Spätherbst 1519
aus Paris nach Melun geflüchtet, seien aber auf Neujahr 1520 wieder
dorthin zurückgekehrt. 3 Das alles deutet schon mit großer Bestimmt¬
heit darauf hin, daß Girod bereits in Paris für die evangelische Neuerung
gewonnen wurde, als Anhänger derselben nach Freiburg zurückkehrte
und vermutlich von dort aus mit Zwingli in Verbindung blieb.
Über seinen Pariser Aufenthalt geben uns sechs lateinische Briefe
willkommenen Aufschluß, die sich vom 15. September 1517 bis
31. Januar 1519 erstrecken und Sulser imbekannt geblieben sind 4 ,
während Zimmermann sie kannte und auch für seine Falkbiographie
verwertete Ä , ebenso drei Briefe Glareans aus Paris an Peter Falk aus
•
1 Vgl. über diesen Altar Ducrest, Une visite de l’6glisc de St-Nicolas en 1776,
in Annales fribourgeoises I 142, Fribourg 1913. Girod selber gesteht, daß er
Falk zwei Stipendien zu verdanken habe, offenbar das von Paris, außer jenem
von Pa via ; vgl. dessen Schreiben vom 27. Dezember 1518 unten, Beilage VI.
* Vgl. Zimmermann, Peter Falk, S. in.
* Vgl. das Schreiben Valentin Tschudis an Zwingli, Paris 2. Januar 1520,
in Zwinglis Briefwechsel I, 249 (Werke, herausgeg. von Egli-Finster-Köhler, Bd. VII).
4 Im Wortlaute zum ersten Male abgedruckt unten als Beilage II-VII.
Ich verdanke deren Kopien hochw. Herrn P. Adalbert Wagner, O. Min. Cap.,
der mir anch ihren Abdruck gütigst gestattete.
4 Zimmermann, Peter Falk, S. m-12.
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6
der Zeit, wo sich Girod in seiner Burse aufhielt (5. Juli und 6. August
1518, 8. März 1519), die, obwohl bereits seit Jahren an zugänglicher
Stelle veröffentlicht 1 2 , doch Sulser entgangen sind.
Girod lernte u. a. hier auch Griechisch, das er vielleicht schon in
Pavia begonnen, und wovon er seinem dieser Sprache unkundigen
Mäzen Peter Falk, der ihm dazu die Gelegenheit verschaffte, in seinen
Briefen öfter und etwas aufdringlich Proben auftischt mit Zitaten
aus Plato, Homer, Strabo, Agapet. Er tut sich nicht wenig darauf
zu gute und dankt Falk ganz besonders dafür, daß er ihm dazu verhalf. *
Sonst erfahren wir von seinem Pariser Leben und den dortigen Erleb¬
nissen nicht eben viel, mehr von seiner Umgebung und den Ereignissen
zu Hause. Glarean rühmt sogar, daß die Jünglinge aus der Schweiz,
die seinen Unterricht genossen, des Griechischen und Lateinischen nicht
weniger mächtig seien als er selber. 3 Da er uns aber ihre Namen ver¬
schweigt, so müssen wir sie zu erraten suchen. Zu ihnen dürften außer
Girod sicherlich die schon oben genannten Landsleute Valentin Tschudi
und Konrad Grebel gehört haben ; vermutlich auch Dietrich von
Englisberg und Ulrich von Garmiswil, der in seinem Briefe vom
15. September 1517 erwähnt wird 4 , ferner Thomas Schnewly und
Rudolf Praroman, beide ebenfalls aus Freiburg, und ein gewisser
Jakob Emst 5 6 , unbekannter Herkunft, sowie ein Niklaus Seftinger,
den ich auch sonst nirgends erwähnt finde. # .
Im Sommer 1518 setzte es in einem Vorort der Stadt Paris, ira
Quartier St. Marcel, einen Studentenkrawall ab, wobei vier Schweizer¬
studenten, je einer aus Luzern, Zug, Glarus und Graubünden, nebst
dem aus dem Waadtlande stammenden Herrn de Treytorrens, dem
Familiaris des Bastarden Ren6 von Savoyen, festgenommen und wie
gemeine Verbrecher ins Gefängnis geworfen wurden. Dem Eifer
Glareans, der sich an den Generaleinnehmer wandte, gelang es nicht
1 Jos. Zimmermann, Sechs unbekannte Schreiben Glareans, in Freiburger
Geschichtsblätter IX, 156 ff. Doch kommen nur die drei ersten inbetracht, die
aber jene Girods glücklich ergänzen.
2 Peter Girod an Peter Falk, 27. Dezember 1518, s. unten, Beilage VI.
3 Glarean an Peter Falk. Paris, 5. Juli 1518, bei Zimmermann. a. a. O. 162.
1 Abgedruckt unten, Beilage II.
6 Girod nennt ihn in seinem Schreiben vom 31. Mai 1518 commilito noster,
s. unten, Beilage III ; ferner bestellt er unterm 27. Dezember 1518 Grüße von
Schnewly, Praroman und Emst an Falk, unten Beilage VI.
6 Am 31. Januar 1519 empfiehlt G. aus Paris seinen Freund Niklaus Seftinger
seinem Mäzen, s. unten. Beilage VII. Die Söftinger waren ein Freiburger
Geschlecht, wohnhaft in der Au.
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7
ohne große Anstrengung, ihre Freilassung zu bewirken ; zugleich aber
gab er sich Mühe zu verhindern, daß von den Studenten etwas von
diesem Vorfall nach Hause berichtet wurde. Bei all seinen Bemühungen
um gütliche Beilegung dieses fatalen Handels ging ihm Girod mit
besonderem Eifer und aufs treueste an die Hand, wie er selber aner¬
kennend an Peter Falk meldet. 1
Im Aufträge seines Freundes und Gönners Schultheiß Falk über¬
nahm es Glarean, auf Falles zu Anfang 1518 verstorbene Gattin, Anna
von Garmiswil, eine Grabinschrift zu dichten. Allein, da der darauf
bezügliche Brief Falles mit den Personalien der Verstorbenen inzwischen
verloren ging und er dies aber nicht gerne gestehen wollte, so machte
sich Girod, der Falks Gattin wohl besser kannte, an seiner Statt daran,
eine solche abzufassen, was ihm jedoch auch nicht recht gelingen wollte.
Er schickte seinem Gönner drei Epitaphien, über die, obwohl sie nach
seinem eigenen Geständnis imgenügend ausgearbeitet waren, sich dieser
doch sehr anerkennend äußerte, zumal Girod versprochen hatte, sie
bei ausreichender Zeit noch in bessere Fassung zu bringen. Sollte er
die Verstorbene ganz nach ihren Farben malen, so müßte er mehr Zeit
und größeren Fleiß darauf verwenden können. Da Falk damit ein¬
verstanden war, so verschob Girod die Ausführung des Auftrages,
im Hinblick auf die ganz Frankreich verheerende Pest und in der
Hoffnung, sie möchte ihn von dort wegführen und nach Hause ver¬
schlagen, wo er Zeit und Gelegenheit finden würde, seine Schuld
einzulösen. 2 Ob etwas daraus geworden und was, entzieht sich unserer
Kenntnis; dagegen bestätigt uns dies, was wir schon von seinem
Pariser Aufenthalt wissen, daß Girod sich auch mit Erfolg in der
Dichtkunst, vermutlich wie früher in lateinischen Versen, versucht
haben wird.
Von seinen Studien erfahren wir mehr indirekt als direkt.
Jedenfalls machte er keine geringen Fortschritte im Lateinischen und
Griechischen, und das Lob, das Glarean seinen Schweizer Zöglingen
spendete, dürfte ihm wohl ganz besonders gegolten haben. Vor allem
betonte er freudig das Griechische, für dessen Lehrer kein Preis hoch
genug sei. * Besonders scheint er sich in Strabo vertieft und an seiner
1 Vgl. Glarean an Peter Falk, Paris, 8. August 1518, Freiburger Geschichts¬
blätter IX, 165-67.
* Vgl. Girod an Falk, 7. August 1518, unten Beilage IV. Die Epitaphien
selber liegen nicht vor.
a Schreiben Girods vom 27. Dezember 1518, unten Beilage VI.
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8
Hand sich in die älteste Landesgeschichte zur Zeit der Helvetier ver¬
senkt zu haben ; er ermangelt nicht, die so gewonnenen Ergehnisse
und Erkenntnisse seinem freigebigen Gönner, dem er solche Bereicherung
seines Wissens verdankt, in seinen Schreiben mitzuteilen.
Über Glarean beklagt er sich in seinem ersten, uns aus Paris
erhaltenen Schreiben, es sei den Schweizerstudenten allen sein auch
sonst bekanntes prahlerisches Wesen unangenehm. Er rühme sich
nämlich öffentlich, daß er nicht in unserm und der Eidgenossen Namen,
sondern durch seine und der Seinigen Bemühungen seine Besoldung
(als Nachfolger Andrelinis) erlangt habe, was den Studenten sehr
unangenehm sei. So oft er den Bastard Ren6 an die noch ausständigen
Stipendien erinnerte, so pflegte Glarean uns vorzuwerfen, mehr zu
tun als seines Amtes sei, da er uns weder unser Anwalt noch Haus¬
lehrer sei, als ob Falk, den er doch als seinen Patron beansprucht,
nicht zu seinen Gunsten den französischen König angegangen hätte. 1
Doch möge man ihm diese Bemerkung nicht als Gehässigkeit auslegen !
Umgekehrt berichtet Glarean an Falk am 5. Juli 1518 über Girod,
er habe Anstände mit einem andern, ungenannten Schweizer, deren
Ursache ihm nicht bekannt sei. Aber er meint, beide seien schwierige
Charaktere, und insbesondere könne man von Girod sagen : nunquam
non sunt, quod sunt. Dieser sei eben noch jung und werde sich
vielleicht mit den Jahren mäßigen, besonders nach Falks Vorhild. *
Man müßte also annehmen, Girod sei reizbar und heftig gewesen in
der Jugend.
Zufällig sind uns noch zwei Bücher erhalten, die Girods Bibliothek
vermutlich während seines Pariser Aufenthaltes einverleibt wurden
und uns bestätigen, daß er dort neben humanistischen auch juristische
Studien betrieb ; es sind zwei Wiegendrucke : 1. Nicolaus Beraldus,
Institutiones imperiales, Parisiis, Ponset le Preux 1516, versehen mit
Randglossen von Girods Hand über Sabellicus, also ein Handbuch
der Institutionen des römischen Rechtes und 2. Decretalium = Decreti
aurei opus, Parisiis, Berthold Rembolt 1511, Aug. 5., ebenfalls mit
Randglossen von Girods Hand, ein Beweis, daß er sich dieser beiden
Bücher für sein Studium bediente, beide mit dem Einträge versehen :
1 Vgl. das Schreiben vom 15. September 1517. unten, Beilage II und dazu
Zimmermann, Peter Falk in.
a Das Schreiben ist abgedruckt von Zimmermann in Freiburger Geschichts¬
blätter IX 160-65.
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— 9 -
Petri Ricardi G., Friburgensis, Helvet., die über den Eigentümer
keinen Zweifel lassen. 1 *
Wer seine Lehrer in Paris waren, darüber finden sich in den uns
erhaltenen Briefen wenig Anhaltspunkte, sicherlich Glarean für Latein
und Griechisch und vermutlich auch der große französische Humanist
Faustus Andrei in i, der am 25. Februar 1518 mit Tod abging, und dessen
Lehrstuhl hernach Glarean mit Hilfe Peter Falks und anderer Freunde
vom französischen Könige zu erlangen hoffte. Daß er dort auch den
Unterricht Farels genoß (1519), klingt durchaus glaubhaft und mag
für seine religiöse Entwicklung nicht ohne Bedeutung geblieben sein. *
Zu Anfang des Jahres 1520 dürfte Girod von Paris nach Hause
zurückgekehrt sein, da am 31. März sein dreijähriges Stipendium
ahlief. Doch wurde bereits am 12. September 1519 über seinen Freiplatz
verfügt. 3 Das war schon längst voraus bestimmt; denn in einem Briefe
vom 31. Januar 1519 an Peter Falk drückte Girod den Wunsch aus,
es möchte sein Gönner, der Freiburger Schultheiß, seine beabsichtigte
Pilgerfahrt nach dem Heiligen Land noch um ein Jahr hinausschieben,
damit Girod bei seinem Weggange wieder zu Hause weile. 4 Man müßte
darum seine Rückkehr Anfang April 1520 ansetzen. Er scheint geahnt
zu haben, daß er Falk nicht mehr lebend antreffen werde ; denn er
suchte ihn schmerzbewegt von seinem Vorhaben abwendig zu machen.
Die schwarze Ahnung sollte leider in Erfüllung gehen : Falk erlag der
Pest bei der Rückkehr von Jerusalem am 6. Oktober 1519 und wurde
in Rhodus begraben.
Bald nach seiner Rückkehr von Paris erhielt Girod, der hiefür
die geeignete Persönlichkeit zu sein schien, von Freiburg und Bern
den ehrenvollen und wichtigen Auftrag, sich zum päpstlichen Legaten
Pucci und zu Papst Leo X. selber nach Rom zu begeben, um sich an
beiden Stehen wegen Entzug der Einkünfte des Augustinerpriorates
Filly bei Genf zu beschweren und Abhilfe zu verlangen. Durch Bulle
vom 10. Januar 1512 hatte Julius II. dem bereits bestehenden
1 Beide Codices finden sich in der Bibliothek des Kapuzinerklosters in
Freiburg, Nr. 110 und Nr. 126. Ich verdanke diese Angaben hochw. Herrn
P. Adalbert Wagner, O. Min. Cap.
* Vgl. Herminjard, Correspondance des rtformateurs de langue fran^aise
II 7 und darnach auch P. Apollinaire Dellion, Dictionnaire VI 378, ohne Beleg,
ebenso Zimmermann, Peter Falk. S. m A. 4.
• Am 12. September beschloß der Rat: t So ist Schrötters sun der platz
von Paris an Giroz statt gegönd. » R.-M. 37. des St.-A. Freiburg.
4 Vgl. unten, Beilage VII.
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— IO —
St. Vinzenzstift in Bern und dem noch zu errichtenden Kollegiatstift
St. Niklaus in Freiburg die Einkünfte des Augustinerpriorates Filly
bei Genf, des Zisterzienserstiftes Bonmont und noch einiger weiterer
Klöster durch Inkorporation je zur Hälfte überwiesen. 1 Leo X.
bestätigte hernach uqterm 15. April 1513 die Bulle seines inzwischen
verstorbenen Vorgängers, noch ehe sie rechtskräftig geworden, und
fügte zu den schon dem Stifte St. Niklaus inkorporierten Pfarreien
noch weitere hinzu 2 , obschon der Herzog von Savoyen gleich nach
der Wahl Leo X. die Zurücknahme der zu seinem Schaden von Julius II.
an Bern und Freiburg gewährten Inkorporationen nachsuchte. 3 4 * Da
die Aushändigung der Bulle auf sich warten ließ, so sah sich der Rat
gezwungen, wegen der Bestätigung an Kardinal Schiner zu gelangen
(4. September 1514). *
Allein die beiden Stifte konnten nicht in den Genuß ihrer Rechte
kommen, da der Herzog von Savoyen es auf jede Weise zu verhindern
suchte. Da man in Rom die den Stiften in den Städten Bern und
Freiburg eingeräumte Inkorporation von Filly vergessen zu haben
schien, konnte nach dem Tode des Abtes Amblard Goyet (7. März 1517)
ein naher Verwandter von ihm, Pierre Goyet, unter savoyischem Schutz
an seine Stelle treten, dem aber Bern und Freiburg die Anerkennung
verweigerten. Sie nahmen vielmehr die Einkünfte von Filly zu ihren
Händen und verpachteten sie. 6 Als der Papst hierauf, um den Streit
zu beenden, die Abtei dem Kardinal Nicol. Fieschi übertrug und der
Herzog ihn gegenüber den beiden Städten unterstützte, da rekurrierten
die in ihren Rechten gekränkten Orte Bern und Freiburg gegen eine
solche Verfügung beim Heiligen Stuhl. Da sie nicht gesonnen waren,
auf die Einkünfte von Filly zu verzichten zu Gunsten des Kardinals
Fieschi, so entspann sich ein langwieriger Streit, in dessen Verlauf sie
1 Vgl. C. Wirz, Bullen und Breven aus italienischen Archiven, Nr. 277,
in Quellen zur Schweizergeschichte, Bd. XXI, Basel 1895 und Anshelm III 215.
8 Wirz, a. a. O. Nr. 304 und dazu [Brasey\ Le chapitre de Saint-Nicolas,
S. 23, wo indessen das Datum der Bulle, 22. April, falsch aufgelöst ist (15. April).
3 Wirz, a. a. O. S. 291, A. 3.
4 Vgl. A. Büchi, Korrespondenzen und Akten zur Geschichte des Kardinals
Schiner, I. Band, S. 326, Basel 1920 (Quellen zur Schweizergeschichte, Neue Folge,
III. Abteilung. V. Bd.).
8 Vgl. J. F. Gauthier, L’abbaye de Filly, in Revue Savoisienne XXX 329.
Lang, Grundriß I 979. Ziemlich ausführliche Behandlung findet derselbe auch
in der Chronik Montenach (Msc.) s. a. 1517. Raemy, Chronique fribourgeoise,
S. 194, Fribourg 1859. [ Brasey ], Le Chapitre de St-Nicolas, 15.
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II
mit Bann und Interdikt belegt wurden. «Tribend in frömden landen
curtesy, die si in iren landen nit gestaten wollten», bemerkt dazu
boshaft der Berner Chronist Anshelm. 1 Endlich im Jahre 1518 wurde
durch gütlichen Vergleich festgesetzt, daß Filly zwar dem Kardinal
Fieschi verbleib», aber mit der Verpflichtung für ihn wie seine Rechts¬
nachfolger, den Kollegiatstiften von Bern und Freiburg aus den Ein¬
künften von Filly je 100 Dukaten auszuzahlen. 2 *
Da der Kommendatarabt von Filly, Kardinal Fieschi, trotzdem
seinen Verpflichtungen nicht nachkam, so sahen sich die beiden Städte
gezwungen, sich deshalb neuerdings an den Heiligen Stuhl zu wenden.
Zu diesem Zwecke und auch um sich über Erhebung von Aymon de
Gingins zum Abte von Bonmont zu beschweren, wurde Peter Girod
als Familiaris und Bote beider Städte zu Papst Leo X. gesandt (am
28. Mai 1520) und auch dem päpstlichen Legaten, Antonio Pucci,
der damals in der Schweiz erwartet wurde und Mitte Juni an der
Tagsatzung in Zürich erschien, empfohlen *, um durch ihn die Abso¬
lution von den kirchlichen Zensuren zu erlangen und in dem immer
noch anhängigen Handel mit Kardinal Fieschi eine friedliche Lösung
zu erzielen. Es war keine leichte und auf alle Fälle eine heikle Aufgabe,
die Girod von den beiden Städten Bern und Freiburg anvertraut worden
war. Warum die Wahl gerade auf ihn fiel, müssen wir in Ermangelung
• •
aller direkten Anhaltspunkte zu erraten suchen. Vermutlich kam
neben seiner hohen Bildung und seiner Kenntnis des Italienischen,
die er sich in Pavia angeeignet und den Beziehungen, die er dort
angeknüpft haben wird, auch sein Ansehen bei beiden Städten besonders
inbetracht. Was er dabei ausgerichtet, ob er die Reise überhaupt
angetreten hat, ist uns nicht überliefert. Da von dem Streite weiter
nicht mehr die Rede ist, so möchte man annehmen, es sei Girod
gelungen, seine Schlichtung zu bewirken, was ihm die beiden Auftrag¬
geber zu Dank verpflichtet haben wird.
Seine Wahl zum Gerichtschreiber, die am 24. Mai 1522 erfolgte 4 ,
und seine regelmäßige Bestätigung als solcher dürften beweisen, daß
er es verstand, sich die Zufriedenheit der Gnädigen Herren zu bewahren.
Daß aber er das Notariat je ausgeübt habe, wie einige Autoren anzu-
1 Berner Chronik, neue Ausgabe, III 240.
* Vgl. Caspar Lang, Historisch-theologischer Grundriß, I 979, Einsiedoln 1692.
B Vgl. die Schreiben der beidep Städte an Leo X. und Kardinal Pucci. sowie
die Beglaubigung Girods, abgedruckt unten als Beilage VIII-X.
4 Sulser, a. a. O. 4.
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12
nehmen scheinen l * 3 , ist ein Irrtum und direkt auszuschlicßen, da er
als solcher nicht nachzuweisen ist.
Wie lange sein Auftrag ihn ferne von Freiburg gehalten, und
wann er dorthin zurückkehrte, ist unbekannt. Jedenfalls mit Antritt
seines neuen Amtes. Hier fand er nun ein Milieu vor, das ausgesprochene
Hinneigung zum religiösen Abfall zeigte, und sich auf die hervor-
ragendsten Träger der Bildung geistlichen und weltlichen Standes
erstreckte, dem Girod sich sicherlich angeschlossen haben dürfte,
obwohl es uns nicht direkt bezeugt ist. Auch Sulser zweifelt nicht,
«daß Cyro schon aus Paris stark für die neue Lehre eingenommen
zurückkehrte», ferner «daß er in Freiburg dem Humanistenkreise
angehörte, dessen Spitzen der Schultheiß Falk, der Dekan Hans Hollard,
der Kaplan Hans Kymo, der Organist Hans Kotter und der Chorherr
und Kantor Johann Wannenmacher bereits ganz bedenklich der refor¬
mierten Seite zustrebten », und es ist ihm des weitem beizupflichten,
wenn er daraus den Schluß zieht, «daß er sich vielleicht gerade seiner
religiösen Überzeugung wegen in seiner Vaterstadt immer weniger
heimisch gefühlt haben mag. » *
Prüfen wir diese obigen Angaben näher, so sehen wir leicht, daß
sie nicht vollständig sind. Einmal muß man von Falk absehen, der
zu früh starb, als daß wir ihn vorbehaltlos den Anhängern der Neuerung
zuzählen dürften. Wahrscheinlich ist er mit seinen Freunden Schiner
und Glarean zu den Erasmianem zu zählen, die zwar die ersten Schriften
Luthers freudig und hoffnungsvoll begrüßten, dann aber der Bewegung
entschlossen den Rücken kehrten, als sie den Weg der Ablösung von
Rom und kirchlicher Revolution betrat. Andererseits gehören zu
diesem Kreise außer den von Sulser Genannten auch der Zürcher
Chorherr Felix Leu, seit 1521 Chorherr zu St. Niklaus in Freiburg*,
der vermutlich bereits als Anhänger der evangelischen Neuerung hieher
kam, sich aber hier durch schlechte Aufführung und als hartnäckiger
Anhänger des Lutherischen Glaubens unmöglich halten konnte. Da
er sich ohne Urlaub und mit Hinterlassung von Schulden davon machte,
so wurde seine Pfründe lange Zeit unbesetzt gelassen. Als auch während¬
dessen keine Nachricht von ihm einlief, da schritt der Rat zu einer
Neubesetzung seiner Pfründe, und dabei hatte es sein Bewenden,
1 Vgl. Ap. Dellion, Dictionnaire VI 378. Heinemann, S. 77. Zimmermann,
Peter Falk, in.
* Sulser a. a. O. S. 0 .
3 Vgl. Dellion VI 322 und [Brasey], Le Chapitrc de St-Nicolas, 150.
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13
trotzdem die Zürcher um seine Begnadigung gebeten hatten. 1 Er
scheint wieder nach Zürich zurückgekehrt zu sein ; denn wir begegnen
ihm dort in einem Akt vom 3. Februar 1527. 1 3
Zu diesen gehörten aber auch noch andere Chorherren des neu¬
gegründeten Stiftes St. Niklaus, die ihre Vorliebe für Luther und seine
Lehren von den Universitäten, wo sie Studien gemacht haben, nach
Freiburg mitgebracht haben werden : Hans Hollard von Orbe *, seit
1524 Stiftsdekan und nachheriger Reformator von Orbe, Hans Wannen¬
macher (Vannius), aus Neuenburg am Rhein, seit 1515 Kantor des
Stifts, ein Freund von Glarean und Zwingli, den er mit dilectissime
frater anredet 4 * , von Kardinal Schiner und dem Basler Buchdrucker
Bonifaz Amerbach 6 , und Hans Kymo, aus dem Elsaß, nach Anshelm
« zu kätzeren bass dan zu kristlicher 1 er gelerten >», seit 1518 Chorherr
und Prokurator des Kapitels. • Derselbe durfte vermutlich auch in
Pavia studiert haben, da ihm der Freiburger Rat am 18. Dezember 1513
einen Fürdernisbrief an den Herzog von Mailand ausstellt. 7
Zu ihnen gehörten ferner der Augustiner P. Thomas Geierfalk
(Grifalconius), gebürtig aus St. Gregoriental in der Basler Diözese,
dem die Freundschaft mit Oekolampad und Zwingli das ersetzen mußte,
was ihm an Bildung gebrach. 8 Er war vielleicht der zahme Prediger,
den Berchtold Haller in einem Schreiben an Zwingli vom 9. Mai 1523
rühmend hervorhebt. 9 Wegen seiner evangelischen Neigung mußte
1 St.-A. Freiburg, R. M. vom 8. Februar 1524 und Schreiben an Zürich
vom 17. März, Missiv. f. 151.
2 Bei Egli, Aktensammlung zur Geschichte der Zürcher Reformation,
Zürich, 1879. Nr. 1122.
3 Vgl. Dellion, Dictionnaire, VI 322. Heinemann, S. 77.
4 Zwingli Werke, Briefwechsel II Nr. 523. In diesem Schreiben läßt er
auch Zwinglis Hausfrau und Gesinde grüßen, was auf persönlichen Hausverkehr
schließen läßt.
6 Vgl. Dellion, VI 317, und Merian, in Basler Jahrb. XVI 189, A.
• Vgl. Dellion, VI 317 u. 378, der ihn aber irrtümlich zum Torwächter macht;
ferner Ad. Fluri, Beschreibung der deutschen Schule zu Bern, Arch. des hist.
Ver. Bern, XVI 514, mit Personalien über Kymo, der ihn Kaplan nennt und
Anskeim, V 20.
7 An herzog zu Meyland ein fürdemissbrief von Johannes Kymen wegen.
Sonntag vor Thome R. M 31. S. 36. In den Missivenbüchem ist das betreffende
Schreiben nicht zu finden.
• Vgl. Herminjard, Correspondance des riformateurs dans les pays de la
langue franfaise, I 99, A. 2 und 329, A. 6.
• Haller schreibt u. a. über die Fortschritte der neuen Lehre in Freiburg :
De vicinis nostris, qui sunt Friburgi, bene spero. Est illic praeco evangelicus,
qui pro modestia sua tantum profuit, ut a senatu edictum sit, quatenus liberc
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14
er Freiburg verlassen \ weshalb ihn Cornelius Agrippa an den berühmten
Humanisten und Rechtsgelehrten Claudius Cantiuncula in Basel
empfahl, am 5. Januar 1524, wo er dank der Freundschaft und Überein¬
stimmung mit Oekolampad eine Predigerstelle erhielt. 2 Aber außer
ihm war auch der Lesemeister bei den Augustinern, Lienhart von
Hagenau, zu den Neuerem übergetreten und hatte in diesem Sinne
gepredigt. 3
Ferner zählte zu diesem Häufchen der Prediger Franz Kolb, ein
militanter Lutheraner, der zwar Freiburg längst verlassen hatte, aber
trotzdem nicht aufhörte, mit seinen dortigen Freunden brieflich im
Verkehre zu bleiben. Kolb, der von 1504-1509 die Stelle einer Kantors
in St. Niklaus und zugleich eines Stadtpredigers von Freiburg bekleidet
hatte, war in gleicher Eigenschaft von da an die St. Vinzenzenkirche
in Bern übergegangen (1509-12) und hatte sich hierauf in die Stille
des Kartäuserklosters in Nürnberg zurückgezogen (1512-23), um
hernach der Reformator der fränkischen Stadt Wertheim zu werden
(1523-25). Aber schon in Nürnberg hatte er angefangen, im Sinne
Luthers zu predigen. 4 Als in Freiburg Anfang 1523 durch den Tod
des Abtes von Altenryf, Joh. Speglin, die Stelle eines Stadtpredigers
frei geworden war 6 , da scheinen seine Freunde sich seiner erinnert
und ihn aufgefordert zu haben, sich neuerdings um die Predigerstelle
in Freiburg zu bewerben. Weil damals seine evangelische Gesinnung
bereits hinlänglich bekannt war, so möchte ich darin den Versuch
seiner Gesinnungsgenossen 8 in Freiburg erblicken, diesen wichtigen
und einflußreichen Posten mit einem Vertreter der neugläubigen
Richtung zu besetzen, ein Zeichen, wie stark sie sich bereits fühlen
evangelium doceat, tacito tarnen nomine Luteri. Zwinglis Briefwechsel, II 76.
Leipzig 1914 (Werke VIII). Etwas im Wortlaut abweichend bei Castelia. Histoire
du canton de Fribourg, Fribourg 1922, S. 236.
1 S. Daguet in Archives Soc. hist, de Fribourg, II 179. Dellion, VI 379.
Agrippa drückte sich folgendermaßen aus : recedit abhinc (d. h. Freiburg) evangelii
causa, quod datum est in ruinam et resurrectionem multorum, vgl. Herminjard.
a. a. O. I 99 A.
* J. J. Herzog, Das Leben Johann Oekolampads, I 256. Basel 1843.
3 B. Fleischlin. Studien und Beiträge zur Kirchengeschichte, IV 252. Stans 1907.
4 Vgl. Ludwig Etßenlöffel, Franz Kolb, ein Reformator Wertheims, Nürnbergs
und Berns, Zell i. W. s. a. S. 17 ff.
6 Vgl. Die deutsche Seelsorge in der Stadt Freiburg, Freiburg 1893, S. 7.
Reg. Nr. 22.
8 G. Castella meint mit Daguet, es seien gewisse Ratsherren (magistrats)
gewesen, die ihn beriefen ; doch haben wir dafür keinen Anhaltspunkt. Castella.
a. a. O. S. 236.
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15
mochten. Allein auf seine Bewerbung vom 28. Februar 1523 erteilte ihm
der Rat am 18. März, zwar in der höflichsten Form, eine entschiedene
Absage und wies auch seine Anspielung, sie seien etwa ein Jahr lang
ohne Verkündigung des Gotteswortes gewesen, als eine mit ihrem
alten Brauch nicht vereinbare Unwahrheit zurück, nicht ohne die
malitiöse Bemerkung einzuflechten, er sollte es besser wissen, daß
sie keine «also verrucht cristen » seien. Sie danken ihm für seinen
guten Willen ; aber sie seien schon mit einem tüchtigen Mann versehen. 1
Das war mag. Hieronymus Mylen, der aber erst am 3. Juli auf 3 Jahre
als Stadtprediger angestellt wurde, ein entschiedener Verfechter des
alten Glaubens. 2 * 4 Es scheint, daß sich ein Kampf zwischen den Alt-
nnd Neugläubigen, um die Besetzung der Predigerstelle abgespielt
hat, wobei die letzteren wohl auf das gute Andenken, das Kolb in
Freiburg bei einem großen Teil der Bevölkerung beim Weggange
hinterlassen *, spekulieren mochten, während die Altgläubigen seine
Hinneigung zur Lutherischen Reform in Erfahrung gebracht und
darum seine Wahl mit allen Mitteln hintertrieben haben werden. Doch
ist dieses Schreiben das einzige Dokument, das uns von der Ver¬
umständung dieser Wahl näheren Aufschluß gibt.
Francois Lambert, ein Franziskaner aus Avignon, ein Anhänger
Luthers, kam Ende Juni 1522 mit einer Empfehlung des Bischofs
von Lausanne, Sebastian von Montfaucon, auch nach Freiburg und
predigte hier und gewann wahrscheinlich auch Anhänger für die
Neuerung. 4 H. Cornelius Agrippa von Nettesheim, der sich ein Jahr
lang (Januar 1523-24) in Freiburg als Stadtarzt auf gehalten hatte,
scheint mehr ein Erasmianer als Anhänger der Reform gewesen zu sein ;
denn er bekämpfte zwar in seinen Schriften Scholastik, Heiligen- und
Bilderverehrung, Reliquiendienst, kanonisches Recht und Hierarchie,
aber ebenso auch Luther als unbesiegbaren Ketzer, während die Refor¬
matoren für ihn lediglich interessante Erscheinungen sind. «Mit
alledem blieb er doch der Reformation vollständig fremd ». 5 * Trotzdem
1 Vgl. das Schreiben an Franz Kolb unten in Beilage XI, fehlt bei Eißenlöffel,
der es für verloren hielt und von seinem Inhalt nur aus einer Notiz Daguets
im Anz. für Sch. G. III 396 Kenntnis hatte, S. 77, Anm. 76. Er gibt ihm darum
auch eine falsche Auslegung.
* St.-A. Freiburg, Ratsmanual vom 3. Juü und 19. August 1523.
* Eißenlöffel, S. II.
4 Vgl. Herminjard, I 101 ff. Zwingli, Briefwechsel. I 533. A. Dellion, VI 378.
* Realencyclopädie für protestantische Theologie 8 , I 257. Berchtold, Hist,
de Fribonrg, II 160, A. 2.
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— i6 —
dürfte er aber durch seine Tätigkeit in Wort und Schrift doch der
Neuerung in die Hände gearbeitet haben und als Humanist ihr
näher gestanden sein als den Vertretern des alten Glaubens, die im
Rate die Oberhand hatten. 1 Dagegen dürfte Melchior Volmar aus
Rottweil hieher gehören, der nachmalige Lehrer des Reformators
Calvin, der zwar nur kurze Zeit (1519-20) das Amt eines Schulmeisters
in Freiburg bekleidete und wohl schon hier die religiöse Neuerung
vertreten haben wird. 2 3 Auch der Notar, Anton Pallanchi, ein Freund
Agrippas, stand im Gerüche der Lutherischen Ketzerei* und Hans
Kotter aus Straßburg, Verfasser eines Gedichtes über Luther und die
deutsche Nation, seit 1514 Organist zu Freiburg 4 * 6 * , ein Freund Zwinglis.
Diese alle und noch andere bildeten eine zwar kleine, aber nach
ihrem Stand und vermöge ihrer Bildung einflußreiche und rührige
evangelische Gemeinde, denen gegenüber aber der Rat und die große
Mehrheit der Bürgerschaft sich ablehnend verhielten. Sie machten
jedenfalls große Anstrengung, sich zur Geltung zu bringen, ohne daß
es ihnen gelang, Rat und Bürger auf ihre Seite hinüberzuziehen.
Niemand hat uns über die Kämpfe berichtet, die sich im Ratshaus
und anderswo abgespielt haben werden seit etwa 1520, und wir sind
lediglich, abgesehen von den wenigen Ratsbeschlüssen, nur auf
gelegentliche Äußerungen in Briefen angewiesen, die uns einige Rück¬
schlüsse gestatten.
Wie die Freunde der evangelischen Neuerung Franz Kolb als
Stadtprediger nach Freiburg zurückzubringen versuchten, so scheinen
sie auch die Stelle eines Schulmeisters mit einem Gesinnungsgenossen,
Oswald Myconius, versehen haben zu wollen. Mykonius war der Schütz¬
ling Peter Falks, der mit diesem in Briefwechsel stand B , der intimste
Freund Zwinglis, der als Lehrer an der Großmünsterschule in Zürich
« die Lehrstunde zur Erweckung des evangelischen Sinnes zu benützen »
wußte. 8 Mykonius war als Schulmeister in Luzern im Sommer 1522
1 Er datierte ein Schreiben ex Friburgo Helvetiorum omni scientiarum
cultu deserto et destituto, Epist. lib. III 56. Lyon 1600. Vgl. Histor. biogr. Lexikon
der Schweiz, I 175.
2 Vgl. Heinemann, a. a. O. S. 86. Fluri in Berner Taschenbuch, 1893-94, S. 56.
3 S. Daguet, in Archives Soc. hist, de Fribourg, II 178. Weitere Namen gibt
Dcllion, VI 378.
4 Vgl. Merian, Bonifacius Amerbach und Hans Kotter, in Basler Zeit¬
schrift XVI; Fluri, Arch. H. V. Bern, XVI 510-21.
6 Vgl. Heinemann, S. 72. Zimmermann, Peter Falk, 110-11.
* Rudolf Staehelin, Huldreich Zwingli, I. Bd. 153. Basel 1895.
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abgesetzt worden als «Erzlutheraner» l * 3 , wofür ihm seine Freunde
in Freiburg einen Platz in ihrer Stadt verschaffen wollten und darum
eigens einen Boten zu ihm sandten. Diese Tatsache allein ist schon
ein Beweis, wie mächtig sich die Neugläubigen fühlten, daß sie es nur
wagen durften, einen solchen Versuch zu machen, der aber an der
Entschlossenheit der katholischen Ratsmehrheit gescheitert zu sein
scheint, wie die einzige Anspielung hierauf in einem Briefe des Mykonius
aus Luzern an Zwingli, vom 23. September 1523, uns andeutet. * Ohne
vor der evangelischen Neuerung zu kapitulieren, konnte doch der Rat
diesem streitbaren Verfechter Zwinglischer Lehre nicht die Erziehung
seiner Jugend anvertrauen. Daß Mykonius über diese Zurücksetzung
gekränkt, der evangelischen Sache in Freiburg kein gutes Zeugnis
ausstellt, ist nicht zu verwundern, aber trotzdem nicht allzu ernst
zu nehmen.
Das Jahr 1523 dürfte den Höhepunkt dieser Entwicklung und
zugleich den Augenblick der größten Gefahr eines religiösen Um¬
schwunges in Freiburg bedeuten. Damals berichtete Berchtold Haller,
der Bahnbrecher für die Reformation Berns, seinem Freunde Ulrich
Zwingli, daß er von seinen Nachbarn in Freiburg das Beste hoffe. *
Wenn Cornelius Agrippa um dieselbe Zeit der Bildung und Kultur
Freiburgs ein wenig schmeichelhaftes Zeugnis ausstellt 4 , so entspricht
das weniger den Tatsachen als einer gewissen Enttäuschung des großen,
welterfahrenen Humanisten, der sich das Leben und Treiben in der
kleinen Stadt anders vorgestellt haben wird. Dagegen bezieht sich
das Zeugnis Balthasar Hubmeyers, das von einer unfreien durch
Spaltungen zerrissenen Stadt spricht, da er nie hier, wohl aber um
jene Zeit nach Freiburg im Breisgau zurückgekehrt war, wohl sicher
auf jenes und nicht auf unsere Stadt. 5
1 K. R. Hagenbach, Johann Ockolarapad und Oswald Myconius. Elberfeld
1859. S. 324.
* Friburgenses nihil adhuc rcscripserunt, quam ob rem nescio, quid rei sit.
Hoc audio vix alios esse per Helvetiam, qui pejus velint sanae doctrinae. Id
quod etiam legatus, de quo nuperrime scripseram, mihi narravit; sed Lutherianam
hic vocabat, non sanam et evangelicam. Zwingli Werke, Briefwechsel I, Nr. 237.
3 Schreiben vom 29. Mai 1523, s. oben, S. 13. Anm. 9.
4 Er datiert ein Schreiben ex Friburgo Helvetiorum omni scientiarum cultu
deserto ac destituto, G. zitiert bei Berchtold, Hist, de Fribourg, II 160, A. 2.
* B. Hubmayer an Hans Adelphi: Veniet Friburgum, quod longe alitcr,
quam nomen sonat, offendi. Plane liberum non est sed captivum discordiis et
factionibus cum profanis tum sacrilegis onustum. Berchtold, a. a. O. II 159, A.
und darnach auch bei Fleischlin, Studien und Beiträge, S. 261.
RBTUK D'HISTOIRE KOCLftSUSflQUE *
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- i8 —
Aber eben damals, als Zwingli durch seine berühmten Schlußreden
der katholischen Schweiz den Fehdehandschuh zuwarf, ergriffen
die Freiburger, die sehr früh und nicht weniger bestimmt die Tragweite
der Bewegung und auch die Größe der Gefahr erkannten, energische
Gegenmaßregeln, zu einer Zeit, wo Bern noch unschlüssig war, welche
Haltung es der religiösen Neuerung gegenüber einzunehmen habe
und sich darum mit faulen Kompromissen und halben Maßregeln
begnügte. Bereits am 26. August 1522, also noch ehe Zwingli seine
Sätze formuliert hatte, beschloß der Große Rat von Freiburg in sehr
schroffer Weise, « daz welliche sich Lutrisch erzöugen, daz die gestrafft
werden ; dann sy slechtlich nitt lyden wellen, daz die böse, verfluchte,
tüfelsche secht also erwurze in ir statt, und dorumb, so haben M. H. H.
die rät gewalt, dorinn zu handlen. 1 » Mit Stumpf und Stil sollte der
Same der Lutherischen Lehre ausgerottet werden, und zu diesem Zwecke
erteilt der Große Rat der Exekutive die weitgehendsten Vollmachten.
Und am 10. September 1522 sind von Räten und Vennem : «in diesem
angefangnen Lutrischen wesen (sind) die frembden us dem rat verstossen
worden und abgeraten, keinen mer dahin ze setzen, dann us der stat
gekomen. » 2 Man sieht, wie im Klerus und unter den gebildeten
Laien, so waren es auch unter den Ratsherrn die Fremden, die am
meisten dem neuen Glauben zuneigten, und deren Entfernung sich
als die dringendste Maßnahme erwies, um den Glauben zu erhalten.
Leider werden uns keine Namen von solchen überliefert, die von diesem
Beschlüsse getroffen wurden.
Offenbar genügte es noch nicht, solche Beschlüsse zu fassen ;
sondern die Behörden sahen sich gezwungen, da unter dem Einfluß
des Vorgehens von Zürich die neue Lehre noch an Boden gewann
und die Versuchung zum Abfall • zusehends wuchs und Warnungen
nichts nützten, von der übertragenen Gewalt auch wirklichen Gebrauch
zu machen. Zu Allerheiligen 1523 wurde auf Befehl des Schultheißen
Jakob von Wippingen eine Ladung Lutherischer Schriften beschlag¬
nahmt und von Räten, Vennem und Burgern beschlossen, die Bücher
untersuchen zu lassen. Was von Luther oder seinen Anhängern her¬
rühre, solle auf den Kommarkt getragen und dort vom Henker öffentlich
1 St.-A. Freiburg, Ratsmanual 40, abgedruckt bei Strichlet, Aktensammlung
zur Schweiz. Reformationsgeschichte I, 173, N. 473.
* St.-A. Freiburg, R. M., abgedruckt bei Heinemann, Schulgeschichte von
Freiburg, 105. Vgl. auch Gaston Castelia, a. a. O. S. 236.
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verbrannt werden, das übrige dem Schultheißen verfallen sein. 1 Das
waren die Kanäle, durch welche die Neuerung immer noch einzudringen
suchte ; sie sollten darum verstopft werden !
Schon jetzt wurde auch zum erstenmal, und zwar noch in
schonender Weise, gegen die Person von Neugläubigen eingeschritten,
indem Chorherr Hans Kymo- wegen unverbesserlicher Ketzerei vom
Rate der Laufpaß gegeben wurde ; 2 es war die erste Ausweisung eines
Anhängers der Lutherischen Lehre. Diese Vertreibung eines Chorherm
wird wohl einen tiefen Eindruck gemacht haben ; sie zeigt uns aber
auch, wie weit die Entwicklung schon gediehen war, daß der Rat vor
solchen Maßnahmen nicht mehr zurückschrecken durfte. Sulser ist
darum durchaus im Unrecht mit der Behauptung : « die Ausweisungen
der Neugläubigen begannen in Freiburg erst mit dem Jahre 1530. »
Wenige Tage nachher erließen Räte, Venner und Burger eine
Satzung, die in der Stadt durch den Ausrufer bekannt gemacht werden
sollte : u daz wellicher Lutrisch bücher hinder im hat, daz er die hinweg
schick und sich derselben müssige », mit einer Frist bis Weihnacht
und unter einer Buße von 20 Gulden Rh. für jeden Fehlbaren, « es sy
Tutsch oder Welsch ». 3 Sodann erging noch im Dezember 1523 an
alle Pfarrer des Freiburger Gebietes eine strenge Verordnung gegen
die Lutherischen und Zwinglischen Ketzereien, welch letztere hier
zum erstenmal ausdrücklich genannt werden. Sie werden ermahnt,
falschen Rednern und Schriften keinen Glauben zu schenken, und es
wird ihnen auch die Verordnung gegen die ketzerischen Schriften neu
in Erinnerung gebracht; denn es wolle sie bedünken, daß noch nicht
alle den Behörden ausgehändigt worden seien, und daß ettliche noch
insgeheim fortfahren, dieser ketzerischen Sekte sich zu befleißen. Auch
möge sich niemand deswegen herausnehmen, einen solchen zu züchtigen.
1 Beschluß vom 19. November 1523 : « Des ersten ist geratten der Luterschen
bücher halb, so min herr schultheiss uff Allerheiligen aber hatt lassen behänden,
angesechen daz der buchfürer zü merem malen ge warnet ist, sich zu müssigen,
Lutersche bücher herzüfüren bi verlierung aller sinr büchern, daz us grund des
die bücher soll besichtiget und all die, so allso von Lutero oder sinen disciplen
erfunden werden solle, an Kommerkt getragen werden und daselbs durch Mollie
Grillie verbrent werden, und daz übrig der büchern sind minem herrn Schultheißen
verfallen. » St.-A. Freiburg, R. M. 40. Vgl. dazu Heinemann. S. 104.
* Räte, Venner und Burger beschließen unterm 26. November 1523: «Min
herren haben herrn Hansen Kymo ein eid geben von statt und land uff gnad,
doch in den slüssel vorgenant, dorumb daz er nitt von der seckt des Luterschen
glouben stan will. » St.-A. Freiburg, R. M. 41.
3 St.-A. Freiburg. R. M. 41 vom 11. Dezember 1523.
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20
Wenn aber einer sich schwer gegen diese Verordnung verstoße, so solle
man ihn mit Weib und Kind des Landes verweisen, und jedermann,
der einen solchen nicht dem Rate anzeige, ebenso gestraft werden.
Wer einen solchen Sektierer in seinen Diensten habe, der solle ihn
warnen und es ihm verbieten, und wenn er davon nicht abstehe, ihn
dem Rate an zeigen. Und wenn Gäste* im Wirtshaus von der « ver¬
fluchten » Neuerung sich unterhielten, so soll der Wirt deswegen keinen
Streit mit ihnen anfangen, sondern gegenüber jedermann solches dem
Rate melden und im Falle des Verschweigens wie die Täter selber
gebüßt werden. Endlich soll jeder, der das neue Testament, das von
denen herausgegeben wurde, die sich der Kenntnis griechischer und
hebräischer Sprache rühmen, aber die Muttergottes schmähen —
gemeint sein dürfte die Luther’sehe Übersetzung, die seit 1522 in
Wittenberg erschien — besitzt, dieses neue Testament beseitigen,
und sich mit der lateinischen Bibel begnügen, mit der sich die Alt¬
frommen begnügt haben. Bei wem immer dieses noch gefunden werde.
Geistlich oder Weltlich, Mann oder Weib, soll nach Inhalt der
betreffenden Verordnung gestraft werden. 1 2 Man sieht, daß es dem
Rate immer noch nicht gelungen war, die Ketzerei, die sich in die
Winkel geflüchtet und mit den neuen Bibelübersetzungen neue Nahrung
erhalten hatte, völlig auszurotten, und man verwundert sich höchstens,
daß dieses speziell für die Geistlichkeit bestimmte Mandat nicht von
der zuständigen kirchlichen Behörde, sondern vielmehr vom welt¬
lichen Regimente, dem Rate, befohlen wurde. Allerdings erließ der
Bischof auch einige zeitgemäße Reformen, die sich indessen auf
Abschaffung einiger kirchlichen Mißbräuche bezogen und ohne die
Angriffe auf die Fundamente katholischen Glaubens zu berühren. *
Aber der Staat begnügte sich auch damit noch nicht. Auf Ver¬
anlassung der Kammer der Heimlichen beschlossen Rat und Burger
einen Monat später, auch durch das Mittel von Glaubensbeschwörung
(professio fidei) dem weitem Umsichgreifen der neugläubigen Sekte
Einhalt zu tun, um leichter die verborgenen, durch die bisherigen Ver¬
ordnungen nicht faßbaren Anhänger des neuen Glaubens ausfindig
zu machen. Das bot nun eine wirksame Unterlage zur Verbannung
von Fehlbaren, die von da an öfter ausgesprochen wurde seit Beginn
1 Vgl. Beilage XII unten und dazu Heinemann, 105.
2 Vgl. Schmitl-Gremaud, Histoirc du dioc£se de Lausanne II. in Memorial
de Fribourg, VI 273 ff.
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21
des Jahres 1524. Ist uns auch der Wortlaut dieser ersten Glaubens¬
beschwörung, die noch in den Anfang 1524 fallen dürfte, nicht erhalten,
so ist ihr Inhalt doch nicht schwer zu erraten, da er im wesentlichen
derselbe gewesen sein dürfte, wie bei den folgenden : 1 Beschwörung
der sieben Sakramente, der 12 Glaubensartikel, der 10 Gebote,
des heiligen Meßopfers, der kirchlichen Festtage, der Fürbitte der
Muttergottes und der Heiligen, der gebotenen Fasttage, Gehorsam
gegen geistliche und weltliche Obrigkeit usw., alles Dinge, die von den
Neugläubigen bestritten oder geleugnet wurden. Eben damals war
auch beabsichtigt, in Freiburg eine Disputation abzuhalten, und der
bekannte Augustinerprovinzial, Dr. Konrad Treyer, machte sich an¬
heischig, 100 Thesen über die Autorität der Kirche und Konzilien
auf Ansuchen des Rates dabei zu verteidigen. *
(Schluß folgt.)
1 Vgl. dazu CA. Holder, Les professions de foi ä Fribourg au XVI me siöcle,
in Archives de la Soci6t6 d’histoire du canton de Fribourg, VI 181 ff., der noch
andere Verordnungen und Maßnahmen und Strafen gegen Anhänger der Neuerung
anführt.
* Vgl. N. Paulus, Conrad Treyer, im Katholik, 79. Jahrg. III, F. 19. Bd.
1899, S. 511.
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P. Nikolaus
Joseph Albert von Dießbach S. J . 1
Von Dr. Ernst Karl WINTER (Wien).
« Erat vir et doctus ezimie et sanctus
eminenter ».
(St. Klemens Maria Hofbauer.)
Am Südrande Wiens, an der Straße, die über den Semmering
nach Triest führt, liegt der Wallfahrtsort Maria Enzersdorf, zugleich
die erste Rast auf der alten Via sacra nach Maria Zell, dem öster¬
reichischen Einsiedeln, das eine ganze Kette heiliger Stationen mit
der Hauptstadt verbindet. Deshalb wohl wuchs dem Wiener vor
allen Gnadenorten seiner nächsten Umgebung besonders die Mutter-
Gottes von Enzersdorf mit Namen Maria Heil ans Herz, als spiegelte
gerade ihr Antlitz wieder den ehrwürdigen heiligen Glanz der Gnaden¬
mutter von Maria Zell. Oft wallte auf diesen Wegen zu diesen Stätten
in den glaubensstarken und wanderfrohen Tagen der Romantik
St. Klemens Maria Hofbauer C. Ss. R. (1751-1820), der Apostel von
1 P. C. Collet C. Ss. R. (Trois Epis), der fleißige Forscherauf dem Gebiete der
Geschichte seiner Kongregation, sammelt, wie ich im Verlaufe meiner Arbeiten
erfuhr, seit Jahren alle das Leben P. Dießbachs betreffenden Daten, ohne bisher
die Muße zur Abfassung einer Lebensbeschreibung gefunden zu haben. Als er
von meinem Versuch Kenntnis erhielt, stellte er mir in hebenswürdigster Weise
alle seine Quellen zur Verfügung. Da ich jedoch erst nach Abschloß und Druck¬
legung meiner Studie in den Besitz dieser ergänzenden Notizen gelangt bin, muß
ich mich darauf beschränken, hier lediglich das Verzeichnis der im Texte noch
fehlenden Schriften mitzuteilen. Wo durch die Aufklärungen P. Collets Details
verbessert werden konnten, geschah dies in einer nachträglichen Fußnote. Das
Verzeichnis der nunmehr noch hinzukommenden Literatumummem lautet:
Der Pilger (Einsiedeln), V. 133 ff. (Scherrer) ; Musie Neuchdtelois, 1888, 25. Bd.
(Alexandre Daguet über die Frage der Präsentation P. Dießbachs für den Bistums¬
stuhl von Lausanne) ; P. Jean Marie Prat S. J. (1809-1891), Notices sur plusieurs
membres de la Compagnie ( Sommervogel , VI. 1172) ; Historia Collegii Friburgensis
S. J., II. Bd. (Handschrift in der Freiburger Kantonsbibliothek) ; P. Casagrandi
S. J., La chronique de la Province de Turin S. J. (Handschrift) ; Archives de la
sociiii d’histoire de Fribourg, 4. Bd. P. Vivier S. J., Courte notice cn latin (?)
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23
Wien. Ehe er 1862 in der Wiener Kirche seiner Kongregation, in
Maria am Gestade den Platz fand, der ihn in das Allerinnerste der
Stadt zurückversetzte, ruhten seine Gebeine auf dem kleinen Friedhof
von Maria Enzersdorf, damals inmitten von Gärten und Rieden.
Noch jetzt steht sein Grabmal und bildet den Mittelpunkt einer Gemein¬
schaft im Tode und in der Hoffnung auf Auferstehung, wie sie wohl
selten auf Erden zu finden sein dürfte.
Alles was Österreich an religiösen und kulturellen Traditionen
und damit an Aufbaugedanken besitzt, lebt in der trauten Stille dieses
Friedhofgartens; immer wieder weisen die Zeiger der Gegenwart,
die nach einer schöneren und besseren Zukunft Sehnsucht trägt, hin
auf die Romantiker um den Heiligen von Wien, auf ihre großartigen,
durch seinen Glauben zu einem Ganzen verbundenen Ideen. Nichts
Positives in den Leistungen des katholischen Österreich der letzten
Generationen ist zu finden, das nicht als letzten Ursprung nennen
und bestätigen würde die Ideale der Romantik, nämlich jenen Organis¬
mus von Persönlichkeiten und Wissenschaften, den der Katholizismus
des hl. Klemens Maria Hofbauer aufzubauen verstand. Solange den
Gegenwärtigen der große Mut zu schöpferischen Leistungen mangelt,
wird diese stille Gemeinschaft im Tode auf dem seltsamen Friedhof
von Maria Enzersdorf das Denkmal der katholischen Romantik in
Österreich ersetzen müssen, allen denjenigen aber leicht ersetzen
können, die als Mystiker auch im Stein der Grabmale Vorbilder der
Vergangenheit zu schauen vermögen, und ihren tiefen Sinn, der die
Zukunft aufschließt, verstehen.
* *
*
Persönlichkeiten wie St. Klemens, Bewegungen wie die Romantik
fallen nicht als Meteorsteine, als fertige Wunderdinge vom Himmel;
sie werden vielmehr vorbereitet und besitzen ihre natürlichen Väter.
Welche Männer vor St. Klemens waren also die Auktoren der später
von seinem Apostolate genährten religiösen und kulturellen Bewegung,
welche wohl die Anreger dieser damit zusammenhängenden, innere
Gemeinschaft sinnvoll wiedergebenden Geselligkeit im Tode ? Als
Antwort auf diese Doppelfrage nennt uns die Lebensgeschichte des
Heiligen von Wien zwei für die große Allgemeinheit verschollene Namen :
Joseph von Penkler (1751-1830) und P. Nikolaus Joseph Albert von
Dießbach S. J. (1732-1798). Tragischer- und doch wieder symbolischer-
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24
weise sind beider Gräber in Maria Enzersdorf verfallen ; die Jahre
haben jede Spur davon verschüttet.
Aus den Hofbauerbiographien 1 wissen wir, daß vor P. Hofbauer
in Wien ein Kreis von katholischen Männern bestand, der sich die
religiöse und kulturelle Restauration im Gegensatz zu den Doktrinen
des Josephinismus und der sogenannten Aufklärung zur Aufgabe
gesetzt hatte und daher mit Recht als legitimer Vorläufer der Romantik
bezeichnet werden darf. Diesem Vorromantikerkreis, der gleich dem
der späteren Romantiker aus Österreichern von altem Schrot und
Korn, sowie aus solchen Fremden sich zusammensetzte, die als Öster¬
reicher der Gesinnung hier ihre Wahlheimat und das Reich ihrer
romantischen Ideale fanden, gehörten außer Baron Penkler und P. von
Dießbach vor allem an : Franz Schmid (1764-1843), der fruchtbare
geistliche Schriftsteller, ferner Baron Joseph von Beroldingen, Reichs¬
propst von Odenheim und Domherr zu Speyer und Hildesheim, endlich
die Dießbachjünger P. Joseph Graf Sineo della Torre S. J. und P. Don
Luigi Virgineo S. J., nacheinander Rektoren der Wiener (italienischen)
Minoritenkirche. Sowohl die Fürsterzbischöfe Christoph Anton Graf
Migazzi (f 1803) und Sigismund Anton Graf Hohenwarth (f 1820),
letzterer selbst während eines Vierteljahrhunderts Mitglied der Gesell¬
schaft Jesu, als auch die päpstlichen Nuntien Ruffo und Severoli
hielten ständige Verbindung mit diesen Männern und ihren Nach¬
folgern. *
Die sicherste Nachricht vom Dasein dieses Kreises geben uns
Hofbauers Briefe. «An einer Stelle spricht er von dem Kreise, den
sich Dießbach durch seine Bemühungen und seinen Eifer für Gottes
Ehre gebildet habe. Dießbach war also damals (1795) in Wien der
Mittelpunkt eines kleinen, erlesenen Kreises glaubenseifriger Männer.
Das Ziel dieses Freundesbundes war nicht bloß gegenseitige Erbauung,
persönliche Heiligung, sondern, nach Hofbauers Andeutungen zu
schließen, vor allem der Kampf gegen die verderblichen Strömungen
der Zeit. Der Heilige rechnet sich selbst zu diesem Kreise. » 8 Ein Brief
P. Sineos an Hofbauer vom 23. Jänner 1796 nach Warschau läßt deutlich
erkennen, daß sich der Heilige auch in der Feme als Glied des Dieß-
bachkreises fühlte und ihn sogar um gewisse Richtlinien und Rat-
1 P. Michael Haringer C. Ss. R. (1880 *), P. Adolf Innsrkofler C. Ss. R. (1913 3 ),
P. Johannes Hofer C. Ss. R. (1923 2 ).
2 Vgl. die Biographien von P. Cölestin Wolfsgruber O. S. B.
* P. Hofer. 95 f.
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— 25 —
schlage für sein Wirken anging. In offenbarer Stellvertretung schreibt
P. Sineo: a Wir haben oft Gott dafür gedankt, daß er sich gewürdigt
hat, Sie nach Wien zu führen (Herbst 1795), um Sie mit uns bekannt
zu machen. Oft haben wir uns über Sie unterhalten ; wir fürchteten,
daß Ihnen ein Unglück widerfahren sei, bis Ihr Brief uns beruhigte .... »
Nach längeren Ausführungen über die von Hofbauer angeregten Fragen
schließt er: «Am 27. d. M. werden wir zu einer großen freundschaft¬
lichen Versammlung zusammentreten, um die Dinge in Erwägung zu
ziehen ; wir werden Ihnen dann davon Mitteilung machen. Mit Eifer
werden wir auf alles bedacht sein, was der Ehre Gottes und dem Heil
der Seelen dienlich sein kann. Gedenken Sie oft unser in Ihren Gebeten ;
auch wir werden Sie nie vergessen ! Wenn auch dem Leibe nach
getrennt, bleiben wir ewig miteinander verbunden durch so starke
Bande, daß weder die Entfernung noch selbst der Tod sie wird
auflösen können » (98).
Dm festen, bodenständigen Kristallisationspunkt für all die
« Vorromantiker», die aus Deutschland oder Italien, aus den öster¬
reichischen Ländern oder aus der Schweiz nach Wien kamen, um hier
für die Kirche und gegen die « Aufklärung » zu wirken, bildete ohne
Zweifel Baron Penkler; er vermittelte wohl auch wie später Pilat
die Verbindung mit dem offiziellen Österreich, das gerade in seiner
Krone und in den führenden Köpfen den Josephinismus der sub¬
alternen Bureaukratie bald nach Überwindung der eigentlich josephi-
nischen Ära abzuschütteln anfing und sich um Verbündete außerhalb
des josephinischen Subaltementums umsah. Penkler war ein Jesuiten¬
schüler ; besonders dem berühmten Astronomen P. Maximilian Hell S. J.
(1720-1792) war er in Freundschaft zugetan. Er ließ ihn auf dem
Friedhof seiner Herrschaftspfarre Maria Enzersdorf beisetzen. 1 Penkler
war nicht nur seinen persönlichen Gesinnungen nach ein überzeugungs¬
treuer Katholik ; soviel es die Verhältnisse möglich machten, arbeitete
er nach Kräften dem irreligiösen Zeitgeist entgegen. 2 Das Hauptziel
seines Lebens war die Wiederherstellung der Gesellschaft Jesu in
Österreich (28) ; er gab « den Anstoß zu einer Bewegung, die auf die
Wiedereinführung der Volksmissionen hinauslief. Er ließ nämlich
im Advent 1793 in seiner Herrschaftspfarre Maria Enzersdorf durch
ein paar Wiener Serviten eine Mission abhalten « zur Bewahrung seiner
1 Historisch-topographische Darstellung der Pfarren, Stifte, Klöster, im
Erzherzogtum Österreich, 1824, III. 20, 181, 183.
2 Freiherrlicher Gotha, 1848, I. 258, 447.
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26
Untertanen vor staats- und religionswidrigen Grundsätzen ». Kardinal
Migazzi hatte sich zuvor der mündlichen Zustimmung des Kaisers
versichert. Die Übungen erzielten den besten Erfolg ; die Gemeinde
sandte sogar an den Kaiser ein Dankschreiben. Nun hielten Serviten
und Karmeliter an zahlreichen andern Orten der Diözese ähnliche
Übungen, die vom Volk und vielfach auch vom Klerus mit Dankbarkeit
aufgenommen wurden » (93). Wir dürfen mit Recht vermuten, daß
diese Missionen bereits eine Frucht der Verbindung Penklers mit
Dießbach waren ; hatte dieser doch mehr als ein halbes Leben den
Missionen, vor allem im Piemont und in der Schweiz gewidmet und
die Notwendigkeit solcher geistlicher Übungen fürs Volk wenige
Jahre vor den Penklerschen Versuchen dem Kaiser Leopold II. in einer
klassischen Denkschrift vor Augen geführt. Seit damals (1790) weilte
Dießbach in Wien und konnte das aus diesen Missionen von Maria
Enzersdorf sich ergebende, mehrjährige Ringen zwischen Kardinal
und Bureaukratie, gleichzeitig aber auch schon die Anfänge einer nicht
mehr zu hemmenden Bewegung verfolgen, die bereits 1801, freilich
erst nach Dießbachs Tod, dahin führte, daß während der Fasten¬
wochen in elf Wiener Kirchen solche Exerzitien oder Missionen gehalten
werden konnten (Cölestin Wolfsgruber, Kardinal Migazzi, 1890, 869 ff.).
* *
*
Die Persönlichkeit P. Dießbachs spielte bisher in der Literatur
nicht die gebührende Rolle. Mittelbar beschäftigen sich mit den
Lebensschicksalen Dießbachs vor allem die Hofbauerbiographen. 1 In
der Literatur der Gesellschaft Jesu selbst nimmt Dießbach noch
nicht den ihm zukommenden Platz ein. In jüngster Zeit erst stellte
P. Otto Pfülf S. J. 2 * * * * * ihn an die Spitze seiner Ausführungen. 8
1 Seitens der Gesellschaft Jesu bieten die Bibliographien mehr oder weniger
vollständige Verzeichnisse der Werke Dießbachs, vor allem PP. Augustin et Alois
de Bäcker S. J., Bibliothöque des fecrivains de la Compagnie de J6sus (Lüttich
1858, IV. 178 f.) und P. Carlos Sommervogel S. J.. Bibliothöque de la Compagnie
de Jösus (Brüssel 1892, III. 56 f.). Sämtliche dort vorkommendc Werke gehören
heute zu den Seltenheiten selbst großer Bibliotheken.
* Die Anfänge der deutschen Provinz der neuerstandenen Gesellschaft Jesu
und ihr Wirken in der Schweiz 1805-1847 (Freiburg i. Br. 1922, 6 ff.).
8 An interessanten, mir unerreichbaren Quellen deutet dieser Autor an :
P. Joh. Bapt. Drachs S. J. (1780-1846), des Rektors von Freiburg (P. Sommer¬
vogel, III. 170 f.) handschriftliche Historia Germaniae Sup. S. J. I. 21 f.; P. Achill0
Guidie S. J. (1792-1866), Notices historiques sur quelques membres de la Sociötö
des Pöres du Sacrö-Coeur et de la Compagnie de Jösus (Paris 1860, II. 102 f.)
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27
Die Hofbauerbiographen schöpfen ihre Nachrichten vor allem
aus italienischen Quellen. 1 Den französischen Quellenkomplex ver¬
wertete Bischof Andreas Rdß von Straßburg (1794-1887). 2 Seine Mit¬
teilungen basieren auf einem «biographischen Abriß », den P. Jean
Joseph Claude Descharrifcres (1744-1831), der zu Straßburg starb, in
Handschrift hinterließ, ferner auf einer Artikelserie von Michel
Joseph Picot (1770-1841). 3
In der Schweiz selbst blieb Dießbach bisher fast unbeachtet. 4
Auf die unten angeführten Schweizerautoren, sowie auf Cr6tineau-
Joly gründet seine Ausführungen Egbert Friedrich von Mülinen. 6
Neuestens endlich hat Ernst Stähelin • wiederholt, was Bischof Räß
mitzuteilen wußte.
* *
♦
Geboren am 15. Februar 1732 zu Bern, stammte Nikolaus Joseph
Albert von Dießbach aus alter patrizischer Familie, a ein Sohn Niklaus
Albrechts (1698-1738), des täglichen Rats in Bern (seit 1727) und
der Salome Tillier, einer Schwester des talentvollen Schultheißen Joh.
(III. 1929 f.) ; P. Joh. Xaver Gagarin S, J. (1814-1882), Pr6cis historiques
(1876, 246 ff., 1878) : Notices biographiques d’aprös les manuscrits inddits du
P. Fidile de Grivel S. J. (1769-1842) (III. 1095 ; 1839 f.). Vgl. Revue de la Suisse
catholique, IX, 440 ff.
Ab Autor dieser Richtung kommt ferner in Frage Jacques Crttineau-Joly
(1803-1875), Histoire du Sonderbund (Paris 1850, I. 420 ff.).
1 Vorzüglich aus P. Antonio Maria Tannoja C. Ss. R., Deila vita ed istituto
de venerabile servo di Dio Alfonso Maria Liguori (Neapel 1802, III. 234 ff.).
P. Haringer nennt ferner Pietro Gastaldi, Deila vita del servo di Dio Pio Brunone
Lanteri, fondatore della Congregatione degli Oblati di Maria Vergine (Turin 1870) ;
mir war dieses Werk nicht zugänglich. Nach P. Göltet ist es die HauptqueUe.
* Ehe Konvertiten seit der Reformation (Freiburg i. Br. 1871, X. 127 ff.).
a In seiner Revue « L’Ami de la Religion et du Roi » (33. Bd. 182 f., 34. Bd.
87 f-, 39 - Bd. 153 f.) ; auch diese letzteren Quellen blieben mir verschlossen.
4 In Hans Jahob Holzhalbs Supplement zu Hans Jakob Leus helvetischem
Lexikon (Zürich 1787, II. 33) finden sich kurze biographische Notizen.
Markus Lutz, Moderne Biographien ausgezeichneter Schweizer (Lichtensteig
1826, 46 ff.), stützt sich in allen seinen Angaben auf Johannes von Müller,
der im 6. Band sämtlicher Werke (Tübingen 1806) seinem Bruder J. Georg
in einem Brief aus Wien den Tod Dießbachs mitteilt (VI. 285 ff.). Die Antwort
des Bruders steht bei Eduard Haug, Briefwechsel zwischen J. Georg Müller und
Johannes von Müller (Frauenfeld 1893, 166). Im * Berner Taschenbuch für 1853 »
(II. 209 f.) erwähnt Ludwig Lauterburg in einer Studie « Biographische Literatur
über das Leben und Wirken hervorragender Berner und Bemerinncn » unseren
P. Dießbach und fußt dabei auf Müller und Lutz.
8 Helvetia sacra (Bern 1858), II. 60.
* Der Jesuitenorden in der Schweiz (Basel 1923). 64 f.
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28
Anton Tillier ». 1 Nach Holzhalb hieß der Sohn wohl nach dem Vater
Niklaus Albert. Wahrscheinlich empfing oder wählte er den Namen
Joseph erst später bei der Konversion oder bei der Aufnahme in die
Gesellschaft Jesu, ähnlich wie Hofbauer seinen eigentlichen Taufnamen
Johannes Evangelist mit Klemens Maria vertauschte. * Dießbach
besaß vier Brüder; er selbst war der zweite Sohn. Sein älterer
Bruder Rudolf Anton (1734-1796) war Feldmarschall in französischen
Diensten 3 ; auf dem Totenbett nahm ihn der jüngere geistliche Bruder
in die katholische Kirche auf. 4
In frühester Jugend trat Dießbach in die militärischen Dienste
des Königs Karl Emanuel I. von Sardinien (1730-1773) und zwar
unter das Kommando seines Onkels Rudolf, der 1739-1744 eines
der fünf sardinischen Schweizerregimenter, nämlich das frühere Regi¬
ment Roguin führte. 8 Wenn Rudolf 1744 starb, dann könnte der
Neffe nicht erst mit 15 Jahren Ä , sondern müßte schon früher, könnte
daher ganz gut mit 11 Jahren 7 etwa als Eteve in das Regiment seines
Onkels eingetreten sein. Nach Erismann übernahm dieses Regiment
nach Rudolfs Tod Anton Roi von Romainmotier ; Lutz wieder spricht
vom nachmaligen Regiment Rochmondet, Mülinen vom Regiment
Tschamer.
Durch den Verkehr in einer katholischen Familie 8 wurde Dießbach
der katholischen Kirche gewonnen. Seine Konversion dürfte in das
Jahr 1754 fallen®, liegt jedenfalls vor seiner Ehe mit der Tochter
des spanischen Konsuls de S. Pierre in Nizza, mit der er sich 1755
vermählte 10 , nachdem ihn die Gnade vermutlich gerade durch den
Umgang mit dieser Familie auf die Heimkehr zur Kirche vorbereitet
hatte. Cr6tineau-Joly läßt Dießbach vorzüglich durch das Studium
der Geschichte, nämlich der heimatlichen sogenannten Reformations¬
geschichte zum Katholizismus finden. L'ötude de l'histoire lui dessilla
les yeux ! Ein Wilhelm von Diesbach z. B. wurde nur deshalb Protestant,
um eine Nonne heiraten zu können. Hier wäre freilich auch darauf
hinzuweisen, daß Niklaus Albert nicht nur auf abschreckende Um-
1 Mülinen. — 2 P. Hofer, u. Vgl. den Anhang dieser Studie (Joseph
Nikolaus von Montenach, Bischof von Lausanne). — 3 Holzhalb. — 4 P. Pfülf.
Eine jüngere Schwester (Salome) heiratete Johann Rudolph von Graffenried
(P. Collet). — 6 O. Erismann, Schweizer in savoyisch-sardinischem Dienste.
Blätter für Bemische Geschichte, Kunst und Altertumskunde. 1916, XII. 98 f.
— 0 P. Innnerkofler, 36. — 7 Lutz. — 8 P. Pfülf. — 9 Mülinen. — 10 Mülinen.
P. Collet setzt die Ereignisse in die Jahre 1752 und 1756.
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- 29 — /
stände in der Geschichte seines Geschlechtes zurückblicken mußte,
sondern sich auch alter katholischer Überlieferungen freuen durfte,
die in ihm Auferstehung feiern konnten. So vermeldet Valerius Anshelm
in seiner Bemerchronik, daß am entscheidenden St. Vinzenztag
(22. Jänner) 1528 allein die Zunft der Metzger und « die von Diesbach
in ir kapel mit gepräng und messen haben lassen jarzit halten
Dis sind die letzste messen in der stiftkilchen gewesen ». 1 Man darf
in diesem Akt der Treue mit eine, wenn man will, psychologische,
im letzten Grunde freilich mystische Ursache sehen, daß nunmehr
dem alten Stamm ein Heiliger erstand.
Bischof Räß gibt die Konversionsgeschichte wie folgt wieder:
«Eines Tages geriet der junge Offizier zu Turin von ungefähr in eine
Kirche (nach P. Pfülf in den Dom), als ein Priester die Kanzel bestieg
und eine Predigt hielt über den Satz, daß es nur eine Kirche gebe,
in der man selig werden könne. Er hörte die ganze Rede und fand
dieselbe nicht ganz logisch, noch für ihn einleuchtend. Diesem Zweifel
entsprühte aber ein Lichtfunken, der ihm zum Heilsstem geworden.
Der junge Offizier folgte dem Prediger in die Sakristei und fragte ihn,
ob er beweisen könne, was er eben vorgebracht und behauptet habe.»
Der Priester lud den Fragesteller zu einer Aussprache. « Der junge
Mann entsprach wirklich der Einladung, war aber nicht wenig über¬
rascht, als der fromme Priester sich auf die Knie warf und den Offizier
ersuchte, das Nämliche zu tun, und gleich um die Erleuchtung durch
den Heiligen Geist zu bitten betreffs ihrer bevorstehenden Unterredung.
Beim Aufstehen sprach der Jüngling zu seinem Ananias : Ich bin schon
halb geschlagen ; ich hatte meine Einwendungen bereit; jetzt aber
fühle ich schon derselben Schwächen, und es bleibt mir nichts anderes,
als Sie um Ihren Unterricht zu bitten. » Der Psychologe im Priester¬
kleide hatte den Mystiker erkannt und gefangen. «Der Neophyt
wünschte seine Irrtümer öffentlich abzuschwören, wiewohl er voraussah,
daß er durch diesen Schritt nicht nur seiner Offiziersstelle, sondern
auch seines väterlichen Vermögens verlustig würde. » Der Erzbischof
von Turin, wohl Kardinal Joh. Bapt. Rovero (1744-1766) ließ es
indes nicht zu. Nach seiner Konversion «besuchte Dießbach jeden
Tag mit einem Gebetbuch in der Hand die heilige Messe .... und
empfing öfters die heiligen Sakramente. » Diese Haltung hatte nun
doch den Verlust seines Vermögens und der Offizierscharge im Schweizer-
1 V. 244, Bern ed. 1896.
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30
\
regiment zur Folge. Dafür übergab Karl Emanuel I. dem mutigen
und gebildeten Offizier eine Kompagnie in einem sardinischen Regiment,
ja zog ihn an den Hof und vertraute ihm den militärischen Unterricht
des Kronprinzen, des späteren Königs Viktor Amadeus III. (1773
bis 1796). 1 Daß Dießbach gerade diesen Prinzen, obwohl um sechs
Jahre jünger, unterrichtet haben soll, von dem es dann als König
heißt, er habe Potsdam kopiert 2 , vermag vielleicht auch die militärischen
Qualitäten Dießbachs zu beleuchten.
Daß Dießbach erst nach seiner Konversion in die Ehe trat s ,
steht unbedingt fest; die gegenteilige Meinung 4 besitzt keine Stütze.
Die Ehe scheint kaum 4-5 Jahre gewährt zu haben, nach Mülinen
1755-1759. P. Haringer spricht von einem dreijährigen Mädchen,
das ihm die Gattin als Vermächtnis hinterließ, P. Pfülf von zwei
kleinen Mädchen. In der Folgezeit ist jedenfalls nur von einer Tochter
die Rede 6 ; «auf einer seiner (späteren) Missionen in Turin drückte
Dießbach seiner Tochter, welche er in dem Kreuzkloster der Augu-
stinerinnen als ein Muster der Frömmigkeit sterbend an traf, die Augen
zu ». 6 Das Mädchen mag damals kaum 20 Jahre alt gewesen sein.
Nach dem Tod seiner Gemahlin trat Dießbach 1759 — wie ehedem
der hl. Franz von Borgia — im Alter von 27 Jahren in die Gesellschaft
Jesu ein 7 ; sein Noviziat verbrachte er zu Chieri 8 , kaum zu Mailand 9 ;
die Studien beschloß er wohl erst 1764 10 , nicht schon 1761. 11 Lorsqu'il
fut ordonn£ prötre, l'officier g^n^ral devenu j&uite desira cdl^brer
sa premiäre messe au milieu de sa patrie et de sa famille. II passa
ä Berne, oü la conVersion d'un pareil concitoyen avait excit6 plus
d’un murmure. On l’y vit, humble et plein de foi, se derober avec
encore plus d'empressement aux temoignages d’admiration qu’aux
menaces dont on craignait qu’il ne füt l’objet. Comme il l’avait souhait6,
il chanta sa pretniere messe, en 1764, dans l’Sglise du College de Fribourg,
au milieu de ses parents qui restaient fidäles au vieux culte et de ceux
qui l’avoient abandonne. 12 An die Erfahrungen Dießbachs als Katholik
und Priester anläßlich seines Übertrittes und Bekenntnisses, sowie
anläßlich der Heimkehr erinnert deutlich eine Stelle in seiner Denk¬
schrift an Leopold II., die von der Unduldsamkeit des Protestantismus
1 P. Haringer, 17. — * Hermann Reuchlin, Geschichte Italiens, 1859, I. 17.
— 3 P. Innerkofler, 37. — 4 P. Hofer, 95. — 6 Mit Namen Delphine (geb.
6. November 1757), (P. Coüet). — • Bischof Räß. — 7 Am 19. Oktober
(P. Coüet). — » P. Pfülf. — 8 Cr 6 t ine au- Joly. — 10 Critineau-Joly. — 11 P. Pfülf.
— 11 Critineau-Joly, 422.
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3i
gerade in Zürich, Bern und Genf spricht. « Es gab für den Konvertiten
kein Natur- und kein Staatsrecht mehr. » 1
Priester geworden, «entwickelte Dießbach einen rastlosen Eifer
als Missionär und Schriftsteller. Es kam vor, daß er an einem Tag in
verschiedenen Kirchen deutsch, französisch und italienisch predigte. Er
wirkte in Italien, Frankreich und Deutschland .» 2 Als Wanderprediger
und Missionär durchzog er vor allem Piemont und die Schweiz 3 ;
er wirkte in Turin und in Freiburg. 4 Als Schweizer, der drei Sprachen
schon mit der Muttermilch in sich aufnahm, war er für diese Aufgabe
wie geschaffen. «Von seinem früheren Stand hatte er die biedere
Freimütigkeit und die militärische Eloquenz beibehalten, was zum
Erfolg seines apostolischen Eifers und seiner uneigennützigen und auf
offener Hand liegenden Treuherzigkeit nicht wenig beitrug. » 6
Nach Aufhebung der Gesellschaft Jesu 1773 dachte P. Dießbach
zuerst an die überseeische Mission, blieb aber dann doch in Europa. 8
Anfangs zog er sich zur Sammlung in die Benediktinerabtei Haute
Rive (Rivalta) zurück 7 , bald aber stand er wieder mitten im Leben
und wirkte in Turin und Freiburg, in Mailand und Wien als Glaubens¬
und Sittenprediger. II n’a plus le droit de se dire Jfeuite, il se fait
missionnaire. Avec quelques-uns de ses fr£res dans 1 'Institut, il ßar-
court les cantons catholiqnes, il r£chauffe la foi, raffermit le z 61 e et
inspire partout l’amour des bonnes mceurs et du devoir. Als Dießbachs
treuen Gefährten auf diesen Wanderfahrten nennt Cr6tineau-Joly
den Superior der apostolischen Schweizermission P. Joseph Herzog S. J.
(* 1727 in Baden in der Schweiz). 8
In Turin vor allem bildete Dießbach «einen Mittelpunkt für die
Freunde der untergegangenen Gesellschaft Jesu und für alle, die es
ernst meinten mit den Interessen der Kirche. Viele treffliche Laien
und auch manche ausgezeichnete Priester stellten sich unter Dießbachs
Leitung. Manche schlossen sich aufs engste an ihn an und sahen in ihm
ihren Meister und Führer. » P. Pfülf nennt als vier Jünger dieses
Turiner Vorromantikerkreises P. Sineo und P. Virgineo, ferner P. Petrus
Rigoletti S. J. und Dr. jur. Didier Richardot (1769-1849), der 1792
in Rußland in die Gesellschaft Jesu trat. 9 Hier läßt sich die Ver¬
mutung einschalten, daß Dießbach, der zwischen 1775 und 1790,
1 Bischof Räß, 129. — 2 P. Hofer, 95. P. Haringer, 17. — 3 P. Pfülf. —
4 Bischof Räß. — • Bischof Räß. — • Bischof Räß. — 7 P. Pfülf. —
8 P. Sommerogel, IV. 330 f. — * P. Sommervogel, VI. 1812 f.
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32
vielleicht mit Unterbrechungen, aber doch lange Jahre in Turin
zubrachte, damals auch mit dem um 20 Jahre jüngeren Joseph de
Maistre (1754-1821), der wohl zwischen 1788 und 1792 öfters nach
Turin kam, zusammengetroffen sein mag und daß er dann, gleichwie
auf Hofbauer, Penkler und Schmid in Wien, so auch auf diesen Roman¬
tiker und Publizisten, der noch dazu nach Kultur und Gesinnung
Savoyarde war wie der von Dießbach als Auktor der katholischen
Publizistik hochverehrte Franz von Sales, seinen Einfluß gewonnen
haben wird. In Turin und Mailand gründete Dießbach auch zuerst
jene Oeuvre de l’Amitil Chrötienne zur Verbreitung guter Schriften 1 ,
Vorläufer des späteren Wiener Vereins « Christliche Freundschaft ». *
« Die Leitung sollte stets in den Händen von zwei Priestern liegen,
denen zehn opferwillige Laien zur Unterstützung beigegeben wurden.
Alle Jahre erneuerte man die Kräfte durch gemeinsame geistliche
Exerzitien». 8 Der Gedanke liegt nahe, daß diese Gemeinschaft,
weniger ein Verein als vielmehr ein geistlicher Verband, der sich über
alle Länder verbreiten sollte, in gewissem Sinne dem hl. Klemens zum
Vorbild diente für seinen «dritten Orden », die sogenannte Oblaten¬
kongregation 4 , deren Organisation vor allem der Domherr Baron
Beroldingen, gleichfalls aus dem Wiener Dießbachkreis, mit durch¬
führen half. 6 Die Idee der « Christlichen Freundschaft», der in Wien
Baron Penkler Vorstand (96), führte Dießbach erstmals aus am Schluß
seines Hauptwerkes: Le chrltieft catholique. • Das diesbezügliche
18. Kapitel des Buches bringt Bischof Räß in deutscher Übersetzung.
Dießbach sucht darin nach Mitteln gegen die « Bücherpest», gegen die
« ansteckende Pestseuche » und « bösartige Ausdünstung » der schlechten
Literatur. Das Resultat, dem dann die Vereine in Turin und Mailand,
in Wien und Freiburg dienen sollten, lautet: «Lege eine wahrhaft
katholische, erbauende und streitende Bibliothek an und laß die Bücher
derselben so viel als möglich zirkulieren. » Ganz im Sinne des seligen
Papstes Pius X. sprach auch schon Dießbach den Gedanken aus,
daß Waffen wichtiger sind als Zierate. In diesem Punkte war Dießbach
ein wahrer mystischer Jünger des hl. Franz von Sales, des Patrons
der katholischen Publizistik. Seine Denkschrift an Leopold II. enthält
u. a. ein großzügiges Literaturprogramm, nach dessen Grundgedanken
sich die Verteidigung der Kulturgüter gegen Schmutz und Schund
1 P. Pfülf. — 2 P. Hofer, 96. — * P. Pfülf. — 4 P. Innrrkofler, 120 ft..
P. Hofer, 131 f. — 5 P. Hofer, 132. — • Turin 1771.
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33
wie der gediegene Wiederaufbau unter dem Schutze der Verteidigung
ex auctoritate Caesaris vollziehen sollte. Daß damit keine Über¬
schätzung bloßer Publizistik, der Presse an sich, gar des modernen
Zeitimgsunwesens das Wort geredet wurde, versteht sich für alle, die
den Geist des großen Bischofs von Genf und seines geistlichen Jüngers,
des seligen P. Dießbachs, fassen, von selbst.
Dießbach schrieb in französischer Sprache ; seine größeren Werke
erschienen nach P. Sommervogel alle in den Turiner Jahren: Le
chrüien catholique 1 ; La voix du zäe (1774) ; La pUU forte (1777) ;
Le solitaire chrtticn et catholique (Fribourg 1778). 1 Alle vier Werke
wurden 1774-1778 von P. Giovanni Dominico Giulio S. J. (1747-1831)
ins Italienische übersetzt (III. 1480). Im Jahre 1789 erschienen in
Paris Dießbachs Riflexions sur les ordres religieux, welche P. Anton
Eglauer S. J. (1752-1822), der 1790 gleichfalls nach Wien kam, in
deutscher Handschrift hinterlassen’ hat (III. 347). Eglauers Nachlaß
befindet sich in Linz a. d. D. * Das von Bischof Räß deutsch publizierte
18. Kapitel des Hauptwerkes wurde 1817 ^ Turin ins Italienische
übertragen, das ganze Werk (II cristiano cattolico) 1823 in Mailand
von Conte Francesco Pertusati. In die Turiner Zeit fällt auch die
Idee einer Revue, von der P. Sommervogel Nachricht gibt; im «Journal»
des Christoph de Murr 4 finde sich folgende Notiz : In Lombardia
Jesuitae opus periodicum de Religione elaborare coeperunt, sex tomulos
singulis annis, dirigente illud P. Diespach et. et.
Unter den Freunden des Turiner Kreises befand sich wohl auch
Pio Brunone Lanteri (1759-1830), der Gründer der Kongregation der
Oblaten der seligsten Jungfrau Maria von Pinerolo. Dieser seeleneifrige
Weltpriester, a der unter Leitung Dießbachs als Exerzitienmeister
und Missionär Großes leistete», versammelte zuerst, wahrscheinlich
zu Dießbachs Zeiten, Weltpriester um sich, den « Bund des hl. Paulus »,
der sich 1816 als Kongregation konstituierte unter dem Patronate
des hl. Petrus. * Die Constituzioni e Regole della Congregazione degli
1 Turin 1771, in zweiter Auflage 1826 herausgegeben von der Pariser Soci6t6
catholique des bons livres, wrclche das geistige Erbe Dießbachs in Frankreich
verwaltete, ferner abgedruckt in Jacques Paul Migne, Dimonstrations 6vangfe-
liques (Paris). XII. 9-195.
* In Auszügen übersetzt im Einsiedler « Pilger > 1846 (P. Collet).
* Constaniin Wurzbach, Biographisches Lexikon des Kaisertums Österreich,
1858. IV. 3 f.
4 Vom 4. März 1779.
5 Wetzet-Welle, Kirchenlexikon. IX. 617 f. 1895 2 .
REVUE D'HISTOIRE ECCLfesIASTIQUE 3
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34
Oblati di Maria Santissima, oder der Congregatio Oblatorum B. Mariae
Virginis, wie die Genossenschaft seit dem Breve Leos XII. vom
I. September 1826 offiziell hieß, finden sich samt päpstlichem Breve
in Ferdinand Frh. von Biedenfelds Geschichte aller geistlichen und
weltlichen Orden. 1 Als Gründer erscheinen im Breve Pius Bruno
Lanteri und Johannes Reynaud. Konstitution und Regeln der Kon¬
gregation geben das geistige Bild Dießbachs wieder in allen Einzel¬
heiten. «Ihr Stifter bezweckte besonders durch die Exerzitien des
hl. Ignatius auf Reform des Klerus zu wirken, den Bestrebungen des
Jansenismus durch die gesunde Moral des hl. Alphonsus Maria von
Liguori und der glaubenslosen Literatur durch Sammlung und Ver¬
breitung guter Schriften und Bücher, sowie durch Zerstörung von
schlechten entgegenzuwirken.» 1 Hinsichtlich des letzten Punktes
sagt die Konstitution : « Die Kongregation macht sich die Herausgabe
und Verbreitung guter Bücher zu einer ihrer Hauptaufgaben. In der
Tat sind während der letzten Jahre die schlechten Bücher zahlreicher
als je verbreitet worden und wirksame Mittel in der Hand der Gottlosen
und Feinde der Kirche zur Verbreitung der Irrtümer. Also müssen
die guten Bücher als ein besonderes Gegengiß benutzt, zur Befestigung
der Frömmigkeit und der Treue gefördert werden. Daher nehmen
sich die Geweihten hauptsächlich vor, gute Bücher selbst kennen zu
lernen und auf Mittel zu deren Verbreitung zu sinnen .» Die
Kongregation definiert sich in ihrer Verfassungsurkunde selbst als
«ein frommer Verein von Klerikern, welche beim Anblick des großen
Nachteils, den die vergangenen Revolutionen in betreff des Glaubens
und der Sitte bei den Völkern hervorgebracht, sich entschlossen, sich
durch die Vermittlung der Jungfrau Maria ganz Gott zu weihen.»
* «
*
Schon als Offizier unterrichtete Dießbach den sardinischen Kron¬
prinzen *; nun stand er wohl zu Viktor Amadeus III. (1773-1796)
und zu dessen Gemahlin Maria Antonia Ferdinanda (f 1785), Tochter
Philipps V. von Spanien, in freundschaftlichem Verhältnis. Dies
folgt aus der Mitteilung P. Haringers, Dießbach habe der Prinzessin
Carlotta, Tochter des Königs Viktor Emanuel I. ( 1 ), die sich mit einem
Herzog von Sachsen verehelichte, eine Schrift mitgegeben über die
1 Weimar 1839, I. 2. Sappl. 38-51, 117-120. — * Welxer-Weite. —
* P. Häring er, 17.
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35
Irrlehren des Protestantismus. Viktor Emanuel I. (1802-1821), der
im Alter von 43 Jahren seinem Bruder Karl Emanuel II. (1796-1802)
folgte, besaß allerdings von Maria Theresia von Österreich vier Töchter,
welche jedoch alle nach katholischen Ländern heirateten. Dafür
vermählte sich Maria Karolina Antonia, eine der drei Töchter Viktor
Amadeus III., somit die Schwester der drei aufeinanderfolgenden
Könige Karl Emanuel II., Viktor Emanuel I. und Karl Felix, mit
dem Herzog Klemens Theodor Anton von Sachsen, der 1827-1836 als
König zwischen seinem Bruder Friedrich August I. und seinem Neffen
Friedrich August II. den sächsischen Thron inne hatte. « Ursprünglich
für den geistlichen Stand bestimmt, gab er später, als durch die längere
Zeit kinderlos gebliebene Ehe seines Bruders die Fortdauer des alber-
tinischen Stammes gefährdet war, seinen Entschluß auf und vermählte
sich 1781 mit der 17-jährigen Tochter des Königs Viktor Amadeus III. »
Als diese am 26. Dezember 1782, ohne ihm den Erben zu schenken
starb, führte er die Erzherzogin Maria Theresia, die älteste Tochter
Leopolds II., nach Sachsen heim. 1
Nach den aus P. Tannoja schöpfenden Hofbauerbiographen 1
wurde Dießbach auch «der ehrenvolle Auftrag zuteil, die Prinzessin
Elisabeth von Württemberg, die erste Gemahlin des Kaisers Franz, im
katholischen Glauben zu unterrichten ; als sie schwer erkrankte, ver¬
langte sie nach ihm, starb jedoch, ehe er aus Turin ankam ». Da
Elisabeth, die Tochter des Herzogs Friedrich Eugen von Württemberg,
am 27. Dezember 1782 in Wien konvertierte, wohin das 15-jährige
Mädchen zum Zwecke des Unterrichtes und der Erziehung für ihren
Beruf gebracht worden war, steht zu vermuten, daß Dießbach um das
Jahr 1782 in Wien weilte. * Ob er damals das erstemal an den kaiser¬
lichen Hof kam oder dort schon zu Maria Theresias Zeiten thohe
Achtung und unumschränktes Zutrauen genoß » 4 , auf welchen Wegen
sich ferner die Verbindung zwischen Dießbach und dem Hause Öster¬
reich ergab, wird nirgends überliefert. Daß Dießbach nach 1782 wieder
nach Turin zurückkehrte, folgt u. a. daraus, daß Elisabeth ihn in ihrer
Todesnot von dort zu sich rief. Erzherzog Franz, der spätere Kaiser,
kam 1784 nach Wien und vermählte sich mit Elisabeth 1788 ; sie
1 Allg. deutsche Biographie, I. 493.
* Z. B. P. Haringer (17).
* Er kam nach Österreich, um die Wiener Reise Pius VI. vorzubereiten
(P. ColUt).
* M Minen.
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— 36 —
starb am 18. Februar 1790, zwei Tage vor Kaiser Joseph II. bei der
Geburt ihres ersten Kindes Ludovika im Alter von 23 Jahren.
Offenbar blieb Dießbach nach dem Tod der jungen Erzherzogin
in Wien, wo am 12. März auch Leopold II. eintraf. Am 30. September
wurde dieser zum Kaiser gewählt; von eben diesem Tag ist Dießbachs
Memorandum datiert. Vielleicht, daß er nunmehr die gegen Ende
des Jahres dem Kaiser, Gatten und Vater Leopdld II. aus Florenz
nachfolgende Familie, doppelt empföhlen durch die Konversion Elisa¬
beths wie durch seine Denkschrift, sicherlich auch dem kaiserlichen
Erzieher P. Graf Hohenwarth S. J. 1 , der 12 Jahre in Florenz am groß-
herzoglichen Hofe lebte, kein Fremder, als Miterzieher der jüngeren
Söhne unterstützte ; vielleicht auch, daß er dieser Aufgabe schon in
den 80er Jahren zugleich mit Hohenwarth in Florenz nachkam; die
auf P. Tannoja zurückgehende Notiz der Hofbauerbiographen, Dießbach
habe die jüngem Kinder Leopolds II. erzogen, läßt beide Deutungen
zu. Wenn es freilich Hohenwarth, der Freund Hells war, der unsem
P. Dießbach dem kaiserlichen Hof empfahl, dann läge es nahe daran
zu denken, Dießbach sei 1792 in Hohenwarths Fußstapfen getreten,
als dieser zum Bischof von Triest ernannt wurde. Von den 16 Kindern
Leopolds II. und seiner Gemahlin Maria Louise, der Tochter Karl III.
von Spanien, kämen in den 80er Jahren als Zöglinge in Frage : Franz,
der älteste Sohn und Erbe (* 1768), Ferdinand (1769), Karl (1771),
Leopold (1772), nicht Albrecht und Maximilian, die im zartesten
Alter starben, kaum auch Joseph (1776) und Anton (1779). Fiele
Dießbachs Mission als Prinzenerzieher freilich in den Anfang der
90er Jahre, also in die Wiener Periode, etwa gar nach Abgang Hohen¬
warths, dann kämen außerdem Johann (1782), Rainer (1783) und
Ludwig (1784), kaum aber Leopolds jüngster Sproß Rudolph (1788)
in Frage. Wenn wir allerdings bedenken, daß Dießbachs Denkschrift
an Leopold eine gewisse Vertraulichkeit voraussetzt, andererseits
erfahren, daß von allen Kindern Leopolds die zweite Tochter Erz¬
herzogin Maria Anna (1770) Dießbachs Geist und Vermächtnis am
stärksten festhielt, so scheint die Annahme älterer, vielleicht durch
P. Graf Hohenwarth vermittelter Beziehungen wahrscheinlich. Daß
diese sich jedoch erst in der Wiener Zeit in dem Sinne pädagogischer
Beziehungen verdichtet haben mögen, dafür spricht u. a. die Verbindung
des jungen Erzherzogs Johann mit dem Historiker Johannes von
1 Wurzbach , 1863, IX. 208 f.
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37
Müller, dem Landsmann Dießbachs, der 1792-1804 in Wien lebte 1
und hier, wie seine Briefe zeigen, mit Dießbach verkehrt haben muß,
ferner vielleicht auch die Sympathie Erzherzogs Rainers für Hofbauer. 2 3
Die auf Erziehung kaiserlicher Kinder bezüglichen, allerdings recht
lückenhaften Familienakte des k. k. Haus-, Hof- und Staatsarchivs
in Wien vermelden jedenfalls nichts von einer pädagogischen Mission
Dießbachs weder in Florenz noch in Wien. Nach dem Tode Leopolds II.,
dem zwei Monate später die Gemahlin folgte, besorgten die religiöse
Unterweisung der jüngem Brüder des nunmehrigen Kaisers Franz,
nämlich der Erzherzoge Anton, Johann, Rainer und Ludwig, zwei
andere Kleriker, Abb£ Parker und P. Benignus Job *; letzterer nicht
zu verwechseln mit dem späteren Beichtvater der Kaiserin Karolina
Augusta, der vierten Gemahlin Franzens, mit Sebastian Job. Nach
dem Grundsatz, daß man die Güte eines Geistes an seinen lebendigen
Früchten, vor allem daher an seinen pädagogischen Erfolgen zu messen
vermag, wäre es wohl von Interesse zu wissen, wen außer Maria Karolina
Antonia von Sardinien und Elisabeth von Württemberg, vor allem
also welche Kinder Leopolds II. Dießbach unterrichten oder erziehen
durfte. Da die Hauptquelle, nämlich das Familienarchiv des Hauses
Österreich schweigt, scheint die Frage kaum mehr zu lösen. Im Wiener
k. k. kunsthistorischen Hofmuseum befindet sich ein Gemälde von
Giovanni Zoffani « Großherzog Leopold von Toskana und seine Familie »,
welches zeigt, daß die idealsten natürlichen Vorbedingungen in Rasse
und Kultur dem paedagogus ad Christum die Aufgabe wesentlich
leicht machten. Die Söhne Leopolds II. sind denn auch alle Männer
geworden, deren Kirche und Vaterland dankbar gedenken dürfen,
eines Erzherzogs Karl, des Siegers von Aspern, oder eines Erzherzogs
Johann, des deutschen Reichsverwesers, des Freundes der Tiroler,
Steirer und Schweizer, oder eines Erzherzogs Rudolph, des Schülers
von Beethoven und kunstsinnigen frommen Fürsterzbischofs von
Olmütz.
Das Verhältnis zum Hof vor allem scheint Dießbach nach Wien
geführt zu haben, zugleich auch das Bewußtsein von der Bedeutung
Wiens im entscheidenden Ringen der Geister um die Kultur. Schon
vor ihm diente ein Johann Friedrich von Diesbach, Fürst von St. Agatha
1 Allg. deutsche Biographie, XIV. 282 i.
3 P. Inner hofier, 827.
3 Familienakte, 202.
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- 38 -
(1677-175 1 )» als Feldmarschall dem Kaiser Karl VI. 1 Die katholisch-
romantischen Sympathien der Johannes von Müller (1752-1809),
Karl Ludwig von Haller (1768-1854), der Friedrich Emanuel von
Hurter (1787-1856), Joseph Konstantin Siegwart-Müller (1801-1869)
für Österreich, seine Ideen und sein kaiserliches Haus teilte mit unserem
P. Nikolaus Joseph Albert von Dießbach S. J. noch Bernhard Gottlieb
von Diesbach (1750-1807), der als Botschafter Aloys Redings 1802
in Wien weilte. «Als im Frühjahr 1802 Reding und seine Freunde
von der Leitung der vaterländischen Geschäfte entfernt wurden,
protestierte Diesbach in Wien gegen die neuen helvetischen Regenten
und wollte sie nicht anerkennen. Er ward hierauf zurückberufen, blieb
aber in Wien »*; er starb 1807 zu Enzersfeld, Bezirk Komeuburg
bei Wien.»
Im Jahre 1788 sandte Dießbach von Turin seine Jünger aus,
Virgineo nach Paris, Sineo und Rigoletti nach Wien, wo sie mit Baron
Penkler und Kardinal Migazzi in Verbindung traten. 4 1790 kam
Dießbach endlich selbst nach Wien ; der Tod seiner Schülerin mag
ihn dorthin geführt, der Regierungsantritt Leopolds II. bestimmt
haben, dort zu bleiben. Vom 30. September, dem Tag der Kaiserwahl
Leopolds, ist Dießbachs klassische Denkschrift datiert, die uns das
Bild und den biederen Charakter dieses Mannes am deutlichsten offen¬
bart ; sie wurde ohne Zweifel in Wien abgefaßt und dem Kaiser vielleicht
nach Frankfurt übermittelt; begonnen hat ihr Autor die Niederschrift
sicher schon in den Tagen nach der Ankunft Leopolds in Wien. Das
k. k. Haus-, Hof- und Staatsarchiv in Wien verwahrt in seinen Kaiser-
Franz-Akten (150) unter dem Stichwort «Projekte » eine anonyme
a M&noire d’un J&uite ä S. M. pour rltablir les J&uites et contre
les Jans6nistes » auf 134 eng, wie gestochenen beschriebenen Quart¬
seiten, welche nach kurzer Lektüre und nach Vergleich mit dem bei
P. Haringer (17) aus Gastaldis Lanteribiographie deutsch wieder¬
gegebenen Schluß unschwer als die Denkschrift Dießbachs, von der
alle Hofbauerbiographen, allerdings irrig als von einem 65 Seiten
langen Brief sprechen, zu erkennen ist, wenn auch der Name Die߬
bachs nirgends vorkommt und dem Archiv selbst die Kenntnis von
den Zusammenhängen verloren gegangen ist. Im Anhang zu unserer
Studie bringen wir einen Auszug aus dem Memorandum in der Sprache
1 Lutz, Nekrologe denkwürdiger Schweizer aus dem 18. Jahrhundert, Aarau
1812. 109 f. — 2 Lutz, 108 f. — 3 Allg. deutsche Biographie, V. 145 f. —
4 P. Pfülf.
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39
und Rechtschreibung des Originals, weil uns dasselbe, besser als dies
unsere Zusammenstellung vermag, den Geist und Charakter Dießbachs,
seine Bedeutung für das 19. Jahrhundert wiederzuspiegeln scheint.
• *
Wann haben, diese Frage erhebt sich nunmehr, P. Dießbach und
P. Hofbauer einander kennen gelernt ? Daß als Ort nur Wien in
Betracht kommt, steht fest. P. Haringer vermutet, daß Hofbauer
schon in seiner Wiener Studienzeit, also zwischen 1780 und 1784 Dießbach
näher getreten sei und « von dem erleuchteten Eifer, mit dem derselbe
den religiösen Sinn des Volkes inmitten josephinischer Religionsdekrete
zu beleben .... bestrebt war, Nutzen zog. Jedenfalls scheint er durch
ihn zur Kenntnis und Hochachtung der asketischen Schriften des
hl. Alphonsus gekommen zu sein. » Daß Dießbach um 1782 sicher
in Wien weilte, sahen wir schon ; die Möglichkeit des Zusammentreffens
bestand somit. Damals mögen auch Dießbach und Penkler einander das
erstemal begegnet sein, vielleicht aufeinander aufmerksam geworden
durch die beiderseitigen Beziehungen zu dem berühmten Astronomen
P. Hell. 1 Hell war der erste, den Penkler in Maria Enzersdorf beisetzen
ließ ; er selbst wählte sich später sein Grab an der Seite des Freundes. Die
von P. Michael Denis S. J. dem Astronomus Europae notus gewidmete
Grabschrift enthält zum Schluß eine Votivzeile : Penkler amico posuit.
« Das letzte Gedenken an einen Mann, dessen Name mit der vor kurzem
bei einer Neubelegung seines Grabes (neben Hells Grabstätte) ver-
bröckelten, spurlos verschwundenen Grabtafel im Enzersdorf er Friedhof
gänzlich erloschen ist»*. Im Jahre 1794 folgte Hells Mitbruder,
P. Andreas Michl S. J., gewesener Missionarius in Kalifornien, vor
seinem Tode Schloßkaplan auf Liechtenstein, dem Penklerschen Besitz,
zu dem Pfarre und Friedhof von Maria Enzersdorf gehörten. All dies
beweist die Beziehungen Penklers zu den alten Jesuiten, so daß die
Annahme sehr wahrscheinlich wird, Dießbach sei gleich anläßlich seines
ersten Wiener Aufenthaltes durch Hells Vermittlung mit ihm in Ver¬
bindung getreten. Da nun gewöhnlich auch die Freundschaft Penklers
mit Hofbauer in diese Jahre angesetzt wird *, so ließe sich schon daraus
auch auf ein Zusammentreffen Dießbachs mit Hofbauer schließen.
1 Wursbach, VIII. 262 ; XXI. 453. — * Heinrich Güitenberger, Die Holbauer¬
gemeinde im Friedhof zu Maria Enzersdorf, Wiener « Reichspost», März 1921. —
* P. Hofer, 28.
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40
Der um 20 Jahre ältere Dießbach wird den beiden gleichaltrigen
Freunden, dem kaiserlichen Beamten und dem werdenden Priester
dann sicher bestimmende Anregungen vermittelt haben. Wenn Dießbach
wirklich Hofbauer als erster auf die Werke des hl. Alphonsus Maria
von Liguori aufmerksam gemacht hat, so läge darin die natürlichste
Erklärung für den so plötzlichen Eintritt des Österreichers in eine
fremdländische, diesseits der Alpen völlig unbekannte Genossenschaft. 1
Daß dann in Wien gerade Dießbach als Hofbauers entscheidender
Seelenführer in das Leben des kommenden großen Apostels eingegriffen
haben muß, dieser Gedanke drängt sich dem Mystiker auch dann
geradezu auf *, wenn nicht bekannt w^re, daß Hofbauer sich auch
in den späteren Wiener Jahren einen Dießbach jünger, nämlich Franz
Schmid, zu seinem Beichtvater wählte.
Als völlig gewiß nimmt P. Haringer an, daß die beiden Männer
einander, wenn nicht während Hofbauers Studienzeit, so doch 1785
nach der Heimkehr des jungen Redemptoristen aus Italien kennen
lernen mußten. Längstens in diese Zeit setzt P. Hofer auch Hofbauers
Bekanntschaft mit Penkler. Ob sich Dießbach damals noch in Wien
aufhielt, muß freilich dahingestellt bleiben, wenn auch z. B. Holzhalb
von einer Berufung Dießbachs nach Wien im Jahre 1784 spricht, um
«die Aufsicht über die Erziehung des Erzherzogs Franz zu führen ».
Wir werden später sehen, daß letztere Angabe sicher auf einem Mi߬
verständnis beruht. Nach P. Hofer endlich sind Dießbach und Hofbauer
einander nicht vor Herbst 1795 begegnet, da Hofbauer seinen Lehrer
erst in‘Briefen aus den folgenden Jahren, dann aber wiederholt und
in den Ausdrücken höchster Verehrung nennt (95 ). Für diese Annahme
spricht auch der Brief P. Sineos an Hofbauer vom 23. Jänner 1796
(98), der die Deutung sehr nahe legt, daß es sich um eine allerjüngste
Bekanntschaft, zum mindesten mit Sineo selbst handelte.
Daß Dießbach eifriger Förderer der Schriften des hl. Alphonsus
war, entnehmen die Hofbauerbiographen wieder aus P. Tannoja, der
den unten folgenden Brief Virgineos aus Wien wiedergibt. 8 P. Tannoja
1 P Hofer, 33 f.
* P. Innerhofier, 38.
* «Se non per altri, conosciuto si d Monsignor Liguori di quä dai Monti,
ed in vari luoghi di questi Regni, anche per opera e zelo di Giuseppe Alberto
Diesbach, famoso Exgesuita. Questi avevalo come il piu esimio tra Dottori,
che Iddio in questi Ultimi texnpi abbia dato alla sua Chiesa; e che solo il Liguori
abbia avuto petto per opporsi ai correnti pregiudizi, e sosteneme la pugna a fronte
dei tanti sfacciati Giansenisti, a favore della Morale Evangelica. Molto contribu)
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4i
zitiert auch einen Brief Hofbauers vom 19. August 1802, nach P. Inner-
kofler (149) von 1800, der das Urteil des Heiligen über sein Vorbild
in den lapidaren Satz zusammenfaßt: Erat vir et doctus eximie et sanctus
eminenter. 1
Über das Verhältnis Hofbauers zu Dießbach faßt P. Hofer (96)
seine Auffassungen wie folgt zusammen : « Was der Heilige im Verkehr
mit diesen Männern (des Dießbachkreises) empfing oder gab, läßt
sich nicht nachweisen. Daß er wenigstens dem um 20 Jahre älteren
Dießbach manche Anregungen und Leitgedanken für sein eigenes
Wirken verdankte, ist wohl von vornherein anzunehmen und geht
aus der Art, wie er von Dießbach zu reden pflegte, deutlich hervor.
In seinen letzten Jahren in Wien besuchte Hofbauer oft Dießbachs Grab
in Maria Enzersdorf; sein Wunsch war, einst an seiner Seite den
Tag der Auferstehung erwarten zu dürfen. » Diese Nachricht geht zurück
auf P. Haringer, der als Zeugen anführt die Salesianerin Aloysia von
Pilat mit ihren Aussagen im Einleitungsprozeß und einen Brief
P. Emanuel Fleischmanns O. F. M., des Guardians von Maria Enzers¬
dorf vom 18. Dezember 1857. P. Innerkofler schließt aus diesen
beiden Zeugnissen mit Recht, daß Hofbauer in Dießbach, « dieser
wahren Heldengestalt katholischen Priestertums », wohl « das Ideal seiner
Jugend gefunden haben muß, dem er nachzueifem strebte» (36).
« Dießbach ist unstreitig eine ähnliche Gestalt gewesen wie unser
Heiliger » (37).
(Schluß folgt.)
questo per vedersi divulgata la sua Moral Theolog 1a, specialmente nella Svixxera,
ne 11 a Francia, nella Baviera, ed in altri luoghi della Germania. Anche in modo
particolarc prezzava lo Diesbach tutte le di lui Opere Ascetiche ; e non riguarda-
vale, che come ripiene dello spirito di Dio. Le sparse per ogni dove ; ne promosse
le versioni ; e voleva si racomandassero ai popoli, per fomentarsi in essi la vera
pietA christiana. Vivendo Monsignor Liguori, veneravalo come un santo, e godevane
in sentire qualche particolaritA dell’inocente sua vita. Essendogli capitata dopo
morto un orazione funebre in sua lode, sul dubbio che non si smarisse, dandola
ad altri per leggerla, ne conservava copia manoscritta ; ed anche di queste altre
copie, per cosi prevenlrne ogni smarrimento. Sperava un giomo vedersi cano-
nizzato ; e desideravalo ardentemente, anche perchö riputavalo un compiuto
trionfo della veritA da esso difesa.
1 Dann fährt er fort: noverat optime venerabilem Patrem nostrum, venerator
eins maximus erat. Non semel mihi soli, in praesentia aliorum asserebat, quod
Deus suscitavit, ut pro puritate doctrinae, pro Sede Sancta quasi mumm contra
inimicos Ecclesiae sese opponeret.
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La chapelle
de la Grave ä Laconnex (Genöve)
Par Louis COPPIER
Ce sujet a döjä 6tö traitö par M. le chanoine Fleury, dans sa brochure
intitul6e « Laconnex, Chapelle du chäteau de la Grave »*. (Extrait de la
Revue de la Suisse catholique, Fribourg, Imprimerie suisse catholique, 1885.)
Je n’aurais pas os 4 traiter cette question aprös Fleury, si de nouveaux
docuraents puisös aux archives du Sönat de Savoie, k Chamböry ; aux
archives des Affaires ötrangöres, k Paris ; et aux archives d'Etat, k Genöve,
ne m'avaient permis d'insister sur le raouvement diplomatique au^uel cette
modeste chapelle avait donnö lieu.
A.G.
R.C.
A.S.S.
A.E.
ABBRÄVIATIONS :
= Archives d’Etat, Genöve.
= Registre des Conseils aux archives de Genöve.
= Archives du S6nat de Savoie, Chamböry.
= Archives du Ministöre des Affaires ötrangöres, Paris.
1 Vieille famille savoyarde, dit Foras, dont les possessions föodales Han»
l’ancien bailliage de Temier, örigfees en baronnie en 1757, sont passöes sous la
possession de Genöve. Noble Marin de la Grave eut de Nicoline de Viry (contrat
de mariage 1599) denx fils : Jacqnes et Marc. Noble Jacques, 1 ’alnö, fut le grand-
pöre de Pierre de la Grave, le fondateur de la chapelle. Pierre de la Grave öpousa,
le 8 mai 1793, noble demoiselle Marguerite Denis, de Chamböry. Leur fils Joseph-
Nicolas fut le demier de la branche alnöe. Celui-ci testa en faveur de la famille
Denis. N ble Gaspard Denis, son cousin germain, habitait le chäteau de Laconnex,
au moment de la Revolution. — Marc de la Grave forma la branche cadette qui
refut investiture et £rection de la baronnie d’Avusy et de Sezegnin. Cette branche
donna k la Savoie un sönateur, Francois-Marie, et plusieurs officiers, entre autres :
le major g£n6ral Joseph-Alexis, premier baron d’Avusy, mort en 1782. et son
fils Nicolas-Philibert, major g£n£ral en 1826, qui commanda la brigade de Savoie.
De Foras, Armorial de Savoie, t. III. Archives de Genöve : papiers de la famille
de la Grave d’Avusy.
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43
Vers la fin de l’ann^e 1698, Genfeve apprit avec stupeur qu'un
gentilhomme savoyard, Pierre de la Grave, avait fait construire une
chapelle dans son chäteau de Laconnex et qu'il avait os£ y faire dire
la messe I
Ce chiteau de Laconnex 6tait situe sur les terres de Saint-Victor
et Chapitre 1 , ces terres qni £taient l’occasion de perp&uels conflits
entre Genfcve et la Savoie.
En 1698, le culte catholique £tait rigoureusement proscrit sur
tout le territoire de la Seigneurie *, non seulement sur les terres (dites
Franchises de Gen&ve) oü, comme h£riti£re du pouvoir temporel de
l’^vfique, la Seigneurie £tait souveraine absolue, mais aussi sur les
terres de Saint-Victor et Chapitre, oü eile devait partager la souve¬
raine t£ avec la Savoie.
On comprend 1 'Emotion du Conseil, lorsqu'il apprit que la messe
avait 6 t 6 c 61 £br£e sur ces terres, et que c’ltait Pierre de la Grave qui
&ait l’auteur de cette 0 innovation ». Le Conseil connaissait, de longue
date, le cajractfcre violent, 6iergique, tenace, de cette famille de la Grave,
rest^e passionn&nent attach^e ä la Savoie et ä sa foi catholique. Entre
Genfeve et ces gentilshommes savoyards, la lutte £tait constante, quel-
quefois tragique : Francis de la Grave, p£re de Pierre, avait 6 t 6 d6capit£
sur la place du Molard, en 1666, par ordre de la Seigneurie. Ce Frangois
de la Grave, en 1658, au cours d’une rixe, avait mortellement frapp^
1 Ces terres de Saint-Victor et Chapitre Etaient les anciennes possessions du
PrieurE de Saint-Victor, du Chapitre de Saint-Pierre et de quelques autres Etablis¬
sements religieux, sur lesquels, avant la REforme, la Savoie exergait une part de
souverainetE. Devenue calviniste, GenEve prit possession de ces terres ; mais, eile
ne put le faire qu’avec l'appui des Bernois, ses alliEs. Elle dut, aprEs la conqttEte,
cEder aux Bemois tous les droits que les ducs de Savoie avaient dans ces terres.
Lorsque les ducs reprirent cette parlie de leur territoire, ils laissErent 4 GenEve
ses anciens droits, mais ils se substituErent aux droits des Bemois. Ce partage
de souverainetE entre deux gouvemements hostiles amena souvent, entre eux,
de grandes difficultEs. Voir CEsar Duval : Terres de Saint-Victor et Chapitre
dans Parteien bailliage de Ternier et Jkan-Antoine Gautibr, Traiti historique
sur les Terres de Saint-Victor et Chapitre. (Manuscrit : A. G.)
* Depuis le 30 novembre 1679, ffite de saint AndrE, la messe Etait cElEbrEe 4
GenEve ; mais c’Etait chez le REsident de France, par la volontE de Louis XIV
et malgrE l’opposition des Conseils et l’hostilitE de la population genevoise. Voir
Albert Rillibt, Le Ritablissement du Catholicisme ä Genive, il y a deux siicles
et Flbury, Histoire de YEglise de Genive, t. II. ch. xiii. — Georges Goyau,
Genive, Ville-Eglise , t. I. — A. Vogt, Correspondant, 10 juillet 1914 : REtablisse-
ment du Catholicisme k GenEve. — FRfeDfeRic Barbey, Correspondance de Roland
DuprE, second rEsident de France 4 GenEve, dans Mtmoires et Documents publiEs
par Soc. hist, et arch. GenEve, t. XXIX. — Picot, Hist, de Genive, III, 51 et 59.
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44
son fröre Antoine. II est vrai de dire qu’Antoine venait de tuer, k ses
cdtös, son beau-fröre Michel Pirasset, et que c’ötait pour döfendre
son beau-fröre que Francis avait tirö sur Antoine. Graciö par le Duc
de Savoie Ä , Francois commit l'imprudence, huit ans aprös, de se rendre
k Genöve. II fut aussitöt saisi, emprisonnö. Repoussant une humble
supplique de son ennemi, la Seigneurie se montra inexorable : « consi-
dörant qu’oubliant toute crainte de Dieu et döpouillant toute human it£
(Francois de la Grave) se serait abandonnö k commettre le crime d'homi-
cide et divers excös de violences et proförö des jurements et veignements
horribles contre la Majestö divine » condamne « le dit Francois de la
Grave k ötre liö et mene ä la Place du Molard, et lä avoir la töte tranchöe
sur un öchaffaud pour servir d'exemple k ceux qui tels cas voudroyent
commettre 1 ».
Cette dure sentence fut exöcutee, le 15 aoüt 1666. Francois de la
Grave avait 26 ans !
Pierre de la Grave dut garder, dans son coeur, im vif ressentiment
contre Genöve, qui s'ötait montröe impitoyable envers son p&re...
En construisant cette chapelle, oböissait-il k im dösir d’apostolat ou
voulait-il se venger de la Seigneurie ? II ne pouvait trouver vengeance
plus cruelle !
Le culte papiste reapparaissait sur les terres de Saint-Victor ; voili
ce qui inquiötait la Seigneurie et ce qu’elle voulait empöcher k tout prix.
Les Registres du Conseil, dös döcembre 1698, tömoignent de cette
inquiötude. Non seulement la Chapelle du Sieur de la Grave existe,
disent les rapports qui parviennent au Conseil, mais on y a chantö
la messe et difförents eures du voisinage y assistaient *... Le jour
de «Noel, la messe est cölöbröe de nouveau... II fallait agir, agir sans
retard ; mais comment ? Convenait-il de se plaindre k Chamböry ?
Evidemment, Genöve pouvait invoquer les traitös, mais auparavant,
ne valait-il pas mieux employer la persuasion et essayer, par la douceur,
d'obtenir du Sieur de la Grave qu'il fermät sa Chapelle. Ce fut le Con-
seiller Favre qui se rendit k Laconnex 4 et qui expliqua k Pierre de la
1 Archives de Gen£ve N° 3848, proeds criminels.— R. C. 1658, p. 183, 85. 86,
222 et 1666, p. 147, 148.
* Cette ex6cution de Franfois de la Grave jointe ä l’affaire de Corsinge, faillit
amener la guerre avec la Savoie. Le Duc de Savoie en fut tris irritö et fit de grands
pr6paratifs militaires. Voir Gautibr, Histoire de Genive, t. VII. p. 446-447, —
Picot, Hist., III, 21.
* Reg. du Conseil 1698, p. 387, 388, 400.
* Id., p. 422, seance du 27 d6cembre.
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45
Grave que la Seigneurie, souveraine pour le Spirituel sur les terres
de Saint-Victor, ne pouvait l’autoriser k ouvrir une chapelle.
Avant de r^pondre ä cet argument, La Grave se r^pandit en repro-
ches amers contre la Seigneurie : Ne lui avait-elle pas refus£ l’affran-
chissement de quelques poses de terre ?... ce qui aurait adouci en
quelque manifere le fächeux 6tat oü l’avait r 4 duit le jugement fait k
son p&re. Le Juge du lieu le traite comme le demier des paysans !...
Le Procureur gÄi^ral, lui-mfime, lui £crit avec une hauteur insuppor-
table k un gentilhomme, et cela au sujet d’une gerbe de bM I Revenant
4 la chapelle, La Grave, apr&s avoir montr£ au Conseiller l'autorisation
4 lui donn6e par la Cour de Turin et par «l’Evöque d'Annecy 1 2 * », aborde,
lui aussi, la question des trait^s ; il invoque le TraiU de Lyon *, le
Dipart de Bdle *, le Mode de vivre fait avec Charles-Emmanuel 4 * et
conclut en niant absolument la souverainet^ de la Seigneurie, pour
le Spirituel, sur les terres de Saint-Victor et Chapitre.
Le conseiller Favre visite la chapelle et la d&rit ainsi : o Elle est
situöe du c6t£ du Levant, jointe k la maison, eile est en octogone
de pierre de taille large de six pieds et demie et longue de sept et demie ;
il y a dedans un autel, couvert d'une tapisserie de bergame, im crucifix
au milieu avec deux chandeliers. Cet espace ne peut contenir que quatre
personnes et le prestre sur l'autel encor avec ass6s d'incommoditä ».
La porte de la chapelle donne sur la cour. La fenÄtre ext&ieure est
peinte en ornements de chapelle. Il y a une croix sur la porte.
Les deux parties se s£par£rent sans s’ötre convaincues. Favre,
rendant compte de sa mission au Conseil, ajoute que La Grave s'est
jetd dans la d^votion, qu’il £crit un livre de controverse, mais qu'il
lui a paru 6tre « homme pos 4 et ass£s honeste » 6 * 8 .
De son cöt£, La Grave songeant aux multiples ennuis qu'allait lui
1 Sic dans Je manuscrit: En realit£, il s’agit de l’Evfique de Gendve, r6sidant
4 Annecy.
2 TraiU de Lyon, 17 janvier 1601, entre Charles-Emmanuel I er , duc de Savoie,
et Henri IV, roi de France, pour l’eschange du marquisat de Saluces avec la Bresse.
le Buget, le Valromet et Gex. — Voir : TraiUs publics de la Royale Maison de
Savoie, p. 194.
* Dipart de Bdle, 1544, trait6 entre GenÄvc et Berne ; voir J.-A. Gautibr,
Histoire de Genive, III, p. 119 4 128, 139 4 149, 168 et 169.
4 Mode de vivre conclu entre Emmanuel-Philibert (non pas Charles-Emmanuel),
duc de Savoie, et la ville et cit6 de Genäve, 4 Berne, le 5 mai 1570. Voir Lucibn
Gramer, La Seigneurie de Genive et la Maison de Savoie, 1569 4 1603, II, docu-
ment, p. 242 4 250.
8 Registre Conseil 1698, p. 425, Seance du 30 d6c., rapport du conseiller Favre.
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- 46 -
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attirer son refus d’ob&ssance, proposa ä la Seigneurie de lui vendre
son chäteau 1 . L'avocat Sales fut charg£ de cette ddlicate mission,
mais les pr^tentions exorbitantes du seigneur la firent 6chouer *.
Le 13 fövrier 1699 le Conseil apprend par spect. Tronchin, pasteur
et professeur, que deux Capucins ont c£l£br6 la messe dans la chapelle
le jour de la Chandeleur (2 fövrier).
Le 11 avril 4 , nouvelles alarmes : un prÄtre, en babits sacerdotaux,
est sorti de la chapelle, portant le viatique au nomm£ Lötanche, suivi
de La Grave et de plusieurs autres.
D6cid6ment, ce gentilhomme dtait dangereux, im perturbateur du
repos public! Emue et irrit^e, la Seigneurie lui d^pute le conseiller
Abraham Mestrezat *, avec l'ordre formel de fermer la chapelle et de
d&endre tout exercice du culte papiste. La persuasion avait £chou£!
Abraham Mestrezat, accompagn6 de Laurent, juge de Saint-Victor, et
d’un greffier, se rend k Laconnex le 30 mai 1699. Le Sieur de la Grave
n’^tait pas au logis. Sa m&re re£oit le magistrat genevois et r^pond
ingdnument qu’elle ne peut montrer la chapelle, un Capucin de Saint-
Julien ayant, sans doute, gard6 la clef! Pierre de la Grave survient,
accompagn^ du cur£ de Thairy, le sieur Liffort. II feint de ne pas com-
prendre : « Je sais (dit-il) ce que vous av£s ä me dire... C'est sans doute
ä cause des feux de joye que je fis faire icy, et, k tous les Paysans
de Laconay au sujet de la naissance du Prince du Piemont ». — Non,
r£pond Mestrezat. 0 Ma commission ne regarde que votre chapelle »
et il continue, en repr6sentant k La Grave « les cons&juences de cette
innovation ». La Grave l’interrompt, hors de lui : Genöve n’a rien k
voir sur ces terres ; eile n’est souveraine t ni pour le temporel, ni pour
le spirituel »!
Devant ime teile audace, Mestrezat proteste et fait notifier, par
acte, le refus de La Grave d'ob&r aux ordres de la Seigneurie. En lisant
cet acte, qui le traite de vassal, la col^re de La Grave £clate : donnant
de grandes chiquenaudes k son chapeau : Moi, vassal... de Messieurs
de Genöve !... J'aimerais « mieux ötre vacher que vassal de votre
Seigneurie »! Puis, La Grave montre k Mestrezat deux lettres du marquis
1 Registre Conseil, 1699, P- 35 . 20 janv.
* Id., p. 43, 27 janv.
3 Id., p. 64.
4 Id., p. 131.
• Noble et spect., docteur en droit, secrdtaire d’Etat et syndic, n6 1651.
f 15 sept. 1721.
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— 47 —
de Dronero, gouvemeur de Savoie, qui disaient que « si ceux de Gendve
lui font quelques molestes, il doit leur opposer de ses ordres et, enfin,
que sur ce qu'il appert de la constante et incontestable Souverainetd
de Son Altesse sur ses terres, il assure le dit de la Grave que la Cour
lui permettra l'usage de la dite chapelle ». Mestrezat n'avait plus qu'ä
se retirer. La Grave l’accompagne jusqu’ä l'endroit oü l'attendaient
ses chevaux, criant ä tue-töte que la Seigneurie abusait le monde en
leur faisant entendre qu'elle avait quelques autoritfe dans ce lieu-ci.
Eie van t .la voix k son tour, Mestrezat d6clare au Sieur de la Grave,
que la Seigneurie « saurait bien l’obliger k son devoir ». Dans son rapport
au Conseil, Mestrezat assure que les sieurs Liffort et Paget ne cessörent
point de vouloir retenir le Sieur de la Grave, et marqu&rent mfime
sans d6tour qu'ils blämaient sa conduite. Mestrezat n'empörtait pas
de Laconnex la bienveillante impression du conseiller Favre. Il y a,
chez La Grave, « non seulement du dereglement dans son imagination,
mais beaucoup de malice dans sa conduite », dira-t-il dans son rapport*.
La lutte 6tait d6sormais engag6e. Cette modeste chapelle allait
cr6er un vdritable incident diplomatique.
Il y avait alors, k Genfcve, un personnage qui suivait avec le plus
vif int6r6t la vie de la Cit6, et surtout ses relations avec la Savoie.
Ce personnage n’6tait autre que le Resident de France, M. de la Closure.
L'affaire de la chapelle lui parait de nature ä intdresser son maitre,
puisque le 12 juin 1699, il lui consacre une grande partie de son rapport.
« Sire... * Ce Gouvernement envoya ces jours pass6z un Conseiller
et un greffier dans un lieu de cette d6pendance (St. Victor et Chapitre)
oil un gentilhomme a fait bastir une Chapelle, pour le sommer de
la faire abbatre, prötendant que cela est contraire k leur possession
et aux traittez. Ce gentilhomme a eu un frfcre ex6cut6 en cette ville,
il y a quelques ann6es pour avoir voulu attenter ä la vie d'un homme,
qui s’y estoit retir6, la teste duquel feu M. le Duc de Savoye avoit
fait mettre ä prix. Ce gentilhomme avoit fait de la peine k cette ville
dans differente occasions, et eile ne le manqua pas dez qu’elle l'eut
entre les mains, ayant de quoy le convaincre du dessein qu’il avoit.
On est persuad6 que le fr6re pour s'en vanger en quelque fa^on cherche
k les broüiller avec M. le Duc de Savoye s'il peut. Je ies exhorte tou-
1 Reg. Cons. 1699. söance 3 juin, rapport annex6 du conseiller Mestrezat,
p. 174.
* A. E. Gendve 21, f° 12.
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- 48 -
jours fort quand ils (les Genevois) me parlent de leurs sujets de chagrin,
k se conduire sagement, ä ne rien engager mal ä propos et k embrasser
toujours tous les partis qui tendent k la douceur et ä la paix. »
La Closure ne raconte pas fort exactement le r£cit du meurtre ;
peut-Ätre sa bienveillance ä l’6gard des Genevois l’^gare-t-elle un peu,
mais il redevient pr 4 cis et bien renseign£ dbs qu’il s'agit des affaires
courantes. Le io juillet, il avertit 1 2 son Gouvernement que le Procureur
g6n6ral du S 4 nat de Chamb^ry et un s&iateur sont venus ^ Genöve
prendre des informations sur les points en litige. La Closure les &ium6re,
puis il insiste sur la chapelle : « Une Chapelle qu’un gentilhomme qui
y a un petit fief, y a fait bastir depuis peu suivant la permission qu'il
en a obtenue de M. l’Evfique de Gen&ve, et si je ne me trompe du Sdnat
de Chambery aussy ; k quoy Mrs de Genöve (döclarent) que comme
leur vassal, c’est entreprendre sur leur territoire et innover contre
ce qui a est6 pratiqu6 depuis le traitt6 de St. Julien, la religion catho-
lique n’ayant jamais eu d'exercice depuis ce temps 14 dans les terres
de St. Victor et Chapitre quoyque Mr. le Duc de Savoye en aye la
supreme souverainet^. » Pendant que la Closure donne aux Genevois
des conseils « tendant k la paix et k la douceur » la Seigneurie re^oit
le 16 juin 1699 une lettre de M. de Butilli&re \ fils du marquis de Saint-
Thomas, ministre et Secr&aire d’Etat du Duc de Savoie. Cette lettre
confirme toutes les craintes que le rapport de Mestrezat avaient inspiräes
au Conseil : « Je ne puis m'empÄcher de vous t&noigner ( 4 crit Butil-
li6re) la surprise oü l'oji a £t6 icy de l'ordre que vous av£s fait signifier
ä Monsieur de la Grave, ce qui vöritablement est im atentat contre
la souverainet^ de S. A. R. »
La question changeait de face : Gen£ve n'avait plus k röduire im
petit seigneur ; derrtere Pierre de la Grave apparaissait un ennemi
autrement redoutable, le duc de Savoie.
Le Conseil comprend la gravit£ de la Situation, il r£pond k la
Butilliöre sur un ton ä la fois ferme et respectueux, invoquant, pour
sa defense, l’art. VII du trait£ de Saint-Julien * « qui ne veut pas que
de part ni d'autre il soit fait aucune innovation dans les terres de Saint-
Victor et Chapitre en sorte quelconque, mais que toutes choses demeurent
dans l’6tat qu'elles 6taient en 1589 ».
1 A. E. Gendve, 21, f° 24.
2 Reg. Cons. 1699, 16 juin, p. 186.
8 Conclu le 21 juillet 1603 entre le duc de Savoie Charles-Emmanuel 1 er et
la ville de Genöve. V. Traitts publtques de la Royale Maison de Savoie , p. 216.
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49
D d^clare que jamais on n'avait fait une entreprise semhlable ä
celle du sieur de la Grave et que la religion r^form^e est seule pratiqu^e
sur les terres de Saint-Victor « non seulement depuis le traitä de Saint-
Julien, mais plus de 60 ans auparavant »L
Voili ce qu'il importait de maintenir k tout prix. Cette chapelle
mettait la religion en p&il, il fallait la faire disparaitre. Pour lütter
contre le duc, le Conseil däcide, une fois de plus, de recourir k ses alli 4 s
de Zürich et Berne et de « verser conf&teralement dans leur sein les
inquiötudes » oü les mettaient leurs nouvelles difficult^s avec la Savoie *.
La chapelle n’ötait pas la moins importante ! Les nobles Jean Robert
Chouet, syndic, et Pierre Lullin, ancien syndic, sont charg^s de cette
mission. Ils se rendent k Zürich, puis ä Berne, et enfin k Aarau, oü
se tenait alors une difcte £vang 61 ique *. Partout, ils exposent que l'acte
audacieux de ce gentilhomme papiste est de nature k causer un r6el
dommage k la religion, qu’il est contraire aux traitfe, et que si on ne
s’y oppose pas avec la demtere rigueur, les autres gentilshommes
savoyards, qui, comme La Grave, ont des terres sur Saint-Victor et
Chapitre, ne manqueront pas, dans la suite, d'imiter cet exemple, et,
qu'appuyfe du cr&lit et des artifices du clerg£ aussi bien que de l’autoritä
du prince, ils y introduiront infailliblement le papisme.
La Diöte d£lib£ra toute une matin^e sur l’affaire de la chapelle
et demanda aux d^putfe genevois un memoire succinct de leur plainte,
afin de l'envoyer k la cour de Turin. Les d£put£s jug£rent bon de le faire
« honneste et resj)ectueux par rapport au Prince pour ne point 1 'irriter ».
Voici l’art. 2 de ce memoire 4 : « Les Seig” de Geneve se plaignent
d’une Chapelle que le S r de la Grave a ^tabli et ou il fait l’exercice de
sa Religion, dans le village de Laconay, qui est de St. Victor, contre
les Trait^s du sifccle pass£, qui leur laissent ä eux seuls la Direction
de la Religion dans les terres de St. Victor et Chapitre, contre leur
possession de cent soixante ans, puisque pendant tout ce temps ül
iusques k präsent, il n'y a eu aucune autre Religion que la leur dans
les dites terres, et contre l'article y me du Traitt^ de St. Julien, oü il
est dit, en termes formeis, qu’ä l' 4 gard de ces terres toutes les choses
1 R. C. 1699, p. 189, 17 juin.
* Copie des instructions aux nobles Robert Chouet, syndic, et Pierre Lullin,
depntös, ä MM. nos Alli6s de Zürich et de Berne, du 12 aoüt 1699 ; R. C., p. 228.
* Eidg. Abschiede VI. Abt. 2, p. 7.
* A. E. Gendve 21, f° 122 ; A. S. S. Genöve, N° 31. R. C. 1700, p. 35 du rapport
des d6putes.
REVUE D'HISIOIRE ECCL&SIASTIQUE i
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y demeureront de part et d’autres au m&me 6tat, sans rien innover
en sorte quelconque. II est inutile de dire que S. A. R. 4 tant souveraine
des Terres de St. Victor et Chapitre peut y permettre l’exercice de sa
Religion, car la Ville de Geneve n’a jamais eu la pens^e de disputer
ä S. A. R. sa souverainet6, mais on est en m&me temps persuad£ que
ce Prince est trop juste pour autoriser dans les dites Terres des inno-
vations au pr^judice des Droits de la Ville, de sa longue et ldgitime
possession, et de tant de Traitt6s publics. »
La Diöte ^vangflique approuva ce memoire, mais eile ne voulut
pas l’adresser elle-mftme ä Son Altesse. C’est Berne et Zürich qui 6criront
au duc et lui proposeront « s'il restait encor q. q. chose ä esclaircir »
de nommer des commissaires savoyards, charg^s de regier cette affaire
avec les commissaires que d&ignera la Seignpurie. Cette lettre, munie
du grand sceau des cantons alli^s, sera envoy^e ä son Altesse Royale
par Geneve elle-möme, qui choisira, ä cet effet, « quelque homme
d’honneur, sans caractfcre pourtant, qui estant inforrn^, peut l'approuver
de son raisonnement eh cas de besoin ». Enfin, la Difcte, et ceci montre
quelle importance eile attachait ä cette chapelle, Charge les envoyfe
qui vont ä Soleure traiter avec M. de Puysieux, ambassadeur de France,
de la question de Neuchätel, de lui parier des nouvelles difficultös surve-
nues entre Geneve et la Savoie. Les d 616 gu 6 s de la Seigneurie les accom-
pagnörent aupr&s de M. de Puysieux, qui leur dcmanda un m&noire
et promit de l'envoyer au Roi de France l .
C’ 4 taient lä paroles officielles... M. de Puysieux avait 6t£ parfai-
tement renseign^ par La Closure. II 6crivait, le 29 aoüt 1699, ä
Louis XIV* : « .. .quant ä la Deputation qui doit venir de Genfcve
et sur laquelle ces mesmes gens de Neufchastel comptent si fort, ils
ignorent qu'elle doit me venir trouver. Elle est compos^e de deux
hommes qui sont sages. M. de la Closure, resident de Votre Majeste
ä Genöve m'a bien voulu informer du sujet de leur mission, qui est
sur quelques desmesler de cette R^publique avec M. de Savoye. Je ne
doute pas qu’il n’en ait rendu un compte exact ä Votre Majestö car il
est extr&mement soigneux de tout ce qui regarde son Service, et je ne
dois pas me dispenser d'en dire au moins un mot ä Votre Majest6.
II m’avertit avec lumtere de ce que je puis dire ä ces Deputez de GenÄve.
Je me servirai de ses conseils et j'y ajousteray du mien ce que je
1 Rapport des deux d6put6s, R. C. 1699, p. 256.
* A. E. Suisse ii8, f° 105.
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croiray necessaire soit pour prevenir soit pour renverser tout ce que
leur preparent soit Mrs de Berne, soit ces gens de Neufchastel... »
M. de Puysieux, le 2 septembre 1699 l , sait que les d^putös de Genöve
sont all6s 4 Berne, et 4 Zürich avant de venir chez lui; il les attend
et promet au roi de ne s’aventurer « qu’en r^ponse honneste et generale ».
Le 16 septembre, M. de Puysieux est plus explicite : « (L’assemblde
d'Aarau) 1 * envoye icy une Deputation dont le Sr Escher Bourgmeistre
de Zürich doit fitre le chef. Ils n’auraient pas deputö un tel homme
pour une bagatelle comme l’affaire de Neufchastel», mais les d6put£s
de Gen&ve accompagnent ceux des cantons protestants, et M. de Puy¬
sieux ne doute pas que cette d^putation regardera « presqu’ent Bremen t
le difförend qui est entre Mr. le Duc de Savoye et la Ville de Gen 4 ve ».
L’Ambassadeur ne se trouve pas suffisamment renseignä et va demander
4 La Closure de le documenter encore. Le 19 septembre 1699, M. de
Puysieux rend compte au roi de l’entretien qu'il a eu avec les d^puta-
tions : «-(le Sr. Escher) ajousta qu'ils (les d£ 16 gu£s de l’assembtee
des cantons protestants) me priaient demesme, d’escouter les d^putös
de Geneve qu’il avoit envoy£ chercher par le Secr&aire de Zürich et
qui estant entrez me firent un discours fort poly et tr£s honneste, le
Sr. Schouet portant la parole. II fit un detail des plaintes de quelques
mauvais traittements que re^oit leur ville des officiers de M. le Duc de
Savoye dont ilz me laiss&rent le Memoire* que j’ay l’honneur d’envoyer
cy-joint ä V. M. quoyque je ne doute pas qu'elle n'en ait est£ inform£e
par M. de la Closure sur quoy je m’en serois dispense, sans que les
Deputez des Cantons me pri£rent de le faire de leur part et de recom-
mander en leur nom cette affaire 4 V. M. de la bont£ de laquelle ilz
attendent qu’elle procurera le repos 4 la Ville de Geneve pour laquelle
eile sait qu'ilz ont de tr 4 s particuliäres considerations. Je leur donnay
ensuite un grand disner 4 tous... » Le Roi Soleil devait attacher quelque
importance 4 la consid^ration des cantons protestants, car il r^pond
ainsi 4 M. de Puysieux le 30 septembre 1699 4 : « Je suis persuad^ que
le difterend entre le Duc de Savoye et la Ville de Geneve n’aura pas
de suittes consid^rables. Mais quoyque je ne veuille point entrer dans
une contestation particuli 4 re entre le Prince et cette Ville vous pouvez
cependant assurer les deputez des Cantons protestants que j’auray
1 A. E. Suisse 118. f° in.
* Id., f° 134.
8 Pcrar ce memoire, voir plus haut, Gendve 21, f° 122.
4 De Fontainebleau, le 30 septembre 1699. A. E. Suisse II, i° 157.
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— 52 —
attention ä pr^venir les mauvais effets que ce different pouroit pro-
duire...»
Les d^putfe rentrent ä Gen6ve, le Conseil ne perd pas de temps ;
il envoie ä Turin l'auditeur Pictet, le 16 septembre, et le Charge de re-
mettre ä Son Altesse Royale la lettre des alli6s. Le io octobre 1699, le
duc de Savoie r^pond ä Zürich et ä Berne 1 : Aprds avoir assurö « ses
chers et spöciaux amys Alliez et Conf 6 d 6 r 4 s » de ses bonnes intentions
ä l'6gard de Gendve, Victor-Am6d^e II continue ainsi : a ... mais
comme eile (Gendve) fait attention ä ce qui regarde ses interest, il est
aussy convenable que nos officiers ne nögligent pas ce qui peut apporter
de prdjudice aux nötres, et pour vous marquer l'envie que nous avons
de voir ces difficultfe termin^es, nous serons bien aises que la dite Ville
envoye icy une personne de sa part qui soit bien instruite de ses raisons
et nous en deputerons une autre pour conterer ensemble sur les pröten-
tions respectives afin de faire cesser tous ces difterends. »
Les archives du Senat de Savoie contiennent un document dans
lequel la Savoie repond article par article aux plaintes contenues dans
le memoire des Genevois. Voici l’art. 2 qui conceme la chapelle *.
« Le second suiet de plainte qui regarde la Chapelle du S r de la Grave,
n’a pas plus de fondement, et ce qu’ils (les Genevois) all&guent qu'il
y a plus de 160 ans qu'il n’y a autre exercice de religion que la protes*
tante dans les terres de St.Victor est contre la notoriete publique et
m6me, ce qu’ils alldguent, ils avouent que le S r de la Grave y demeure ;
il est notoire que tant luy que ses pr6d6cesseurs qu’ils disent leur avoir
pröte serment de fideiite, comme leurs vassaux, ont touiours fait pro-
fession de la religion romaine, et l’on ne sgait pas comme on ose avancer
un fait si peu v£ritable, puisqu’il est seur que dans les dites terres il y a
plus du quart de catholiques romains ausquels les eures administrent
publiquement les sadrements, et Mrs de Gen&ve n’oseraient le mettre
#
en difficulte sans calomnie. L'on convient qu’il y a beaucoup de (puis-
sances) qui ne reconnaissent que leurs ministres et cela n’est pas incom-
patible et ne ddtruit en aucune maniere la souverainet e de S. A. R.
que Gendve ne met pas en difficulte dans les dites terres suivant mesme
le contenu en la lettre de MM. de Zürich et de Berne. Il n’est pas inoui
qu'il y ayent des suiets du mesme souverain de differente religion
Avant la revocation des Edits en France, les protestants avaient l'exer-
1 A. S. S. Affaires de Genövc. N° ji.
2 Idem , N° 2 .
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53
cice public de leur religion, cela pouvait-il empescher les catholiques
dans le mesme endroit de professer publiquement leur religion. II y a
des cantons mi partis de Tun et de lautre religion. Ils ont des suiets
sur les confins de l'Estat de Milan de la mesme manifcre et il y a des
temples pr£s des eglises, et l'on ne s^aurait jamais justifier par aucun
traittd qu’on aye donnd la libert6 de professer la religion protestante
ä l'exclusion de la romaine, l’usage n'est pas mfime contraire. Cela
6 tant ainsy, comment pourrait on empÄcher un gentilhomme catho-
lique romain de faire un oratoire pour y prier Dieu k la mani&re des
romains dans les terres d'un souverain catholique romain. Et l’on ne
peut pas dire que les temples mesmes que les protestants possMent
dans ces terres soient sous aucune autre protection que sous celle de
Son Altesse Royale ; puisqu’il y a quelque temps qu'un ministre ayant
voulu faire mettre les armes de Geneve sur le temple de Bossey, fut
obligd de recourir k grace qui luy fut accord^e par M me Christine ä la
requeste mesme de Mrs de Geneve, ce qui fait voir que S. A. R. est le
seul souverain dans ces terres, mesme pour ce qui regarde la religion. »
On voit par ce document que les deux parties 4 taient loin de
s’entendre et que la Conference propos^e par le duc etait fort ndces-
saire. Geneve, qui avait appris, dans l’intervalle, que la bienveillance
du roi de France lui etait acquise *, accepta la Conference et confia de
nouveau k Chouet * et k Lullin le soin de plaider sa cause.
A Turin, les deiegues genevois se trouvörent en presence de MM. de
Butilliere et de la Tour, avec lesquels ils durent soutenir sur la question
de la chapelle les discussions les plus serrees et les plus äpres. Aux
doieances des Genevois, la Savoie repliquait : Oui, eile convenait « que
le d^part de Bäle portait que (Geneve) aurait le pouvoir de faire des
mandemens sur la Religion dans les terres de St-Victor et Chapitre,
mais cela ne regardait que notre (leur) Religion et n’ötait point au
Souverain le droit d’en faire pour la sienne; que lä oü il y avait des
habitants catholiques, le Prince qui 6tait lui aussi catholique, dtait
d’obligation de leur pourvoir pour l’exercice de leur religion » ; La
Grave, aprds tout, avait dtabli cette chapelle « pour son particulier t>
et « Son Altesse Royale ne pouvait pas l’empßcher de prier Dieu et de
faire ses ddvotions ». Les Savoyards parierent de toldrance : « qu’au-
1 Lettre de Puysieux au Con.seil. R. C. 1699, p. 284.
2 Noble et Sp. Jean-Robert Chouet, ne cn 1642, syndic 1699. 1703-' 1 2 / 0 /.
i7n, I er syndic 1715 et 1719, mort 1731.
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54
jourd’hui dans Tons les Estats protestams et Catholiques on est fort
revenu de ce zfcle outre que l’on faisait paraltre autrefois en mati^re de
religion, et qu'on allait point p£n6trer en aucun lieu dans Tint&ieur
des raaisons pour voir ce qui s’y passait ». Ils ajoutaient « que cette
pr^tendue Chapelle n’^tait qu’une petite chambre » et qu'enfin son
Altesse Royale avait en quelque Sorte donn£ sa parole ä la Grave.
L’honneur du prince 6tait engag6. II pouvait interdire le culte public,
mais il devait maintenir le culte particulier.
La France suivait avec int^rßt cette nögociation. L'ambassade
de France ä Turin renseignait M. de Puysieux. M. Wrax, <jui assurait
Tinterim (Tambassadeur, le Comte de Briord, ayant 6t6 nomm£ ambas-
sadeur en Hollande, quitta Turin le 16 d6cembre 1699), envoie ä M. de
Puysieux un rapport le 12 d6cembre 1699 : « II arriva icy, il y a 8 jours,
des Deputez de Genfcve, on leur fait esperer une enti&re satisfaction 1 ».
Le 26 d&embre, l'impression de M. Wrax est moins favorable : « Mrs les
Deputez de Geneve 9 n’ont encore pu obtenir la d£molition de la cha¬
pelle en question... ils me dizent qu’on leur avait propos£ de leur
donner des assurances qu'il n’y serait fait aucune fonction de la Religion
catholique pour celuy qui l’a fait bätir... Ils pourraient bien estre
obligez de s'en tenir lä... » ajoute ironiquement M. Wrax.
Le 2 j an vier 1700, M. Wrax constate que les d£put6s ont re^u
l'ordre de leurs sup^rieurs « de tenir ferme sur la d&nolition de la Cha¬
pelle * ». Le 9 janvier, M. Wrax n'a aucun espoir : «. Mrs les
Deputez de Geneve sont encore icy pour quelques jours, pendant les-
quels je ne crois pas qu’ils obtiennent davantage de ce qu'on leur a
accord6 jusqu’ä präsent. 4 ». Le 16 janvier : « Mrs les Deputez
de Geneve ne sont, je crois, pas plus avancez que la semaine
Pendant que Wrax renseignait Puysieux, La Closure renseignait
Louis XIV et ses Ministres. On reste confondu en voyant avec quel
soin minutieux le Grand Roi suit les p6rip6ties de ce « different ». Le
22 novembre 1699, il avait 6crit & La Closure : « il parait... que cc
Prince (le duc de Savoie) a fait quelque attention ä la lettre que les
Cantons de Zürich et de Berne luy ont 6crite sur cette affaire, et, comme
il y a des Deputez nommös pour examiner les titres qui seront produits
1 A. E. Turin, Supp. 103, f° 470. — * Id., f° 471.
* Archives 6trang6res, Turin 105 Supplement, f° 8.
4 Idem, f° 14.
• Idem, f° 17.
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55
de part et d’autre, il y a lieu de croire que cette affaire sera enfin
terminde, et je seray bien aise d’estre informd de ce que vous en apren-
drez, raais lorsque les Magistrats vous en parlerons, vous ne devez
rien dire de plus que ce qui est contenu dans la rdponse que M. le Marquis
de Puysieulx a faite par mes ordres en termes gdndraux ä la lettre des
Cantons protestans. 1 »
La Closure s’empresse de rdpondre au ddsir du maltre. Le 18 ddcem-
bre, il avertit le Roi que les ddputds avaient obtenq satisfaction sur
presque tous les points : « ... En sorte qu’il ne restoit presque plus
que l’affaire de la Chapelle qu’un gentilhomme particulier qui demeure
dans les terres de St. Victor et Chapitre, a fait bätir dans sa maison
et que mesme ils (les ddputds) ne ddsespdroient pas d'en venir ä bout...
et qu’on insistoit ä la vouloir maintenir, que parce que la parole du
Prince y estoit engagde *. »
La Closure est moins sceptique que Wrax : « Je doute mesme,
s’il ne reste plus de difficultds que sur cette Chapelle, que cette villecy
s’y arrdste puisqu’on semble ne le leur demander que comme par com-
plaisance pour M. le Duc de Savoye # ... » Le 25 ddcembre, Louis XIV
repond : «.come on ne s'estoit point attendu a trouver les facilitds
que ce Prince (le duc de Savoie) a apport des ä conclure cet accommo-
dement, il y a beaucoup d’apparence qu’il n’y aura pas beaucoup de
dif&cultds ä finir de la mesme manidre l’affaire de la Chapelle qu'un
particulier des terres de St. Victor et Chapitre a fait bastir dans sa
maison 4 ».
Le 28 ddcembre, La Closure laisse entendre qu’il y a de nouvelles
difficultds : « ... Cette ville (Gendve) a ordonnd ä ses deputez de revenir,
si on continuait de leur refuser justice lä-dessus (soit le chemin et les
terres qui sont au delä du Pont d’Arve) aussy bien que sur la Chapelle
qui est un autre point en dif&cultds *... »
Le 6 janvier 1700, La Closure termine ainsi sa ddpdche : « Tout
cela cependant (nouvelles dif&cultds qui ont surgi dans les ndgociations)
ne sera pas un obstacle ä l'accommodement et, pourveu que le reste soit
accordd, je crois que cette ville entrera aussy dans quelques expddiens
touchant la Chapelle • ».
1 A. E. Genive 21. f° 83, dat6 de Versailles.
1 A. E. Genive 21, f° 94.
* Idem, mfene lettre.
4 Idem, i° 96, de Versailles.
‘ A. E. Gendve 21, f° 97.
• Idem, f° 99615.
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— 56 —
D&id&nent, La Closure ne connait pas encore compl£teraent
Genfcve 1 Le 13 j an vier 1700 : « ... les principales difficultös roulent
toujours sur le chemin et les terres qui sont au-delä du pont d'Arve
et sur la Chapelle. Pour ce demier point, je croy qu’on passera expddient
sur l'assurance qu'on donne que cela ne tirera pas ä consdquence, et
qu'on n'y dira la messe tout au plus que pour les gens de la maison
du gentilhomme... » l , ^crit-il ä Louis XIV.
Le 22 j an vier, il annonce le prochain retour des d^putfe. « ... On
s’est rendu sur la Chapelle sur la parole des Commissaires de M. le Duc
de Savoye que cela ne tirera pas & cons^quence et qu'elle ne servira
qu'au gentilhomme et ä sa famille, et qu'il n’y aura mesme aucune
marque ext^rieure de Chapelle. En gön^ral les Commissaires de ce
Prince ont fort asseurö les d^putez de cette ville de ses bonnes intentions
et du d£sir qu'il avait de vivre en bonne intelligence et d'entretenir
un bon voisinage avec Gen&ve *... »
Les renseignements de La Closure ne sont pas tout ä fait conformes
ä la r6alit£. Les d6put6s genevois, bien qu’ils eussent obtenu satisfaction
de la Savoie sur presque tous les autres points en litige, se montraient
in^branlables sur la question de la chapelle. La Seigneurie, du reste,
leur intimait l'ordre de ne pas c&ier. Ils repoussaient toute id6e de
conciliation et ne voulaient admettre ni culte public, ni culte prive ; ce
qu'ils voulaient, c’est la fermeture de la chapelle. Les Genevois quittent
Turin, en janvier 1700, apr&s avoir re9u, par öcrit, la r^ponse du prince.
L'article 2 conceme la chapelle : « Si la maison du Sieur de la Grave
est dans le fief de St. Victor et Chapitre, Son Altesse Royale luy ordon-
nera de ne faire aucune nouveaut6 qui puisse blesser les traitds, ce que
l’on pourra reconnaitre sur les lieux par des commissaires d^putes de
la part de S. dite A. R. et de la ville de Gen£ve et sur les livres terriers
tant anciens que nouveaux 8 ».
La question de la chapelle tenait si fort au coeur des Genevois
qu’avant d'en venir aux Conferences projetdes par la Savoie, ils envoyd-
rent encore une r^plique au marquis de Saint-Thomas. C’est La Closure
qui nous l'apprend dans sa lettre du 19 f&vrier 1700 : « ... II vint
hier, Sire, deux syndics de sa (le Magistrat de Gen£ve) part m’informer
1 A. E. Genöve 21, f° 105.
2 Idem, f° 107.
3 R. C. 1700 . Journal de la n6gociation des Nobles Jean Robert Chouet,
Sindic, et Pierre Lullin, A. S. envoi6s 4 Son Altesse Roiale de Savoie sur la fin
de l’annee 1699 et au commencement de 1700.
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— 57 -
pourVotre Majestd de Testat des choses sur le pied du raport qu’en
ont fait leurs Deputez depuis leur retour, et des rösolutions qui ont
6t6 prises lä-dessus. Ils me donneren t aussy pour V. M., une copie du
ra&noire en röponse de M. le Duc de Savoye 1 * 3 et de la r^plique qu'ils
y ont faite *. J'y joins le premier memoire de griefs 8 que cette ville
fit envoyer M. le Duc de Savoye par les Cantons de Zuric et de Berne,
ses alliez. Ces trois pi£ces expliquent entiärement la nature de cette
affaire et la Situation ou eile se trouve prdsentement... On a adressd
cette rdplique ä M. le Marquis de St. Thomas et on Ta accompagnee
d'une lettre ä ce Ministre pleine de termes de respect pour M. le Duc
de Savoye et qui raarquent en mesme tems qu'on a unc si grande
confiance en la justice de ce Prince 4 * ».
Voici l'article 2 des rdpliques concemant la chapelle dont parle
La Closure : « La rdponse de S. A. R. sur cet article est une marque
de ses favorables intentions pour l’observation des Traittds. Et comme
il est d’une notoridtd publique que la Maison du Sieur de la Grave
est situde dans les terres de St. Victor, la Chapelle qu’il y a dtablie,
depuis une annee, est une innovation manifestement contraire k l’ar-
ticle 7« du Traittd de St. Julien, ainsi il doit rdtablir les choses dans
l’dtat auquei eiles dtaient auparavant ».
Cette rdplique attira aux Genevois une verte semonce du marquis
de Saint-Thomas. 6 * II leur dcrit, le 6 mars 1700 :
Messieurs,
Jay receu la lettre que vous mavds fait la faveur de m'escrire le 6 e du
raois passd, avec les rdpliques que vous avds faites aux articles que S. A. R.
a reglds sur les diffdrens en question. On a fait voir ici k Mrs vos Ddputes
d’une manidre si claire et si convaincante les iustes fondemens des ddcla-
4
rations de S. A. R. que ie ne puis qu’avouer que ie n’aurais pas cru que
vous eussiez relevd de nouvelles difficultds, oü il semble qu’il n’y en doit
plus avoir aprös les tdmoignages de bontd qu’il a plu k S. A. K. de vous
donner sur les points proposds par Mrs vos Ddputds. Sa dite A. R. les aiant
tous accordds 4 la rdserve du premier, de Sorte que je n’oserais seulement
1 Voir plus haut. Ce docuinent so trouve ej>alemcnt dans A. E., rurin 10s,
Supplement f° 37.
* Voir plus bas.
3 Voir plus haut.
4 A. E. Genöve 21, f° 119.
6 Joseph-Gaetan Carron, marquis de Saint-Thomas. f 174H, est le comte
de Butillidre que nous avons vu aux Conferences de Turin. Il fut comme son pc're,
t 1699, Ministre et I er Secr6taire d’Etat de Son A. R.
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- 5 « -
entrer en aucune discussion de vos räpliques, et v6ritablement on ne verroit
point de fin aux affaires, si on en mettoit point aux räponses et aux räpliques
qu’il est airä de faire sur les matteres agiräes. S. A. R. ne sauroit meme
agr£er qu’on retouche de nouveau ce qui a desia esrä rägl£ pour faire cesser
les contestations survenues. Sa dite A. R. a envote ses ordres au S£nat
de Savoye de se conformer aux articles que vous av6s vü, et le Marquis
et Präsident du ChAtelard en a aussy de suffisans pour convenir avec vos
Döpuräs de ce qui reste 4 examiner sur les lieux en conräquence des dits
articles... 1 »
La Seigneurie räpliqua vivement le 2 avril 1700 au ministre de
Saint-Thomas : « ... que les mesmes difficultfe qui ont fait le suiet
de nos plaintes subsistent encor non seulement par rapport au premier
article mais aussi 4 l’ögard des autres par les räserves et limitations
qui y sont aporräes contre la teneur des traiträs... nous ötablissons
seulement nos iustes reflexions sur les räponses de S. A. R. dont nos
D£put6s ne se sont charg£ que pour nous les raporter et nous y rgftechir.
. ainsi nous espörons que S. A. R. ne trouvera point mauvais
qu'en conservant le respect qui est du 4 un si grand Prince nous fassions
attention 4 nos droits et 4 notre possession imntemoriale *. »
Les Genevois pouvaient parier ainsi. Ils se sentaient soutenus
par une force aupräs de laquelle la puissance savoyarde pälissait.
Louis XIV, nous l’avons vu, suivait attentivement leurs d&n 616 s avec
la Savoie, et La Closure ne cessait de lui foumir 14 -dessus les renseigne-
ments les plus d6tailtes. II y joignait les pi&ces justificatives : mdmoires,
rapports, räpliques. Par qui ces pteces lui £taient-elles communiquäes ?
Assuräment par la Seigneurie. A la fin de sa lettre du 19 rävrier 1700,
La Closure va nous en foumir la preuve. «... Les deux sindics, Sire,
en me remettant la räponse et la röplique ci-jointes, n’ont rien oublte,
4 leur ordinaire, de ce qui peut marquer leur respect pour V. M. et
la confiance qu’ils ont en la continuation de sa protection et de ses
bonnes graces 3 ».
On ne peut s'empöcher, en lisant les rapports de La Closure, d’ad-
mirer la politique de Gen6ve ! Pour lütter contre ses deux grands ennerais:
la Savoie et l’Eglise romaine, rien ne lui paraft trop dur, ni trop difficüe.
Avec quelle merveilleuse habilerä eile s’efforce de se concilier l’appui
de la France, et 4 ceux qui etaient tentfe de le lui reprocher, eile devait
1 A. E. Turin 105, Supplement f° 41.
2 A. E. GenÄve 2, Supplement f° 254.
3 Idem, Geneve 21, f° 121.
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- 59 —
röpondre comme ce Genevois, dont malheureusemen t nous ignorons le
nora, k un particulier de Neuchatel :
« L’on ne se conduit pas icy comme chez vous, ou l’on a la hardiesse
de croire qu'ä dix lieues de la France, l’on peut se passer de son secours
et de ses bons Offices.C’est comme il faut se conduire l . »
Oui, c’etait comme il fallait se conduire et Genfcve avait raison
de compter sur l'appui de la France.
Louis XIV, apr&s avoir pris connaissance des documents remis
par les syndics, r^pond le 25 fövrier 1700 k La Closure :
« J'apprens avec plaisir qu’il n'y a pas d’apparence que ce Prince
(le duc de Savoie) veuille les inqui&er, c’est assez pour eux (les Gene¬
vois) de se maintenir dans leur possession et ils peuvent s'asseurer
qu’ils ne seront point troubies dans leurs droits, tant qu'ils sauront
m^riter par une bonne conduitte la continuation de ma protection... *»
Le 10 juin 1700, il est plus affirmatif encore : 0 Je vois par la lettre que
vous avez ecrite le 24 du mois demier qu'il serait difficile d’empecher
la Ville de Gen£ve de prendre ombrage des ddmarches du Duc de Savoye,
tant que les differens qu’elle a avec ce Prince ne seront pas entifcrement
terminfe. C’est ce qui devrait porter le Magistrat ä prendre des mesures
convenables pour ce sujet. Il ne doit pas douter que cette ville ne soit
k couvert de toutes sortes d’entreprises, tant que sa bonne conduite
luy conservera mä protection. Vous devez l’insinuer dans l’occasion k
ceux qui composent le Conseil... 3 »
Insinuation qui dut r^jouir le Conseil! D&ormais, il pouvait attendre
avec s£r£nit6 la venue du President de Lescheraine.
Et pendant ce temps, que faisait la Savoie ? Nous avons vu la
consultation du Senat de Savoie qui refutait point par point les asser-
tions des Genevois ; nous avons assiste aux p&ipöties de la Conference
de Turin dans laquelle la Savoie se refusait obstinement ä supprimer
le culte prive dans la chapelle de la Grave ; nous avons lu la lettre
pleine de hauteur dans laquelle Saint-Thomas repoussait les r^pliques
des Genevois. Comment la Savoie se preparait-elle k la Conference
qu'elle avait elle-m£me proposee ? Nous allons le savoir en etudiant
les instructions donnees ä M. de Lescheraine - qui venait d'Ätre designe
1 A. E. GenÄve 2, f° 122 suppl.
Ce docament portc en t6te la note suivante : Pour envoyer ä M. de Torcy,
ce 27 novembre (1699).
* A. E. Genöve 21, f° 127.
* Idem, f° 153.
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6o
pour reprösenter la Savoie k la Conference, et par les lettres de Victor-
Amödöe II k son mandataire. Voici, dans les Instructions, le passage
qui conceme la chapelle : « La Chapelle que le vassal de la Grave a
fait faire dans sa maison ayant donnö lieu aux plaintes que Mrs de
Genöve nous ont portöes comme d'une nouveautö, vous devös, k votre
retour en Savoye aller reconnaitre sur les lieux et sur les livres terriers
tant anciens que nouveaux, avec celuy qui sera deputö de la part de
la dite Ville, si la dite maison est situöe dans le fief de St. Victor et
chapitre, auquel cas, nous luy ordonnerons de ne faire aucune nouveautö
qui puisse blesser les traittös, mais il pourra y faire dire la messe pour
luy et ses domestiques, sans y attirer les autres catholiques ses voisins,
qui devront aller ä leurs paroisses 1 2 »..
Lescheraine re9oit ces instructions k Turin. II les präsente lui-
möme le 19 fövrier au Sönat de Savoie ä Chamböry avec une lettre
du duc. La tempörature fort rigoureuse empöche Lescheraine de venir
ä Genöve. II correspond activement avec son souverain. Le 10 mars
le duc informe Lescheraine des röpliques des Genevois. Les secondes
röpliques des Genevois, du 2 avril, irritent fort le duc : « Messieurs de
Genöve sont döcidös ä soutenir leurs prötendus droits et leur supposöe
possession, öcrit-il k Lescheraine le I er mai 1700. Vous en informerez
le Sönat, luy communiquant cette lettre, afin qu’il surveille ä maintenir
nos Droits et notre possession dans les endroits contestös avec la dite
Ville, faisant dresser des iuridiques sur tout ce qui pourra y arriver
de contentieux pour servir de preuve legitime dans le besoin, mais il
faudra s’y prendre d’une maniöre qui n’attire pas des suites fächeuses
et ne procöder k aucune exöcution sans nous en donner avis auparavant V
Evidemment, Victor-Amedöe, aussi bien renseignö que Louis XIV,
mais par d'autres voies, doit savoir que « la bienveillance du Roi de
France est acquise k Genöve ». Le 15 mai, le duc nous apprend que
le sieur Pictet de Genöve a öcrit ä Lescheraine pour lui demander une
entrevue. Victor Amödöe approuve ce projet tout en recommandant
k Lescheraine d'agir avec prudence : « ... Vous le laisserös ouvrir
le premier », dit-il. Le 10 juillet, le duc öcrit de nouveau au prösident
du Chätelard qui a eu deux entretiens avec le sieur Pictet. Ces entretiens
n’ont pas du faire avancer beaucoup la solution du difförend ; la lettre
1 A. S. S. Affaires de Gcndve, cote N° 9 : Instructions pour M. lc President
du Chätellard du 13 fevrier 1700 pour tenir main a l'cxecution des articles r6*;l£s
sur les difförens survenus avec la Ville de Genöve.
2 A. S. S. Affaires de Geneve, cote N° 10, ainsi que lettres suivantes.
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— 6i —
du prince en est une preuve : « ... et quant aux assurances qu'il
(Pictet) vous a demand&s de faire d&nolir la Chapelle du sieur de la
Grave, au cas qu'il justifie que sa maison est situöe dans les terres de
St. Victor et Chäpitre, vous luy ferös entendre que nous ordonnerons
que l’on ex6cute ce qui est port6 par le second des dits articles k l’^gard
de la Dite Chapelle qui y pourvoit d’une manidre k les devoir contentfe. »
Le chäteau de Laconnex 4 tait-il vraiment sur les terres de Saint-
Victor ? Si Gen&ve arrivait k le prouver, contrairement aux assertions
de La Grave, la Savoie supprimerait le culte public dans la chapelle,
mais eile maintiendrait le culte privö. L’honneur du prince £tait engagä,
avait dit M. de la Tour !
Les Conferences commenc£rent en septembre 1700. II y en eut
huit : la premifcre chez le marquis de Lucinge ä Saint-Julien, la deuxi^me
k Laconnex chez le sieur de la Grave, la troisi£me et la quatri£me k
Carouge et k Neydan, et les quatre demi£res au Chäteau blanc. La
Savoie etait repr&ent^e ä ces Conferences, nous l'avons dit, par M. de
Lescheraine, marquis du Chätelard, president du Senat de Savoie ;
Gen^ve, par Ami Le Fort, syndic, Jean de Normandie, ancien syndic
et Isaac Pictet, conseiller d’Etat.
Le premier soin de Lescheraine fut de demander ä voir la chapelle
et surtout k consulter les terriers. II dedara aux commissaires genevois
« qu’il avait ordre de savoir en quoy consistoyent les dites terres (de
Saint-Victor et Chäpitre) et d'en faire un Etat si bien limit£ qu'il n'y
eut plus de mati^re de difförens k l’avenir ». La question de la chapelle
passait ainsi au second plan... Les Genevois la ramen&rent vivement
ä la premi&re place : ils voulaient avoir, avant tout, satisfaction contre
l’attentat du sieur de la Grave. Les Genevois et les Savoyards se trans-
portfcrent donc le 16 septembre au chateau de Laconnex.
A l’entr^e de l’escalier, apr&s quelques civilit^s de part et d'autre,
M. de Lescheraine passa le premier, disant aux Genevois : « Messieurs,
nous sommes sur votre lief, vous voul6s bien faire les honneurs de
la maison », reconnaissant ainsi que les terriers ont dit vrai et que la
maison de la Grave est bien sur les terres de Saint-Victor. Peu aprfes,
cependant, il insinue « que le seigneur comte de Viry dablissait par
ses reconaissances que le dit sieur de la Grave 6tait son vassal ». II
ajoute enfin, sur un ton plaisant, que la Providence favorisait les
intentions de Messieurs de Genfcve par la caducite d'un coin de muraille
de la dite chapelle et qu’ainsi ils n'avaient point lieu de s’inquieter.
Les d^putfe genevois demeurent irr^ductibles ; ils ram^nent sans cesse
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62
M. de Lescheraine ä la seule question qui les in Presse, la chapelle ?
Qu’importe que le sieur de la Grave soit vassal ou non vassal de Genöve.
Ce qu’ils veulent prouver, c’est que sa maison est bien sur le fief de
Saint-Victor. Ce point admis, il faut nöcessairement en revenir au
traitö de Saint-Julien qui ne permet aucune innovation sur ces terres;
ce traitö, il faut toujours le regarder comme la base et le fondement
de la tranquillitö publique. Dans les Conferences qui suivirent, M. de
Lescheraine, revenant sur la chapelle, assure aux döputös de Genöve
qu’il n’y aura jamais de culte public ; mais les döputös l’interrompent
aussitöt : « Jamais nous ne souffrirons qu’il y ait aucun exercice ni
public, ni particulier. » Messieurs, röpondit Lescheraine, « Voudriös vous
empecher que le sieur Dela grave et ses gens ne pussent jamais 6tre
visitös par aucun Eclesiastique ; auriös vous la duretö de les röduire
ä mourir sans consolation ? Messieurs nous sommes Chrötiens ! » Peine
perdue... Les Genevois n'admettent aucun compromis : « que lä oü
les traitös döcident ils doivent 6tre la rögle ; que celui de St. Julien
ötoit formel contre toute innovation et qu’aucune innovation n’ötoit
plus importante ni plus capitale que l'ötablissement de l’exercice d’ime
Religion contraire ». Presst dans ses demiers retranchements, le prösi-
dent de Lescheraine, avoue que la maison de la Grave est bien du fief
de Saint-Victor, mais avant de prendre aucune döcision il veut en
röterer ä Son Altesse Royale.-Cela ne fait point l'affaire des Genevois
qui röclament de lui « quelques paroles positives, suivies de l’exöcution ».
Ils multiplient en vain leurs instances. A son tour, M. de Lescheraine
reste inflexible sur ce point; il quitte Genöve, sans vouloir donner
l’ordre de fermer, la chapelle, disant cependant qu’il n'a pas son « salut
plus ä coeur que de voir toutes ces difficultös bien röglöes et terminöes 1 ».
A peine M. de Lescheraine a-t-il quittö Genöve, que La Closure,
le 5 octobre 1700, s'empresse de renseigner son maitre sur l'issue de
la Conförence : « ... Pour ce qui est, Sire, de l’article de la chapelle
et celuy de la douane, M. le Marquis du Chätelar n'a fait autre chose
que se charger de leurs raisons pour en faire son raport au Prince,
son Maistre, leur faisant esperer qu’il les appuyerait et que Monsieur le
1 Journal de huit Conferences tenues entre nobles Amy Le Fort, syndic,
Jean de Normandie, ancien syndic et Isaac Pictet, conseiller d'Etat, d6put6s de
la R6publique de Genöve et Monsieur de Lescheraine, M u du ChAtelard et Presi¬
dent au Senat de Savoie, commissaire d6put6 de la part de S. A. Rojrale, en sep-
tembre de l’annee 1700.— R. C. 1700, annexe, p. 281 (14 septembrc), 286 (17 sept.).
287 (27 sept.), 325, 26, 27.
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Duc de Savoye aurait £gard ä ce qui estoit de la justice. II a reconnu
qu'effectivement cette Chapelle est bastie dans le fief des terres de
St. Victor et Chapitre ; que cependant puisque c’est une chose desja
faite et qu'on y a le droit de messe, on ne devait pas s’attendre qu’elle
tust entiärement supprim6e. » ... II termine ainsi son rapport : a Mr. le
marqnis du Chätelar ra’a veu, Sire, mais je n'ay rien pu connoistre
dans les entretiens que j'ay eus avec luy, ä l'£gard de la succession
d’Espagne !... 1 »
La succession d’Espagne, voilä le grand mot läch£. Depuis la mort
subite du prince 61 ectoral (8 fövrier 1699), Louis XIV, et toute 1 ’Europe
avec lui, suit avec un int^röt passionn«* la succession d’Espagne. II
importe au Grand Roi de connaitre les dispositions de la Savoie et
des Suisses. Voilä pourquoi il s'int£resse aux causes de dissensions
qui peuvent s'^lever entre eux, voilä pourquoi ses merveilleux agents
l'ont renseign^ avec tant de soin sur la petite chapelle de Laconnex,
voilä pourquoi il n’hösitera pas, lui qui avait impos 4 ä Genäve, vingt
ans auparavant, la messe du Resident, ä soutenir cette fois-ci Genäve
appuy 4 e par ses alli£s Zürich et Berne. Il sait que si un diff 4 rend s^rieux
doit s'dlever entre Genäve et la Savoie, et peut-Ätre ne le redouterait-il
pas, il aura pour cause un dissentiment religieux.
Revenons ä Pierre de la Grave. Pendant que de si puissants seigneurs
s'occupaient de sa chapelle, il continuait ä faire c 616 brer la messe plus
ouvertement et plus frequemment que jamais. Au cours de l’annee 1700,
les rapports affluent au Conseil*, tous constatent que La Grave fait
cdtebrer la messe ; quelques-uns signalent les parofes injurieuses qu'il
prononce contre la Seigneurie, mais durant toute cette ann£e, le Conseil
fait preuve d’une patience surprenante envers lui. Ce n'est que le
8 tevrier 1701 que Chapeaurouge, juge de Saint-Victor, informe contre
La Grave. Son enquÄte aupräs des catholiques de Laconnex confirme
tous les temoignages des rapports ; non seulement La Grave fait dire
publiquement la messe chez lui: 0 mais il incite tout le monde d'y aller 8 ».
Claude Giron et sa femme, nouvellement mari6s, avec les gens de la
noce, ont assist6 ä la messe dans la chapelle de la Grave et cette messe
1 A. E. Gendve 21, i° 207.
* R. C. 1700, p. 55 (14 et 16 tevrier), 90 (23 mars), 133 (4 mai), 161 (i er juin).
* Informations prises par nous, juge de St-Victor et Chapitre par ordre
exprös de nos Magnifiques et trös honoris Seigneurs de Gendve sur l’avis qui nous
a £t6 donn6 qu’on disait la messe ouvertement dans la maison du sieur de la Grave,
ä Laconnex riöre St-Victor. — Archives d’Etat, N° 4024.
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- 64 —
fitait dite par le curfi de Thairy 1 ! Le 8 mars, le Conseil entend le rapport
du juge de Chapeaurouge. Indignfi ä la pensfie que La Grave refuse
de se soiunettre ä sa juridiction, il Charge la Cour des Comptes de con-
traindre le dit Seigneur de la Grave de reconnaitre tout ce qu’il possfide
rifire St-Victor, aussi bien que l’hommage personnel, et qu'on ne lui
donne ä cet egard aucun repos, et qu'il sache que ce n’est pas impu-
nfiment qu’il s’en est pris ä ses Seigneurs*.
Une lettre que Messieurs de Normandie, Le Fort et Pictet avaient
rc^ue du Präsident de Lescheraine, explique peut-fitre l'attitude du
Conseil. « Messieurs, ficrivait Lescheraine le 22 ffivrier 1701, vous me
faites iustice quand vous m’assurfi que vous fites pleinement convaincu
de la droiture de mes intentions et de mes procfidfis. Non seidement
j'ignore que le sieur de la Grave aie rien fait contre les ordres que ie
luy ai donnfis de la part de S. A. R., mais mfime je ne me le pourroit
pas persuader si vous ne me en assurifis par votre lettre. J'ficris aux
officiers de Son A. R. ä St. Julien ahn qu'ils s’en informent et qu’ils
tfimoignent au dit de la Grave ma surprise s’il a contrevenu ä ce qu’il
luy a fitfi prescrit, j’attendray leur rfiponse, aprfis quoi, je sauray bien
prendre ä son figard les mesures que je dois »* et le 14 mars «j'ai pris
des mesures pour l'obliger (Pierre de la Grave) ä ne vous donner iamais
aucun subjects de recours lfigitime qu’il n’en soit mortififi » 4 .
Ces lettres prouvent que la Savoie a reconnu que le fief du sieur
de la Grave est bien situfi sur les terres de St-Victor, que par consequent
le culte public doit fitre proscrit, que la seigneurie a le droit de con-
traindre La Grave « k prfiter l'hommage personnel et k reconnaitre
tout ce qu’il possfide rifire St. Victor ».
Abandonnfi par son puissant protecteur, Pierre de la Grave ne
peut continuer la lutte. Au procureur de la Rfipublique, qui avait dfiposfi
une requfite au juge de Saint-Victor pour le faire condamner ä prfiter
hommage personnel, La Grave adresse le 22 dficembre 1702 une lettre
dont le ton nous surprend. Humblement il offre de conffirer avec le
procureur et de « se soumettre ä tout ce qui serait raisonable 8 ! »
Et le culte particulier fut-il aussi supprimfi ? L'honneur du Prince
n’fitait-il plus engagfi ? Les documents font dfifaut. L'opinion de Fleury
1 K. C. 1701, p. 36.
* R. C. 1701. p. 94 (8 mars).
* R. C. 1701. p. 75 (25 fcvrier) ct A. Ci. N° 4024. Informations.
* Idem.
6 R. C. 1702. p. 486 (25 d6ct-mbre).
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- 6 5 -
est que Pierre de la Grave ne fut plus inqui£t£ et qu’il continua k faire
dire la messe en son particulier.
La chapelle subsista cependant, car eile est mentionn^e le 29 jan-
vier 1712 sur les Registres des Conseils. Une croix de fer subsistait
encore sur l'ancienne chapelle, la Savoie donne l’ordre de l’enlever l * * .
Et en 1741, dans le rapport que le juge Mage Paget adresse au Gouver¬
nement de Turin : « D y a ä Laconnex, dit-il, trente-neuf maisons de
protestants et 6 de catholiques, y compris celle de Monsieur Pierre de la
Grave, fils de feu Francis, oü il y a chapelle » *.
En 1754, la Sardaigne, par le Trait6 de Turin, reprendla plus grande
partie des terres de Saint-Victor et Chapitre et rötablit ouvertement
le culte catholique. Une £glise est construite k Avusy*, tout proche
de Laconnex. Le trait£ de 1816 rend k Gen£ve la plupart des terres
que le trait6 de 1754 lui avait enlev 4 es, mais, cette fois-ci, c’est Genfcve
elle-mÄme qui dut s’engager ä maintenir le culte catholique sur ce
territoire.
L'6glise paroissiale de Soral-Laconnex fut ouverte au culte le
5 mai 1831 4 .
Telle est l'histoire de cette chapelle de la Grave qui a eu l'^trange
fortune d'int&esser pendant quelques ann6es tant de hauts et puissants
personnages : La Seigneurie, la di£te d'Aarau, Zürich et Berne, le
Resident de France, les ambassadeurs de Louis XIV, le S&iat de Savoie,
le duc Victor-Am6d6e II, et le Roi Soleil enfin ! L'on croit rfiver en
lisant ces m&noires, ces rapports, ces röpliques qui tous mentionnent
cette petite chapelle perdue dans un obscur village des terres de Saint-
Victor. Puis <?n se rend compte que l'histoire de cette chapelle, et c'est
ce qui la rend dmouvante, n'est qu'un Episode de la lutte qui se poursuit
sans trßve entre l’Eglise romaine d&ireuse de rentrer dans ces territoires
qui ont siens, et Genfcve qui, de toutes ses forces, s'y oppose.
1 R. C. 1712, p. 64 (29 janvier).
* C&sar Duval : Terres de St-Victor et Chapitre dans l’ancien Batlliage de
Temier.
* La paroisse catholique fut fond6e en 1754 et l’6glise consacrte en 1758.
Reg. de paroisse depuis 1759. Dictionnaire historique et biographique de la Suisse,
article Avtjsy (Louis Blondei).
4 Registre de naissances et baptfimes de l’6glise paroissiale de Soral-Laconnex,
canton de Gendve, diocöse de Lausanne et GenÄve. — Archives d’Etat.
RKVUK D IIISTOIRE ECCLKSIASTIQUE 5
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KLEINERE BEITRÄGE — MßLANGES
Der hohle Altar zu Einigen.
Eligius 1 2 Kiburger (3. Kapitel, 1. Abschnitt, gedruckt bei Bächtold,
Stretlinger Chronik, 2. Aufl. S. 33) schreibt: « do liess er (d. h. Arnold
von Stretlingen) denselben altar (d. h. den Fronaltar) inwendig hol machen,
und das geschach darumb, ob jeman besessen wurd von dem bösen geist,
dass man den darein beslusse und die beswomen da gelidiget wurd ent. *
Es handelt sich um den Hochaltar, der dem Kirchenpatron von Einigen,
St. Michael, geweiht war und in der Chorapsis des Wallfahrtskirchleins
am Thunersee stand.
Der Bau der Altäre ist nun in der Regel ein massives Gemäuer ; daneben
kommt auch vor der tischartige Altar auf Pfeiler oder Säulen. * In allen
findet sich das Sepulkrum, die Höhlung für die Aufnahme der zur Weihung
gehörenden Reliquien, d. h. kleinerer Partikeln.
Soll aber im Inneren des Altars ein größeres Heiligtum, ein Sarkophag
oder Schrein Platz finden, so wird eine Aushöhlung des Baues nötig. Solches
geschah beispielsweise in der Stiftskirche des hl. Ursiz zu St. Ursanne,
wo der Steinsarg des Kirchenpatrons im Hochaltar beigesetzt wurde.
Er ist von hinten durch eine Tür der Rückwand des Altars sichtbar. In der
Pfarrkirche von St. Maurice im Unterwallis kann ebenfalls der Sarg bezw.
der Schrein des hl. Sigismund, der in einem eisernen Gittergehäuse ver¬
schlossen ist, durch eine größere Öffnung auf der Rückseite des Hochaltars
geschaut werden. Ist der Sarg zu St. Ursanne in der Längsaxe des Altais,
d. h. quer zur Kirchenaxe aufgestellt, so steht in St. Maurice der Heiligen¬
schrein in der Längsaxe der Kirche, vergleiche des Verfassers Photographie
in a Schweizer Heilige des Mittelalters », S. 108, und der Zürcher Zeitschrift
« Schweiz », Jahrgang 1915, S. 534. Auch außerhalb unseres Landes befinden
sich Beispiele von hohlen Altären : Erwähnt sei der außen mit Edelmetall
und innen mit Seidenstoff bekleidete Hochaltar von St. Ambrogio in
Mailand, der mit einer Doppeltür auf der Rückseite versehen ist. Fem&
der romanische Hochaltar zu St. Georg in Reichenau-Oberzell; hier findet
sich eine hochrechteckige Tür und daneben zwei kreisrunde mit Kreuzgitter
versehene Fensterchen auf der Rückwand. Ein spätmittelalterliches
Beispiel, ein großes Gebäude aus steinernem Maß- und Stabwerk ist das
sog. Marcusgrab hinter dem Altar in der Klosterkirche von Mittelzell
auf Reichenau. In jedem Fall dienten hohle Altäre zur Aufbewahrung
1 So, und nicht Eulogius, lautet die richtige Schreibung von Kiburgers
Vornamen.
2 Beispiele in Vienne, Tarascon, L6rins.
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— 6 7 —
und Zugänglichmachung von hervorragenden Reliquien (insignes) ; in
Einigen handelt es sich um die von Kiburger (a. a. O. S. 173 bis
175) beschriebene Reliquiensammlung, in Mailand um die Leiber von
St. Gervas, Protas und Ambros, in Reichenau um das Haupt des hl. Georg,
ein Geschenk des Papstes Formosus. In Solothurn wird noch heute das
Haupt des hl. Urs im Hochaltar der Stiftskirche in einer Höhlung der Rück¬
seite aufbewahrt.
So ungefähr — eine große Photographie der Vorderseite hat German
Wolf in Konstanz, eine kleine, aber instruktive, die Basler Denkmalpflege
im Spätjahr 1922 aufgenommen — haben wir uns den hohlen Altar von
Einigen vorzustellen. Am Stabwerk konnte man anbinden und im Inneren
des Altares erwachsene Personen einschließen, wie solches von der besessenen
Frau Sophie von Stretlingen gemeldet wird (Kiburger, a. a. O. S. 86).
Der Mailänder und der Reichenauer Hohlaltar beweisen, daß schon das
10. Jahrhundert derartige Anlagen kannte ; aus welchem Saeculum der
einstige Hochaltar von St. Michael zu Einigen stammte, ist nicht mehr
zu entscheiden. E. A. Stückelberg.
Das Wappen des Klosters Klingental.
Im Mittelalter war es Sitte, daß die Klöster das Wappen ihrer Stifter
annahmen ; in den folgenden Jahrhunderten bis in die Jetztzeit wurden
diese Wappen als erstes Feld in den gevierten (ecartelierten) und anderweitig
geteilten Schilden geführt.
Eine Ausnahme von dieser Regel macht das Kloster Klingental in
Klein-Basel: es führt nicht den Schild der Herren von Klingen (in schwarzem,
mit weißen Schindeln bestreutem Grund ein weißer, gelbgekrönter Löwe),
sondern ein redendes Wappenbild, eine Glocke.
Belege dafür bietet die Kerbe einer Pergamenturkunde des Basler
Staatsarchivs vom Jahr 1432 (Klosterarchiv H. H. 1.) mit der Federzeich¬
nung zweier aufrechter und einer gestürzten Glocke, ein Grabstein der
letzten Äbtissin des Klosters, Walpurg von Rünss 1557, und ein spitzovaler
Siegelstempel vom Jahr 1550, dessen Abdruck von 1580 im Basler Staats¬
archiv enthalten ist. Es wäre eine dankbare A ufgabe, die Wappen sämtlicher
im Gebiete der heutigen Schweiz gelegenen Klöster zu sammeln und zu
veröffentlichen. E. A. Stückelberg.
Das Bildhaus von Alt-Staad.
Im Jahr 1918 hat der Verfasser einige Lichtbilder des Bildhauses
auf dem Felseninselchen von Alt-Staad bei Meggen in der «Schweiz»
(p. 167-169) veröffentlicht.
Seither ist im Staatsarchiv Luzern eine Notiz gefunden worden, deren
Mitteilung wir nicht unterlassen wollen :
1443 « der vogt ze Habsburg het an s. Niclausen cappel ze Meggenhom
verbuwen 4 lib 7 >/ 2 B und sinen Ion 5 lib.» (Staatsarchiv Luzern,
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68
Rechnungsbuch der Vogteien II 578 ; gütige Mitteilung von Herrn
Staatsarchivar Weber.) Der Eintrag beweist, daß das Bildhaus im
XV. Jahrhundert schon existiert hat; durch Schenkung der Eigentümerin
ist es neuestens Besitz der Gemeinde Meggen geworden.
E. A. Stückelberg.
Zwei mittelalterliche Siegelstempel
aus Königsfelden.
Beide Stücke sind sehr gut erhalten, aus Bronze, leicht hellgrün
patiniert. Auf der Rückseite ein Grat mit Öse. Sie waren Eigentum von
Herrn Dir. Dr. F. und wurden dem Verfasser zur Begutachtung von Herrn
Dr. S. Heuberger übersandt; seither gelangten sie ins Museum von Brugg.
Besonders der erste Stempel verdiente als Seltenheit — er scheint ein
Gegensiegel zu sein — Beachtung.
1. Spitzoval, h. 0.04 m, br. 0.026.
Umschrift: | AVE . SPONSA . MEA . DILECTA in gotischen
Majuskeln zwischen 2 Perlrändern. XIV. Jahrhundert. Stehende Figur
der hl. Katharina von Alexandrien, in der R. : Schwert, in der L. : Rad.
Vgl. die zahlreichen französischen Gegensiegel, die ebenfalls von spitz¬
ovaler Form, ohne Namen des Siegelinhabers, aber stets mit einer mit
AVE beginnenden Invokation versehen sind.
2. Rund, Dm. 0.026.
Umschrift: S . ANNA . VON . MVLINEN . in gotischen Minuskeln
auf Spruchband. XV.-XVI. Jahrhundert. Im Feld der Wappenschild
von Mülinen (Rad mit 4 Speichen und 8 Schaufeln). E. A. St.
Zur Biographie von P. Theodosius Florentini.
Unter obigem Titel veröffentlichte H. H. P. Wilhelm Sidler, O. S. B. im
ersten Jahrgang dieser Zeitschrift S. 139 ff. einen Artikel über die Ab¬
stammung und Verwandtschaft von P. Theodosius. Einleitend bemerkt der¬
selbe : « Selten ist über eine Persönlichkeit so viel geschrieben und, sagen wir
es offen, so wenig studiert worden als über den berühmten Kapuzinerpater
Theodosius Florentini .... Seit fast 14 Jahren beschäftigte sich der Verfasser
dieser Zeilen mit dem Sammeln echter Aktenstücke über das Leben und Wirken
des P. Theodosius. * Der leider nun verewigte Verfasser gedachte « in zwang¬
loser Reihe eine Anzahl Aktenstücke zu veröffentlichen. * Leider blieb es bei
der ersten Veröffentlichung ; eine zweite hatte er im Manuskripte wohl beendet,
aber sie unseres Wissens nie bewerkstelligt. Was die Quellen betrifft, aus der
die Angaben im ersten Artikel geschöpft, sagt P. Wilhelm selbst: «Wir
beginnen heute mit authentischen Auszügen aus den Pfarrbüchern von Münster
(Graubünden), der Heimat von P. Theodosius. Wir verdanken dieselben der
Bereitwilligkeit und der gewandten Feder des P. Albuin, O. Cap. in Münster. >
Leider enthält dieser erste Artikel eine Anzahl von Unrichtigkeiten. Sie
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- 6 g -
bedürfen um so mehr einer Richtigstellung, da bereits die eine oder andere
in Schriften anderer Autoren übergangen ist. Fassen wir hier umständlicher
nur die beiden wichtigsten ins Auge.
Die hauptsächlichste Unrichtigkeit bezieht sich auf den Familiennamen
der Florentini. P. Wilhelm schreibt am Ende seiner Arbeit: « Es wird jeder¬
mann bemerkenswert Vorkommen, daß eben diese beiden letzten ihres Stammes
— gemeint ist Bischof Nikolaus Franziskus von Chur und P. Theodosius —
ihren Stammnamen verleugnen und den Namen Florentini angenommen
haben. Damit treten sie mit ihrer ganzen langen Ahnenreihe in Widerspruch. »
Nur nebenbei bemerken wir hier, daä die beiden Genannten nicht die
letzten ihres Stammes sind. Heute noch lebt in Deutschland ein Vertreter der
Familie, wie solche sehr wahrscheinlich, worüber wir weitere Forschungen
anstellen wollen, noch viele in Italien existieren. P. Wilhelm gesteht : « Es
ist mir nicht gelungen, anzugeben, wann diese Änderung anfing, warum sie
eigentlich vorgenommen wurde, und ob P. Theodosius dieselbe vom spätem
Bischof oder der Bischof von ihm angenommen habe. * Was die letztere
Fragestellung betrifft, ist sie absolut unnötig. Weder der Bischof noch sein
Generalvikar P. Theodosius sind die ersten, die sich Florentini nannten, viel¬
mehr haben sich die beiden mit dieser Benennung in die ganze Entwicklungs¬
linie ihres Geschlechtsnamens hineingestellt und mit nichten ihren Stamm¬
namen verleugnet.
Wir sind absolut mit P Albuin, auf dessen Auszüge aus den Pfarrbüchern
von Münster sich P. Wilhelm beruft, der Ansicht, daß der Name Florentini nur
eine modifizierte Synkope vom ursprünglichen « Florin Anton » ist. Wir treten
damit ausdrücklich einer neuern Erklärung des Namens Florentini gegenüber.
Letztere ist zwar nicht schriftlich niedergelegt, aber von einem der besten
zentralschweizerischen Philologen des entschiedensten ausgesprochen worden.
Auf unsere Frage, wie erklären Sie den Namen «Florentini», bemerkte er:
Die Sache ist ganz einfach, es soll heißen : « Filius Florentini ». Daß diese
Auffassung unrichtig ist, erhellt evident aus der folgenden Namentabelle.
Wir führen aber auch die berufensten Erklärungen eines Spezialisten an.
Professor Muoth von der Kantonsschule in Chur hat « Über bündnerische
Geschlechtsnamen und ihre Verwertung für die Bündnergeschichte * 1 . Teil,
«Vornamen und Taufnamen als Geschlechtsnamen » 1892 eine eigene
Programmarbeit veröffentlicht. Nach seinen Darbietungen hat das Landvolk
in den rätischen Gegenden die Geschlechtsnamen in der christlichen Zeit,
seien sie rätischen oder rätisch-germanischen Ursprungs, meistens von den
Heiligen-Namen gebildet. Muoth führt besonders drei diesbezügliche Arten
der Entwicklung an. Die erste besteht darin, daß außer dem Taufnamen
des betreffenden Familiengliedes auch der Taufname des Vaters oder, falls die
Mutter mehr in das Blickfeld getreten, eben dieser im Genitiv beigefügt wird.
Hieß z. B. der Vater aus der Taufe Peter und sein Sohn Hans, so hieß lezterer
Peters Hans, es blieb ihm der Geschlechtsname « Peters ». Diese Art der
Geschlechtsbildung aus dem Taufnamen des Vaters findet sich heute noch in
der Umgangssprache in Appenzell.
Nach der zweiten Bildungsart wird vor den Taufnamen des Vaters eine
Präposition gesetzt, welche die Abstammung des Sohnes vom letzteren klar-
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legt z. B. Rest da Toni. Die dritte Bildungart setzt die Taufnamen von Vater
und Sohn unmittelbar nebeneinander z. B. aus Georg Augustin wurde Gier¬
augustin. Zu dieser dritten Klasse rechnet Muoth mit Recht auch eine Um¬
änderung von Florinanton, später in Florentini umgewandelt.
Die Frage, um die es sich hier gegenüber der Auffassung von P. Wilhelm
handelt, ist die : wann wurde der Name Florintöni in Florentini umgewandelt.
Nach ihm soll also der Bischof dies philologische Verbrechen begangen haben
oder P. Theodosius. Weder das eine noch das andere ist der Fall. Wir haben
uns nicht damit begnügt, nur Auszüge aus den Pfarrbüchern zu beraten,
sondern haben diese selbst uns zum einläßlichen Studium erbeten und heim-
getragen. Es handelt sich um folgende Bücher : Liber mortuorum ab anno
1734-1837. — Liber baptizatorum, confirmatorum et matrimonio conjunctorum
ab anno 1707-1800. — Liber baptizatorum, confirmatorum et matrimonio
junctorum ab anno 1800-1837. — Liber: Baptizati, confirmati, matrimonio
conjuncti ab anno 1663-1707 (mortui 1734). — Liber baptizatorum ab anno
1614, i 3 . Dez. — finem anni 1661, matrimonio junctorum ab anno i6iS-i66i,
defunctorum ab anno 1630. —Series familiarum communitatis Monasteriensis.
— Liber baptizatorum ab anno 1740-1896.
Eine einläßliche Durchforschung dieser Dokumente auf den Namen der
Florentini offenbart uns wenigstens dreißig Formen dieses Namens. Die
Variationselemente, um die es sich in der Gestaltung der verschiedenen Formen
handelt, sind, die Umänderung in « Fiorentini * ausgenommen, die drei
Buchstaben in der Mitte des zusammengesetzt geschriebenen Wortes « Flo-
rintoni *, nämlich vom ersten Teil der unbetonte Vokal: « i * und vom
zweiten Teil des Wortes, der Anlaut « t» und der erste Vokal, auf dem ein
Hauptakzent ruht, das «o». Wir nehmen in Behandlung dieser Frage als
Obereinteilungspunkt den Buchstaben « i * im ersten Worte. Von diesem
Standpunkte aus können wir zwei Hauptklassen ausscheiden. Die Zahl,
welche wir den einzelnen Formen beisetzen, ist die Jahreszahl, in der wir bei
den Quellen die betreffende Form gefunden :
I. Hauptklasse : Formen mit Belassung des « i » im Worte « Florin » :
1. Klasse : Auch das «0» in « Toni » bleibt unverändert : Florin Toni
1602, i 6 o 5 , 1670, 1814; — Florin Tony 1767; — Florintoni 1814; — Florin-
tonj 1791 ; — Florinthoni 1725, 1729; — Florinton 1724.
2. Klasse: Dem «o» wirdein «u* vorangestellt: Florin Tuon 1639:
— Florin Tuoni 1642.
3 . Klasse : Das « o » wird nach dem « u * ausgelassen : Florin Tum
1672, 1680, 1699, 1704, 1706, 1708. 1710, 1711: — Florin Thuni 1726;— Flo-
rintuni 1721, 1818, 1820; — Florin Tun 1713.
4. Klasse: Das «o * wird in «ö* auf gehellt : Florin Toni 1681:
— Florin Toeni 1647; — Florintöni 1760, 1788, 1791, i 8 i 5 , 1820, 1824, i 83 i.
i 853 ; — Florinthoni 1733 : —Florindöni circa 1711, 1727, 173t.
5 . Klasse: Das « ö » wird in « e » auf gehellt: Florinteni 1722 ; — Flo-
rinthen 1667, 1672, 1675, 1676, 1680.
6. Klasse: Das «o* wird in « ü » verändert: Florintüni 1798, 1802.
i 8 o 3 , 1808, 1816, 1817, i 83 o, 1 833 , 1 835 , 1 836 , 1867; — Florindüni i 835 .
7. Klasse : Das « ii » geht in « i » über : Florintini 1702, 1 835 , 1837, ferner
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— 7 X —
mehrmals in den Jahren von 1 835 bis 1837. Der Name «Tini » kommt auch
von «Töni ».
n. Hauptklasse : Formen, in denen statt des « i » in « Florin »
« e » gesetzt wird.
/. Klasse * «o* im * weiten Wort u/ird belassen : Florentoni 1670, 1747,
1748, 1759, 1760, 1784, 181 3 .
2. Klasse: Das «o* wird in «ö» aufgehellt: Florentöni, von 1761 bis
1818 circa 42 Mal; — Florenthön i 5 g 5 .
3 . Klasse : Das «ö» wird in «e* aufgehellt: Florentheni, vgl. Protokoll,
maj. Prov. Helv. 273 A. (Das « h » ist nachträglich gestrichen und das «e» in
«i* umgeändert worden = Florentini).
4. Klasse: Das «0* wird in «u* verdunkelt: Florentuni 1691, 1733, 1736,
1759, 1837.
5 . Klasse: Das « u » geht in « ti » über : Florentüni ; von dem Jahre
1704 bis 1884 wenigstens 175 Mal. Auch im Stammbaum vonP. Albuin
sind viele eingezeichnet.
6 . Klasse: Statt «fi* wird « i * geschrieben: Florentini: 1734;
Florenthini : P. Roman, O. M., der Onkel von P. Theodos schrieb sich von
i 8 o 5 bis 1810 dreimal so. Im Protokoll seiner Provinz figuriert dessen Name
ebenfalls als Florenthini.
7. Klasse : Das letzte « i * wird weggelassen : Florentin 1731.
8 . Klasse : Fiorentini, eine aus Münster ausgewanderte und in Italien sich
einbürgernde Familie.
Aus diesen Darbietungen geht hervor, daß P. Theodos und sein Geschwister¬
kind, Bischof Florentini, nicht die ersten waren, welche sich « Florentini »
schrieben. Wir begegnen dieser Schreibart, wie aus der Tabelle II. 6, ersicht¬
lich, schon in den Jahren 1734 und wieder am Anfang des 19. Jahrhunderts,
da P. Theodos noch nicht auf der Welt und der Bischof noch ein Knabe war.
Selbst in dem.Stammbaum von P. Albuin, auf den sich P. Wilhelm beruft,
finden sich folgende Schreibarten : Florentinus, gest. 1704 und ein Dominus
Florentini, gest. 1734.
Zweitens geht ebenso aus der Übersichtstabelle hervor, daß die beiden
nicht bloß nicht ihrem Stammnamen untreu geworden, sondern daß sie sich
vielmehr ganz in die Entwicklungslinie desselben gestellt hatten. Die Schreib¬
art « Florentüni * ist weitaus die größtzählige von allen vorkommenden
Variationen. Im 18. Jahrhundert dominiert sie gänzlich. Nun ist aber « Floren¬
tüni * und « Florentini > für die Aussprache in jenen Gegenden ganz gleich.
Wie heute noch in einigen Bergiälern der Schweiz z. B. in Nidwalden das
«ü»und«i« ganz gleichlautend ausgesprochen werden, nämlich als «i *,
oder bisweilen das « i* auch als « ü *, so ist es auch im unmittelbar an¬
grenzenden Deutschtirol. Wir hatten einen Professor an der theologischen
Fakultät in Innsbruck, der uns oft betonte, wir dürfen eine von seiner Ansicht
abweichende Meinung in einer theologischen Frage haben, aber für uns
immer etwas erheiternd beifügte : « Gebt mir nur Grinde *, statt Gründe.
Ebenso haben wir in einem Totenbuche, von Münster selbst gesehen, wie ein
und dieselbe Hand auf der einen Seite des Buches geschrieben : « Er starb an
der Gicht » und auf der gegenüberliegenden Seite : « Er starb an der Gücht».
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« Florentüni * und « Florentini * sind für jene Gegend lautlich ein und
dasselbe und daraus erhellt, da& man wenigstens das ganze 18. Jahrhundert
hindurch « Florentini* ausgesprochen. P. Theodosius und Bischof Florentini,
wie ihr Onkel P. Roman, Franziskaner, Lektor, Guardian und Definitor in
Tyrol haben sich deshalb vollberechtigt « Florentini * geschriebe n. Sie wären
der Aussprachsweise ihrer Ahnen im 18. Jahrhundert untreu ge worden und
mit ihnen in Widerspruch getreten, wenn sie sich « Florintön i » geschrieben
hätten. Im Taufbuch ist P. Theodos auch nicht als « Florintöni * verzeichnet,
sondern in dem einen, das von 1740 bis 1896 reicht, als «Florentüni *, in dem
andern, das die Zeit von 1800 bis 1837 umfa&t, als « Florentönj *. Diese Ver¬
schiedenheit in der Zeichnung seines Namens in den offiziellen BQche rn gab
ihm doch wohl die Berechtigung, sich der weit zahlreicher vorkomm enden
und in der Aussprache.« Florentini » lautenden anzuschliefien.
Wir berühren hier noch rasch eine andere Unzulänglichkeit im angezogenen
Artikel des P. Wilhelm. Sie betrifft die Geschwisterzahl von P. Theodosius.
Sein Vater war bekanntlich zweimal verheiratet. Aus der ersten Ehe wurden
zwei Kinder geboren, die aber fast zu gleicher Zeit nach ihrer Geburt mit der
Mutter starben. Was die zweite Ehe betrifft, so sprach P. Albuin früher von
fünf Kindern, die ihr entsprossen sein sollten. Ich vermute, da& er diesen
Gedanken auch dem P. Wilhelm inspirierte. Später aber meldete mir derselbe,
daä er noch zwei andern Kindern aus derselben Ehe auf die Spur gekommen.
Unsere Studien in den Taufbüchern bestätigten dies. So komme n zu den von
P. Wilhelm in seinem Artikel verzeichneten fünf Kindern des Pau 1 Florentini
aus zweiter Ehe noch folgende zwei: Erstens ein Knabe, Antoniu s genannt,
geboren den i 5 . August 1804. Paten waren ihm ein Antonius Bernsteiner, von
dem er offenbar den Taufnamen erhielt und eine Anna Muschaun. Offenbar
starb dieser Antonius in der frühesten Jugend.
Seinem Todesdatum sind wir in den Totenbüchern nicht begegnet. Aber
im Jahre 1808 wurde dem Paul Florentini wieder ein Knäblein geboren, dem
wieder Antonius Bernsteiner Pate war und das auch aus der Taufe Antonius
genannt wurde. Es war dies der spätere P. Theodosius. Also wird der erste
Antonius damals schon gestorben gewesen sein. Zweitens bietet P. Wilhelm
keine Kenntnis von einer Schwester des P. Theodosius, nämlich der Anna
Catharina, geboren den 18. April 1802. Auch dieses Kind muö früh gestorben
sein. Denn im Jahre 1811 wurde ein anderes Mädchen aus derselben Ehe aui
denselben Namen getauf t.
Vorstehende zwei Hauptunrichtigkeiten in der Albuin-Wilhelmsche n Dar¬
bietung sind bereits in diese und jene Schriften über P. Theodos übergegangen,
namentlich die falsche Namensschreibung. P. Albuin gibt seiner sonst ge¬
schätzten Biographie den Titel « P. Theodos Florintöni*. Mit welchem Rechte
geht aus unsern Darbietungen hervor. Es gibt historisch und juridisch nur
eine berechtigte Schreibart vom Geschlechtsnam en des P. Theodosius und
diese hei&t «Florentini*. Nur diese ist in der Aussprache mit der Schreibart
des ihm vorangehenden Jahrhunderts identisch und er und seine verwandten
Intellektualitäten haben sich so geschrieben.
Zug. P. Dr. Magnus Kungle O. M. Cap.
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REZENSIONEN, — COMPTES RENDUS
L. v. Pastor. Geschichte der Päpste,
i. Br., Herder, 1923.
Wieder ein Band Pastor; für jeden Geschichtsfreund wieder ein
Hochgenuß I Die fast 1000 Seiten lesen sich so spannend wie ein Roman.
Wie verbindet sich wieder gründlichste Forschung mit psychologischem
Blick und Geschick, umrahmt von fesselnder Darstellung ! Wie doch der
Meister es versteht, den unermeßlichen Stoff zu sammeln, zu sichten und
zu ordnen, sich in der Auswahl zu beschränken, mit einem Wort oder
Satz ganze Episoden zu kennzeichnen, wofür manch anderer Seiten ver¬
wendet hätte ! Mit steigendem Interesse verfolgt man den Verlauf der
außergewöhnlich ruhigen Sedisvakanz nach dem Tode Pius’ V. und des
bloß eintägigen Konklaves, aus welchem Gregor XIII. hervorging.
Eine reiche Wirksamkeit hatte Kardinal Boncompagni bereits hinter
sich, als er siebenzigjährig den Thron Petri bestieg. Der berühmte Rechts¬
gelehrte von Bologna war seit Paul III. an der römischen Kurie und
besonders beim Trienter Konzil hervorragend tätig gewesen, aber erst
in der Schule und Umgebung des hl. Karl Borromäus eigentlich ein ganzer
Schüler Christi und der Kirche geworden. Wird Gregor XIII. nun ein
Pius V. oder IV. oder ein Paul III. ? Denn daß er mit den Renaissance¬
päpsten kurz vor und nach 1500 wenig oder nichts gemein haben werde,
stand zum Vornherein fest. Er wurde keiner von allen. Das ist eben eine
providentielle Erscheinung in der Kirche, daß jeder Papst seine eigene
Individualität mitbringt und entfaltet. Leo XIII. gleicht nicht Pius IX.,
und Pius X. hinwiederum war ganz anders geartet als seine Vorgänger
und seine beiden Nachfolger. Das verleiht jedem Pontifikat sein eigen¬
tümliches Gepräge und bewahrt die Kirche nach ihrer menschlichen Seite
vor Verknöcherung und Erstarrung.
Vor allem bekundete Gregor XIII. seinen entschiedenen Willen, die
begonnene kirchliche Reformarbeit seiner Vorgänger fortzusetzen. Darum
besetzte er die wichtigsten Stellen mit Kardinälen und Prälaten aus der
Schule Karl Borromeos, zog diesen großen Kirchenreformator in wichtigen
Fragen zu Rate, hielt weltliches Wesen und Nepotismus allzeit von der
Kurie fern. In seinem Privatleben zeigte er persönlich große Frömmigkeit,
kannte für sich keine Schonung, sondern unnachsichtige Strenge in seiner
Pflichterfüllung und in Übungen der Abtötung. Was an Gregor XIII.
besonders hervortritt, ist sein großes Organisationstalent. Die Welt kennt
ihn fast nur aus seiner Kalenderverbesserung, ein Werk, wovor angesichts
der zu erwartenden Schwierigkeiten manche Vorgänger zurückschreckten,
das aber allein schon geeignet wäre, seinen Namen berühmt zu machen.
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74
Nur der Umstand, daß ein Papst diese notwendige Reform an die Hand
nahm, rief in den nichtkatholischen Kreisen jenen kleinlichen, verbissenen
Widerstand wach, der die Einführung der Verbesserung bei den Prote¬
stanten bis 1700 hinaus verzögerte. Es ist kein Ruhm für unser Land, daß,
abgesehen von griechisch-orthodoxen Ländern, die. heute noch den julia-
nischen Kalender haben, einige Gebiete der Schweiz (Glarus, zum Teil
Bünden) sich gegen den «abgöttischen, päpstlichen Kalender» bis 1798
wehrten. Das große Organisationswerk reichte viel weiter und zeigt sich vor¬
züglich in der Schaffung der römischen Kongregationen und Nuntiaturen und
in den großartigen Veranstaltungen für die Bildung eines tüchtigen Klerus.
Trotz seines überlegenen Geistes fand Gregor infolge der Erstarkung
des modernen Gedankens vom allmächtigen Staat große Schw ierigkeiten —
in gewisser Hinsicht zumeist vom « katholischen » König, von der Signorie,
sodann vom schwankenden französischen Königtum und vom Pariser
Parlament. Unterstützung fand er in seiner Reformtätigkeit von einigen
kirchlichen Heroengestalten, wahren Werkzeugen in der Hand der Vor¬
sehung. In anschaulicher und ansprechender Weise treten die großen
Gestalten eines hl. Karl Borromäus, der heiligen Ordensreformatorin Theresia
und ihres heiligen Schülers Johann vom Kreuz, sodann der Apostel Roms,
der hl. Philipp Neri usw. in wahren Kabinettstücken konziser und doch
vollständiger Darstellung entgegen. Auch der hochsinnige Ignatius lebt
in seinen segensreich wirkenden Jüngern fort. Wir bewundern ihre gewaltige
umgestaltende Arbeit im römischen Seminar und in zahlreichen Kollegien
und Missionen auf dem ganzen Erdenrund. Außerdem lieferte der Papst
den Universitäten des Kirchenstaates, Sapienza und Bologna, dann auch
Würzburg, Löwen, Besan^on, seine Förderung. Bewunderungswert ist
die glänzende Wohltätigkeit, womit Gregor ungezähltes Leid mit großen
Summen lindert.
Großzügig war seine Politik, besonders sein Bestreben, der Türken¬
gefahr ein allgemeines Christenbündnis entgegenzusetzen. Aber die
Krämerpolitik der Venetianer mit ihren Extratouren, die absolutistische
und egoistische Zauderpolitik Philipps II., sowie die türkenfreundliche
Verräterpolitik der Franzosen und die katzenartig lauernde, stets sprung¬
bereite Machiavellistik der «jungfräulichen » Königin auf Englands Thron
durchkreuzten alle großen Pläne des Papstes und ließen die Vorteile des
Seesieges von Lepanto und die riesigen Geldopfer Pius’ V. und Gregors XIII.
verloren gehen.
Wohl ebenso große Anstrengungen machte Gregor für die Erhaltung
der katholischen Kirche in England und Irland, besonders durch Gründung
von Missionsschulen zur Ausrüstung opferfreudiger Priester, die zumeist
Märtyrer für den Glauben wurden. Ein unergründliches Problem der
göttlichen Vorsehung werden für das gläubige Gemüt die Vorgänge bei
der Reformation Großbritanniens und die Verfolgung der glaubenstreuen
Irländer immer bleiben, die den altrömischen Christenverfolgungen an
Grausamkeit nichts nachgaben. Doch was die Märtyr er kirche an Zahl und
Ausdehnung verlor, gewann sie durch innerliche Güte und Vertiefung.
Hier seien einige Desiderien und Zweifel angebracht. Was war der Gegen-
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~ 75 -
stand des Streites zwischen Vizekönig Kardinal Granvella und dem Bischof
Carafa in Neapel ? Unter hundert Lesern wird kaum einer in der Lage
sein, dies aus den S. 254 zitierten Werken zu schöpfen.
Ein überaus interessantes und^übersichtliches Kapitel ist die Schil¬
derung der Hugenottenkriege und aer Bartholomäusnacht. Pastor bietet
eine neue, gründlich dokumentierte Klarstellung der Ursachen und Vor¬
gänge der Pariser Bluthochzeit. Jedem wird es einleuchten, daß die Greuel-
Szenen in Paris vom 24. bis 25. August 1572, die freilich an die Untaten
der Hugenotten in Südfrankreich und an die Katholikenjagden in Irland
nicht heranreichen, in keiner Weise das Werk der Kirche, sondern eine
Tat der innerlich glaubenslosen, moralisch skrupellosen Königin Mutter
Katharina von Medici waren, und daß die Dankfeier von Gregor auf Grund
der zugestutzten diplomatischen Berichte zum Dank für die Rettung des
Königs und des Staates angeordnet worden. Wenn auch sogenannte wissen¬
schaftliche Werke das Gegenteil behaupten, so trägt Unkenntnis oder
Mangel an Wahrheitsliebe die Schuld daran. Übrigens bezweifelt heut¬
zutage kein Geschichtskundiger mehr, daß der Plan für die Bartholomäus¬
nacht rein persönlich-politischen und nicht religiösen Motiven entsprang.
Weder Pius V. noch Gregor XIII. waren in den Plan eingeweiht, und nach
dem Ereignis wurde der Papst durch tendenziös gefärbte offizielle Berichte
und diplomatische Schönfärberei getäuscht. Als Gregor den wahren Sach¬
verhalt erfuhr, weinte er Tränen des Entsetzens und des Mitleids. Das
verrät eine andere Gesinnung als das Vermächtnis eines neuen Propheten,
man solle « Papst, Kardinäle und das ganze römische Geschwürm angreifen
und in ihrem Blute die Hände waschen ».
Tiefen Kummer bereiteten dem Papst die mehr und mehr von der Kirche
sich emanzipierenden Staaten und Fürsten. Mit Philipp II. durfte er sich
aus wohlverstandenem Interesse nicht Überwerfen. Und doch erheischte
die Unabhängigkeit Europas, daß er zu den Niederlanden und den bereits
von ihm beherrschten Staaten in Italien und dem eben erst gewonnenen
Portugal nicht noch neue Gebiete erwerbe. So schlichtete Gregor mit Erfolg
die Streitigkeiten der Genuesen unter sich, um sie nicht unter die Bot¬
mäßigkeit Spaniens oder Frankreichs kommen zu lassen. So tat er alles,
um die nach Selbständigkeit strebenden deutschen Fürsten wenigstens
einigermaßen mit dem Kaiser zu einigen. Am wehesten tat ihm das immer
wiederholte eigenmächtige Eingreifen Philipps in kirchliche Verhältnisse.
Das Staatskirchentum zeigte sich in allen Teilen der Monarchie Philipps,
und zwar in seiner grellsten Form, vorab im tyrannischen Walten der
spanischen Inquisition, die kein kirchliches Institut, sondern oft ein recht
unkirchliches Poiizeiorgan war ; es zeigte sich in den angemaßten Legaten¬
rechten der Monarchia Sicula, wornach sich Philipp die Rechte des Summ¬
episkopates kaum weniger beilegte als Heinrich VIII., Elisabeth und die
deutschen protestantischen Fürsten ; es zeigte sich in der Verwendung
kirchlicher Einkünfte zu Staatszwecken in einem jährlichen Betrage von
ungefähr 1 V» Millionen Dukaten, die dem Staat und Volk wenig Segen
brachten.
Ein unglücklicher Gedanke war es, die Hilfe Spaniens zur Wieder-
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- 76 —
gewinnung Englands anzurufen. Die Engländer sahen in den Spaniern
nur die Eroberer, und wenn bei Philipp II. die Gewinnung der Herrschaft
nicht der Hauptplan war, so wirkte sie doch als mitbestimmender Neben¬
gedanke. Auch die Zurückführung Schottlands scheiterte an der Eifer¬
sucht und Unentschlossenheit Philipps und an der Verlogenheit und
Charakterlosigkeit Jakob Stuarts. Sehr angezeigt ist die Ausführung über
die Handstreiche gegen Elisabeth, die sich aus dem Geist der Zeit unschwer
erklären lassen. Über den Wert der durch Folter erpreßten Geständnisse
ist jedermann im Klaren. Daß einige Jesuiten gegen das Verbot der kirch¬
lichen Obern sich allzuweit ins politische Getriebe eingelassen haben,
bestreitet niemand. Doch ist die scheinheilige Entrüstung hier sehr auf¬
fallend, während man für die Umtriebe und Mordpläne gegen Philipp II.,
Don Juan und selbst gegen den Papst kaum ein Wort der Mißbilligung
findet. Gerade die katholische Theologie betonte immer scharf, daß es nie
erlaubt sei, auch nicht gegen Todfeinde, Böses zu tun, um Gutes zu bewirken.
Die Reformbestrebungen Gregors für die französische Kirche unter¬
stützten einige gute Bischöfe und eifrige Ordensleute, Kapuziner und
Jesuiten, während das Kommenden- und Günstlingswesen und das schlimme
Beispiel des Hofes vielfach eine Besserung der Zustände verhinderten.
Auch in den Niederlanden schädigte die Revolution, der politische Interessen
zu Grunde lagen, während religiöse Motive nur nebenbei mitspielten, die
Kirche schwer. « Albas Verhalten arbeitete dem schlauen Oranier in die
Hände und schädigte die katholische Kirche mehr als Luther und Kalvin. *
Klugheit und Milde des Statthalters Farnese und eifrige Priester erhielten
den Süden des Landes der Kirche.
Ein bemühendes, aber lehrreiches Kapitel ist« Deutschland » (S. 427 ff.)
Die Bemühungen der römischen Reformkongregation für Deutschlands
religiöse Wiedergeburt, das Wirken der trefflichen Nuntien Bonhomini,
Portia, Ninguarda usw., der wohltätige Einfluß des tiefchristlichen Bayer¬
fürsten Albrechts V. und besonders die apostolische Tätigkeit des seligen
Canisius heben sich wohltuend von den tiefen Schatten in der deutschen
Kirche ab: Der Unfug der hochadeligen Bischöfe und der adeligen
Domkapitel, Sittenzerfall von Hochstiften und in Klöstern, religiöse
Unwissenheit und sittliche Verwilderung des Volkes. Doch dürfen diese
Übelstände auch nicht verallgemeinert werden. Treffliche Hirten waren
Bischof Julius von Würzburg, Kurfürst Daniel Brendel von Mainz und
Jakob von Eltz in Trier; dazu der wachsame Bischof von Schaumberg
in Eichstätt und der Benediktinerabt Balthasar Dernbach von Fulda,
welche noch manche Gebiete dem katholischen Glauben retteten, obwohl
der Norden großenteils durch seine protestantischen Domkapitel der neuen
Lehre zugeführt wurde und das Trümmerfeld der Kirche bildete. Eine
eigentümliche Erscheinung war die Vereinigung oft mehrerer gefährdeter
Bistümer in der Hand eines Fürstensohnes, meist aus dem bayerischen
oder österreichischen Hause. Die Not der Zeit führte zu diesem Abgehen
von den strengen Bestimmungen des Konzils von Trient. Bei der Schwäche
oder schwankenden Haltung des Kaisers mußten katholische Dynastien
mit ihrer Hausmacht die gefährdeten Bistümer der Kirche erhalten.
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Auch die Schweiz (S. 515 ff.) erfuhr vielfältig die Hirtensorge Gregors.
Die Stiftung des Schweizerkollegs in Mailand sollte würdige Priester heran¬
bilden, die Errichtung der Nuntiatur sollte mehr zur Besserung der Sitten
als für diplomatische Verhandlungen tätig sein. Würdige Hirten, wie der
Bischof Christoph Blarer von Basel und Fürstabt Joachim Opser von
St. Gallen mit glaubenseifrigen Priestern, besonders aus dem Jesuiten- und
Kapuzinerorden, konnten den herrschenden Übeln Einhalt tun. Hier
muß noch bemerkt werden, daß Abt Joachim nicht die Note verdient,
wie sie ihm S. 522 erteilt wird. Nicht bloß « mit der Zeit lenkte er in die
Bahnen der katholischen Reformation ein». Schon vor der Visitation
hielt er in seinem Kloster eine vorzügliche Disziplin ; er war ein aus¬
gezeichneter Theologe und seeleneifriger Priester. Der Priesterschaft
seines Jurisdiktionsgebietes leuchtete seine Tätigkeit im Predigtamt und
in der Sakramentenspendung und Reinheit der Sitten vor. Das Mißtrauen
in seinem Schreiben an den Nuntius erklärt sich aus der mehr politischen
Tätigkeit und nicht immer ganz erbaulichen Haltung der frühem nicht
ständigen Nuntien und aus dem allzu stürmischen Vorgehen Bonhominis,
das auch den Tadel des hl. Karl fand, wie das aus dem ansprechenden
Lebensbild des Abtes von Kan. Scheiwiler hervorgeht. Der Mangel der
Klausur in manchen Frauenklöstern und die Unterlassung des Brevier¬
gebetes erklärt sich daraus, daß die meisten Ordensfrauen der Ostschweiz
sogenannte Klausnerinnen, Feldnonnen oder Waldschwestem waren und
wie die Beginen mehr einen religiösen Verein als eine klösterliche Nieder¬
lassung bildeten. Erst in den folgenden Jahrzehnten nahmen sie allmählig
die Regel des dritten Ordens des hl. Franziskus an. Daneben zeigte
freilich das kirchliche Leben genug arge Schäden, wie die traurige Schmäh¬
schrift « Klag der gemeinen Priesterschaft der drei Länder Uri, Schwyz
und Unterwalden » beweist. Die Ansicht, der sittliche Zustand des Klerus
in den katholisch gebliebenen Orten sei viel besser gewesen als in der
übrigen Schweiz, ist unhaltbar. (Nebenbei: Die Kartause Ittingen hatte
keinen Abt.)
Wie in Deutschland, so rettete auch Gregors Umsicht die Kirche in
dem von vielen Sekten zerrissenen Polen, das eben in Stephan Batory seinen
größten wahrhaft christlichen König erhalten hatte. Weniger glücklich
war die Mission Possevins nach Schweden und Rußland zur Wieder¬
gewinnung dieser Länder; auch da hatte Elisabeth von England ihre
Hand im Spiele.
In der Darstellung von Gregors Pontifikat kommt auch der Freund
der Missionsgeschichte auf seine Rechnung. Gregor XIII. ist der « Papst
der Missionen», wie im 19. Jahrhundert Gregor XVI., der auch das
Missionswesen neu organisierte, obwohl erst die folgenden Pontifikate
die Früchte ernteten. Gregor XIII. förderte die Missionen in Indien,
China und Japan, in Abessinien und Westafrika, in Süd- und Nordamerika ;
er sah auch reiche Erfolge, besonders auf den Philippinen. Auch in diesem
Zweig kirchlicher Verwaltung ist Philipps II. Stellung wieder charakteristisch,
indem er zwar die Missionen kräftig förderte, aber durch seine selbstherrliche
Maßregelung auch vieles verdarb.
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- 7« ~
Die weltumfassende kirchliche Aufgabe hinderte Gregor nicht, auch
den materiellen Interessen seine volle Sorge zuzuwenden. Nicht nur war er
dem Kirchenstaat ein wahrer Landesvater, seine Politik umfaßte die ganze
christliche Völkerfamilie. Hatte er in der äußeren Politik infolge der
ablehnenden Haltung der Fürsten und Staaten keine durchschlagenden
Erfolge zu verzeichnen, so ließ seine Regierungstätigkeit in seinen Staaten
dauernde Spuren zurück. Er schaffte Ordnung im Finanz- und Lehenswesen,
schwächte das damals so mächtige, faszistisch organisierte Parteiwesen,
führte in der ewigen Stadt die dringend notwendigen sanitären Ver¬
besserungen ein, verschönerte und vergrößerte Rom, dessen Einwohner¬
schaft unter ihm von 90,000 auf 140,000 Seelen stieg, beschränkte das
damals in allen europäischen Staaten grassierende Bettler- und Vagabunden¬
wesen. Die Tiberregulierung und die Austrocknung der Pontinischen
Sümpfe machte weitere Fortschritte ; Straßen und Brücken wurden erstellt,
die Häfen von Ancona und Civitavecchia erweitert und verbessert. Nur
in Bekämpfung des Räuberunwesens winkte ihm ein bloßer Teilerfolg,
woran aber neben seiner Milde der italienische Volkscharakter und die
Zeit- und Staats Verhältnisse Schuld tragen. Die Kunst fand am Papst
auch ihren Mäcen ; der Bau von St. Peter wurde weitergeführt, die Kirche
St. Maria in Vallicella für die Oratorianer, il Gesü für die Jesuiten, St. Atanasio
für das griechische Kolleg erbaut, andere Kirchen ausgeschmückt, und
das großartige, herrliche Collegium Romanum steht an der Spitze der
28 Kollegien, die er teils in, teils außer Rom schuf. Dieser Papst verdiente
vollauf die Ehrenstatue, welche ihm das Volk auf dem Kapitol errichtete
und die erst das neue Regiment 1876 entfernte. Man sieht, wie unangebracht
außerkirchliche Schriftsteller die Behauptung aufstellen, die Neuzeit hätte
nur einen großen Papst gesehen, Sixtus V. Doch dem ist nicht so. Wenn
Gregor dem Auge des oberflächlichen Beurteilers fast entschwindet, weil
er einen heiligen Vorgänger und einen gewaltigen Nachfolger hatte, so ist
doch seine Tätigkeit umfassender und in mancher Beziehung ersprießlicher
und nachhaltiger als diejenige der beiden andern. Insbesondere darf in
Bezug auf den Nachfolger gesagt werden : Ohne Gregors grundlegende,
organisatorische Arbeit gäbe es keinen Sixtus V. Des letzteren Bautätigkeit
springt mehr in die Augen, weil sie sich beinahe nur auf Rom konzentriert,
während Gregors Bauten noch in fast allen Ländern der Christenheit stehen.
Seine kirchliche Tätigkeit bezeichnet den Höhepunkt der Gegenrefor¬
mationsbewegung. Er hatte nach Kardinal Aliens Wort gehandelt: Bessere
Zeiten soll man nicht herbeiwünschen, sondern herbeiführen. Gregor XIII.
hat dies geleistet, darum gebührt ihm der Ruhm, unter die größten Päpste
gezählt zu werden. Pastor hat ihm im IX. Bande der Papstgeschichte
ein würdiges Denkmal errichtet. F. Scgmüller, O. S. B.
N. Peissard. La däcouverte da Tombeau de Saint Maurioe, martyr
d’Agaune ä St Maurice en Valais. St-Maurice, oeuvre St-Augustin’ 1922.
8° 84 Seiten, 5 Pläne und 8 Lichtdrucktafeln.
Der hl. Mauritius, der Patron des ehrwürdigsten christlichen Kultur¬
zentrums der Westschweiz, gehört zu den populärsten Heiligen unseres
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79
Landes. Daher das Interesse an der Frage, ob sein Martyrium eine histo¬
rische Tatsache oder nur eine fromme Legende sei. — Den ersten schrift¬
lichen Bericht über das Ereignis gibt uns der hl. Eucherius, Bischof von
Lyon (t um 449) : Während der letzten großen Verfolgung ließ der Kollege
Diokletians, Maximian Herkuleus, der sich eben in Octodurum (Martigny)
befand, eine christliche Legion, die sich weigerte, gegen ihre Glaubens¬
genossen vorzugehen, mit den Hauptleuten Mauritius, Exuperius und
Candidus, nebst einem ausgedienten Veteran Viktor, welcher die Henker
tadelte, niedermetzeln. Theodor, Bischof von Octodurum, übertrug die
Reliquien der zahlreichen Märtyrer nach Augaunun selbst und baute zu
ihrer Ehre eine Basilika. Wunder geschahen da, und von allen Seiten
strömten Pilger herbei.
Über den Wert dieser Angaben streiten sich die Gelehrten. Einige
beanstandeten nicht nur die Zahl der Märtyrer, sondern verweisen alles
in das Reich der Legende und der frommen Täuschung. Dagegen hat die
Archäologie noch ein Wort zu sprechen. Wird sie ein auf das Martyrium
des hl. Mauritius bezügliches Denkmal entdecken, welches aus der Zeit
der Verfolgung stammt oder nur wenig jünger ist ? Der 1920 am Feste
des hl. Mauritius verstorbene Prior von St. Maurice, Can. P. Bourban,
hoffte es zuversichtlich und machte seit 1893 Ausgrabungen in der alten
Abtei und deren Umgebung. Seine Forschungen machten indes auf die
Kritiker keinen tiefen Eindruck. Nur aus Neugierde stieg im September
1919 der Archäologe des Kantons Freiburg, Can. Peissard, in die 1904
entdeckte Krypta. Doch die Eigenart des Ortes und des darin befindlichen
überwölbten Grabes ( Arcosoliutn) überraschten ihn nicht wenig ; sorgsam
betrachtete er den Bau, oft kehrte er zurück, untersuchte die Mauern und
befragte jeden Stein nach seinen Geheimnissen. Das Arcosoliutn nahm vor
allem das Interesse des Forschers in Anspruch. Diese Gräberart findet
sich erst gegen Ende des 3. Jahrhunderts im Norden der Alpen ; der rote
Mauerbewurf des Grabes erwies sich bei der chemischen Analyse als römisches
Produkt ; ein im Mauerwerk gefundener Marmor trägt eine um das Jahr
250 hergestellte Inschrift und ist also wahrscheinlich erst nach 280-90,
d. h. nach dem Tode derjenigen, welche die Inschrift hatten machen lassen,
als Baumaterial verwendet worden. Das entdeckte Arcosolium ist also
ein gallo-römischer Bau, welcher nicht vor dem Ende des 3. Jahrhunderts,
aber doch vor dem Zerfall der römischen Baukunst in der West¬
schweiz, also vor 420-30, wahrscheinlich im Lauf des 4. Jahrhunderts
errichtet worden ist. Wem hatte dieses Grab dienen können ? Jedes
Arcosolium ist im allgemeinen das Grab einer Person von Bedeutung ;
befindet es sich aber in der Krypta einer Basilika, so handelt es sich um
die Ruhestätte eines Märtyrers. Und das ist hier der Fall. Da haben wir
die Reste jener Basilika, welche nach dem Bericht des Eucherius der Bischof
von Octodurum, Theodor, zwischen 360-70 zu Ehren der Reliquien der
agaunischen Märtyrer erbaut hatte, und deren weitere Spuren fünf vier¬
eckige Einschnitte in der Felswand bilden, wo das Gebälk des einseitigen
Daches auflag.
Aber hatte Theodor wirklich Reliquien von Märtyrern aufgefunden
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8o
oder handelte es sich um Gebeine von Nationalhelden oder beliebiger
Personen, welche bei diesem Anlaß zu Bekennem des Glaubens gestempelt
wurden ? Kurz, handelt es sich um Märtyrer oder nicht ? Wenn bei
Augaunum keine Märtyrer für den Glauben gestorben wären, wie hätte
dann Theodor dem Volke behaupten können, er habe Überreste von
Märtyrern gefunden, welche vor kaum ioo Jahren in der Gegend für den
Glauben das Leben geopfert hätten ? Wie hätte er gar für deren Reliquien
eine Basilika bauen können ohne irgend einen Widerspruch des Volkes ?
Die ältesten Männer des Tales hätten ihm doch sagen müssen: «In unserer
Kindheit waren wir noch Zeugen der letzten Verfolgung, aber von diesen
Märtyrern wissen wir nichts. « Statt dessen strömten von allenthalben
Pilger herbei, und Wunder verherrlichten die Reliquien der Blutzeugen.
Gegen 5 20 erbaute der Abt Ambrosius eine neue Basilika. Damals wurde
die Krypta des hl. Theodors zerstört, das Arcosolium aber wurde unversehrt
erhalten, weil es seiner Bestimmung nach der wertvollste Teil des alten
Baues war. Es wurde der Mittelpunkt der neuen Krypta, deren Mauerwerk
den Charakter der Merovingerzeit trägt. Seit jener Zeit hat auch der Ort
den bezeichnenden Namen Martolet = Ort, Kapelle der Märtyrer. Das
gallo-römische Arcosolium ist also zweifellos das Grab eines Märtyres, und
zwar des hl. Mauritius, denn dieser Platz war für den hauptsächlichsten
Märtyrer bestimmt, und der war nach dem Bericht des Eucherius der
Hauptmann Mauritius, dessen Namen auch die herrlichen Reliquienschreine
der Abtei aus der Merovinger- und der Stauferzeit tragen. Im Jahre 1225
wurden die Gebeine des heiligen Blutzeugen, nicht ohne Widerspruch des
Volkes, endgültig aus dem Grabe enthoben und in einen kostbaren silbernen
Schrein gebracht.
Wo aber ruhen seine Gefährten ? Die Urkunde von König Sigismund,
die uns zwar nur in spätem Abschriften erhalten und zum Teil interpoliert
ist, meldet, daß sie unter dem Schiffe der Kirche in einem sichern und sehr
schicklichen Raum ihren Ruheort gefunden haben. Vielleicht werden die
weitem Ausgrabungen, deren Fortgang wir unlängst unter Führung des
tüchtigen und liebenswürdigen Can. Poncet an sehen konnten, auch noch
überraschenden Aufschluß geben über die Zahl der mit Mauritius gemarterten
Gefährten.
Sicher verdient das geschmackvoll ausgestattete Werk des gelehrten
Kantonsarchäologen von Freiburg, Peissard, ob seiner soliden Beweis¬
führung alle Beachtung. Da die Fachausdrücke an passender Stelle erklärt
sind, kann auch ein Nicht-Archäologe an Hand der beigefügten 5 Pläne
und 8 Lichtdrucktafeln den klaren Ausführungen folgen.
Freiburg i. Ue. P. Gail Jecker O. S. B.
Fribourg (Suisse). — Imprimerie Samt-Paul.
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Hans von Matt, Verlag, Stans.
Dr. Joseph Hürbin
Handbuch der Schweizergeschichte.
Ui 3 lalbleinen-Hände.
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ln der « Schweizerischen Rundschau » schreibt t : niversuajs-l > rötessor
Dr. Bü'chi von Frcibtfrg über HÜrbins Handbuch der Schweizcrgeschichie.Y
« Wir haben nun ein Büch Jur alle gebildeten Katholiken jeden Standes, das
einem längst empfundenen Bedürfnisse abhilA und in keiner gebildeten
katholischen Familie fehlen sollte. An wissenSchaJ'tticheiji (jehalt und
gefälliger Darstellung braucht es den Vergleich mit andern Handbüchern der
Schwcizergcschichie nicht , zu scheuen. Es unterscheidet sich von den bis¬
herigen Bearbeitungen dupch besondere fteionung des religiösen und Kultur
geschichtlichen (Momentes ' in dieser Hinsicht wird es von keinem anderen
Werke erreicht, geschweige übertroffen v.
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Publikationen sich einen angesehenen Namen im kreise der schweizerischen
Geschichtsforscher gemacht, liier liegt nun sein bedeutendstes Werk, gewisser¬
maßen seine I.ebehsarbeit vor. Sie bietet sehr viel Neues, noch gana Unbekanntes,
und ist direkt aus den primären Quellen geschöpft, ganz original. — Für alle
Freunde vaterländischer Geschichte bietet das Werk reiches Interesse : für die
Geschichte Graubündens und der schweizerischen Eidgenoasenschaft bietet es eine
Menge wertvoller Bausteine. Kirchengeschichtlich ist es eine der bedeutungs¬
vollsten unter den bisher erschienenen schweizerischen Publikationen.
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Lütolf, A. Die Glaubensboten der Schweiz vor St. Gallus. Luz. 1871 .
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— Die Schwerzergarde in Rom. Einsiedeln 1859. Selten!
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Revue d’Histoire Ecclesiastique Suisse.
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Stans 1924. '
Hans von Matt, Verlagshandlung.
Inhaltsverzeichnis — Sommaire
Pierre de Zürich. *— Les origines du Dtfcanat de Fribourg. ...
D r Aut. v. Castelmur. — Ein Versuch zur Einführung der ständischen
Verfassung im Bistum Chur 1468 . .. <y>
Joseph Jordan. — L’E&lise et la Conted^ration jnsqu’ä la Reforme . . 100
D r Qion Cahannes. — Die Pilgerreise Carlo Borromeo’s nach Disentis
im August i 58 i . . •., . 1 36
D r P. Ignaz Hess, O. S. B. — Ein Missionsbrief des Jesuiten
l\ Alois Conrad Pfeil.. iöö
^ 0 •
D r Aloys Müller. — Feindliche Einfälle ins Zugerland zur Zeit der
Vi II mergerkriege...173
Joseph Troxler. — Januarius Dangel, Abt von Rheinau (1725-1775) . . 184
® #
G f Castella. — L’esprit de la Revolution.. 2<x>
Kleinere Beiträge. — Mälanges . . .. 205
Rezensionen. — Comptes rendus . . . . , . 2.4Ö
GRÖSSERE BEITRAGE, TRAVAUX
welche für die nächsten Nummern que la Revue publiera
in Aussicht genommen wurden. prochainement.
R. Hoppeier, Das Subsidium charitativum vom Jahre 1S00. — L. Kern,
V • • • •
L’incorporätion des cöuvents defemmes dans l’Ordre de Cileaux. — P. Fridolin
Segmttller, Marianus Herzog. — A. BÜchi, Die Bestrebungen zur Errichtung
einer x katholischen Hochschule in der Schweiz. — K. Lütolf, Filiationcn und
• » •
Inkorporationen am Stifte Beromünster. — Prof. Dr. Bastgen, Der Schweizer
Nuntius Girolamo d’Andrea. — Derselbe, Der Schweizer Nuntius Gizzi.
NB. — Alle für die Zeitschrift für Schweiz. Kirchengeschichte bestimmten
• f
Rezensionsexemplare sind an die Redaktion, Freiburg, zu adressieren. —
Tous les ouvrages destinös ä recevoir un compte rendu dans la Renn■
0 0 •
d'IIistoire ecclesiastiquesuis.se doivent dtre envoyfis directement ä la Rtfdaction.
Fribourg.
Die Zeitschrift
für Schweizerische Kirchcngeschichte
erscheint 4 Mal jährlich.
LA REVUE
* •
d’hISTOIRE ECCLESIASTIQUESU 1 SSE
pnrait par fosrirules tnmestrieUs
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Les origines du döcanat de Fribourg
Par Pierre de ZÜRICH
Le pouillö que Conon d’Estavayer a place en töte de son Cartu-
laire 1 pennet de se rendre compte de i'ötendue et de la composition du
döcanat de Fribourg en 1228.
II ne nous renseigne point, par contre, ni sur la Situation occupöe
par les territoires formant cette subdivision de l'övöchö de Lausanne
avant l’institution de celle-ci, ni sur l’öpoque k laquelle ce döcanat
a ötd formö. Ce sont ces problömes que je vais chercher k rösoudre.
Mgr Kirsch parait admettre que ces territoires formaient, döjä
avant la fondation de Fribourg, un decanat spöcial dont Belfaux aurait
6t6 V o ecclesia mater » 2 . II se base, pour cela, sur trois documents
du Livre des donations de Hauterive 3 , qui mentionnent, en 1138, la
prösence d'un personnage appelö « Giroldus decanus de Bellofago #
ou « Giroldus decanus de Belfo », dont je m’occuperai par la suite.
Si l'on doit admettre que Belfaux est vraisemblablement la plus
andenne des paroisses qui formeront plus tard le döcanat de Fribourg
et que son öglise döpendait directement de l’övöque de Lausanne, il
ne s'ensuit pas nöcessairement qu'elle ait öte le siege d'un döcanat
et la mention d’un personnage qualifie « doyen de Belfaux » n’est pas
süffisante pour conclure k l'existence d’un döcanat de ce nom, ced
d’autant plus que cette qualification ne se retrouve plus par la suite.
La faible importance que parait avoir jouee Belfaux, dont le nom
1 MDR, VI.
1 J. P. Kirsch. Die ältesten Pfarrkirchen des Kantons Freiburg, dans FGBL,
XXIV, 133.
* N M 4, 5 et 31 de P. J. Gumy, Regeste de l'abbaye de Hauterire, Fribourg, 1923.
Je eite d’aprds cet ouvrage, sous l’abr6viation Gumy suivie d’un num£ro. On y
trouvera les indications bibliographiques des sources. J’attire l’attention sur
l’extröme prudence avec laquelle il y a lieu d’utiliser les dates attribudes aux
actes non dat6s.
REVUE D HISTOIBE ECCLfe8IASTIQUE 6
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82
ne figure qu'exceptionnellement dans les actes du XII me siede 1 * * et
la position absolument excentrique de cette localit^, par rapport au
territoire du d£canat de Fribourg, me semblent 6tre des indications
süffisantes pour rejeter la thfese soutenue par Mgr Kirsch.
Si l’on examine, sur la carte, la Situation du d^canat de Fribourg,
on ne peut manquer d’ötre frapp 4 par une consid6ration d’ordre geo-
graphique. Alors que les d^canats — comme, du reste, les diocfcses
et les paroisses — sont en g^ndal limit^s par des cours d’eau ou par
les lignes de Separation des eaux qui se deversent dans deux bassins
differents, le d^canat de Fribourg se trouve ä cheval sur le cours de
la Sarine, tandis qu’on s'attendrait ä voir une rivifcre de cette impor-
tance former eUe-möme la limite entre deux d^canats, ceci d’autant
plus qu’elle constitue en mÄme temps une fronti^re linguistique *.
Cette remarque militerait, ä eile seule, en faveur d'une creation
rdativement rMeente de ce d^canat et cette Situation ne peut s’expliquer
que si l’on tient compte de la position occup^e par Fribourg, qui se
trouve approximativement au centre de son territoire. II me parait
donc legitime d’en conclure que ce d^canat n’a forme que post6-
rieurement ä la fondation de Fribourg, c’est-ä-dire certainement apres
1157 8 . Cette conclusion se trouve du reste confirm^e par le fait que,
dans le pouilte de 1228, oü les d^canats- paraissent fitre ranges par
ordre d'anciennet£ 4 * , celui de Fribourg est place l'avant-demier, imm^-
diatement avant celui de Berne.
Si ces contröes n’ont r^unies pour former une subdivision
ecctesiastique sp&nale que dans la seconde moitid du XI 1 ™ siede,
il est cependant certain qu'elles ont du faire auparavant partie d’un
ou de plusieurs d^canats voisins.
M. Maxime Reymond a dmis l’hypoth&se que le döcanat de Fribourg
avait 6t6 form£ au d^triment de celui d'Avenches 6 et sa supposition
1 Gumy, N° 80. Acte non dat6, ant6rieur 4 1178 en raison de la prdsence
de Landry, 6vfique de Lausanne. II y est fait mention d’Otto sa cerdos
de Belfo.
* A. Büchi, Die historische Sprachgrenze im Kanton Freiburg, dans FGBL. III.
* Je m’excuse de renvoyer, 4 ce sujet, pour plus de d6tails. 4 mon 6tude
sur les Origines de Fribourg, qui paraitra prochainement dans les Mimoires et
documents de la SociiU d'histoire de la Suisse romande. Voir £galement : G. Cas-
tella, Histoire du canton de Fribourg, p. 53 et 54.
4 Maxime Reymond, Les dignitaires de Viglise Notre-Dame de Lausanne,
dans MDR, seconde s6rie, tome VIII, 149.
4 M. Reymond, p. 150, 152 et 153.
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- «3 -
parait indiscutable, au moins pour une partie de sqn territoire, mais il
me semble difficile de l’admettre pour l’ensemble.
Revenons & la carte. Nous constaterons que la limite entre le
decanat de Fribourg et celui de Berne est formee par le cours de la
Singine, avec cette anomalie que la paroisse d’Ueberstorf appartient
au demier, bien qu’elle soit situee sur la rive gauche de cette riviöre.
Cette singularit£ est de nature ä faire croire que le decanat de
Berne s’etendait primitivement sur la rive gauche de la Singine et
qu'il a donc aussi contribu£ ä la formatiorr du decanat de Fribourg *.
Cette conclusion ne doit aucunement 6tre rejet^e sous le pr^texte que
le döcanat de Fribourg est plus ancien que celui de Berne ; ce demier
fait est certain, non seulement prouv£ par le fait qu’il est plac£ avant
celui de Berne dans le pouill6 de 1228, mais mieux encore parce que
l'on connait le decanat de Fribourg, par la mention d'un « doyen de
Fribourg », dfcs le 6 juin 1182, c’est-ä-dire plusieurs ann£es avant la
fondation de Berne. Ce n'est donc, bien entendu, pas du decanat de
Berne, comme tel, que je veux parier, en disant qu'il s’&endait sur la
rive gauche de la Singine, mais bien du decanat qui l’a pr6ced6, sous
le nom de decanat de Köniz 1 2 * et dont l’existence est prouvde par la
persistance de l'appellation « doyen de Köniz », bien aprfes le moment
oü l’on connait d'une fa<;on certaine l’existence du decanat de Berne 8
et par le fait que Berne a fait partie, pendant longtemps, de la paroisse
de Köniz 4 .
De cette extension primitive du decanat de Köniz, dont la Situation
de la paroisse d'Ueberstorf est une preuve Evidente, et de la coutume
d'utiliser les cours d’eau comme limites des subdivisions administratives
eccl^siastiques, il parait indiqu£ de conclure que la frontifcre primitive
entre les d&anats d’Avenches et de Köniz £tait constitu^e par la Sarine,
et cette conclusion semble d'autant plus vraisemblable qu’elle attribue
1 C’est an raisonnement identique ä celui qui a conduit Mgr Kirsch 4 con¬
clure que la paroisse d’Ecuvillens avait ttt formte par dtmembrement de celle
de Matran, parce que cette demitre s’ttendait, jusqu’en 1590, au del 4 de la
Gläne, dont le cours formait, sans cela, limite entre les deux paroisses (J. P.
Kirsch, p. 135).
1 M. Rbymond, p. 152.
9 II est fait mention d’un doyen de Köniz dans les Fontes rer. bern., II, 44
(7 IV 1224) ; 239 (31 V 1243) ; 620 et 621 (14 I 1265); 624 et 625 (9 II 1265) >
632 (3 IX 1265) ; 639 (11 VI 1265 et 19 II 1266) ; 641 (5 III 1266) et du dtcanat
de Köniz dans Fontes, II, 439 (6 I 1257) alors que le dtcanat de Berne existait
dejä en 1228 (MDR, VI, 24),
4 M. Reymond, p. 152.
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- 8 4 -
logiquement les pafoisses de langue allemande au d&anat de Köniz
et celles de langue romande ä celui d'Avenches. Cette demiöre consi-
ddation porte de plus ä croire que le cours du Gotteron, ou celui de
la G^rine, ou encore la ligne de Separation entre les affluents de ces
deux rivieres, formait ensuite la d£marcation entre les deux d£canats.
Le d&anat de Fribourg parait donc avoir 6te forme par demem-
brement partiel de ceux d’Avenches et de Köniz. En ce qui concerne
sa frontifcre avec le decanat d’Ogo, vers le sud, on doit remarquer,
avec M. Schnürer *, que ce demier se confond avec la rögion qui a
porte le nom d'Ogo et qu’elle est donc approximativement la Imme
donnee par le pouilie de 1228. Le decanat d'Ogo ne parait donc pas
avoir contribue ä la formation de celui de Fribourg.
Si nous ne savons que fort peu de choses, au XII“® siede, sur les
localites detachees du decanat de Köniz p>our ötre attribuees & celui
de Fribourg, nous sommes, par contre, un peu mieux renseignes au
sujet de celles qui paraissent avoir primitivement appartenu au decanat
d’Avenches.
Or, il est extrömement frappant de constater que, malgre l’an-
ciennete de ce decanat, donL le röle joue par Avenches et sa mention
en seconde place, immediatement aprfcs Lausanne, dans le pouilie
de 1228, sont des indications suffisamment daires, on ne rencontre
jamais, avant 1249, un personnage appde a doyen d’Avenches * ... II
parait donc necessaire, pour s’expliquer cette anomalie, d'etudier les
personnalites des doyens qui ont joue un röle sur le territoire dont
nous nous occupons.
Le premier en date est ce « Giroldus doyen de Beifaux » dont j ’ai
fait mention au debut de cette etude et qui figure dans deux actes
de Hauterive du 25 fevrier 1138 8 et dans un troisidne, qui est antdrieur
au 24 mars 1138 4 , puisque confirme par Guy, evöque de Lausanne, .
dans un acte de l’an de l'Incamation 1137 6 .
1 Gustav Schnürer, Noch einmal Uechtland und Ogo, dans Revue d'histoire
suisse, 1923, p. 220.
* MDR, XII, Oujon, 98, N° 65. — M. Reymond, p. 165 et 386.
• Gumy, N 0# 4 et 5. Au sujet de la date de ces actes, voir l’article de
E. L. Burnet, Notes sur la date d'un document de Hauterive, dans Revue historique
vaudoise, 1907. 44.
* Gumy, N° 31. II y dit, erroniment, que cet acte a 6 t 4 approuvfc par Guido,
6vdque de Lausanne, le 21 mars 1143 (N° 33). Cette approbation est donnee dans
le N° 10, p. 5, deuxidme et troisidme lignes.
• Gumy, N° io.
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Ce personnage ne parait plus jamais sous ce nom. On trouve bien,
dfcs 1126, un « Geroldus decanus » dans un acte relatif ä Roraain-
mötier l , mais il ne me semble pas certain qu’on doive l’identifier avec
notre « Giroldus doyen de Belfaux », comme le voudrait M. Reymond 2 * ,
et je serais plutöt tente de rassimiler au « Geraldus decanus » qu’on
rencontre, dans un acte d'environ 1100, aussi relatif ä Romainmötier *.
II me parait, par contre, impossible de ne pas identifier notre
« Giroldus doyen de Belfaux » de 1138 avec le personnage appel6 « Girol¬
dus decanus », qui figure dans un acte du 4 mai 1135, se rapportant
h Payeme 4 ; « Giroldus decanus » dans un acte de 1141 de Haueröt 5 * ;
« Giroldus decanus », dans un acte du 21 mars 1143 de Hauterive a ;
« Giroldus decanus lausannensis » dans im acte de Montheron, ant&ieur
ä 1154, puisque confirm^ ä cette date 7 ; « Giroldus decanus » dans des
actes de Haucrßt, des 27 aoüt 1157 8 , 27 octobre 1161 9 et de 1162 10 ;
« Giroldus decanus », dans un acte du I er mai 1168, relatif ä l’abbaye
du Lac de Joux 11 ; «Giroldus decanus lausannensis », dans un acte
de Hauterive de 1173 12 et « Giroldus decanus de Lausanna » dans trois
actes, relatifs ä Hauterive, dont les dates precises ne peuvent 6tre
determinees 13 . Telle est aussi la conclusion ä laquelle est arriv6
M. Reymond, qui a egalement identifi.6 ce personnage avec le chanoine
Girold Carbo 14 . Cette demifcre affirmation est du reste prouv^e par
un acte d’Humilimont, auquel on doit attribuer une date entre 1145
et 1159, en raison de la presence de saint Amed6e, 6v6que de Lausanne,
1 MDR, III, 441.
• M. Reymond, p. 286 et 347.
• MDR. I, I« partie, p. 165, N® VIII.
4 Zeerleder (Karl), Urkunden für die Geschichte der Stadt Bern, I, 74,
N° 34-
4 MDR, XII, Haucrit, 4, X® 3.
• Gumy, N° 33.
7 MDR, XII, Montheron, 18. X® 4.
• MDR, XII, Haucrit, 15, N° 8.
• MDR, XII, Haucrit, 18, N° n.
ia MDR, XII, Haucrit, 20, N° 12.
u MDR, I, 2 me partie, 176, N° XXII. On y trouve la date de 1268,
6videmment fausse en raison de la prfesence de Landry, evfeque de Lausanne
(1159-1178).
18 Gumy, N° 135.
** Gumy, N° # 23, 24 et 203. Pour ce demier num&ro, on remarquera que
l'acte comprend deux parties, une donation et une confirmation. Girold n’est
t6moin que de la premidre.
14 M. Reymond, p. 151, 347 et 348.
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— 86 —
et oü l'on trouve le a signum Geraldi decani cognomento Carbunci
atque cancellarii » l .
II r&ulte donc de ce qui pr&fcde que ce serait le doyen Girold
Carbo qui aurait exerc£, depuis 1135 — peut-6tre mfime depuis 1126.
d'aprös M. Reymond — jusqu’en 1173 2 , sa juridiction sur cette partie
du d£canat d'Avenches. Rien ne s’oppose ä cette Identification : ni
les charges de chantre et de chancelier, occup6es ä Lausanne, puisque
les doyens n'^taient pas astreints ä la r^sidence dans leurs decanats ;
ni la longue Periode d’au moins trente-huit annöes pendant laquelle
cette fonction a 6 t 6 occup^e, puisque la d6cision du Concile de Latran
de ri8i, ordonnant que les doyens devaient 6tre prÄtres et äg6s d’au
moins vingt-cinq ans s , nous d^montre justement qu'on cherchait ä
rem^dier ä Tabus qui permettait de confer cette Charge ä des adoles-
cents. Quant au titre de « doyen de Belfaux », port6 occasionnellement
en 1138, il s’explique justement par le fait que Belfaux 4 tait dans la
d^pendance imm&liate de l’^vfique de Lausanne 4 , et on doit vraisem-
blablement en conclure que ce b£n£fice avait attribu^ & Girold
Carbo. Le cas n'est point rare, du reste, d’un personnage portant le
titre d’un döcanat inexistant et qui est en realitö form£ par la combi-
naison du titre de doyen avec celui d'une autre Charge 5 ou avec un
nom de famille *.
Avant de passer ä l'ltude du successeur du doyen Girold Carbo,
il est indispensable de dire ici quelques mots d’un autre doyen, portant
le nom de u Wilhelmus », qui passe g6n£ralement pour avoir et£ le pr6-
döcesseur de Girold. Ce personnage figure dans un acte de Hauterive
ant&ieur au 25 mars 1138, puisque dat6 de l’an de l’Incarnation 1137 7
et posterieur au 25 fevrier 1138, puisqu’il fait mention d’actes passes
ä cette demtere date. Gui, £v6que de Lausanne, accorde par cette
1 Mtmorial de Fribourg, II, 240, N° II.
* M. Reymond dit 1126 4 1162 4 la page 144, 1126 4 1168 4 la page 286
et 1126 4 1177 4 la page 347. Cette dernidre date de 1177 doit ividemraent
6tre un lapsus, car Girold ne parait plus aprds 1173.
* M. Reymond, p. 144 et note.
4 J. P. Kirsch, p. 133 et 134.
* Wilhelmus decanus de Sancto Mario (Memorial de Fribourg, II, 240):
Wilhelmus decanus de Tyerens (MDR, XII, Montheron, 15).
* Otto decanus de Crissie ; Cono decanus de Saidors.
7 Gumy, N° io. Voir 4 ce sujet : E. L. Burnet, Essai sur la Sorte eTannee
employie ä la chancellerie ipiscopale de Lausanne au XII** si&cle, dans Revue
historique vaudoise 1905, 231 4 233 et article d 6 j 4 cit6 de Revue historique vau-
doise, 1907.
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- 8 7 —
charte, au monast&re de Hauterive, un eens annuel de 3 sols et tout
ce que l'figlise d'Onnens poss&de dans le territoire du village du mfime
nom, et sa donation est approuvöe par le doyen Wilhelmus et par Cono,
curfi d’Onnens l .
C’est en se basant sur la date de l’an de l’Incamation 1137, sans
remarquer que la charte en question fitait fividemment postdrieure
au 25 ffivrier 1138 2 , que M. Reymond a pu dire que Wilhelmus fitait
doyen en 1137 3 et en faire ainsi le predecesseur du doyen Girold. Puisque
la charte est en rfialitfi d'une date entre le 25 ffivrier et le 24 mars 1138
et qu'on sait qu’ä cette fipoque la Charge de doyen est exerefie par
Girold, qui parait dans les deux documents du 25 ffivrier 1138 4 , Wil¬
helmus n’est donc pas le predecesseur, mais bien le contemporain de
Girold et si ce demier est doyen d’Avenches ä cette epoque, Wilhelmus
ne peut l’etre en mfime temps et c'est donc pour une autre raison qu'il
intervient pour donner son approbatlon.
Ce doyen Wilhelmus n’est du reste pas un inconnu, mais il est
difficile de dire s'il faut l'identifier avec le personnage appeie « Guilelmus
prior atque decanus lausannensis », dans un acte de Montheron, antfirieur
ä 1154, puisque rappelt ä cette date 5 * ; « Willelmus decanus de Tyerens »
et « Willelmus decanus de Sancto Mario » dans un autre acte de Mon¬
theron, aussi antfirieur ä 1154, puisque rappelfi ä cette date # , et enfin
0 Willelmus decanus de Sancto Mario » dans un acte d’Humilimont
d'entre 1145 et 1159 7 , ou avec le doyen Guillaume de Blonay qu’on
rencontre dans un acte de Montheron de 1147 8 * et dans des actes de
Hauerfit du 27 octobre 1161 •, de 1162 10 11 et de 1180 u . Quant ä la raison
pour laquelle il donne son approbation ä la donation de l'fivfique en 1138,
1 o Concedimus... quiequid ecclesia de Unens habet in territorio
eiusdem ville... et hoc laudantibus Willelmo decano et Conone presbitero de
Unens. »
• E. L. Burnet, Revue historique vaudoise , 1907, dit que cette charte pourrait
6tre antirieure.
3 M. Reymond, p. 168. Il dit avant 1138 4 la page 151 et 1138 aux pages
165 et 359.
• Gumy, No* 4 et 5.
» MDR. XII, Montheron. 22. N° 5.
• MDR, XII, Montheron, 15, N° 3.
7 Mimorial de Fribourg, II, 240. N° II.
• MDR, XII, Montheron, 12, N° 2.
• MDR. XII, Haucrtt, 18. No ix.
w MDR. XII, Haucrtt, 20. N° 12.
11 MDR, XII, Haucrtt, 44, N° 26.
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eile n’est pas difficile ä trouver. Non seulement on sait par cette charte
de 1138 que l’övöchö de Lausanne avait des droits sur l'eglise d’Onnens,
puisque l’övöque dispose de certains biens de cette öglise en faveur de
Hauterive, mais on voit de plus que cette eglise ötait dans sa depen-
dance immediate, puisque Gui, övöque de Lausanne, donna toute l'eglise
d'Onnens avec tous ses biens au monast&re de Hauterive, par une
charte de l’an de l'Incamation 1139 *. II est donc infiniment probable
que, lä encore, comme pour Belfaux, le bönöfice d'Onnens avait öt6
attribuö pröcödemment par l'övöque au doyen Wilhelmus et que c’est
en qualitö de bönöficiaire qu’il est appelö k donner son consenteraent
ä la donation.
J'ai ötabli pröcödemment que le doyen Girold exersait encore sa
Charge en l’an de l’Incamation 1173, puisqu’il figure, en töte des tömoins,
dans l’acte par lequel Landry, övöque de Lausanne, donne ä Hauterive
l’öglise de Saint-Pierre de Treyvaux *.
Or, M. Reymond s döclare qu’en cette möme annöe 1173, on voit
apparaitre « Cono decanus de Saidors » qui serait ainsi le successeur
immödiat du doyen Girold. II se base, pour ömettre cette affirmation,
sur un acte du Livre des donations de Hauterive, dans lequel figure
en effet ce personnage 1 2 3 4 * , mais l'examen de l’original m’a permis de
dömontrer que cet acte commence par rappeier une donation de
1159-1164, qui est en effet renouvelöe en 1173. « Cono decanus de
Saidors » ne figure point dans cette partie de la charte, mais seulement
dans une demiöre qui mentionne une donation faite dans la suite (postea),
c'est-ä-dire postörieurement k 1173 et k un moment oü le prieur de
Payeme porte le nom de Petrus et est indiquö comme le successeur
de Guillencus, qui exer^ait cette Charge en 1173 6 . II n'est donc pas
possible de dire que « Cono decanus de Saidors » exer^ait cette Charge
en 1173, mais seulement qu’il a exercö cette Charge aprös 1173 et ceci
s'accorde parfaitement avec le fait que c’ötait Girold qui ötait doyen
en 1173.
M. Reymond semble admettre que les doyens du döcanat d’Avenches
se sont succödö dans l’ordre suivant : Girold, Cono de Saidors, Cono
1 Gumy, N° 19. Voir aussi les N 0< 53, 70 et 76.
2 Gumy, N° 135.
3 M. Reymond, p. 151, 168 et 305.
4 Gumy, N° 137.
• Je renvoie, pour cette demonstration, k mon ouvrage sur les Origines d*
Fribourg.
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- 8g -
d'Ecuvillens. Avant de se prononcer sur cette question, il est absoluraent
indispensable d'examiner tout d’abord ce que l'on sait de ces deux
demiers personnag es.
« Cono sacerdos de Escuvilens » ou « Cono d’Escuvilens sacerdos »
parait dans un grand nombre d'actes relatifs ä Hauterive 1 . La plupart
d'entre eux ne peuvent Ätre dat£s d'une fagon certaine, mais il en est
quelques-uns qui apportent des indications utiles. Remarquons tout
d'abord que le curö ou le prötre d'Ecuvillens porte le nom de Pontius,
dans un acte antTrieur au 27 avril 1142 2 * , puisque confirm6 ä cette
demifcre date *, et dans un acte du 21 mars 1143 4 * , ainsi que dans un
acte non dat£, auquel Mgr de Lenzbourg et Mgr Gumy attribuent la
date de 1156 et le P. Nicolas Raedlö celle de 1165 6 , qui sont extremem ent
suspectes. Notre Cono n’a donc £videmment pu occuper cette fonction
que post^rieurement ä 1143. On trouve Cono pr6tre d'Ecuvillens dans
un document non dat£, auquel Lenzbourg et Gumy attribuent la date
de 1147 et Raedl£ celle de 1160-1180, mais rien ne permet d'&ablir
une date pour ce document # . L'acte qui parait le plus ancien de ceux
dans lesquels il figure est celui 7 oü on le rencontre avec Girardus abW
de Hauterive, qui £tait encore abb^ en 1157 8 * , mais parait avoir rösign£
cette fonction peu apr&s cette date *. On le trouve ensuite dans un
document 10 II , datant de l’epoque de l'abb^ Pontius, qui occupait cette
Charge en 1162 n , mais ne semble l’avoir conserv^e que peu aprfes cette
date 12 . D figure £galement dans la premi&re partie d’un acte de Hau¬
terive 13 , qui est de 1159-1164, alors que les autres parties sont de 1173
I Gumy, N°» 43, 50. 74. 102. 120, 129. 130, 135, 136, 137. 150, 163, 165,
173, 174, 175. 1 76 . 1 77 . 178. 179 et 180.
• Gumy, N° 12, confirnfe par N° 22.—* Gumy, N® 22. — 4 Gumy, N° 33.
• Gumy, N° 68. — En raison de la prfsence de ce Pontius, prfitre d’Ecuvillens,
cet acte doit donc certainement fitre plac6 avant les N°* 43 et 50 oü parait Cono,
pr€tre d’Ecuvillens.
• Gumy, N° 43.
7 Gumy, N° 50.
• Gumy, N° 71.
• Je renvoie encore, 4 ce sujet, 4 mon ouvrage sur les Origines de Fribourg.
10 Gumy, N° 102.
II Gumy, N°» 79 et 101.
11 Je renvoie 6galement, 4 ce sujet, 4 mon ouvrage sur les Origines de Fribourg.
13 Gumy, N° 137. On trouvera, dans mon ouvrage sur les Origines de Fribourg,
l’explication des dates qu’il convient de donner aux differentes parties de cet
acte. Je remarque simplement ici que les dix deraferes lignes de ce N° 137 corres-
pondent au premier alin6a du N° 235 et que la date plac6e 4 la fin du N° 137
est en r6alit£, dans l’original, placke 4 la fin du premier alin6a.
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go
et post&ieures & 1173, puis dans un acte de 1172 1 * 3 , dans la partie,
datde de 1173, de l’acte que je viens de citer, et dans deux actes de 1173 8 .
On peut donc affirmer qu’il n’^tait pas encore doyen en 1173, puisqu’ü
est encore simplement qualifte prfitre ä cette 6poque.
M. Reymond se demande 8 s’il faut le considdrer comme le eure
d'Ecuvillens ou comme appartenant ä une famille noble de ce nom.
L’acte dans lequel on le voit paraStre avec l’abb6 Pontius ne permet
pas de douter qu’il ötait cur6 d’Ecuvillens, puisqu’il apporte la preuve
qu’il exer<;ait son minist&re dans cette paroisse 4 * . Rien ne permet de
dire qu’il appartenait ä la famille noble d’Ecuvillens, mais je pense,
par contre, pouvoir d^montrer qu’il £tait apparentd ä la famille noble
de Seedorf. On rencontre en effet, dans im acte de Hauterive, Conon
prÄtre d'Ecuvillens avec ses neveux Wilhelmus clerc et Petrus 6 . Or,
un autre document de Hauterive a 4 galement comme t&noins Conon
prfitre d'Ecuvillens, Petrus et Guillelmus clerc, qui sont tous deux
fils de Petrus Chevalier de Seedorf 8 , et il me parait impossible de ne
pas les identifier avec les neveux de Cono d’Ecuvillens. J'ajoute enfin
qu’on trouve, ä deux reprises 7 , Cono d’Ecuvillens accompagn^ de son
chapelain Petrus de Stavaiel.
Si nous passons maintenant ä « Cono sacerdos de Saidors » ou
« Cono de Saidors sacerdos », on peut dire qu’on le rencontre aussi dans
un grand nombre des actes de Hauterive 8 . Le plus ancien daterait
de 1156, d'apres Lenzbourg et Gumy, et de 1165 d’aprfcs Raedle*,
mais rien ne permet de verifier l'exactitude de ces dates. Son existence
est, par contre, prouvee avant 1162, puisqu’on le voit paraitre dans
1 Gumy. N° 129.
* Gumy, N 0i 135 et 136.
3 M. Reymond, p. 152.
* Gumy, N® 102.
* Gumy, N® .50.
* Gumy, N° 163.
7 Gumy, N°* 102 et 177. Ce Petrus de Stavaiel parait 6galement avec lui
dans le N° 74 oü il n’est encore dit que « clerc ».
* Gumy, N°» 67, 98. ioi, 107, 117. 130. 131, 138, 140, 146, 154. 1 57 - l8 5 .
232 et 292. Je fais remarquer que Cono de Saidors parait avec le titre de doyen
dans les N°» 137 et 224 et que les actes oü il est dit doyen sont certainement
post6rieurs 4 ceux oü il est dit prfitre, Ceci d6montre que l’ordre adopte pour
le classement des actes contient 6videmment des erreurs. La date de 1199. attribaÄe
au N° 292, est evidemment fausse, car Cono de Saidors n’itait certainement
plus doyen, les fonctions de doyen £tant exerc^es, le 6 juin 1182 d 6 j 4 . par Hugo
(Gumy, N® 247).
* Gumy. N° 67.
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un document 1 * * 4 confirme k cette epoque *, et on le rencontre ensuite
dans phisieurs actes, datant de l’epoque de l’abbe Guillaume s , qui
semble 6tre celui qui exerca cette fonction aux environs de 1172. On
remarquera, de plus, qu'il figure, dans le document ant^rieur k 1162 *,
avec Petrus de Stavaiel, alors seulement qualifte clerc et dans plu-
sieurs autres actes 5 * avec Petrus de Stavaiel, pr6tre *, c’est-ä-dire avec
le personnage que nous avons rencontre comme chapelain de Cono
d’Ecuvillens.
Comme l’a justement dit M. Reymond 7 , « Cono sacerdos de
Saidors » ne doit pas 6tre consid6r6 comme le cur6 de cette localit£
qui n'est pas une paroisse, möme en 1228 ; il est un pr6tre appartenant
ä la famille noble de Seedorf, ainsi que le d^montre un acte de Haute-
rive, dans lequel il est express6ment d6sign6 comme le frfcre de Petrus
Chevalier de Saidors 8 .
Les actes dans lesquels ces personnag es paraissent comme doyens
n’apportent pas d’indications bien precises ä leur sujet. Un acte de
Hauterive mentionne un doyen Cono 9 , sans indiquer s'il s’agit de l'un
ou de l'autre et tout ce que l’on peut dire de ce document est qu’il
est antlrieur k 1179, puisqu’on y rencontre Landry, 6v6que de Lau¬
sanne, qui r&igna ses fonctions en 1179 l0 II .« Conodecanus d’Ecuvillens »
figure dans l’acte N° 183 de Gumy, qui est post&ieur au N° 62, datant
de 1155 et dans un autre acte de Hauterive n , oü le donateur est le
petit-fils d’un personnage vivant avant le 21 mars 1143 12 et oü Tun des
t^moins est Hugo dal Fribor, prötre, qui sera rev6tu de la dignitö de
doyen le 6 juin 1182 13 .« Cono decanus de Saidors » figure dans un actc
1 Gumy, N® 98. Confirme par N° 101.
I Gumy, N° ioi.
• Gumy, N®* 138, 140. 146. 154.
4 Gumy, N® 98.
6 Gumy, N°* 130, 131, 157.
• Il est dit clerc dans lcs N®» 74 et 98, chapelain de Cono d’Ecuvillens dans
les N°® 102 et 177, prfitre dans les N°» 130, 131 et 157. — On trouve un Petrus
de Stavaiel, chapelain de l’evfique, dans les N®» 348 (1219) et 349 (17 IV 1219)
et prßtre dans le N® 395 (28 X 1230). Il ne semble pas que ce soit le mSme.
(Voir M. Reymond, p. 325.)
7 M. Reymond, p. 151.
• Gumy, N® 107. Voir aussi N® 163.
• Gumy, N® 80.
M. Reymond, p. 318.
II Gumy, N« 214.
1# Gumy, N°* 32 et 33.
13 Gumy, N® 247.
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de Hauterive, dont Ia partie oü il est cit£ est post Trieure k 1173 1 et
dans un autre acte 2 certainement ant&ieur k 1182, puisque rappeld
dans un docuraent 3 oü se trouve, parmi les t&noins, u Hugo decanus
dal Fribor », qu'on ne trouve qualifi^ doyen que le 6 juin 1182 4 * .
On reraarquera que j’ai parld jusqu’ici de Cono dTcuvillens et
de Cono de Seedorf comme s’il s’agissait de deux personnages difterents.
Le fait qu’ils ne se trouvent jamais ensemble dans un m£me document,
bien qu’ayant v6cu ä la möme £poque ; la circonstance qu’ils apparais-
sent tous deux vers le milieu du XII“® sifccle, pour disparaitre, tous
deux aussi, avant 1182 ; la constatation qu’ils ont tous deux exerc£
les fonctions de doyen dans une periode qui s'^tend entre 1173 et 1182 ;
le fait qu’ils sont tous deux cit£s, separ^ment et dans plusieurs actes,
avec le prÄtre Petrus de Stavaiel et enfin la parente existant entre Cono
d’EcuviUens et les fils de Petrus Chevalier de Seedorf, qui sont cit 6 s
comme ses neveux ; tout ceci constitue un ensemble de colncidences si
frappantes que je suis amen6 k conclure qu’il ne s'agit que d’un seul
et möme personnage, soit Cono de Seedorf, cur£ d’Ecuvillens, appel£
tantöt Cono prötre ou doyen de Seedorf, en raison de son nom de famille,
tantöt Cono prötre ou doyen dTcuvillens, en raison des fonctions
exerdes par lui. II aurait donc exerc 4 t la Charge de doyen entre 1173
et 1182.
On a vu, en effet, qu’en 1173, c’ötait Girold qui £tait doyen, et on
constate que le 6 juin 1182, la dignit^ d^canale est revfitue par a Hugo
sacerdos et decanus de Friburch » 6 . Ce demier est trüs certainement
le « H. sacerdos » de la lettre adress^e par Berthold IV de Zaehringen
ä Fribourg, ant^rieurement ä 1169 •, qu'on rencontre sous le nom de
« Hugo sacerdos dal Fribor », dans divers actes de Hauterive 7 , vrai-
1 Gumy, n° 137.
* Gumy, N° 224. Ce Numero est compos6 de deux parties, une donation
dont Cono, doyen de Saidors, est temoin, et une approbation dont il n’est pas
t6moin. On remarquera que ce N° 224 est ant6rieur au N° 218.
3 Gumy, N° 218.— 4 Gumy, N° 247.
* RDF, I, 4. — Gumy, N° 247.
* RDF, I. — Gumy, N° 221. Je dois encore renvoyer ä mon ouvrage sur
les Origines de Fribourg pour la d^termination de cette date.
7 Gumy, N°* 203. 214, 218, 221, 251. 252 et aussi MDR, XII, Haucrtt, 195,
N° 78. On remarquera qu’au N° 203, il ne figure que dans la confirmation de
la donation ; qu’au N° 214, il n’est que prßtre et se trouve avec Cono decanus
d’Escuvilens ; qu'au N° 218, il est doyen; qu'au N° 221, il n'est que pr€tre;
qu’au N° 251, il est doyen et au N° 252 seulement prttre. On voit donc encore
ici que les actes ne sont pas ranges dans l’ordre chronologique.
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semblablement ant&ieurs ä 1182, puisqu’il n'y est pas encore qualifte
doyen. II n'est citd comme doyen que dans l'acte du 6 juin 1182 1 et
dans deux documents non dat6s, auxquels il est impossible de fixer
une date pr^cise 2 * .
Son successeur est un personnage appele « Raymondus canonicus
et decanus de Friborg », dont le nom est mentionn^ sans indication
de date dans le Cartulaire de Lausanne a . M. Reymond a admis qu'il
s’agissait du chanoine Raymond de Font 4 * * et cette supposition paralt
extr&nement vraisemblable 8 . II le eite d^jä en 1157, d’apr&s le Cartu¬
laire de HaucrSt •, mais il n'est parl£, dans cet acte, que d’un Raymond,
neveu de Girold Carbo : il ne semble pas qu’il s'agisse de Raymond
de Font, et dans un autre passage de son ouvrage, M. Reymond lui-
mfme appelle ce personnage Raymond Carbo 7 . On trouve un « Dominus
Raymundus de Fonz » aux pages 2 et 3 du Cartulaire de Lausanne 8 ,
mais il n’est pas qualifie chanoine. « Dominus Raymundus de Fonz
canonicus lausannensis » figure par contre aux pages 102, 120, 135,
155, 436, 620 et 645 de ce mftme Cartulaire. Les actes des pages 102
et 135 ne sont pas dat£s ; celui de la page 620 paralt d^montrer que
Raymond de Font £tait d6c6d6 avant 1203, puisque sa maison appar-
tenait alors au pr£v6t Conon d'Estavayer; celui de la page 436 montre
qu’il dtait certainement dec^de avant 1212 et celui de la page 155 qu'il
£tait certainement d£cdde avant le 16 aoüt 1223. L’acte de la page 645
indique que son anniversaire £tait c^lebre ä la date du 17 mai. Enfin,
k la page 120, on trouve un acte du 7 des calendes de ddeembre 1218,
dans lequel est rappelee une donation faite au chapitre « pro anima
sua » par « Reimundus de Fonz canonicus » et dont le Chapitre avait
|
joui tranquillement pendant plus de trente annees ; eile avait donc
certainement 6 t 6 faite avant 1188. « Reymundus de Fonz » est 6galement
1 Gumy, N» 247.
* Gumy, N°» 218 et 251.
* MDB. VI, 412.
4 M. Reymond, p. 168 et 334.
* On pourrait peut-6tre aussi l’identifier avec le chanoine Raymond de
Vuillens qu'on rencontre aussi dans des actes entre 1190 et 1203 (MDR, VI,
101, 139. 222 et 388). La raison qui me fait pencher en faveur de Raymond
de Font est que le chanoine Raymond de Vuillens paralt comme t6moin dans
un acte du 27 juin 1201, oü il n’est dit que chanoine (Gumy, N° 323), alors que
Raymond 6tait d 6 j 4 doyen avant 1193, comme on le verra ci-dessus.
* MDR, XII, Haucrft, 197. — M. Reymond, p. 334.
7 M. Reymond, p. 286 (verbo Carbo).
* MDR, VI.
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94
citfi dans un acte du 22 mai 1190 du Cartulaire de Montheron >, et un
acte d'avril 1199 rappelle un document dont la date n'est pas donnfie
et duquel « Reymundus de Fonz » avait fitfi tfimoin 1 2 3 . Enfin « Raymundus
de Fonz, canonicus de Lausanna », est dtfi comme tfimoin, dans la
confirmation d’une donation prficfidemment faite ä Hauterive, en prfi-
sence de Simon, abbfi de Hauerfit *. Or, d’aprfis Mülinen 4 5 et la liste
des abbfis de Hauerfit 6 , ce Simon aurait fite abbfi en 1180, ne l’etait
pas encore en 1179 et ne l'fitait plus en 1186 ; cette donation serait
donc d’entre 1179 et 1186 et la confirmation serait certainement poste-
rieure ä 1179. Tout ce que l’on peut affirmer est donc que Raymond
de Font fitait chanoine de Lausanne, au plus tard en 1180, et qu’il fitait
probablement dficfidfi en 1203.
On ne le trouve revfitu de la dignitfi de doyen que dans un acte
de Hauterive • oü il est appelfi « Raimundus canonicus et decanus de
Lausanna », et dans l'acte du Cartulaire de Lausanne que j'ai signalfi.
L’acte de Hauterive est certainement postfirieur k 1182, fipoque k
laquelle le doyen est Hugo, et certainement antfirieur k 1193, puisqu’on
y voit figurer « Stephanus de Orba capellanus », qui est chanoine
en 1193 7 . Quant k l'acte du Cartulaire de Lausanne, M. Reymond
lui attribue, sans expliquer pourquoi, la date de 1190 8 . II me parait
impossible d’fitre aussi affirmatif et je crois qu'on doit se contenter
de dire que Raymond (de Font ?) fut doyen de Fribourg, certainement
aprfis le 6 juin 1182, date k laquelle le doyen est Hugo, et certainement
avant 1193, en raison de l’acte de Hauterive que je viens d’fitudier.
Je rfipfite qu’il parait fitre dficfidfi avant 1203.
II me reste ä examiner la question de l’fipoque de la erfiation du
dficanat de Fribourg. Elle est certainement postfirieure k la fondation
de la ville de ce nom, c’est-ä-dire k 1157 *, mais il est peu probable qu’elle
ait eu lieu immfidiatement aprfis la fondation, et il parait logique d'ad-
1 MDR, XII, Montheron, 53.
• MDR, XII, Montheron, 55.
3 Gumy, N° 228.
4 Mülinen, Helvetia sacra, I, 188.
5 MDR, XII, Haucrit, 261. Une autre liste, dans le Supplement du Cartu¬
laire de HaucrH, MDR, XII, 305, ne eite pas cet abb6 Simon.
• Gumy, N° 255.
7 M. Reymond, p. 402.
• M. Reymond, p. 164, 168.
• Je renvoie ä mon ouvrage sur les Origines de Fribourg. Voir aussi :
G. Castella, Histoire du canton de Fribourg, p. 53 et 54.
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95
mettre que 1 ’autoritE ecclesiastique a laissE passer le temps nEcessaire
ä la construction et k 1 ’Etablissement de la nouvelle citE, avant de
modifier l’Etat de choses prEexistant et de crEer une nouvelle subdivision
administrative, dont eile devait Etre le centre.
On sait, par la bulle du 18 mars 1183, par laquelle le pape Lucius III
•accorde la protection du Saint-SiEge au prieurE de Payeme, que l'Eglise
de Fribourg (ecclesia que dicitur de Friborg) appartenait ä ce priem E 1 .
Comme on sait, d’autre part, que le dEcanat de Fribourg existait le
6 juin 1182, puisqu’on trouve alors un « Hugo saceidos et decanus
de Fribmch » 2 , je pense qu'on doit voir dans le fait que l’Eglise de
Fribourg dEpend encore de Payeme en 1183, une indication que la
crEation du dEcanat de Fribourg Etait de date trEs rEcente, car il me
parait peu probable qu’on eüt laissE subsister cette dEpendance de
1 ’ « ecclesia mater » du nouveau dEcanat pendant une longue pEriode
aprEs son institution.
Je pense donc que l’on peut rEsumer les considErations que je
viens de dEvelopper, de la fa9on suivante :
i° Le dEcanat de Fribourg a EtE formE au dEtriment des dEcanats
d'Avenches et de Köniz, dont la limite Etait prEcEdemment formEe
par le cours de la Sarine.
2° La crEation du dEcanat de Fribourg parait avoir eu lieu peu
avant 1182.
3° Le dEcanat d'Avenches a eu comme doyens, jusqu'ä la crEation
du dEcanat de Fribourg : Girold Carbo, de 1135 k 1173, puis Conon
de Seedorf, curE d’Ecuvillens, entre 1173 et 1182.
4° Les doyens du dEcanat de Fribourg, de sa formation k la fin
du XII“« siEcle, ont EtE : Hugo, curE de Fribourg dEs 1182, puis Ray¬
mond de Font, dEs avant 1193.
1 Fontes rer. bern., I, 472.
2 RDF, I, 4. — Gumy, N° 247.
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Ein Versuch zur Einführung
der
ständischen Verfassung im Bistum Chur
1468 .*
Dr. Ant. v. CASTELMUR, Chur.
Im alten Fürstbistum Chur hatte das Feudalwesen im ausgehenden
XIII. Jahrhundert den Höhepunkt erreicht. Zwei Institutionen hatten
sich fest in sich geeint und den Charakter von Ständen angenommen.
Der Landesherr, der Bischof, konnte sich über das Domkapitel und
den Stand der Ministerialen nicht mehr hinwegsetzen; er war an ihren
Consens und an ihre Mitwirkung in der weltlichen Regierung ziemlich
gebunden.
Durch den regen Verkehr, der sich im Mittelalter über die rätischen
Pässe nach Italien entwickelte, kamen neue Menschen mit neuen
Ideen in das Land. Die Freiheitsbestrebungen der italienischen
Comunen mußten auf das Gebiet des Bistums Chur einen Einfluß
ausüben, das mit der lombardischen Hauptstadt, mit Mailand, in
Bündnisgemeinschaft lebte. Ein dankbares Ackerfeld für die freiheit¬
lichen Bewegungen war in den Markgenossenschaften vorhanden. Diese
hatten sich in unsem Alpentälem viel besser erhalten, als man viel¬
fach anzunehmen pflegt. Das Aussterben verschiedener Dynasten¬
geschlechter trug zu deren Erhaltung wohl auch bei. Aber auch in
den Gebieten, wo die Herren noch fortbestanden, finden wir kräftiges
1 Zum näheren Verständnisse der Ereignisse des Jahres 1468 geben wir
zuerst einen kurzen Überblick über alle Versuche der Gotteshausleute, ein Mit¬
spracherecht in der weltlichen Regierung des Bistums Chur zu erlangen. Die
genauere Untersuchung der Verfassungsbewegungen im Bistum Chur bis ins
Reformationszeitalter hat sich im Laufe dieser Untersuchungen als lohnend
erwiesen und wird Gegenstand einer Arbeit sein.
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97
genossenschaftliches Leben pulsieren. Alpen und Weiden waren Gemein¬
besitz »der Comunitas, die durch Teilung der alten Markgenossenschaft
in Anlehnung an die Pfarreieinteilung entstand. Im Misoxertale waren
alle Alpen Gemeindebesitz. Ebenso war es z. B. im Münstertal, wo
1466 die «tota comunitas et vicinantia ac plebisani vallis Monastery
ultra Calvenam, plebis sancti Johannis de Monasterio» einen
Benutzungsmodus für die Alpen festlegte. 1 Wie in diesen Genossen¬
schaften und Comunen das Freiheitsgefühl herrschte, zeigt deutlich
ein Vertrag, den die Gemeinde Misox 1383 mit dem Herrn des Tales,
mit Caspar v. Sax einging. Die Vertreter aller Nachbarschaften der
Gemeinde Misox überließen genanntem Herrn die Alp Tresculmine,
sowie das Recht des alleinigen Kleinausschankes von«Wein im ganzen
Gebiete der Gemeinde. Als Gegenleistung übergab Caspar v. Sax der
Gemeinde ein Stück Wiesland. Er verzichtete aber des ferneren auf
verschiedene Forderungen, die sich als Überreste ehemaliger Unfreiheit
der Talgenossen erweisen. Es handelt sich um Frondienste, die die
Gemeindegenossen dem jeweiligen Herrn des Schlosses Misox leisten
mußten. Materiell war Caspar v. Sax bedeutend im Vorteil, aber der
sich nach Freiheit durchdringende Wille der Gemeindegenossen brachte
das große Opfer, um dem ersehnten Ziele einen Schritt näher zu
kommen. 2
Die Freiheit, die sich auch in den Gemeinden des Gotteshauses
Chur teilweise trotz des Feudalismus erhalten hatte, wurde durch das
Vorgehen des Bischofs Peter v. Chur ernstlich gefährdet. Durch
Geheimvertrag überließ er alle seine weltlichen Herrschaftsrechte um
eine jährliche Pension dem Hause Habsburg. 3 Das Domkapitel sah
sich dadurch sowohl in seiner Stellung als Grundherr, wie auch als
Korporation, die die Bischofswahl ausübte, bedroht. Die Ministerialen
befürchteten, durch diesen Übergang an einen weltlichen Herrn in
ihrer Stellung als Ministerialen eines geistlichen Fürsten erniedrigt zu
werden, und die Gemeinden mußten eine Verschmelzung hoheitlicher
und grundherrlicher Rechte in der Hand einer ausführenden Person
befürchten, was den Freien dem Unfreien immer näher gebracht hätte.
Letztere Gefahr herrschte ja auch in den Waldstätten, und die gleichen
Gründe, die dort zu den Freiheitskämpfen gegen Habsburg drängten,
beeinflußten die Gotteshausleute von Chur zum Handeln. Die drei
1 Orig. Perg. Gemeindearchiv Münster.
* Orig. Perg. Gemeindearchiv Mesocco.
* Juvalt, Forschungen über die Feudalzeit im Cur. Raetien, 1871, p. 135.
RETUE d'hISTOIRE ECCUsIASTIqUE 7
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- 9 « -
bedrohten Korporationen : Domkapitel, Ministerialen und Gotteshaus¬
leute fanden sich 1367 erstmals zum Schutze ihrer gemeirfsamen
Interessen. Mit dieser geschlossenen Organisation (Gotteshausbimd)
mußten nun in Zukunft die Bischöfe von Chur rechnen. Seit 1392
treten die Gemeinden des Gotteshauses Chur als ständige Faktoren bei
Staatsverträgen der Bischöfe auf, ja sie erhielten immer größeres Mit¬
spracherecht an der weltlichen Regierung des Bistums, bis sie schließlich
in den Ilanzerartikeln von 1526 dem Bischof seine weltlichen Rechte
ganz absprachen. In dieser Entwicklung verließ der Gotteshausbund
seinen ursprünglich rein defensiven Charakter; er wurde offensiv gegen
den Oberherrn.
Eine günstige Epoche für diese Entwicklung büdeten die
Regierungsjahre des Bischofs Hartmann von Werdenberg-Sargans
(1388-1416). Er war fast beständig in Fehden und Kriege verwickelt.
Die Bistumsfinanzen waren erschüttert. Früher hatten in solchen
Fällen das Domkapitel und die Ministerialen den Bischof gerettet.
Diese Rolle ging immer mehr auf die Gemeinden und Täler des Gottes¬
hauses über. Im Verlaufe der Appenzellerkriege geriet Bischof Hart¬
mann in österreichische Gefangenschaft. Die Urfehde, die er dem
Herzog von Österreich 1405 ausstellte, genügte nicht, um auf freien
Fuß gesetzt zu werden. Erst als das Domkapitel, die Stadt Chur, die
Dienstleute des Gotteshauses, sowie die Täler Oberhalbstein, Berg eil,
Engadin, Domleschg, Bergün, Avers, Münstertal und Vinschgau als
Garanten der bischöflichen Urfehde auftraten, wurde Bischof Hartmann
auf freien Fuß gesetzt. 1 Österreich wußte also bereits, wer die aus¬
schlaggebenden Faktoren im Staate der Bischöfe von Chur waren.
Aber nicht nur für die persönliche Freiheit des Bischofs mußten Dom¬
kapitel und Gotteshausleute eintreten, sie mußten die Tilgung der
Hochstiftsschulden an die Hand nehmen. Schon die bischöfliche Haft
hatte große Unkosten im Gefolge gehabt, die das Domkapitel und die
Stadt Chur auf sich nahmen. Am 18. August versprach der Bischof,
denselben Schadenersatz zu leisten und nie gegen sie willkürlich,
sondern immer nur mit Recht vorzugehen. 2 Der Bischof hatte den
Weg der Konzessionen also bereits betreten. Trotzdem fast sämtliche
bischöflichen Einkünfte und Besitzungen verpfändet waren, reichte das
Geld nicht aus, um den Bedürfnissen gerecht zu werden. Das bischöf-
* Thommen, Urk. z. Schweiz. Gesch. aus österr. Arch. II, Nr. 593 u. 594.
2 Mayer, Gesch. des Bistums Chur, I, p. 412.
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99
liehe Silbergeschirr war den Tyen und Sigrist von Zürich verpfändet
und Jüdinnen daselbst streckten dem Bischof 2700 fl. vor.
Dennoch war Bischof Hartmann 1409 total zahlungsunfähig, als
die Jüdinnen Restitution der Summe verlangten. Da nahmen das
Domkapitel, die Stadt Chur, die Dienstleute und die Täler des Gottes¬
hauses die Schuld auf sich. Dafür mußte der Bischof harte Bedingungen
in Kauf nehmen. Das bischöfliche Schloß zu Chur erhielt einen Vogt,
der die Verwaltung führte. Demselben sollten 1-2 Räte beigegeben
werden, « die im besunder helfend und rat ent in ze samnen und in ze
lesen all unsers gotzhus nütz, [in] allem ünserm bystum und gotzhus,
es sygent gaistlich ald weltlich nütz, es sygen collecten von den pfaffen,
zins, zöll, stüra, väll und geläs, all frücht, gült und nütz » etc. Von
allen Bistumseinkünften behielt sich der Bischof nur die Einkünfte
herfließend aus dem geistlichen Gerichte, den Erschätzen bei Lehens¬
verleihungen und einige rein kirchliche Einkünfte vor. Die gesamte
weltliche Verwaltung lag in der Hand des Vogtes im bischöflichen
Schlosse (Ursprung des späteren Hofmeisters), sowie seiner 2 Räte.
Diese 3 Personen, die später als Vögte und Hauptleute noch mehrfach
auftreten, waren also die politisch-finanzielle Behörde des Landes. 1
Dieser Vertrag ist der erste deutlich erkennbare Schritt auf dem Wege
zur ständischen Verfassungsbildung im Bistum Chur. Der Vertrag
scheint aber nicht in allen Teüen ausgeführt worden zu sein, da der
Bischof dennoch gezwungen war, bei Privaten Geld aufzunehmen, um
die Jüdinnen zu bezahlen. 2 Die Schulden bei der Stadt Chur hinter¬
ließ Bischof Hartmann unbezahlt. Auf seine Bitten hin, gewährte
Kaiser Sigismund der Stadt den ersten Freiheitsbrief (1413), und der
Bischof mußte den Churem manche Konzessionen machen, mit denen
seine Nachfolger nicht einverstanden waren, was zu langen Konflikten
führte, in denen die Gotteshausleute als Vermittler auftraten, was ihr
Ansehen wieder bedeutend hob. 3
Neue freiheitliche Bewegungen im Kampfe gegen Österreich
spielten sich unter der Führung der Famüie Planta in den dreißiger
1 Orig. Perg. B. A.
* 1411, Oktober 29., verpfändete er dem Georg Schegg das Schloß Stains-
berg um 450 fl., die ihm derselbe geliehen hatte, um die Jüdinnen in Zürich zu
bezahlen. Orig. Perg. B. A. Die Burg Greifenstein überließ derselbe Bischof dem
Conradin v. Marmels als Pfand um 500 fl., die ihm dieser zum gleichen Zwecke
vorgestreckt hatte (Erneuerung der Verpfändung vom 23. April 1462 im bischöf¬
lichen Archiv).
a Vergl. Dr. M. Vallr t Gesch. des Churer Stadtrates 1422-1922, p. 9 ff.
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Jahren des XV. Jahrhunderts im Engadin ab. Man warf dem Bischof
Johann unkorrektes Verhalten gegen Gotteshausleute jenseits der Berge
vor. Er geriet in Gefangenschaft der Planta. Als jedoch 1437 die
Exkommunikation über die Übeltäter von Papst Eugen IV. verhängt
wurde, die auf das ganze Bistum ausgedehnt werden konnte, scheint
der Bischof auf freien Fuß gesetzt worden zu sein. 1 * Doch da brach
der Freiheitsgeist sich anderorts neue Bahnen. Mit dem Tode Fried¬
richs VII. v. Toggenburg (1436) starb das Grafengeschlecht aus. Das
Schanfigg war bischöfliches Lehen und fiel somit an den Bischof zurück.
Dagegen empörten sich die Bewohner und nahmen alles Bistums¬
gut zu ihren Händen. Erst ein Bannedikt der Baslersynode von 1437,
das alle Rädelsführer unter Androhung schärfster Zensuren vor seine
Schranken rief, schaffte geordnete Zustände. 8 Die Stimmung im Lande
blieb dem Bischof feindlich. Am 19. Oktober 1439 ernannten die Stadt
Chur und die gesamten Gotteshausleute neuerdings 3 « gotzhus pfleger
und verseher » und gaben diesen «vollen gewalt und gantz macht»
das «gemain gotzhus [zu] regieren ». 3 Dies ist der zweite Versuch,
den Bischof von Chur zu bevogten. 1409 geschah es im Einverständnis
mit dem Bischof ; diesmal war die Bevogtung gegen ihn gerichtet.
Noch schlimmer wurden die Verhältnisse später zur Zeit der
Bistumsadministration durch Heinrich v. Höwen, Bischof von Konstanz.
Man wird wohl nicht irre gehen, wenn man den Grund hiezu in der
Schamserfehde sucht. Als sich die Untertanen der Herren von Werden-
berg-Sargans in Schams, Obervaz und Tomils weigerten, den Söhnen des
1450 verstorbenen Grafen von Werdenberg zu huldigen, wollten diese
sich den Gehorsam erzwingen. Sie beriefen ihren Schwager, Hans
v. Rechberg, der im eidgenössischen Lager seit dem alten Zürichkrieg
übel beleumundet war, zum Landvogt nach Schams. Die Werden¬
berger gingen mit Bischof Heinrich und dem Freiherm v. Räzüns
ein Bündnis zum Schutze ihrer Interessen gegen die Untertanen ein.
Es ist der sogenannte schwarze Bund. Der Handstreich Rechbergs
auf Schams mißlang ; die Gotteshausleute vom Oberhalbstein, Bergeil
und Engadin griffen vereint mit dem Obern Bunde zu den
Waffen, vertrieben die Werdenberger und brachen deren Burgen im
Domleschg. Die Verfolgung des Feindes ging bis nach Sargans, wo
1 Mayer, Geschichte des Bistums Chur, I, p. 441 f.
1 Dies wird Gegenstand einer eigenen Publikation sein.
3 Orig. Perg. im Archiv des Klosters Marienberg.
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IOI
am 16. Oktober (Gallustag) 1451 ein Vorfriede zustande kam. 1 Die
wichtigsten Fragen fanden am 21. Juli 1452 schiedsrichterliche
Erledigung. Verschiedene Punkte überwies man dem Bischof zur
schiedsrichterlichen Erledigung «wen das ist, das ein bischof ze Cur
erwelt und gesetzt ist». 2 Daraus ist ersichtlich, daß man sich in
Bünden bereits vom Administrator losgesagt hatte und ihn nicht mehr
als Bischof anerkannte. Man traute ihm wohl nicht. Derselbe war
bereits außer Landes. Man ging in Bünden zur Offensive gegen den
Bischof über, erstürmte das bischöfliche Schloß und begann die
Belagerung der Burg Aspermont bei Zizers. Gegen den Bischof appel¬
lierte man nach Rom 3 und der Bischof begab sich persönlich nach
Rom. Für die weltliche Regierung wurden 3 Hauptleute eingesetzt
%
und ein Teil des Domkapitels wählte den Leonhard Wyßmayer zum
Bischof von Chur. Durch Bulle vom 28. Februar 1453 belegte
Nicolaus V. alle Gegner des Bischofs Heinrich, sowie den Leonhard
Wyßmayer mit der Exkommunikation. 4 * Eidgenössische Intervention
befreite das Schloß Aspermont am 19. Mai 1453 6 , vermochte aber
trotz allem Vorgehen Roms den Bischof nicht wieder in seine Rechte
einzusetzen, sodaß Calixtus III. 1456 den Bischof Heinrich der
Administration von Chur enthob und als Nachfolger Anton de Tosabenis
bestimmte, der beim Einzug in Chur am Schlage starb. Die Chur er
wandten sich an den Papst, er möge den Bischof Leonhard bestätigen. •
Derselbe wurde von den Zensuren losgesprochen und als Bischof
bestätigt.
Sein Nachfolger wurde 1458 Ortlieb, Freiherr v. Brandis. Bald
ergaben sich schwierige Anstände für den neuen Bischof im Engadin.
Es kam zum langwierigen Bergwerkstreit zwischen Bischof Ortlieb
und den Planta, der viele Tagungen und Urteilssprüche erforderte.
Dazu kamen neue Konflikte mit Österreich. Einem Spruch des Bischofs
1 Ersichtlich aus Urkunden 1452, Juli 21., im bischöflichen Archiv.
* Orig. Perg. B. A.
3 Das Geld hiefür streckte Hans Ringg v. Baldenstein vor. Vergl. Urk., 1453,
Jan. 12., im bisch. Archiv.
* Mayer, 1 . c. p. 453, zitiert eine Kopie der Bulle im bischöflichen Archiv,
die ich nicht finden konnte. Wirz in seinen « Bullen und Breven », Nr. 23, X. Band
der Quellen zur Schweiz. Gesch., gibt die Bulle mit Datum 1452, Februar 28.,
wieder und das Staatsarchiv Luzern, Akten Bistum Chur, enthält eine deutsche
Übersetzung. Es ist hier nicht der Ort, des nähern darauf einzutreten.
• Orig. Perg., bischöfliches Archiv.
• 1456, Okt. 15., zeitgen. Kopie im Urbar von 1467 im bischöflichen Archiv.
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102
Ortlieb zwischen den Gotteshausleuten im Engadin und Österreich
vom Februar 1465 war es nicht gelungen, den Frieden zu erhalten.
Die Fehde brach aus, und Graf Jörg v. Werdenberg nahm an derselben
gegen Österreich teil, was ihn in Bünden sehr populär machte. Er
lag mit dem Bischof in Streit wegen seiner Besitzungen im Do ml esc hg,
wo er sich viele Übergriffe in bischöfliche Rechte erlaubte, die Gottes¬
hausleute zu Tomüs überfiel und daselbst Stock und Galgen errichtete.
Er benützte jede Gelegenheit, um gegen den Bischof vorzugehen. Das
Jahr 1468 bot ihm genügend Stoff.
Der Ausgangspunkt der Ereignisse lag wieder im Engadin. Der
vielen durchgemachten Streitigkeiten mit dem Bischof und mit Öster¬
reich wegen war man dort sehr aufgeregt und sah in allem Gefährdung
der wirklichen und vermeintlichen Freiheitsrechte.
Der Zank begann auf rein kirchlichem Boden. Jacobus de Platea,
der Pfarrer von Ardez, wurde beschuldigt, das Beichtgeheimnis verletzt
und anderes Unrecht begangen zu haben. Die Pfarrgenossen setzten
genannten Pfarrer eigenmächtig ab und beriefen an seine Stelle den
Priester Conrad Peter Friderici [wohl ein Planta] von Zuz, der die
Pfarrei annahm. Unter Ansetzung einer peremptorischen Frist forderte
der Bischof ihn auf, die Pfarrei dem Jacobus zu restituieren. Doch
alles half nichts ; der Bischof schritt zur Verkündigung der Exkommuni¬
kation und des Interdiktes. 1 Wir vermuten, daß dieser Umstand das
Zeichen zur bewaffneten Empörung von 1468 war. Offenbar schürte
Graf Jörg von Werdenberg gegen den Bischof, der im Engadin seit
seiner erwähnten Teilnahme am Kriege gegen Österreich sehr beliebt
war. Zuerst versuchte man, dem Bischof auf vertraglichem Wege zu
trotzen. Man trat mit demselben in Unterhandlungen ein. Um was sich
diese drehten, ist aus dem Fürstenauer Abschied vom 22. März 1468
ersichtlich. Derselbe wurde «geratschlaget durch min herm grafi
Jörigen», durch Vertreter des Domkapitels, der Stadt Chur, sowie
der Gotteshausleute « so zu Furstnow zu tagen by ainandem gewesen
sind. » Wie der Abschied uns vorliegt, enthält er einen Verfassungs¬
entwurf für die weltliche Regierung des Bistums Chur. 2 Aus den
Antworten, die der Bischof auf die einzelnen Forderungen gab, wie
z. B. «Dartzu ist mins hem antwort wie vor », ist ersichtlich, daß
man dem Bischof die Artikel schon früher vorgeiegt hatte. Vorerst
1 Wirz, Regest, zur Schweiz. Gesch. aus päpstl. Archiven, III, p. 85.
* Vergl. den vollständigen Text bei F. Jecklin, Materialien zur Standes- und
Landesgeschichte gern. III Bünde, II, p. 21.
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103
verlangte man vom Bischof Entlassung der Vögte zu Fürstenau und
Fürstenburg und die Ernennung neuer Vögte. Auch das bischöfliche
Keller- und Schreiberamt sollte neu besetzt werden. Der Bischof
lehnte es ab, die Forderungen zu akzeptieren. Er wollte darin ver¬
fahren, wie «von alter und gewonhait herkomen ist.» Den ent¬
scheidendsten Punkt im ganzen Abschied büdet die dritte Forderung
an den Bischof. Sie lautet: « Furo daz min genädiger herr von wegen
sin selbs und sins gestiftes, ouch siner landen und luten nucz und
notturft sullen zu raten haben xxiiij man, nämlich iiij von Capitelherm,
Item iiij von der statt Chur, Item j von den Vier Dorffem, item j von
den Freyen von Läx, item ain von Buschgläf, item j von Münstertal
und Vinstgow ouch ainen und die übrigen xij Goczhusman so die
taler darczu geordnet händ, sollen ouch yeczent mals daby beliben
und mit denen sol sin genad handeln und bedenken, waz des gemainen
goczhus nucz und frumen syge. Es möcht ouch ain solhe sach so licht
sin, daz nit notturftig wäre darumb die xxiiij man all zu beruffen, so
mag min her von Chur derselben raten so vil zu im beruffen, als denn
die herm vom Capittel und die rät von der statt bedunkt, um dieselben
sach genug zu sind. Es möcht ouch ain sach so grosz sin, er soll sy
all zusamen beruffen. Und ob die xxiiij man beduncte, daz wan ain
gemains goczhusz deshalb beruffen söllt und die beruffung sol geschehen
an gelegne end. Das sol mins herm gnad ouch lassen geschehen ». Die
Annahme dieses Artikels hätte im Gotteshausbund neues Staatsrecht
geschaffen. Bisher war der Bischof wenigstens nominell ein absoluter
Fürst gewesen. Dieser Artikel hätte den Bischof ganz von einem Rate
abhängig gemacht, er hätte die Einführung der ständischen Verfassung
im Bistum Chur bedeutet. Die übrigen Artikel stehen mit diesem in
enger Verbindung. Sie sahen die Erledigung aller pendenten Streit¬
fragen, die den Bischof betrafen, unter Zuzug des Rates des 24 vor.
So sollte der Bischof die Kosten, die im Engadin ergangen waren,
tragen und dem Grafen Jörg Konzessionen machen. Es sollten durch
die Räte ferner Bestimmungen betreffend die bischöflichen Schlösser
erlassen werden. Schließlich wurden dem Bischof alle Kosten der
Verhandlungen auf getragen. Diese Bestimmungen sollten für die Leb¬
zeiten des Bischofs Ortlieb gelten.
Es ist nun wohl begreiflich, wenn sich Bischof Ortlieb gegen diese
Zumutungen mit aller Energie wehrte. Betreffend den Artikel 3, der
die Einsetzung eines Rates von 24 vorsah, lautete die bischöfliche
Antwort kategorisch nein : 0 Den Artikel siecht min her gantz ab.
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ICH
wan der nit gestalt noch fug hab. Dartzu ist es also von alter her nit
herkomen, sunder behilft sich sin gnad dessalben der mauss, in siner
antwort begrifEn». 1 In den meisten Punkten verhielt sich der Bischof
ablehnend oder er berief sich auf seine frühere Antwort. Die Aufnahme
des Grafen Jörg in die Artikel gefiel dem Bischof ganz und gar nicht.
Seine Antwort lautete, daß er «in dem artikel mit graf Jorign nichtz
haben ze thun ». Auch die Übernahme der Kosten wies der Bischof
von sich und den Artikel, daß diese «güttlich abredung » auf Lebzeiten
des Bischofs dauern sollte, beantwortete er ganz abschlägig, « von dem
artikel halt min her gancz nichtz ».
Die Gotteshausleute hatten bereits die für sie vorgesehenen
12 Räte ernannt, denn Artikel 3 spricht von 12 «goczhusman, so die
taler darczu geordnet hand » und also nicht erst bestimmen sollten.
Wer diese 12 Räte waren, werden wir sehen. Die beiden andern Bünde
warfen sich ins Mittel und so kam es zu einem neuen Tag zu Fürstenau.
Bis dahin hatten sich die Parteien verpflichtet, nichts gegeneinander
vorzunehmen. Am 26. April traten die Gotteshausboten, sowie die
Gesandten vom «Punt» (Grauer Bund) und von den Gerichten
(X Gerichtenbund) zu Fürstenau zusammen. Die Gotteshausboten
wandten sich unter gleichem Datum klagend an die Stadt Chur, der
Bischof hätte sein Wort nicht gehalten und sei tätlich vorgegangen,
während sie das sichere Geleit respektiert hätten. Etliche Leute hätten
Boten zum Tage angegriffen, um sie « vom leben zum tod ze bringen
und ouch ze fahen mit irem gewalt, on recht, daz doch frömd in disen
landen ze hören ist» unterstanden. Nach Aussage dieser Leute hätten
sie im Aufträge des Bischofs gehandelt. Wir vermuten darin ein Vor¬
gehen des Grafen Jörg, der wohl alles ins Werk setzte, um eine gütliche
Beilegung der Anstände durch die beiden andern Bünde zu verhindern.
Die Stadt Chur wurde angegangen, sich diese Vorgänge «zü hertzen
laussen [zu] gan » und allfällige Übeltäter auf ihrem Gebiete gefangen
zu setzen, wobei sich die Gotteshausleute auf ihre Eide beriefen, die
sie zusammen geschworen hatten. 2 Die Stadt Chur verhielt sich
neutral, denn sie hatte an den ganzen Vorgängen kein näheres Interesse,
da sie ihre gesteckten Ziele bereits erreicht hatte. Nach dem großen
Stadtbrande von 1464 erhielt sie vom Kaiser Friedrich III. viel weit¬
gehendere Privilegien, als sie sie vormals genossen hatte. Er erlaubte
1 Leider ist diese erste bischöfliche Antwort unbekannt.
* Jecklin, Materialien, II, p. 24.
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ihr die Einlösung der Reichsvogtei in Chur, die seit 1300 in bischöflicher
Hand war, gewährte ihr das ius de non evocando, sowie die Ein¬
führung der Zunft Verfassung. 1 Chur war also von der bischöflichen
Herrschaft sozusagen ganz befreit. Vor allem aber war es die Angst,
die die Churer vom ganzen Handel abseits hielt. Einerseits waren ihre
Privilegien noch gar neu und anderseits befürchteten sie eine bewaffnete
Intervention zu Gunsten des Bischofs. Diese wäre von verschiedener
Seite her möglich gewesen. Maienfeld gehörte den Freiherren v. Brandis,
welcher Familie Bischof Ortlieb entstammte, und Zürich war mit dem
Bischof verburgrechtet. So bemühten sich die Churer um Anerkennung
ihrer neutralen Lage durch die andern Gotteshausleute. Sie motivierten
das Gesuch mit der Angabe, daß sie a die werint, die da vornan sessint
und geschadigat werdint e dann ander gotzhus lüt. » Man sieht, ein
Angriff war also von unten herauf gegen Chur befürchtet. Chur schlug
deshalb vor, den ganzen Streit dem Papste zur spruchlichen Erledigung
zu überlassen. Sollte nach gefälltem Spruch ihre Hilfe notwendig
sein, so versprachen sie «lib und gilt » zu den andern Gotteshausleuten
zu setzen. Dieser Standpunkt wurde von den andern Gotteshausleuten
gutgeheißen und danach gelebt. Auch das Domkapitel hielt sich, wie
wir sehen werden, von weiterem Vorgehen zurück. 2
Die übrigen Gotteshausleute hingegen traten zu erneuerten
Tagungen zusammen. Sie eroberten die bischöflichen Burgen Greifen¬
stein, Fürstenau, Reams und Remüs und zogen deren Einkünfte an
sich. 3 Der Bischof verhängte geistliche Zensuren und wandte sich
nach Rom und zu dem verbündeten Zürich um Hilfe. Zürich entsandte
Boten nach Bünden, denen jedoch eine Vermittlung der Anstände
vorerst nicht gelang, sodaß es in einem Rundschreiben an die Gemeinden
Oberhalbstein, Bergün und Domleschg dieselben am 21. Mai 1468
aufforderte, das vom Bischof vorgeschlagene Recht zu akzeptieren
und dem Bischof seine Güter und Einkünfte zurückzuerstatten. 4
Aus dem Schreiben ist ersichtlich, daß auch der Gotteshausbund an
den Papst appelliert hatte, da Zürich die betreffenden Gemeinden
aufforderte a by üwerm uffgenomen rechten vor unßerem heiligen
vatter dem papst» zu bleiben. 6 Die Gotteshausleute scheinen sogar
1 Dr. Valir, Geschichte des Churer Stadtrates, p. 29 f.
1 Vergl. weiter unten.
* Ersichtlich aus dem Schreiben Zürichs an die Gotteshausleute vom 21. Mai
1468. Jechlin, Materialien, II, p. 25.
4 Zürich an die Gotteshausleute. Jechlin, Materialien II, p. 25. — 6 1 . c.
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— io6 —
die Absetzung des Bischofs durch den Papst propagiert zu haben,
und die Gemahlin des Herzogs von Mailand empfahl einen ihr
befreundeten Abt in Savoyen als Nachfolger. 1 Der Entscheid von
Rom aus traf aber nicht so rasch ein, und die Gotteshausleute
beharrten auf ihren Forderungen und schlossen sich auf mehreren
Tagungen immer enger zusammen und zwar stets um « unser wirdigen
gostift und gotzhusluten nutz und fromen zu furdem ».
Die Stadt Chur hielt sich nach wie vor vom Handel fern, obwohl
die Gotteshausleute, die gegen den Bischof waren, auf die Gemeinden
im Lande herumritten, um gegen denselben Stimmung zu machen.
Überall nahmen sie die Huldigung der Gemeinden an. An die Stadt
ergingen scharfe Drohungen. Man drohte ihr mit regelrechter
Belagerung. Deshalb rief sie am 13. Juni den Schutz und Schirm
des Obern Bundes an. 2 Die Gotteshausleute, zu Tiefenkasten ver¬
sammelt, glaubten wohl, durch Appellation nach Rom den Neutralitäts¬
bedingungen von Chur Genüge geleistet zu haben, und forderten nun
mittelst Schreiben vom 30. Juli, daß Chur mitmache, und verlangten,
« daz ir noch hüt by tag zu unß standint und unß daz recht hilhnt
folfueran zü Rom, daz das erwirdig gestift geregierat und gehaltan
werd und lassi beliben by unßem altan güttan gewonhaiten und alt am
herkomen ». Sollte sich Chur noch immer weigern mitzumachen, «so
müssint wir fürbasser zü rat werdan, wie wir üch undarwistint, das ir
solichem nachgiengint, dann uns das bedunkt, ir wellint zü liederlichen
sin, dem erwirdigan gestift zü hilf koman und es helfan beschirman
und hanthaben ». 3
Indessen traf eine Entscheidung Roms ein, auf die beide Parteien
hofften. Dieselbe stützt sich ganz auf ein bischöfliches Klageschreiben,
während von Eingaben des Gotteshausbundes keine Rede ist. Unterm
10. November 1468 zitierte der Kardinal Johannes sancti Angeli die
Führer der antibischöflichen Richtung nach Rom. Da frühere Zita¬
tionen unbeachtet geblieben waren, setzte er denselben nun eine
peremptorische Frist, d. h. am fünfzigsten Tage nach Verkündung
des Edictes in valvis ecclesiae Sancti Petri, sowie in den Kirchen von
Chur, Ilanz und Feldkirch, mußten sie vor seinem Tribunale erscheinen.
Eingehends wird der Klageschrift des Bischofs Ortlieb Erwähnung
1 Mayer, Geschichte des Bistums Chur, I, p. 468.
* Stadtarchiv Chur, Ratsakt. Freundliche Mitteilung von Herrn Staats¬
archivar Dr. F. v. Jecklin.
* 1. c.
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getan, die als «iniquitatis filii» und «oratores jurati» folgende
12 Gotteshausleute nennt: Petrus Planta und Janutus Travers von
Zuz im Oberengadin ; Ulrich Mascol und Jacob Thal von Süss im
Unterengadin, Johannes Abis und Nicolaus Bruck aus dem Ober¬
halbstein, Andreas Prevost aus Bergeil, Nicolaus Potzella von Bergün,
Johannes Frenn von Obervaz, Nutt Uli und Amman Gresta aus Dom-
leschg, fürstenauerseits, und Janutt Grosilius aus Schams.
Wir werden nun wohl kaum irre gehen, wenn wir in diesen
12 namentlich zitierten Personen die 12 Räte (von den 24) erblicken,
die den Gotteshausleuten im Art. 3 des genannten Fürstenauer
Abschiedes zugestanden worden waren. Aus dem Umstande, daß hier
nur diese 12 genannten vereidigten Ratsboten (oratores jurati) genannt
werden, ist ersichtlich, daß also das Domkapitel, die Stadt Chur, die
vier Dörfer, die Freien von Lax, Puschlav, sowie Münstertal und
Vinstgau nicht gemeinsames Spiel mit den übrigen Gotteshausleuten
machten. Der Gotteshausbund war also in sich nicht einig über das
Vorgehen. Die Hauptherde des Widerstandes gegen Bischof Ortlieb
waren das Engadin und das Domleschg, die unter direkter Beeinflussung
des Grafen Jörg v. Werdenberg gestanden haben dürften. Dort waren
nebst obgenannten Ratsboten noch 3 Personen besonders gegen den
Bischof, sodaß die Zitation nach Rom auch sie umfaßte. Es waren
Hartmann Planta, Schgier Castelmur und Conradin Jecklin. 1 Planta
entstammte aus dem Engadin. Jecklin war von Zuz, aber öfters im
Oberhalbstein und Domleschg und Castelmur wohnte in Fürstenau.
Diese Stellungnahme Roms mag wohl der ganzen Bewegung
den Todesstoß gegeben haben. Es waren geringe Aussichten für
die Gotteshausleute, die die Bewegung leiteten und mitmachten, in
Rom, wohin auch sie appelliert hatten, die Stimmung der Curie gegen
den Bischof zu kehren. Im Verlauf des Jahres 1469 flaute die Bewegung
ab. Der Obere Bund scheint interveniert zu haben, denn am 7. und
19. Juni 1469 berief er Tagungen nach Ilanz und Truns « der ufrür
halb, so ietz under uns uf gestanden ist. » 1 2 Die Streitigkeiten betreffend
den Pfarrer Jacob Platz von Ardez hatten zwar damals schon ihre
Erledigung gefunden. Am 27. Februar 1469 stellten Conrat Planta
von Zuz und Janutt Stuppan von Steinsberg (Ardez) dem Bischof
namens der Kirchgenossen von Ardez einen Schuldschein für 100 fl. rh.
1 Orig. Perg., bischöfliches Archiv.
2 Jecklin, Materialien II, p. 30.
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aus, die sie ihm wegen genannter Angelegenheit schuldeten. 1 Albertus
Goth und Nicolaus Wenzen, 2 Geistliche von Ardez, hatten sich am
2. Mai 1469 nach Rom um Absolution gewandt, da sie, wie sie angaben,
aus Unkenntnis gewisser Gebote ihres Bischofes in Exkommunikation
verfallen waren. Unter Auflegung heilsamer Buße gewährte Rom die
Bitte und erteilte dem Bischof Ortlieb Auftrag, genannte Priester zu
absolvieren. 2
Wie die Bewegung auf geistlichem Gebiete, scheint auch jene
auf politischem Boden zu Gunsten des Bischofs verlaufen zu sein,
da wir keine Anhaltspunkte finden können, daß genannter Fürstenauer
Abschied und besonders dessen 3. Artikel durchgeführt worden wäre.
Der Versuch, im Bistum Chur eine ständische Verfassung ein¬
zuführen, war also gescheitert. Er wurde auch nie wieder aufgenommen.
Als später Bischof Heinrich VI. von Höwen zur Zeit des Schwaben¬
krieges das Land fluchtartig verließ, setzte das Gotteshaus wieder
3 Regenten ein: einen Domherren, einen Bürger von Chur und einen
Vertreter der übrigen Gotteshausleute. Die Ilanzerartikel erreichten
dann mit einem Schlage, was die historische Entwicklung von 1367 bis
1526 nicht erreicht hatte : sie entzogen dem Bischof das weltliche
Regiment des Landes.
Im Verlaufe dieser Studie haben sich gar manche interessante
rechtshistorische Fragen aufgeworfen, deren Lösung wir auf spätere
Gelegenheit verschieben. Wie bereits bemerkt wurde, hoffen wir die
Verfassungsbewegungen im Bistum Chur bis auf die Danzerartikel
von 1526 später eingehend behandeln zu können.
1 Orig. Perg., bischöfliches Archiv.
* Wirz, Reg. zur Schweiz. Gesch. aus päpstlichen Archiven, III, p. 111.
-’W''
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L’Eglise
et la Conf6d6ration jusqu’ä la Rgforme
Par Joseph JORDAN
Depuis vingt siteles qu’elles se trouvent l'une en face de l’autre,
ces deux puissances -sociales, l'Eglise et l'Etat, veulent toutes deux
guider 1’homrae : l'une s'occupe avant tout de ses intteöts spirituels
et religieux, de sa fin supröme, de son bonheur Stemel; l'autre s’intte
resse de fait k sa Situation matteieile, k sa fteicit^ temporelle. In 4 vita-
blement, eil es se rencontrent souvent sur les mömes routes ; parfois
eiles unissent leurs efforts et comprennent leurs röles respectifs en vue
d’un bien commun supröme, parfois aussi, elles se heurtent plus ou
moins violemment et möme se disputent äprement le terrain. Pierre
se mesure avec Ctear dans des lüttes tantöt violentes et ouvertes,
tantöt douces et soumoises, k tous les siteles, en tous pays, möme
dans notre petite Conftelteation suisse, durant ce moyen äge si catho-
lique, comme nous voulons spteialement le montrer.
Qu'on ne s’attende pas k trouver ici expos6s tous les rapports
entre l'Eglise et l'Etat pour la Suisse mteli6vale, rapports complexes
par leur aspect ä la fois juridique, social et religieux ; varite par leur
Evolution en chacune de nos contrtes historiques ; difficiles et ici ou lä
impossibles k etablir compl&tement, vu le manque ou de documents,
ou d’teudes spteiales en la matitee. Nous nous bornons k r^unir en
un tout les premitees relations, la plupart fort connues, de la Confteitea-
tion avec l’Eglise; puis nous essayons de les expliquer k la lueur de
l'histoire gteteale et surtout nationale ; enfin, nous voulons d^gager,
en guise de conclusion, une sommaire vue d’ensemble.
Tout d'abord, nous brossons k grands traits la Situation des deux
puissances au moment oü s’teablissent leurs premiers rapports, au
milieu du XIV 1 “« sitele.
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HO
CARAdfeRE de la Conf£d£ration. — La Confederation, encore
tres jeune puisqu’elle avait 6t£ fond^e en 1291, n’etait pas alors une
nation enrop^enne independante, un Etat federatif avec sa Consti¬
tution, ses Codes, ses lois, ses pouvoirs f&ieraiix distincts et delimites
comme aujonrd’hui, mais une union de petits Etats du Saint-Empire
romain germanique en vue de leur defense et de leurs interöts communs,
« une de ces nombreuses associations qui couvraient le sol allemand
aux XIII®« et XIV“« sied es »*. Au d£but, une alliance gdnörale,
semble-t-il, allait s’etablir. Aux trois communaut^s paysannes d’Uri,
de Schwyz, et d’Unterwald unies entre eiles depuis le pacte de 1291,
s’allia la ville de Luceme en 1332. A ce groupe des IV Waldstätten
s'adjoignit Zürich en 1351. Mais, en raison de circonstances, ce mou-
vement ne fut pas continue. Glaris et Zoug, en 1352, ne s’unirent pas
ä Luceme ; Berne, en 1353, ne conclut son traite qu’avec les trois fon-
dateurs. On eut tout simplement un noeud de six alliances. Chacune
avait ses conditions special es fort pr&ises, toutes cependant pr&voyaient,
en cas de guerre, une assistance r^ciproque restreinte souvent par
d'autres conventions et limit^e ä un certain rayon, puis, en cas de
conflits interieurs, un arbitrage, mais r£gle par des procedures fort
diverses 2 . Des clauses d’ordre eccl^siastique se gliss&rent parfois dans
ces traitfe, comme nous le verrons dans la suite. En somme, cette
association « avait aussi peu de cohesion que Ton peut imaginer ; eile
etait tout ä fait impr^cise quant ä sa forme et ä son contenu. Elle ne
portait aucun nom officiel » 3 .
Chaque canton tenait de l’empereur des pouvoirs plus ou moins
etendus et cherchait ä les Computer encore. Chacun conservait son
Organisation particuJi£re, la Campagne avec sa landsgemeinde, la ville
avec son systfeme communal, chacun avait dans ses institutions garde
l’empreinte de la f^odalite, puisque chacun constituait une seigneurie
collective. Dans ces petits Etats, comme du reste dans tout 1'Empire,
les pouvoirs confondus et enchevötr^s formaient la souverainete k
laquelle participaient plus ou moins largement les divers Organes admi-
nistratifs. En outre, cette souverainete, au lieu de s’^tendre ä tout le
1 Dierauer : Histoire de la Confidiration svisse, trad. fran^aise par A. Rey-
mond, Lausanne 1911 sq., t. I, p. 318.
* Cf. Andreas Heusler : Histoire des Constitutions suisses, traductxm
fran^aise par G. Abravanel et J.-G. Favey ; Lausanne-Gendve 1924, t. I, p. 137
et sq.
8 Dierauer, op. cit.. t. I, p. 318.
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III
teiritoire et ä tous ses habitants quels qu’ils fussent, comportait des
immunit^s ou exceptions en faveur de la noblesse, du clerge et de leurs
sujets. La legislation priv6e, loin d’ßtre uniforme, etait laiss^e & diverses
institutions de droit public : villes, communaut^s paysannes, petites
seigneuries, couvents et autres institutions religieuses, corporations
d’artisans. Enfin, la population se divisait officiellement en plusieurs
groupes : etrangers ou bourgeois si l’on regarde l’origine ; corporations
de m^tiers, noblesse, clerg£ si l’on consid^re la position sociale
Position privil£gi£e de l’Eglise. — Dans les nouveaux Etats
occidentaux sortis des Invasions des Barbares, l’Eglise catholique
constitua un veritable organe international. Avec la Papaute conune
autorite supröme, eile etait erig£e en une monarchie absolue, mais
elective et fort accessible. De lä partait sa forte hierarchie d’arche-
vßques, d’^vöques, de doyens, de prßtres et de clercs pourvus des ordres
mineurs, d'elle d^pendait le clerg£ s^culier en contact avec le monde,
comme le clerg£ regulier avec ses Ordres et Congr^gations de moines
et de nonnes se renforyant ä chaque siede. Depuis la fin de l’Empire
romain, eile avait ses lois, ses Canons, que les juristes rassemblaient
en un droit canon plus universel, plus uniforme, plus strict, que le
droit des puissances civiles. Avec les d&nsions des Conciles et les d^crets
des Papes, eile le d£veloppait encore, en 1317 par exemple. Jean XXII
publiait les « Clementines ». Par suite, eile avait ses tribunaux epis-
copaux, archiepiscopaux et m£me pontificaux, pour juger les questions
morales de contrats de vente ou d’achat, de dettes, d'usure, les affaires
deiicates de mariage, tous les conflits des clercs s^culiers entre eux, des
clercs avec les lalques, mSrne des laiques entre eux qui pref^raient, s'ils le
voulaient, la justice empreinte d’indulgence et de douceur dont faisaient
preuve les juges ecclösiastiques. De leur cöte, les religieux suivaient
la jurisprudence fix^e par les Statuts de leur Ordre et les Privileges
speciaux de leur couvent.
Partout, le clerge, tant seculier que regulier, jouissait de diverses
immunites :
i° II etait exempt d’abord de toute juridiction laique, en raison
du caractere special confere par l’ordination, les tribunaux et les lois
de l'Etat ne pouvaient avoir, du moins en throne, puissance sur lui.
1 Gareis und Zorn : Staat und Kirche in der Schweiz, Zürich 1877 ; p. 6-8.
— Andreas Heusler, p. 226 sq.
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112
2° II 6tait lib£r£ du Service militaire, du fait qu’il n’avait pas
le droit de verser du sang.
3° II etait exempt de tout impöt, dejä depuis les premiers empe-
reurs romains chr6tiens. Du reste aussi, il fendait de nombreux
Services ä l’Etat en se chargeant de rinstruction, du soin des malades,
de l’assistance des pauvres et du d^veloppement des beaux-arts.
Plus encore depuis les IX me et X me sifccles, une partie du clerg^
s’^tait vu attribuer par les empereurs, rois ou mßme seigneurs, des
droits rögaliens sp^ciaux. De nombreux evöques 6taient princes tem¬
poreis, tels ceux de Bäle, Constance, Coire, Sion, Lausanne, Genfeve
dans notre pays. Jusqu’ä l'apparition des Ordres Mendiants qui firent
exception, tous les couvents recevaient avec leurs domaines les droits
teodaux y relatifs et constituaient ainsi des seigneuries. Toutefois, ces
prdlats faisaient ordinairement exercer leur pouvoir politique par
d’autres : les abb^s par leurs avoufo, les ev^ques par leurs vidames
ou leurs baillis £piscopaux.
Enfin, l’Eglise disposait, en cas de r^volte, de violation de ses lois
et de ses droits, de ces deux armes spirituelles encore redoutables bien
qu’un peu emouss^es d^jä au XIV“® sifecle, ä la suite de leur emploi
de plus en plus frequent, 1 ’excommunication et l’interdit l .
Premiere Intervention de la Conf£d£ration en mati£re
ECCL^SIASTIQUE. — Contre cette puissance de l’Eglise si vaste, au
point qu’elle s’etendait directement ä de nombreuses affaires purement
civiles, une r^action s’est produite dans les divers Etats, au cours des
trois demiers si&cles du moyen äge, m£me dans notre Conf&Ieration
qui n’^tait de loin pas un v&ritable Etat.
Soixante ans apr&s sa fondation, pour la premiere fois, eile prit
une mesure, toutefois de port^e restreinte, vis-ä-vis de la puissance
clericale. Le r er mai 1351, les IV Waldstätten adopt&rent, dans la
lettre d’alliance avec Zürich, ce premier point net et pröcis : « Aucun
laique ne peut en citer im autre devant un tribunal ecclösiastique
pour cause de dettes * »
Avec notre esprit moderne, cette clause peut nous paraitre presque
1 Kirchenlexikon (Freiburg. Herder), t. X, art. Privilegien des Klerus, Privi¬
legien der Kirchen. — Fleischlin Bernard : Studien und Beiträge zur schweizer¬
ischen Kirchengeschichte, II. Band (t. II), Lucerne 1902, p. 25-74.
* Cf. Dierauer, op. cit., I. p. 233. — DiENDLiker Karl : Geschichte der Stadt
und des Kantons Zürich, Zürich 1908, t. I, p. 146. — Eidgenössische Abschiede
ou E. A., t. I, p. 261.
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— H3 —
insignifiaate. Mais, en ce temps, non seulement eile offrait quelque
importance pratique, mais encore eile revdait et inaugurait une poli-
tique nouvelle, qui, en s’inspirant des recentes manifestations du
XIII me si&de, brisait avec un tout long passe.
Depuis l'arrivee des Barbares jusqu'au XII me siede environ,
l'Eglise et l’Etat £taient partout rest^s intimement unis dans leur
oeuvre commune de direction et de civilisation des peuples, avaient
form£ comme une m6me personnalit^ chrdienne dont l'une £tait l’äme
et l’autre le corps. Les divers gouvemements reconnaissaient l’autorit^
spirituelle dans le domaine de la foi et de la morale, lui prfitaient leur
concours pour r^primer l'h^r&ie. Ils voyaient en la Papaut6 l’autorit^
internationale et supr@me, ils respectaient la hidarchie, ils laissaient
au clerg£ ses lois, ses Privileges, son Organisation, et lä oü eile existait,
sa puissance föodale ; ils profitaient enfin de son activit£ sociale, intel-
lectuelle et artistique.
Si les souverains, speciälement les empereurs, etaient entr£s en
conflit avec les Papes, comme lors de la Querelle des Investitur es prin-
cipalement, c’dait en vue de s’assurer la domination de l'Eglise d’un
coup, de soumettre ä leur seule autorit^ ces nombieux prelats, chets
spirituels, mais aussi seigneurs temporeis, et par lä leurs vassaux ;
mais ce n’dait nullement pour restreindre l’influence du clerge ou
pour diminuer ses droits et ses Privileges, encore moins pour faire de
l’anticiericalisme.
Däs le XII me siede, les villes les premieres, entrain6es les unes apres
les autres dans le mouvement d'üutependance communale, commen-
cerent ä attaquer la sou verainet 6 temporelle des £v6ques et des abbes,
aussi bien que des autres seigneurs. Dans le Nord de l’Italie, aux Pays-
Bas, ä l'Ouest de l'Allemagne, au Nord-Ouest de la France, les bourgeois
arracherent le pouvoir ou une partie du pouvoir ä leurs souverains
ecciesiastiques 1 . Dans nos contr^es, on entreprit aussi d'enlever leur
puissance politique aux £v6ques. Bäle 2 et Lausanne 3 däs la fin du
XII®* siecle, Sion 4 , Coire 6 , Gen&ve 8 , au cours du siecle suivant, s'or-
1 Hbrgenröther-Kirsch, Kirchengeschichte, 5 me 6 dit., t. II, p 619 et sq.
* Cf. Wackernagel Rud. : Geschichte der Stadt Basel, Bäle 1907, t. I, p. 15-36.
* Cf. Dictionnaire historique du Canton de Vaud, t. II, article « Lausanne ».
4 Boccard : Histoire du Valais, GenÄve 1844, p. 53-57.
6 Cf. Dictionnaire historique et biographique de la Suisse, äditä par Attinger
(Neuchätel) ; cf. article « Coire ».
* Gauthier Jean-Antoine (f 1729) : Histoire de Gentve, des origines ä l'annte
169z. publiäe depuis 1896, t. I. p. 144 sq., p. 167-171.
REVUE D'HISTOIRE ECCL^SI ASTI QUE S
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ganis£rent en commune. Dans la suite, ces villes, soit apr£s de violentes
lüttes, soit par achat de divers droits r6galiens, d6velopperent leur
faible autonomie du d6but. D'autres endroits essayferent de se soustraire
ä la domination d’un couvent. Zürich, ctependant k la fois de l’abbesse
du Fraumünster qui d6teng.it la basse juridiction et d’un avou6 imperial
qui avait la haute juridiction, s’organisa aussi, au cours du XII“* stecle,
en une Sorte de commune. Aprfcs l’extinction des Zähringen, les avoues
imp6riaux furent choisis parmi les nobles de la ville, l’abbesse eut son
Conseil pour l’aider dans l’exercice de ses pouvoirs temporeis. Ce Conseil
sut avec le temps restreindre et supprimer l’autorite reelle du Frau¬
münster, puis de l'Empire, devint ind6pendant et fut 61 u par les
bourgeois J .
Lucerne, village qui relevait, depuis le VIII“« sifccle, de l’abbaye
alsacienne de Murbach, se transforma en une ville et se constitua en
commune au cours du XIH 1 * * “ sifccle. Cette cit6 aurait encore d6veloppe
son autonomie, si, en 1291, l’empereur 'Rodolphe de Habsbourg ne
l’avait pas achetöe *. Ces jeunes communes, pleines d'ardeur et d’am-
bition, s’attaqu^rent bientöt, en vue d'accroitre leur pouvoir, ä quelques
Privileges du clerg6, tout d'abord k sa juridiction en mattere civile
et k son exemption d’impöt. Plus elles abattirent la puissance tempo-
relle des institutions ctericales, plus elles s’enhardirent dans leur nou-
velle offensive. Dans les villes £piscopales, tant que l’dvöque garda
quelque autorit6 reelle, les emptetements furent plus difficiles et moins
graves, ä Bäle *, par exemple. Du reste, dans les endroits oü l'on n'avait
pas lutt6 contre la f6odalit6 ecclesiastique, on ne s'occupa gu6re des
affaires religieuses. A Fribourg, la bourgeoisie avait droit de nommer
son cur6 et eile ne s’immisi^ait pas dans les affaires des couvents 4 * .
Berne travailla simplement ä se constituer en paroisse, k se s6parer
de celle de Köniz, tout en continuant de reconnaitre le patronage
du couvent des Augustins de Köniz, transform6, en 1227, en Com-
manderie des Chevaliers Teutoniques. La Separation devint comptete
en 1276 6 .
1 Cf. Dibrauer, op. cit., 1 . 1 , p. 206 et sq. — D/endliker, op. cit., t. I. p. 1-77.
* P. A. Sbgbsser : Rechtsgeschichte dtr Stadt u. Republik Lutem (Lucerne.
1850-1858), t. I.
* R. Wackernagel : op. cit., t. I et II.
4 G. Castella : Histoire du Canton de Fribourg, Fribourg 1922. p. 144-154.
* A. v. Tillier : Geschichte des eidgenössischen Freistaats Bern, Bern 1838,
t. I. p. 107 sq.
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Tel etait le mouvement general qui atteignait nos villes et m&ne
nos communautes rurales et allait enfin gagner la Conf^d 4 ration. A
Zürich, en 1228 dejä, les bourgeois essayaient d'exiger des chanoines
du Grossmünster un impöt sous forme de participation k la construction
et k la defense des remparts. Devant l'opposition des chanoines, de
1 ’evÄque de Constance et de rempereur, ils retir&rent leurs pretentions *.
Mais ils ne les oubli&rent pas, en 1304, lorsqu’ils admirent le clerg£
s^culier dans la bourgeoisie ; ils lui accord^rent la protection officielle,
mais non les droits politiques ; ils lui impos&rent de contribuer, finan-
ci^rement semble-t-il, k la defense militaire ; enfin, ils voulurent qu'en
cas de conflit entre bourgeois et clercs, ceux-ci portassent plainte deyant
le Conseil, ceux-lä devant un tribunal de trois eccl^siastiques ou
Pfaffenrichter nomm^s par l’abbesse du Fraumünster et le prövöt du
Grossmünster, enfin, qu’en autre cas les clercs fussent soumis au droit
civil, mais non au tribunal civil. 1 2 3 Ce fut certainement Zürich qui fit
ins^rer, dans l’alliance de 1351, la clause d'ordre eccl&iastique, car il
l’introduisit 6galement dans son traite avec l’Autriche, en 1356*.
Dans cette ville commerciale et industrielle, trfcs probablement on dut
avoir constate des abus ou des inconv&iients dans les procfcs qui se
döroulaient pour affaires de dettes devant les tribunaux eccl&iastiques.
Les IV Waldstätten qui auraient pu biffer cet article s’ils l’avaient
voulu, puisque venant au secours de Zürich ils etaient les maitres de
la Situation, l’ont accepte. Cette attitude n’a rien de surprenant. Uri,
Schwyz et Unterwald, dans le pacte de 1291, vouaient d£jä toute leur
attention aux questions de justice ; ils entendaient avoir des juges qui
fussent du pays et qui n’eussent pas achetö leur Charge 4 * . En somme,
ils detestaient la juridiction etrangfcre. On le vit encore plus clairement
dans l’armistice conclu en 1319 pour mettre fin k la guerre du Morgarten.
L’Autriche s’engageait ä ne pas leur imposer de tribunaux eccl^sias-
tiques ou laiques 6 . Lä-dessus, on ne peut gu&re s’^tonner qu’üs aient
adher^ k une restriction de comp^tences des tribunaux eccl6siastiques,
vu que ces tribunaux etaient soustraits k leur influence, qu'ils stegeaient
au dehors et qu’ils se composaient principalement d’Autrichiens. Du
reste, ces communautes paysannes savaient aussi attaquer les Privileges
1 Dajndliker, op. cit., t. I, p. 79-81.
2 Id., t. I, p. 107-108.
3 E. A., t. I, p. 41.
4 Dierauer, op. cit., t. I, p. 121.
8 Andreas Heusler, op. cit., p. 105. — E. A., t. I, p. 245.
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— ir6 —
du clerge. Au XIII me siöcle, la landsgemeinde d’Uri demanda que les
couvents ne se d&obassent point ä i’impöt du pays *. A Schwyz, eile
exigea la m6me chose des Cisterciennes de Stein, des Clarisses de Muotta-
thal et des Dominicaines de Schwyz et eile leur emp£cha l’acquisition
de nouveaux domaines A ce propos, les villes aussi regardaient avec
envie l'extension de la propri£t£ eccl&iastique et essayaient d'y mettre.
des limites. En 1280, Zürich'd6fendit aux couvents (non aux Chapitres)
d’acheter du terrain en ville 8 .
A Lucerae, on 6tait all£ de m6me assez loin. En vertu d'une ordon¬
nance de 1331, aucun laique accus£ ne pouvait recourir au tribunal
öpiscopal, mais devait citer son accusateur eccl6siastique devant le
Conseil. Si, au contraire, un clerc etait inculp^, il pouvait recourir
k la justice eccl£siastique ; dans les causes purement profanes, il avait
la facult£ de renoncer k ses privilöges et de s’adresser au tribunal de
la ville 1 * * 4 * . En affaires pönales, le clergö, jusqu'ä la fin du XV“« si&cle,
releva du tribunal de l’övÄque de Constance. Toutefois, pour les petites
contestations, les injures, les rixes et autres cas rentrant dans les attri-
butions de la police locale, ils comparaissaient devant les juges de la
ville. Ces magistrats s’inspiraient des lois ctericales et chargeaient les
sup&ieurs hi^rarchiques d’ex^cuter leur sentence 6 .
C'est ainsi que tous les cinq Etats de la Conf£d6ration £taient pr£ts
k accepter et k introduire dans leur alliance la clause restreignant les
comp&ences des tribunaux ecctesiastiques. Puisqu’ils 6taient d£jä
tous assez avancds dans cette politique, pourquoi ne sont-ils pas alles
plus loin ? N ’oublions pas k ce propos que les cantons, dans leurs traites,
ne s’entendaient et ne s’engageaient que sur quelques points fonda-
mentaux. Pour tout le reste, ils gardaient leur complfete ind^pendance
et leur souveraine tegislation. Cette disposition, vraisemblablement,
£tait la seule, en mati&re canonique, utile k tous. En effet, eile visait
im cas pr&is oü chacun des contractants avait peut-Ätre £prouv6 des
difficultös ; eile devait avoir une certaine actualite, puisque Zürich la
proposait dans tous ses traites ; eile allait favoriser la vie ^conomique,
sinon les hommes d'affaires des villes ne l’auraient pas maintenue.
1 DiCNDLIKBR, Op . Clt ., t. I. p. 80 .
* Flkischlin : Studien u. Beiträge zur schweizerischen Kirchengeschichte,
Luzern 1902, t. II. p. 413-414.
* Dandliker, t. I, p. 108-109.
4 Sbgbssbr, t. I, p. 210-213.
6 Id., t. II. p. 742-743.
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Par lä m£me, eile devait ötre en son genre, la seule ndcessaire, la seule
proposee. En somme, eile devenait le premier point du droit de la
Conf&teration en mattere eccl&iastique ; eile ne constituait pas en soi
une grave atteinte aux Privileges du clerge ; eile mettait plutöt une
limite k sa juridiction tentee, eile aussi, de s’etendre ; eile annon£ait
une intention bien ferme de soustraire au droit canon toutes les causes
d’ordre purement materiel.
Charte des Pr£tres (Pfaffenbrief), 1370. — Vingt ans plus
tard, en 1370, les cantons, k l'exception de Berne et Glaris, avan^aient
d’un second pas plus important, edictaient de nouvelles mesures com-
munes dans la Charte des Prötres. Ce cetebre accord, qui contenait
encore une solution tr&s interessante de la question des etrangers, fut
provoque surtout, comme on le sait, par l’attentat de Herdegen Brun,
le fils du cetebre bourgmestre zuricois, contre l’avoyer de Luceme,
Peter von Gundoldingen, en 1370. Bruno Brun, pr£vöt du Grossmünster,
accuse de complicite avec son frfcre Herdegen, se retrancha derriere
ses immunites ecclesiastiques pour ne pas comparaitre devant les
tribunaux de la ville, mais lä-dessus, il fut expulse *. Zürich, cette
fois encore, prit l’initiative d’un concordat avec les autres Confederes
pour prevenir le retour de pareilles difficultes et s'assurer de dispo-
sitions strictes vis-ä-vis du clerge. Cette affaire m£me grave ne peut
pas expliquer entterement les nouvelles decisions, eile semble avoir
ete plutöt l’occasion, importante sans doute, de leur introduction.
Au fond, Zürich aurait pu promulguer pour lui seul ces nouvelles clauses.
Si la plupart des cantons entrfcrent dans ses vues, c’est pour differentes
raisons.
Tout d'abord, Luceme, qui etait aussi interesse k cette affaire,
avait souffert, depuis 1363, de nombreux ennuis k propos d’un certain
Joahrnifcs zer Kilchen, en conflit avec la cour episcopale de Constance 1 2 3 .
Le Conseil prit alors une derision : N’importe quel bourgeois qui citera
un autre devant un tribunal ecciesiastique devra, s’il a tort, donner
10 S. d’amende k la ville et Sparer envers l’accuse le dommage cause
par cette citation *. En outre, de 1367 ä 1368, la commune et le prötre-
1 Dieraubr, op. cit., t. I, p. 338 et sq. — D.cndliker, op. eit., t. I, p. 161
et sq.
* Geschichtsfreund XVII, article « Bann und Rache », par A. Lütolf, p. 161
et sq.
3 Id., p. 170 et sq.
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desservant (Leutpriester) eurent un procäs avec le couvent des Bene-
dictins de Saint-Läodegar et son prävöt, au sujet de corapetences de
ministäre ; ils le perdirent devant l’Officialitä diocesaine et enfin ils
recoururent ä Rome. Le pape chargea Bruno Bun, prävöt du Gross¬
münster, de trancher le diffärend et en mäme temps de regier l'affaire
Zer Küchen encore pendante. Bien qu’on ignore comment tout fut
termine, on suppose que de lä vint l'inimitie entre le prävöt de Zürich
et l’avoyer de Luceme et, par suite, le entehre attentat *.
De leur cötä, les trois Waldstätten, guäre respectueux des privüeges
du clergä, acceptärent les dispositions proposäes, cai* elles augmentaient,
comme nous le verrons, leur juridiction ; elles visaient surtout le dergä
autrichien ou austrophüe dont la puissance s'exersait indirectement
dans la Confädäration.
Zoug ätait entrainä dans le mouvement par les autres. Dans son
alliance de 1352, ü avait adoptä la möme clause eccläsiastique que
Zürich une annäe auparavant *.
Glaris se trouvait, vis-ä-vis des Contädäräs, ä peu präs dans la
Situation oü allaient entrer plus tard les pays alliäs (Zugewandte Orte) *.
Aussi resta-t-U en dehors du traitä. Berne ne voulut pas, probablement
en raison de son amitiä et märne de son alliance avec les Habsbourg,
que le traitä de 1353 avait räserväe, adhärer ä la Charte, dont les points
principaux ätaient dirigäs contre l’Autriche 1 * 3 4 . Ensuite, comme ü etait
moins avancä que les autres dans sa politique eccläsiastique, U n’ätait
guäre porte ä ratifier des restrictions importantes des privüeges du
clergä.
Six cantons donc s'entendaient sur les deux problämes alors brü-
lants d’actualitä : des clercs et des ätrangers. Malgre l’abstention de
Glaris et de Berne, due ä des circonsta<nces special es, üs voulaient
faire une ceuvre commune et par lä affermir la Conf ädäration. En cette
fin du XIV“® siäcle, üs tendaient ä la transformer en un sommaire
Etat. Ne commen^aient-ils pas ä tenir des Diätes pour discuter leurs
affaires communes, ä eräer ainsi un organe regulier, ä prendre en divers
cas des däcisions gänärales et finalement ä se donner des lois communes,
comme la Charte des Prätres en 1370 et, un peu plus tard, le Convenant
1 Id., p. 172-178.
* E. A.. t. I, p. 277. — Dierauer, op. eit., t. I, p. 254-255.
3 Dierauer, op. eil., t. I, p. 252.
4 Dierauer, op. eit., t. I, p. 338.
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— Hg -
de Sempach en 1393 *. Et comme tout Etat prenant conscience de
sa force, la Conf&leration essayait, dans la mesure que lui permettait
sa vigueur, d’etendre ses competences ; eile se heurtait ä la puissance
eccldsiastique, la seule dont la resistance s’afiirmait encore, et tout
naturellement, eile essayait de la restreindre.
Dans toutes les nations europ^ennes en voie de formation comme
la nötre, se produisait la möme Evolution. Ce n etaient plus seulement
les communes, mais les royaumes, les principaut6s, les petites r^pu-
bliques qui battaient en brache tous les Privileges du clerge, maintenant
que son pouvoir temporel avait 6 te en partie diminue ou supprime.
Des la fin du XIII me siede, les grands pays prenaient leur forme nou-
velle et definitive de gouvemement. La France, par raffermissement
du pouvoir royal aux depens de la feodalite, devenait la premiere des
puissances modernes. En 1255 dejä, au synode de Melun, on discutait
les conflits de competences des tribunaux laiques et ecciesiastiques.
Philippe le Bel erigeait en Systeme politique ces tentatives autrefois
isoiees, en vue de restreindre les franchises d6ricales 2 .
Dans l’Empire, qui cessait d’ötre un Etat pöur se transformer
presque en une vaste Confederation germanique, les empereurs dont le
pouvoir, au cours du XIV 1 “« siede, allait en diminuant, n’adopterent
pas la m£me politique, pas möme Louis de Baviere lors de son violent
conflit avec Jean XXII. Au contraire, en 1377 exemple, Charles IV
publia, pour les archevöches de Magdbourg, Cologne et Mayence, une
loi en vue de sauvegarder la juridiction ecciesiastique 3 . Du siege de
Mayence, dependait entre autres le diocese de Constance qui, en s’dten-
dant jusqu’ä l’Aar et aux Alpes, englobait presque toute la Confede¬
ration des VIII cantons. Par contre, c’etaient les principautes et les
villes imperiales devenues de veritables Etats, qui continuaient les
empietements, qui interdisaient aux bourgeois de recourir aux juges
ecdesiastiques pour les affaires temporelles, qui faisaient passer devant
les tribunaux laiques les affaires de dime, qui resti eignaient l'exemption
d’impöt et le devdoppement domanial tant des eglises que des couvents 4 .
La Confedei ation suivait la möme evolution, peut-ötre subissait
l'influence des voisins. Elle profitait, en 1370, de l’occasion foumie
par l'affaire Brun pour etendre et predser ses competences.
1 Andreas Heuslbr, op. eil., p. 144-149. — Dierauer op. cit., 1 . 1 , p. 341-342.
2 Hergbnröthbr-Kirsch : op. cit., t. II, p. 622-623.
3 Hergenröther-Kirsch, op. cit., t. III, p. 65.
* Id.. p. 66.
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120
Dans la Charte des Prdtres, tous les cantons, sauf Berne et Glaris,
edictaient ces nouvelles et importantes mesures :
i° « Aucun clerc habitant la Confeddration n’a le droit de citer
un Confdddrd devant un tribunal etranger : eccldsiastique ou laique.
II ne peut le faire comparaitre que devant le juge du lieu oü il reside,
exceptd dans les causes matrimoniales ou eccldsiastiques relevant du
for dpiscopal. » « Aucun laique non plus ne peut en appeler ä des
tribunaux dtrangeis, sinon pour des causes leligieuses. » 1 * Ils restrei-
gnaient par lä considdrablement la juridiction eccldsiastique ; ils l’ad-
mettaient seulement pour les affaires purement religieuses relevant du
for externe, comme celles de mariage surtout. Ils dtablissaient une
sorte de ddlimitation plutöt que de Separation entre l'Eglise et l'Etat
dans le domaine juridique.
2° Tout prdtre qui agit ä l’encontre de ce principe fondamental
sera privd de toute socidtd avec le peuple et de tout droit ä la protection
des autoritds jusqu’ä ce qu’il se soit soumis. » * Ils mena9aient donc
le clergd de la mise au ban du pays, en cas de rdsistance. Aux armes
spirituelles, ils opposaient en quelque sorte leur excommunication civile.
3° N’importe quel eccldsiastique (et aussi laique) qui veut habiter
les villes et pays confdderds, tout en restant lid aux ducs d’Autriche
par un serment, doit jurer de travaüler au profit et ä l’honneur de
ces Etats, de les protdger fiddlement contre tout dommage 3 . Les cantons
visaient par lä non seulement les nobles et les roturiers autrichiens
demeurant dans la Confdddration, mais aussi le clergd autrichien assez
nombreux et assez influent spdcialement dans les couvents, et ils don-
naient la solution, la meilleure pour ce temps, du probldme des dtrangers.
4° Enfin, ils revendiquaient quelques sieges dans les tribunaux
eccldsiastiques de Luceme, Zürich et Constance. Ils comptaient donc
exercer quelque influence dans la juridiction diocesaine, par l'inter-
mddiaire de leurs representants 4 * .
Cette Charte des Prdtres contenait en somme un esprit politique
nouveau, indice d’une nouvelle Situation. Prise dans son int^rite,
eile « renfermait les germes d’un Etat suisse ayant son caractäre propie
et une tendance nationale » 6 . Chose interessante, eile pouvait dtre
1 Dikrauer, op . eit ., t. I, p. 340. — Cf. aussi A. Heusler, op . eil ., p. 144 sq.
* Dierauer, op . cit ., t. I, p. 340. — Cf. aussi A. Heusler, op . cit ., p. 144 sq.
* Dierauer, op . cit ., t. I, p. 338-342.
4 Dierauer, op . cit ., t . I, p. 338-342.
6 Dierauer, op . cit ., t. I, p. 338-342.
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121
chang^e seulement si une forte majoritö des cantons le decidait et si
les nouvelles döcisions ne contrevenaient pas aux anciennes alliances.
Ainsi naissait « l’idee d'nn droit föderal commun et unique, susceptible
d’ötre modifte par d^cision de la majorite »*.
Dans le domaine ecd&iastique, on voyait s’dablir une certaine
souverainete föderale, qui sut, tout en poussant assez loin ses reven-
dications, d’abord faire la distinction entre le spirituel et le tempoiel,
laisser k l'Eglise le premier et se r&erver enti&rement le second ; puis
6 galement amener une ddimitation des compdences de la Conf6d6ration
et des Cantons, attribuer ä l’une les questions nationales commun es,
et conserver aux autres les affaires regionales particuli&res.
CONVENANT DE STANS (STANSERVERKOMMNISS), 1481. — C’est
en 1481 seulement, en adoptant le Convenant de Stans, que la Conf£-
d&ation s'occupa des affaires ecctesiastiques. Durant ce long et impor¬
tant sifecle qui suivit la Charte des Prötres, eile n’empieta gu&re sur
les droits de l’Eglise. Cet arrßt dans sa politique peut nous Stornier
de prime abord, mais des que l'on connait Involution generale du
pays, on se l’explique. Depuis 1353 jusqu’ä 1481, les VIII Cantons
n'admirent plus aucun nouveau membredans leur groupement. En 1393,
ils adopt&rent encore le Convenant de Sempach (Sempacherbrief), Sorte
de code militaire, mais, depuis lors, ils ne conclurent aucun accord
glndral 1 2 3 . Ils maintinrent la Difcte, mais ne cr£fcrent aucun autre organe
administratif. Ils se contentfcrent des dauses de leurs alliances, des
d^cisions de leurs trait 4 s de 1370 et 1393, de leur rudimentaire Orga¬
nisation, parce qu’ils se pröoccupfcrent surtout de conqudes. Ensemble,
ils s'empar&rent de divers territoires et, aprfcs la prise de l’Argovie,
en 1415, pour la premi&re fois ils les gard&rent comme bailliages com-
muns, et se cr£fcrent ainsi entre eux un lien territorial indestructible.
Au lieu de recevoir leurs voisins et amis comme nouveaux cantons,
ils leur ouvrirent leur cerde en les consid&rant simplement comme
Etats agr 4 g& (Zugewandten) ; ils sign&rent, par exemple, avec Appenzell,
Schaffhouse, Rotweil et autres, des traitfe de combourgeoisie, de secours
militaire r6ciproque s . Cette Situation politique bizarre qui tout ensemble
figeait les VIII cantons dans leur Organisation de la fin du XIV“* si£le
1 A. Häusler, op . cit ., p. 147-148.
* A. Heuslbr, p. 148 et sq.
3 A. Hbusler, op . cit ., p. 157-163.
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et l'agrandissait de bailliages communs et de pays alltes, ces preoccu-
pations avant tout militaires, peut-€tre anssi le manque d’occasions
sensationnelles, arrötferent momentandment la Confdddration dans ses
audacieuses tentatives contre l’Eglise.
Les autres pays pourtant continuaient hardiment leur politique.
En France, une assemblde mi-laique, mi-eccldsiastique, tenue sous la
prdsidence du roi Charles VII, k Bourges, en 1438, vota, en profitant
habilement du schisme de Bäle, une Pragmatique Sanction. Les
23 articles adoptds vis&rent k fortifier l'autonoraie du clergd vis-ä-vis
du Saint-Sidge. En 1463, le rusd Louis XI, ddsireux de changer le
Systeme de nomination, de supprimer les dlections canoniques, abolit
cette Pragmatique Sanction et signa avec Rome une Sorte de Concordat.
Le Pape s'engageait k ne nommer que des Fran^ais et k tenir compte
de la recommandation du roi. Les souverains eurent de plus en plus
la prdtention de traiter l'Eglise en une puissance subordonnde k la leur,
du moins en toutes affaires touchant k la fois au spirituel et au temporel l .
En Allemagne, les villes et les seigneuries s’effor^aient aussi
d’dtendre leur puissance au clerge. En 1446, pour mettre fin au schisrae
de Bäle, les Electeurs (Kurfürsten) ndgocidrent avec Eugene IV les
Concordats des Princes (Fürstenkorkordate), qui limitaient l’autorite
pontificale et en mdme temps augmentaient les droits des gouveme-
ments dans les affaires eccldsiastiques 2 .
Ce mouvement, commun ä tous les Etats europeens, avant de
gagner la Confederation entere, atteignit d’abord ses membres. De 1370
ä 1481, les cantons s’agrandirent, achetant ä coups de pidces d’or et
plus souvent conqudrant k coups d’epee, les campagnes, les chäteaux,
les petites villes des seigneurs voisins, surtout des ducs d’Autriche.
Aussi ddvelopperent-ils leur puissance et leur administration en raison
de leur extension territoriale. S’inspirant quelque peu du droit romain,
profitant surtout de la faiblesse impdriale, ils fortifidrent leur Organi¬
sation politique et se laissdrent attirer vers l’dtatisme. Par suite, ils
s’immiscdrent toujours un peu plus dans les affaires eccldsiastiques.
Zürich, Lucerne et les autres Waldstätten maintinrent leurs lois et
prdtentions vis-ä-vis du clerge. Durant ce sidcle, ils obtinrent l’avouerie
sur les nombreux couvents sis ou enclavds dans les territoires conquis.
§
1 E. Lavisse et A. Rambaud : Histoire ginerale, Paris 1894. t. III, p. 206-208.
— Hergenröther-Kirsch, t. III, p. 225.
2 Hergenröther-Kirsch, op. cit., t. III, p. 234-236.
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M6me ils accord&rent k plusieurs le droit de bourgeoisie k diverses
conditions dont : payement d’un impöt fixe mais mod6r£, contröle
du gouvemement dans leur vie economique, abandon plus ou moins
complet de leurs droits feodaux l .
Berne, rest£ en retard sur ses allies dans ces questions, se lan^a
sur la möme voie avec une teile ardeur qu’il parvint k les rejoindre et
mfime k en d^passer quelques-uns. A la fin du XIV me sifccle d6jä, il
adhera aux d&isions de la Charte des Prötres, en ce sens qu'il limita
la juridiction ecclesiastique aux affaires d’usure, de mariage et autres
d’ordre purement moral ou religieux 2 . En 1421, dans son aliiance avec
Luceme, il admit les m@mes clauses 3 . Etat de plus en plus puissant
par ses vastes conquötes, il en vint ä ne plus tolerer d’autre autorite
que la sienne, k enlever, en 1470, aux petits seigneurs, bourgeois
ou combou geois, leur minuscule souverainete feodale (Twingherren-
streit), enfin ä prendre fortement en mains la politique ecclesiastique
pour enlever sa puissance au clerg^, le seul groupe qui possedät encore
quelque ind^pendance. Comme les autres cantons, Berne se mit k
diriger et ä surveüler les couvents qui avaient obtenu la bourgeoisie
ou qui avaient passe sous son avouerie (mfime malgre une violente
resistance, comme ce fut le cas ä Interlaken). Bien plus, il lan^a des
mandats sur les moeurs, il ordonna des priores, des jeünes, il s’occupa
de la pastoration de la capitale, y fit venir des predicateurs etrangers,
il punit des prötres indignes, sans egard k l'autorite episcopale 4 .
Les dixains du Valais, qui se rapprochdent de la Confederation
au debut du XV me siede, essayerent aussi la mfime politique. Imm£-
diatement apres la ceiebre insurrection contre les sires de Rarogne,
ils attaquerent les droits temporeis et aussi la juridiction spirituelle
de l'evßque de Sion, leur souverain. En 1425, le nouveau prdat Andre
de Gualdo conclut une Convention avec les patriotes et s’engagea k
n’etablir ses dignitaires ou juges eccl6siastiques qu’avec le consentement
des d^putes ou des communaut£s rurales, k ne fulminer ni interdit,
ni excommunication si ce n’est contre les debiteurs et cautions de
mauvaise foi, ä accepter sans appel le jugement de l’Ofiicial dans les
differends d'ordre spirituel, ä absoudre ceux qui se plaignent d’une
1 B. Fleischlin, t. II, p. 75-480.
* Blösch : Die Vorreformation in Bern. Jahrbuch f. Schweiz. Geschichte IX,
p. 18 sq.
s E. A., op. cit., t. II, t. Abteilung, p. 722.
4 Blösch, op. cit., p. 62-63.
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124
excommunication et qui donnent caution de paraitre devant les juges;
enfin, k ne solliciter ni k Rome, ni aüleurs aucune excommunication,
contre aucun citoyen. Cette demiere clause, il promit par serment de
la respecter.
En 1437, k la faveur des troubles pr&födents et peut-^tre aussi
du schisme de Bäle, le peuple valaisan, pour la premi&re fois, nomma
son ev£que, et le choisit en la personne de Guillaume de Rarogne.
En 1446, ce pfölat fut comme assfög£ par 2,000 hommes en son chäteau
de Naters. Pour obtenir la paix, il dut donner son adh^sion k de nou-
velles ing6rences du peuple dans les affaires d'Eglise. En vertu des
articles de Naters qu’il signa, il etait d^fendu d&ormais k quiconque
de citer quelqu’un devant les tribunaux ^piscopaux, sous peine d’une
amende de 40 ü maurisoises. Le pfölat lui-m£me, qui avait exerce dans
le pays la justice civile et penale par l'organe de ses officiers, ne con-
servait pas m£me le droit de juger ses vassaux, ses sujets. Toutefois,
Guillaume de Rarogne n'accepta que pour la duröe de son r&gne. Son
successeur, en 1450, n’agföa son election qu’aprfes la fövocation pure
et simple de ces audacieux articles de Naters *.
Ces attitudes des divers cantons ou allfös eurent k leur tour leur
r^percussion sur la Confed^ration tout entifcre. Apr&s avoir fötabli
son unite, rompue lors de l’ancienne guerre de Zürich (1436-1450),
eile fit figure de veritable Etat et se lan$a fönförairement dans la grande
politique europ^enne : alliances successives avec Louis XI, r£con-
ciliation avec Sigismond d’Autriche, lüttes victorieuses contre Charles
le T£m£raire, n^gociations, discussions, traifös avec les grandes puis-
sances. Au comble de la gloire et du succ&s, ellesubit, de 1477 k 1481,
lföpreuve redoutable de la desunion et des rivalifös införieures. Tout
s'arrangea, k la Dföte de Stans (decembre 1481), au demier moment,
gräce aux conseils de Nicolas de Flue. Au sortir de cette crise, qui
faillit lui 6tre mortelle, eile retrouva toute son antique vigueur, eile
se rög£n£ra dans une ^nergique reaction. Les VIII cantons signfcrent
aussitöt un accord important, le Convenant de Stans (Stanserverkomm-
niss) pour empßcher le retour des fächeux ev6nements survenus durant
ces quatre ans de troubles interieurs, et surtout pour fixer encore plus
nettement les diverses clauses de droit föderal qu’ils avaient autrefois
6bauchees. Ils maintinrent entre autres la Charte des Prfitres de 1370,
cette fois donc Berne et Glaris y adlförfcrent. Ensuite, ils d&idferent
1 Boccard, op . cit ., p. 120-123.
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t25
que leur Convenant devait s’^tendre ä leurs allies, presents et futurs,
de toute categorie 1 . Ainsi Fribourg et Soleure, qu’ils accept&rent ä
cette möme Difete comme cantons de second ordre, le pays d'Appenzell,
les villes de Schaffhouse, St-Gall, etc., adoptaient ainsi la Charte des
Prötres.
Ce concordat crea la premi&re unitö constitutionnelle de notre
Suisse. Les VIII Cantons formfcrent pour la premiere fois, depuis qu’ils
signaient des trait^s les uns avec les autres, un seul et möme bloc 2 .
Ils mirent ce cel^bre accord avec la Charte des Prötres et le Convenant
de Sempach comme bases g£n£rales de leur Conf£d£ration, ils en firent
les attaches de ralliement de tous les petits Etats agr 6 g 4 s (Zugewandten),
et les conditions indispensables de toute entr£e dans leur groupement.
Par le fait mgme, les dispositions ecctesiastiques de la Charte des Prßtres
gagnaient d'abord en extension territoriale puisque tous les cantons,
les bailliages communs et les « Etats agreg^s » les adoptaient; puis, en
valeur constitutionnelle, puisque au lieu d’ötre prises simplement par
la majorit£ des cantons, eiles 6taient acceptees, sanctionn^es officiel-
lement par toute la Conföd^ration et devenaient une de ses bases
intangibles.
DERNI&RES INTERVENTIONS DE LA CoNF£d£rATION EN MATlfeRE
ECCLfesiASTiQUE, jusqu’a la Rüforme. — Depuis les guerres de Bour-
gogne et le Convenant de Stans, l’idle et le sentiment de la souverainet^
se d6velopp£rent dans la Conf&teration autant que dans les cantons
et pouss^rent comme partout vers une ingerence toujours plus forte
de l'Etat dans lXglise. En effet, chez nos voisins, les gouvemements
vis&rent et parfois parvinrent k disposer des Wnefices, k contröler,
par leur « Placet » ou leur « Vidimus », les commimications officielles
de la hi^rarchie, ä contröler la vie religieuse du clerg 4 comme du peuple,
k faire de l’Eglise un Service d'Etat, k cr£er des Eglises presque natio¬
nales 3 . En France, Louis XII, encore plus que Charles VIII, en piit
k son aise avec les affaires ecclösiastiques, punit möme des 4 vöques et
d’autres dignitaires hostiles ä sa politique. Fran5ois I er , par le Con- v
cordat de 1516, se fit accorder des droits considerables dont celui de
1 Dierauer, op. cit., t. II, p. 351.
* A. Heusler, op. cit., p. 168 et sq.
* Hbrgbnröthbr-Kirsch, op. cit., t. III, p. 295 sq.
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I2Ö
libre disposition des ^vöch^s et des abbayes. Leon X put juste sauver
en principe l'ind^pendance de l’Eglise *.
En Allemagne, plusieurs princes distribufcrent, souvent sans en
avoir obtenu le privil&ge, les dignit^s clericales, ordonn&rent la visite
de leurs couvents, reglfcrent par des arrötes les enterrements, les pro-
cessions, surveillerent la discipline, s’occupfcrent parfois du culte,
möme de la Sainte Eucharistie, voulurent se rendre autant independants
du Souverain Pontife qu'ils l’^taient de l’Empereur, quelques-uns
joufcrent aux petits papes dans leurs Etats 1 2 3 .
Nos cantons suisses suivirent aussi plus ou moins le m£me courant.
Tous se plaignaient de l'invasion des courtisans romains et de leur
cumul des ben^fices, en union sur ce point avec leur clerg6 national *
Ils disposaient, comme successeurs des anciens seigneurs, de la collaticn
de certains postes et voulaient garder ce droit 4 .
A Berne et ä Fribourg, lorsqu’on etablit les Chapitres de Saint-
Vincent et de Saint-Nicolas, les Conseils re^urent le droit d’en nommer
les chanoines 5 * .
Tous, avec des m^thodes fort differentes, supprimfcrent toujours
plus l’exemption d’impöts. A Lucerne, en 1471 d£jä, on restreignit le
privilfcge aux ben^hces, domaines et b&timents ecclösiastiques # . A Bäle,
canton confödere depuis 1501, seuls les prötres de la cathedrale echap-
pfcrent k toute imposition, les autres furent astreints k un don volontaire,
k des secours en cas de guerre ou d’incendie 7 . Partout, k Zürich surtout 8 ,
on soumit le clerge aux nouvelles taxes indirectes.
On continua de limiter la propriete ecciesiastique, pour diminuer
le nombre des domaines tombös en main-morte. A Bäle, par exemple,
on exigea le rachat des anciennes rentes foncifcres, on interdit la cr^ation
de nouveaux eens perpetuels, dans les fondations d’offices ou d'oeuvres
1 Id., t. III, p. 297.
3 Id., t. III, p. 298-299.
3 Dierauer, op. eil., t. III, p. 6 sq. — Wackbrnagbl, op. eit., t. II, ix. p. 718-
• 723. — Egli : Die zürcherische Kirchenpolitik von Waldmann bis Zwingli, Jahr¬
buch XXI, p. 9.
4 Fleischlin, op. eil., t. II, p. 13-14.
• Blösch, op. cit., p. 85-87. — Brasby G. : Le Chapitre de Vinsigne et
exempte ColUgiale de Saint-Nicolas ä Fribourg, Suisse 1512-1912, Fribourg 1912,
p. 15.
• P.-A. Segesser, op. cit., t. II. p. 332.
7 R. Wackernagel, op. cit., II, 11, p. 741 sq.
8 Egli, op. cit., p. 8.
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127
charitables *. Le gouvemement zuricois emp6cha radicalement tout
nouvel accroissement de main-morte 1 2 .
La d^cadence £conomique et aussi morale de la plupart des monas-
tfcres favorisa 1 ’intervention des gouvernements. Les cantons, comme
avou£s des maisons sises en leur territoire, s’occuperent de leurs affaires
politiques, exig&rent un don gratuit, ou une taxe de bourgeoisie 3 .
A Bäle, les autorit^s qui autrefois se souciaient relativement peu des
moines, commencfcrent, ä la fin du XV me sifccle, ä s’en inquteter, elles
s'efforc&rent de supprimer les b^guinages (ce qui se fit aussi ailleurs),
elles interdirent, en 1489, d’accepter des mineurs dans les cloltres 4 * .
Berne, depuis la soumission des Augustins d’Interlaken, renforsa son
contröle politique, ^conomique et religieux, obtint l’incorporation de
plusieurs couvents au Chapitre de Saint-Vincent et re$ut des droits si
importants sur cette £glise coll^giale qu’il put la consid^rer comme une
Institution d'Etat 6 .
Zürich, ici encore, d^tint le record. Non seulement il connut la
fortune des couvents, contröla leurs comptes, leur imposa des adminis-
trateurs temporeis, mais il en surveilla la vie morale, les Offices, examina
la conduite des sup&ieurs qu'il punit parfois, il les rendit en tout depen-
dants du Conseil 6 . Le puissant Waldmann y travailla enormement.
En 1485, il reprocha au Fraumünster sa mauvaise administration,
enleva de ce fait ä l'abbesse le sceau et*les cl£s, la d^clara möme inca-
pable 7 . De m6me, il intervint dans la vie religieuse au Grossmünster.
Apres la chute du c&fcbre bourgmestre, cela continua. Ainsi le gou-
vemement deposa le prieur de Cappel et l’expulsa avec un autre
moine 8 .
En plusieurs cantons, on restreignit encore la juridiction eccle-
siastique. A Lucerne, la Constitution de 1489 d^clara qu’un clerc accuse
d'assassinat serait jug£ par le tribunal lalque. Rome, sollicit^ par les
autorit£s civiles, accorda la faveur en ce sens que l’£v£que de Constance,
au pr&dable, d^graderait les prötres criminels. Le gouvemement aurait
encore voulu obtenir le droit de juger et condamner tous les eccl£-
1 R. Wackernagel, op. cit., II. n. p. 326.
* Egli, op. cit., p. 11.
3 Fleischlin, op. cit., t. II, p. 615.
4 Wackernagel, op. cit., t. II, 11, p. 674-707.
6 Blösch, op. cit., p. 84-89.
* Egli, op. cit., p. 6-8.
7 Id., p. 11-12.
* Egli, op. cit., p. 8-15.
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— 128 —
siastiques de mauvaise conduite, mais il ne re$ut ä ce sujet que des
concessions trös restreintes l .
• Bäle, en ce temps, avait döjä toute une tradition. Dös que la ville,
ä partir de 1385, fut en possession du tribunal de l’avoyer (Schul¬
theissengericht), eile ouvrit la lutte contre les immunitds judiciaires
des clercs. D'abord, eile se plaignit de la procedure ecclesiastique, de
l’abus des peines spirituelles, spdcialement de l’excommunication pour
cause de dettes. Elle enleva ä la juridiction episcopale nombre d'afEaires
civiles : ventes, donations, höritages. En 1472, le Conseil crea un tribunal
d’appel pour liquider tous les procös des bourgeois avec le clerge, pour
empöcher tout recours aux instances supdrieures de Besan9on et de
Rome. En 1481, il for^a les prötres ä se soumettre, comme toute la
population, au « Fünferamt » ou Commission de 5 membres jugeant
les conflits dans les bätisses. En 1507, il ddfendit aux paysans ses sujets
d'en appeler au tribunal eccldsiastique, sinon pour questions de religion,
spdcialement de mariage. Jusqu’ä la Rdforme dclatörent ä ce propos
des conflits entre la ville et l'dvdchd, l'avoyer et l’official. Des deiix
cötds, on se plaignit d’abus de pouvoir 2 .
Berne, sans scrupule, passa par-dessus la juridiction des quatre
evdches dont dependait son territoire, jugea, punit lui-möme les clercs
scandaleux ou coupables. Pour les couvents, aprös s’dtre adressd, mais
en vain, aux supdrieurs des divers Ordres, il prit lui-mdme l'autoritd
disciplinaire en mains. Il obtint des dvdques un man da t pour rappeier
au clerge ses devoirs et l’envoya aux doyens et curds avec ordre de le
lire en chaire 3 .
Zürich, toujours le plus avancd, livra les assauts les plus violents.
Depuis 1460 dejä, le gouvemement se plaignait de la cour dpiscopale
de Constance, avertissait l’evdque que, s’il gardait ses prdtentions, il
encourrait sa disgräce. Waldmann institua le D r Heinrich Moser comme
procureur general, comme ddfenseur d’oflice de tous les sujets zuricois
auprds du tribunal ecclesiastique. Le gouvemement, aprös la chute
du bourgmestre, essaya d’intervenir mdme dans les affaires de mariage.
En 1496, il decida d’infliger une amende k la partie plaignante, au cas
oü eile perdit son proces matrimonial. Cette mesure atteignit son but
et diminua le nombre des causes. L 4 -dessus, 1 ’Official, se basant sur
1 Segesser, op. cit., t. II, p. 748-749.
* R. Wackerxagel, op. cit., t. II, n, p. 713 sq., p. 734 sq.
* Blösch, op. cit., p. 61-65.
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129
des raisons et des ndcessitds de conscience et de confessionnal, se plai-
gnit. L'dvöque, en 1513, dans un projet de conciliation, proposa une
delimitation des compdtences. Zürich refusa et dressa des contre-
propositions, pr^tendant avoir son mot ä dire dans les affaires de for-
tune des epoux, question d’ordre civil et juridique, puis, au nom de la
moralitd publique, enfin, en raison de la partialite ou de l’indulgence
des tribunaux eccl&iastiques l . Zürich en arriva, semble-t-il, ä röver
une juridiction civile pour les questions de manage.
Tous les cantons donc tinrent plus ou moins l'Eglise sous leur
puissance, mais surtout Berne et Zürich, comme on a d£jä pu le cons-
tater. Berne, avec son esprit pratique, voulut qu’elle concourut au
bien de l’Etat, qu’elle füt soumise ä l’Etat en attendant qu'elle se
transformÄt en Eglise d'Etat a . A Zürich, se constitua möme, au d6but
du XVI“« si&cle, im Conseil eccldsiastique (kirchliche Aufsichtsbehörde)
composd du prdvdt du Grossmünster, du curd de la ville (Leutpriester),
des desservants du Fraumünster et de Saint-Pierre, et enfin, de deux
conseillers. C’dtait l'^bauche d'une autoritö supröme pour l'Eglise
nationale zuricoise en voie de formation 3 .
Tout naturellement, la Conteddration subit quelque peu cette
influence gdn^rale tant exterieure qu'intdrieure. Faisant figure d’Etat
puissant et assez imi, eile s’ing^ra comme d'autres dans les affaires
religieuses. La Di&te s’occupa non seulement du clerg^ dans les bailliages
communs, mais s’immis^a ^galement dans la juridiction eccldsiastique.
autrefois, d&s la fin du XIV“ 1 ® sifccle, eile intervint dans des ques¬
tions de mariage et d’excommunication, ä propos d’un certain Johannes
von Moos, d'Uri, en 1398 4 , puis, ä propos aussi des affaires entre Mar-
guerite Zeiger et Ulrich Ammann, tous deux d’Unterwald, conflit qui
dura au moins de 1469 ä 1477 6 . Depuis le Convenant de Stans, eile
ne s’occupa pas seulement de ces cas isolds, mais des principes g^neraux.
Elle exigea des divers £vöques la punition des prötres coupables ; en 1504,
eile d£cida que les clercs seraient traduits devant le tribunal ordinaire
pour les causes civiles, particuliferement pour toute atteinte qu'ils
porteraient aux laiques. Lorsque lä-dessus, le principal intdressd,
1 evöque de Constance, protesta et interdit ä son clerg6 de reconnaitre
1 Egli, op. cit., p. 17-20.
* Blösch, op. cit., p. 17-18.
* DiENDLIKBR, op. dt., t. II, p. 284 Sq.
4 E. A., t. I, p. 94.
* E. A., t. II, p. 400. 405, 415, 416, 708-709.
REVUE d’histoire kccl£siastique 9
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130
un tribunal civil, eile trouva ce mandement episcopal insupportable
et invita le pr£lat ä le retirer 1 . La Difcte, ä l’imitation de certains can-
tons, en arriva mßme ä lever des peines et censures eccldsiastiques,
ä prendre des mesures contre le cumul des bön^fices et 1’invasion des
courtisans romains, mßme une fois ä interdire une publication d’indul-
gence papale 2 3 . Ces ordonnances et ddmarches des Difetes föderales
nous montrent, en somme, les points sur lesquels tous les cantons tom-
baient d'accord, points qui ddveloppaient le droit ecclesiastique föderal.
Enfin, signalons-le pour compldter cette esquisse, les cantons, au
d£but de la Rdforme, furent sur le point d’uniformiser tous leurs droits
acquis au cours des XIV“ 6 et XV“® sifccles, de les adopter en une grande
ordonnance föderale, qui eüt mdritd plus que celle de 1370 le nom de
Charte des Prötres. En janvier 1525, au moment müme oü Zürich
allait supprimer compl&tement le catholicisme, Luceme proposa pour
la Confdddration toute enti&re un « concordat de religion » qui eüt
constitud une base nouvelle pour tous les futurs rapports avec lTglise.
Ce projet traduit et rdsume ä merveille l'dtat d’esprit de nos gouver-
nements cantonaux ä la veille et au commencement du grand boule-
versement religieux, et il vaut la peine de montrer ses lignes maitresses:
r° Les cantons maintiendront la religion catholique : son dogme
tel qu’il a €t€ fixd par les Pfcres, les Docteurs, les Papes et les conciles,
son culte, ses institutions, sp^cialement les couvents avec tous leurs
Privileges.
2° Ils veulent un clerge pieux, ddifiant, zdle et desintdressd dans
ses fonctions, astreint au cdlibat, enfin soumis ä leur autoritd. Ils
menacent les rdcalcitrants, les indignes, de la perte de leurs bdn&ices.
3 0 Ils exigent qu'aucun laique ne soit soumis au for eccldsiastique,
sauf dans les questions purement religieuses, d’herdsie et de manage
entre autres, qu'aucun laique ne soit citd par un clerc ou un autre
laique devant les tribunaux d’Eglise. En passant, ils s'el&vent contre
le coüt dlevd de la juridiction et Tabus de l’excommunication.
4 0 Ils entendent contröler les couvents et leurs superieurs, leur
demander chaque annde l’etat de leur fortune, leurs comptes, leur
donner la permission d’acheter et de vendre des biens.
5° Enfin, ils fixent des mesures contre la propagation de la Rtforme s .
1 Dierauer, Op . cit ., t. III, p. 14; E. A., t. III, 11. 261, 1015.
* Id., p. 14. — E. A., t. III, 11, 8, 15, 139. 1220.
3 Segesser, op . cit ., t. IV, p. 247-261.
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— 131 —
a Ce projet de concordat n’aboutit pas, ä cause sans doute de
divergences sur quelques articles, en particulier k Berne et ä Soleure. » 1
Si hardi qu’il soit, il ne s’inspire nullement de la Röforme qu’il voulait
pr^cis^ment combattre. Du reste, les novateurs devaient aller plus
loin, pr^conisant la soumission de l’Eglise ä l'Etat et la cr^ation
dTglises nationales dirig^es par l'autoritl civile. Ce concordat tendait
ä garder intact le catholicisme et, comme on est oblige de le constater,
restait l'expression la plus juste de la politique religieuse de nos cantons
jusqu’ä Zwingli. II etait une mise au point, suivant une norme moyenne,
de nombreuses lois cantonales, un aboutissement logique de toute la
conduite anterieure de la Conted^ration vis-ä-vis de l’Eglisi.
Attitüde de lüglise envers la Conf£d£ration. — Si nos
cantons et mßme notre Conf^d^ration purent s'ing6rer si loin et si fort
dans les affaires religieuses, c'est que, au für et ä mesure qu’ils aug-
mentaient leur puissance et d^veloppaient leur etatisme, l'autorite
eccl^siastique, si vaste et si haute, allait diminuant en raison de la d£ca-
dence du clerge et de ses institutions, en raison aussi des concessions
du Saint-Si&ge accordöes pour des motifs surtout politiques.
Au cours des XIV me et XV me si£cles, survint et s’accentua la
d^cadence de l’Eglise. Son prestige sur les peuples et les gouvemements
baissa d’autant plus. Les abus de nombreux clercs dans leur conduite
priv^e, leur inviolabilite personnelle, enfin l’indulgence des tribunaux
^piscopaux, servirent de pretextes pour attaquer les Privileges eccle-
siastiques. De m£me l'emploi excessif de l'excommunication et de
l’interdit rendit ces peines moins efficaces. Les gouvemements, comme
les simples particuliers, s'en plaignirent sans s’en effrayer et obtinrent
parfois des Privileges pontificaux pour se mettre k l’abri. Ainsi,
Urbain VI, en 1387, accorda pour un temps ind^fini, ä la ville de Luceme,
la faveur d'ßtre liberee de toute excommunication et de tout interdit,
au cas oü eile donnerait protection ou asile ä des debiteurs condamn6s
par l’autorite eccl^siastique 2 .
Les preiats eurent beau protester contre les atteintes port^es ä
leurs droits et employer leurs armes spirituelles, ils ne purent empöcher
la force materielle des gouvemements de triompher. Au lieu d’arröter
ce mouvement dangereux, le Saint-Si&ge en vint möme ä le favoriser.
1 Dierauer, Op. cit., t. III, p. 68.
2 Segesser, t. II, p. 876.
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— 132 —
Dfes la seconde moitte du XV“® stecle, il entra en relations officielles,
de plus en plus suivies, avec notre Confed^ration. Jusqu’aux guerres
de Bourgogne, eile 6tait restee plutöt en dehors de la grande politique,
eile n’avait pas pris l’allure d'une puissance europ^enne. Une fois que
les victoires de Grandson, Morat et Nancy eurent revöte sa valeur
militaire et £tabli son prestige, les Papes, comme les autres souverains.
s’en rapproch&rent pour s’assurer son concours, la consid&terent comme
un Etat important et signerent k diverses reprises des alliances avec
eile. A ce moment, du reste, fort emp£tr£s dans leur politique italienne,
ils cherchaient, dans le voisinage, des alltes forts et fiddes et ils ne pou-
vaient mieux trouver que les Suisses.
Au cours du XV“® stecle d6jä, les Conf£dd6s avaient, pour soutenir
l’Eglise, attaqud les ducs d’Autriche. Une premtere fois, lors du concile
de Constance, ils avaient conquis l’Argovie l . Une autre fois, en 1460,
k la demande de Pie II, ils s’daient mis en Campagne et avaient pris
la Thurgovie 2 3 . En automne 1478, Sixte IV envoya des delegues k
la Dtete de Luceme. En octobre de l'annle suivante, les VIII Cantons,
plus Fribourg et Soleure, donnaient leur adhesion k un traitl d'alliance
qile le Pape ratifia de son cötl en j an vier 1480. Le Saint-Stege pouvait
appeler les Suisses, k ses frais, pour la defense de l’Eglise, de la foi et
des Etats pontificaux. En outre, il confirmait les priviteges, les libeites
de la Confldlration, de ses cantons en mattere eccllsiastique *. Il rati-
fiait, semble-t-il, en bloc tous les emptetements commis depuis le
XIV“« siede. Cette clause etait si importante qu’elle devait se retrouver
dans tous les traitds postlrieurs.
Lorsqu’en automne 1485 et au printemps i486 se renouvela cette
premiere alliance avec le nouveau pontife Innocent VIII, des deux
cdtls on garda les uternes conditions 4 5 .
Les relations interrompues sous Alexandre VI, de 1492 ä 1503,
k cause de la politique francophile des cantons, furent reprises sous
Jules II (1503-1513) 6 . Apr&s de nombreuses discussions aux Dietes.
de mars 1509 k juillet 1510. l'habile et influent dvfique de Sion, Mathieu
Schiner, parvint ä faire sign er aux cantons une alliance de dix ans
1 Dierauer, t. I. p. 522 sq.
• Dierauer, t. II, p. 176 sq.
3 Dierauer, t. II, p. 325 sq. — Fleischlin, t. II, p. 489 sq. — E. A.. t. III
p. 669-671.
* Fleischlin, t. II, p. 619 sq. — E. A., t. III, p. 716-721.
5 Fleishlin, t. II, p. 620.
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133
avec le Saint-Stege. Le Pape, ä cette occasion, renouvela les anciens
Privileges et promit d’en accorder de nouveanx pour autant qu’il le
pourrait *. Tout ä coup, se produisit une certaine tension diplomatique.
Les cantons, surtout Luceme, se laissärent circonvenir par la politique
fran^aise. Le Souverain Pontife les mena9a, au cas oü ils se missent
avec Louis XII, de les traiter en violateurs de la foi juree, de d£serteurs
de la sainte Eglise romaine, de les accabler des peines spirituelles et
temporelles les plus fortes, de briser le traite, enfin de les couvrir de
la haine et de l'infamie de l’univers entier. Par son intervention, Schiner
empÄcha la rupture et sauva l’alliance. Apres la Campagne de Pavie
de 1512, les Suisses re^urent les Privileges qu’ils sollicitaient depuis 1510.
Tous les cantons obtinrent quelques faveurs : Soleure eut le droit
d’elire les chanoines et le pr^vöt du Chapitre de Saint-Ours ; Fribourg
obtint Tdrection de r^glise de Saint-Nicolas en coliegiale ; Lucerne et
Zürich eurent des indulgences. Les Waldstätten purent confirmer la
nomination des prötres de leurs paroisses faites par les couvents en
vertu de droits de patronage. Tous les cantons re^urent le droit de
Präsentation aux Wn^fices vacants, pourvu que les candidats soient
nommes et install^s par les patrons ou par l'Ordinaire diocösain.
En outre, le Pape donna aux Confed£r 4 s le titre glorieux de
u Defensores ecclesiasticae libertatis » ou D^fenseurs des libert^s de
1 'Eglise il leur offrit un chapeau ducal (symbole de la souverainet£),
une ep^e, deux banni&res et ä chacun des Etats un superbe fanion
de guerre. Enfin, sur la demande des cantons, il promit d'envoyer
un nonce. Jules II etait alte si loin dans ses concessions ecctesiastiques,
envers la Confederation comme aussi envers d’autres puissances, qu’il
en eut des scrupules vers la fin de sa vie. A la Curie romaine et surtout
au V”* Concile de Latran, on lui reprocha d’avoir sacrifte le droit canon
au droit des princes dans ses distributions de Privileges 2 .
Au printemps 1513, L£on X, nouvellement eiu, envoya comme
nonce Ennio Filonardi. Cet evöque, doublt d’un diplomate, apporta
pour la Suisse de nombreux indults pontificaux valables seulement
pour la periode de son ambassade ; des diplömes de doctorat ou de
licence en theologie, en droit, en lettres; des titres de noblesse, des
indulgences. Aide du Cardinal Schiner, il parvint, en d^cembre 1514,
1 Flbischlin, t. II, p. 620 sq. — Dibrauer, t. II, p. 498 sq. — E. A., t. III,
P- 1 334-*335*
* Schmidlin, t. II, p. 626 sq. — Dibrauer, t. II, p. 504. — E. A., t. III.
11, p. 519-520, 632-633.
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134
ä renouveler provisoirement l'alliance de 1510. Le Pape confirma les
anciens Privileges et promit de les augraenter autant qu’il le lui serait
decemment permis *. Ainsi, en retour d’une alliance militaire, ie Saint-
Si&ge reconnut, legitima toute l'audacieuse politique eccl£siastique de
la Confederation.
Conclusion s. — i° Notre pays n’innova den dans ses rapports
avec l’Eglise ; il subit la m£me Evolution que les autres nations voisines.
Ce mouvement general d’emancipation, commence par les communes
au XII me sifecle, puis repris des le XIV“® par les Etats en voie de Cons¬
titution, amena une certaine Separation du spirituel et du temporel
pour aboutir, au debut du XVI““ 5 siede, ä un revirement complet, ä
la main-mise des gouvemements sur le derge tant seculier que regulier.
Notre Suisse, autant par sa position politique dans l’Empire que par
sa communaute de civilisation avec le monde germanique, suivit tout
naturellement la tactique des principautes et des villes imperiales de
l’Allemagne.
2° Dans la Confederation, les questions religieuses rdeverent
essentiellement des cantons. Ces communes, transformees par l’ex-
tension de leur territoire et le developpement de leurs pouvoirs en
veritables petits Etats, se laiss^rent entrainer, par imitation de l'etranger
et aussi par instinct naturel, tout Etat se trouvant porte ä briser toute
influence autre que la sienne, s’il a la force necessaire ä cet eff et.
3 0 La Confederation, simple alliance politique et militaire, s’occupa
des questions ecdesiastiques d£s que les cantons eurent introduit des
clauses de cet ordre dans leurs traites, spedalement des restrictions
ä la juridiction du clerge. Elle prenait ses dedsions ä la faveur de
circonstances communes ; eile les inserait parfois dans des accords
intercantonaux, comme la Charte des Prötres, qu’elle eievait finalement
au rang de loi g£n 4 rale, fondamentale, constitutionnelle, dirait-on de
nos jours. Plus eile fit figure d’Etat, plus eile gagna en force, plus aussi
eile s'ingera dans l'Eglise.
4 0 Dans sa br&ve legislation ecclösiastique, eile s'inspira des expe-
riences et des decrets des cantons. A la fin du moyen äge, sa politique,
comme sa valeur militaire, est sortie en somme des communes, premifcres
bases des Etats conf£d 6 r 4 s.
5° Nos cantons et notre Confederation, comme toutes les nations.
1 Fleischlin, t. II, p. 647 sq.
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135
ont profit^ de leur force pour arracher au clerge tombe dans la döca-
dence, par suite faible et desuni, son independance judiciaire et finan-
ci&re, et aussi pour obtenir du Saint-Stege la ratification de tous ces
empietements, m6me l'octroi de nouveaux Privileges.
6° En somme, malgre quelques conflits, notre pays resta, durant
ce moyen äge, profondement attache ä l'Eglise, manifesta bien un
certain esprit laique, mais nullement antireligieux, voulut toujours
reformer le clerge, et enfin entretint k l'ordinaire d’excellents rapports
avec les dvÄques et les Papes. Les quelques conflits que nous avons
signaies dtaient presque inevitables. Les jeunes Etats devaient se
heurter k l'Eglise, leur tutrice et leur educatrice. Tout naturellement,
ils essayaient de se debarrasser de sa puissance dans les affaires tempo-
relles, en arrivaient k proclamer leur independance et finalement k
abuser de leur force. Aussi ces lüttes apparaissaient-elles k leurs con-
temporains comme des debats de competences qui troublaient de
temps en temps la solide union entre la Confederation et l’Eglise.
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Die Pilgerreise
Carlo Borromeo’s nach Disentis
im August 1581.
Von Dr. Gion Cahannes.
Nihil unquam desipuit, quod S. Caroli nomine
commendatum in lucem proferretur.
Oltrocchi in der Einleitung zu Giussano’s Vita
S. Caroli, Milano 1751.
Zu den großen Tagen in der Geschichte des Klosters Disentis
zählen der 25. und 26. August 1581, an welchen der Mailänder Kardinal-
Erzbischof Carlo Borromeo dem Benediktinerstift am jungen Rhein
einen Besuch abstattete. Wir sind darüber genau orientiert durch
einen Bericht des Disentiser Pfarrers Giovanni Sacco, der 1605 zu
Mailand im Drucke erschien. Das einzige dermalen bekannte Exemplar
besitzt die Biblioteca Ambrosiana zu Mailand. Es findet sich dort
als Nr. 9 in einem Sammelband von kleinen Schriften, der die Auf¬
schrift trägt: Opusculi storici e vita di S. Carlo Borromeo. G. D. II. 30.
Das Schriftchen besteht, incl. Titelblatt, aus 8 Blättern oder 15 Seiten
in Octavo. Sacco schrieb den Bericht bei Anlaß des bereits ein¬
geleiteten Heiligsprechungsprozesses des Kardinals von S. Prassede.
Die Disentiser Reise betrifft allerdings nur eine peripherische
Einzelheit aus dem Leben des großen Mailänder Erzbischofs. Aber
gerade weil's eine Einzelheit aus dem Leben dieses Mannes ist,
bekommt sie allgemeinere Bedeutung und dürfte somit die erneute
Veröffentlichung rechtfertigen.
Der gegenwärtigen Ausgabe liegt eine genaue Kopie zugrunde,
die mein hochverehrter Lehrer Msgr. Dr. Steffens in den 90er Jahren
in der Ambrosiana anfertigen ließ. 1 Präfekt der Ambrosiana war zu
1 Der Herausgeber verwertete damals den Bericht in seiner Dissertations¬
schrift : Das Kloster Disentis vom Aasgange des Mittelalters bis zum Tode des
Abtes Christian von Casteiberg 1584 (Stans 1899), Später besorgte derselbe eine
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137
jener Zeit Msgr. Antonio Ceriani, Unterpräfekt Msgr. Dr. Achille
Ratti, heute Papst Pius XI. Das beigegebene Facsimile des Titel¬
blattes verdanke ich der Güte des gegenwärtigen Prefetto dell’ Ambro-
siana Msgr. Dr. Luigi Gratnatica, der zudem eine photographische
Aufnahme des ganzen Büchleins besorgte und mir zukommen ließ.
Es freut den Herausgeber, außer dem erwähnten Facsimile
aus Mailand, dem Texte noch einige Illustrationen beifügen
zu können. Ich danke bei diesem Anlasse der Leobuchhandlung in
St. Gallen (das alte Kloster), dem Verlag der « Grüße aus Maria Hilf »
in Schwyz (Hospiz St. Maria) und dem Bündner-Oberländer-V erkehrs-
verein (S. Gada) für die gütige Überlassung der betreffenden Clich^s ;
desgleichen den Herren Architekt Dr. Hardegger und P. Sigisbert Otten
in Disentis, Bischöflicher Archivar Battaglia in Chur, Stiftsarchivar
P. Rudolf Henggeier in Einsiedeln und Staatsarchivar Dr. Wytnann
in Altdorf für ihre freundliche Mithilfe. —
Im August 1581 hatte eine Visitation der tessinischen Gegenden
den Erzbischof von Maüand bis an den Fuß der Alpen geführt. Als
der Disentiser Abt Christian von Casteiberg davon Kunde erhielt,
schickte er seinen Geistlichen Jakob Nazaro ins Tessin, um den
Kardinal nach Disentis einzuladen. Nazaro traf in Giomico mit
Borromeo zusammen und erhielt die Zusage. 1 Der Kardinal unter¬
nahm sodann am 24. August vom Blegnotal aus mit zehn Begleitern
die Reise über den Lukmanier. Der Aufenthalt in Disentis dauerte
nur zwei Tage, und diese nicht ganz, da Karl auf den 8. September,
am Feste Mariä Geburt, wieder in Maüand sein wollte. 2
Sacco's Bericht trägt durchaus den Stempel des Frischen,
rätoromanische Übersetzung des Berichtes im 1 Pelegrin », II annada (Disentis
1901). — P. Maurus Carnot behandelte neuestens den Besuch Borromeo’s in
Disentis in einer ansprechenden Erzählung im « Schweizer Pilger», I. und II. Jahrg.
(Winterthur 1923 und 1924).
1 Abt Casteiberg war Borromeo bekannt seit den Zusammenkünften im
Jahre 1570 anläßlich der großen Schweizerreise des Kardinals. Auch Nazaro
hatte schon früher das ehrenvolle Amt des Boten an den Kardinal versehen.
Vgl. darüber Cahannes, Kloster Disentis 80 und 85 Anm. 1.
* Die Bunds 'sehe Chronik setzt die Disentiser Reise Borromeo’s irrtümlicher¬
weise in das Jahr 1582. Neuere Geschichtschreiber rücken dieselbe ins Jahr 1570
hinauf, d. h. sie verbinden sie mit der Schweizerreise des Kardinals : so Faßbind,
Gesch. des Kantons Schwyz IV, 407, ihm folgend Lusser, Gesch. des Kantons
Uri 246 und Vulliemin (Contin. de Jean Müller XII, 168 ff), dessen Beschreibung
des Aufenthaltes Carlo Borromeo’s in Disentis auch sonst ungenau ist.
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- i 3 8 -
Unmittelbaren. War er ja selbst als Bube beim Empfang dabei
gewesen, ja wer weiß, ob er nicht bis über Mompd hinauf gelaufen,
um nach dem hohen Pilger auszuspähen. Und zählte er ja selbst zu
den glücklichen Studentlein, die der Kirchenfürst für die Schulen in
Mailand ausersah. Zudem lebten anno 1604, da das Büchlein geschrieben
wurde, noch viele Augenzeugen des Besuches, so daß Sacco durch
Nachfragen über das Ereignis sich genau unterrichten konnte.
Unser Verfasser Giovanni Battista Sacco 1 (Sax, Desax) scheint
gleich nach beendigten Studien und empfangener Weihe in seine
Heimatpfarrei berufen worden zu sein. Er war bereits 1593 Pfarrer
von Disentis. 2 In diesem Jahre wurde ihm nämlich, nach dem Hin¬
gange des Abtes Nicolaus Tyron, durch die Disentiser Obrigkeit die
Prälatenwürde im Kloster angeboten. Der in der strengen Schule
des Maüänder Kardinals erzogene Priester lehnte jedoch die unkano¬
nische Wahl ab, worauf der Somvixer Pfarrer Jakob Bundi an die
Spitze des Konvents berufen ward. Pfarrer Joannes Saxius begegnet
uns wieder als Gewährsmann in einem Bericht von 1595 über die
Klosterschule Disentis, die, mit Unterstützung von seiten des Kardinals
von Alessandria, Michele Bonelli, seit 1587 im Kloster bestand. 3 4 Im
Jahre 1604 hatte unser Verfasser die Freude, in Begleitung von Land¬
schreiber Konrad Casteiberg selbst seinen Bericht nach Mailand zu
überbringen. Sacco starb als Pfarrer von Disentis im Jahre 1629. 1
Es ist kein Zweifel, daß der Besuch des Mailänder Erzbischofs
im altehrwürdigen Stifte der hl. Placidus und Sigisbertus dem katho¬
lischen Glaube ns leben im Bündner Oberland einen mächtigen Impuls
gegeben hat. Insbesondere erkennen wir in dem zielbewußten Vor-
gehen des Abtes Casteiberg unschwer die Flamme borromäischen Geistes.
Katholisch Graubünden ist daher auch dem Pilger von 1581, welchem
bereits 26 Jahre nach seinem Tode die Ehren des Altars zu teil geworden,
1 So lautet der volle Name bei Oltrocchi in der Einleitung zu Giussano’s
Vita S. Caroli, p. x.
1 Die Angabe bei Motta und Tagliabuc, Bibliografia Mesolcinese im Jahres¬
bericht der hist.-ant. Ges. von Graub. 1895. P- 79 : «che questo Sacco fu posto
parroco a Soazza da S. Carlo nel 1583 ■ muß wohl auf irgend einem Versehen
beruhen.
3 Status Collegii Disertinensis, Tisitis in Helvetia. Archivio Arcivescovile,
Milano, sez. XI. vol. E, lib. 21, n. 11.
4 Vgl. Cahannes, Kloster Disentis 101 und Simonet, die kath. Weltgeistlichen
Graub. 45.
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r 39
Stetsfort dankbar geblieben. Zahlreiche Kirchen, Kapellen, Bilder
und Quellen erhalten zu Berg und Tal bei uns sein Andenken wach.
Wir nennen diesseits der Alpen : das Altarbild in der Pfarrkirche
von Disentis, den Empfang des hl. Karl darstellend 1 ; das Bild in
der Sakristei des Klosters Disentis, das nach der Tradition
in dem Zimmer des alten Klosters sich befand, wo der hl. Karl bei
seinem Besuche gewohnt hat 2 ; das Bild in der Kapelle von Cuoz bei
Disentis ; die fontauna de S. Carli unterhalb S. Maria am Lukmanier ;
das Altarbild des hl. Karl im Verein mit dem heiligen Franz von
Assisi, zu beiden Seiten des Kirchenpatrons St. Sebastian, in der
Pfarrkirche yon Dardin ; das Bild in der Kapelle von Misanenga
(Obersaxen), die Kapelle und die fontauna de S. Carli am Mundaun
(1606 m ü. M.), das Bild in der Pfarrkirche von Mo rissen, das Karls¬
kirchlein von Furth (Lugnez) ; zwei Bilder in der Pfarrkirche zu E m s,
das Altarbild in der Kathedrale von Chur (aus dem Jahre 1657),
das Bild des hl. Karl im Verein mit dem hl. Fidelis, zu Füßen der
Muttergottes mit dem Kinde, im Priesterseminar zu Chur; das
alte Bild im Kloster (Pfarrhaus) Churwaiden, die Pfarrkirche des
hl. Karl zu Conters i. O. (geweiht 1677), die aus neuerer Zeit stammende
Küche des hl. Karl auf Lenzerheide. Und in den ennetbügischen
Talschaften, wo Carlo Borromeo im Jahre 1583 die Mesolcina und
Calanca besucht, hat sich die Erinnerung an ihn nicht weniger
lebendig erhalten. Wü finden in S. Vittore: einen Altar mit Bild
in der Pfarrkirche, eine Statue in S. Lucio und eine fontana di S. Carlo ;
in Roveredo: ein Bild und ein Meßgewand des hl. Karl in der Pfarr-
küche, eine Kapelle und eine fontana di S. Carlo; in Grono: ein
Altarbild in S. Rocco, ein Meßgewand und bei Nadro eine fontana
di S. Carlo ; in S. Maria (Calanca) drei alte Bilder des Heüigen ; in
der Pfarrei Buseno: das Gehöft und das Kirchlein S. Carlo auf
der Höhe ; in Selma : ein Bild in S. Rocco al Ponte ; in der Pfarrei
Rossa: die Cappella di S. Carlo al Sabbione; in Verdabbio :
ein Altarbild; in Cama: eine Kapelle; in Lostallo: die Chiesa di
1 Wir sehen auf dem Bilde, wie der Kardinal und seine Begleiter von Abt
und Konvent begrüßt werden. Der kniende Mann gilt als der Bruder des Abtes,
Ritter Sebastian von Casteiberg. Das Altarbild bestand schon vor dem Franzosen¬
brand von 1799, da es glücklicherweise dem Untergang entging.
2 Das Bild trägt die Inschrift: S. Carolus Borromaeus hoc conclave nocturna
quiete et diumis precibus consecravit, peregrinatus ad corpora Ss. Placidi et
Sigisberti. Anno 1581. Kl. Septe.
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140
S. Carlo mit einem Meßgewand, das als Geschenk des Heiligen in
Ehren gehalten wird ; in Soazza : ein Bild in der Pfarrkirche und
einen Altar in S. Rocco ; in Mesocco: einen Altar in der Pfarrkirche
und eine fontana di S. Carlo ; desgleichen eine fontana di S. Carlo
bei S. Bernardino. Wir nennen zum Schlüsse noch: die Chiesa di
S. Carlo in Aino bei Poschiavo und die Parrocchiale di S. Carlo in
Brusio. 1
Das ganze Bistum Chur feiert das Fest des hl. Karl mit höherem
Ritus als duplex secundae classis, und der 4. November ist dem
katholischen Bündnervolke jeweils ein Tag dankbarer und stolzer
Erinnerung an einen seiner größten Wohltäter.
1 Ich verdanke diese Angaben der Vermittlung von Prof. Dr. Tamb in Chnr.
S. Gada bei Disentis.
Kirche aus dem i 5 . Jahrh. Daneben die alte Lukmanierstraße.
Oben Mompe-Medel.
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VIAGGIO
DEL
B CARLO BORROMEO
CARDINALE DI S- PRASSEDE
ARCIVESCOVO DI MILANO
FATTO AL MONASTERO Dl TISITIS
prinripal Communita dcllc Eccelfc tre Lcghe
nellanoo. t;8i,
N LVCE DAL M. RIVER* SIGNOR
Giouannj Sacco Curato di Tifitis
Dum fumuj in hoc corpore peregrinamurl Domino. u Cor* 5.
1 ** M 1 L A V 0 ,
Jpfr'ßo G10. Iacomo Como Lihraro «Kf/tagp de Mercanti.
Con liccn^a dt Super iori.
Fac simile des Titelblattes in Originalgröße.
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142
A GL’ ILLUSTRISSIMI
ET REVERENDISSMI SIGNORI
FILIPPO ARCHINTO VESCOVO DI COMO
ET CLAUDIO RANGONE VESCOVO DI PIACENZA
GIUDICI ET COMISSARI APOSTOLICI 1
FURO si ripiene d’ ardore, di caritä et di zelo d' amor divino
1 ’ opere del Beato Carlo, che ben empio sarebbe chi non pur le celasse,
ma non cercasse ancora con ogni cura di farle tutte palese al mondo.
Dovendo io dunque spinto da ciö mandare in publico il viaggio che
egli fece a Tisitis per visitare i corpi de Santi Placido Martire et
Sigisberto Abbate : mi e parso debito mio indrizzarlo alle Ulustrissime
et Reverendissime SS. W., le quali, elette da Sua Santitä Papa
Paolo V in riconoscere le gratie et i miracoli fatti da quel Beato,
veggano insieme a pieno la cagione di tanti raeriti, de quali non
essendo per la grandezza loro la pena mia capace, per fine alle
Ulustrissime et Reverendissime SS. W. facendoli riverenza humilissi-
mamente me 1' inchino.
Da Milano il dl ultimo Ottobre 1605.
D. W. SS. Ulustrissime et Reverendiss.
humiliss. ser.
Gio. Glacomo Como.
NOI Giac<ypo Abondio per la Dio gratia et della Santa Sede Apo*
stolica Abbate del Monasterio di Tisitis, et. noi Conrado Geridti
Lantaman con tutta la Communitä di Tisitis, facciamo ampla
fede come pregati dal Signor A mbrosio Fornari detto il Todeschino,
si volesse dare in luce il viaggio che fece il B. Carlo Borromeo
di santa memoria al Monastero nostro, per visitare le sacre reliquie
de Santi Placido Martire et Sigisberto Abbate, primo fondatore di
detto nostro Monastero sotto '1 pontificato di Gregorio Magno;
1 Archinto, Bischof von Como seit 1595, starb 1621 ; Rangone. Bischof von
Piacenza seit 1596, starb 1619. — Die Schrift wird hier vom Verleger den beiden
Männern gewidmet, die vom Apostolischen Stuhl mit der Durchführung des Heilig¬
sprechungsprozesses beauftragt waren. Vgl. über das ganze Verfahren Sala,
Biografia di S. Carlo (Milano 1858) 222 ff; Sylvain, Histoire de St. Charles
Borrom6e (Lille 1884) III, 375 ff.
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143
con infinitissime altre reliquie che sono in esso loco : Ne potendo
negare si nobile ricchiesta, habbiamo fatto diligente inquisittione,
et dato il giuramento a tutti quelli che si ramentano della detta
venuta sua santa, per voluntä divina habbiamo ottenuto il tutto
et fatto il presente libretto intittolato il Viaggio del B. Carlo
Borromeo. Pertanto mandiamo il Rever. Prete Giovanni Saccho
Curato deUa parocchia nostra et il Signor Conrado Castelbcrgb (sic)
cancelliere nostro et di tutta la nostra Communitä, acciö con la pre¬
sente nostra sia dato fede a loro di quanto contiene in essa opera
fatta per eccitamento di divottione, et anco per dimostrare quanto
esso Beato Carlo fosse ammorevole nostro et della Communitä
nostra, et in fede di * cid 1* habbiamo sottoscritta di nostra propria
mano et sigillata con il nostro batial sigillo et della Communitä
nostra etc.
Data nel nostro Monastero alli 12 di Genaro 1604.
Jacobus Abbas.
Conradus Gerlettus.
ALLI LETTORI.
NON ritrovandosi in diversi libri sin' hora dati in luce della
vita del B. Carlo Borromeo Cardinale mentione alcuna del divoto
viaggio, che fra le sue innumerabili et nobilissime attioni fece in
vita sua al Monastero di Tisitis, per visitare et riverire gli corpi
et reliquie de Santi Placido Martire et Sigisberto Abbate, et de
molti altri Santi *, giudicai, che sarebbe stata cosa molto grata et
accetta alla Maestä divina, alla S. Chiesa Cattolica et particolar-
mente alla mia patria di Tisitis et a tutti questi paesi, se fusse
dato in luce; et mentre me ne stavo in questo pensiero come
allevo se bene indegno del B. Carlo : Ecco che da Milano me n’ b
fatto instanza da un mio caro amico il Signor Ambrosio Fomero,
quäle fü dalla famiglia del B. Carlo in detto viaggio, a fin’ che io
stesso, che ero stato presente et havevo la testimonianza di persone
degne di fede, li quali essi ancora v' erano stati presenti. Onde
giudicando esser volontä di Dio Benedetto, doppo d’ haver usato
1 Unter den verschiedenen Biographien des hl. Karl, die in den ersten
20 Jahren nach seinem Hingang (1584) geschrieben wurden, nimmt eine erste
Stelle ein die von Carlo Bascapi (a Basilica Petri), Ingolstadt 1592. In diesem
Buch befindet sich nichts über die Disentiser Reise.
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144
ogni diligenza possibile ho scritto le attioni principali, et quanto e
occorso in questo Santo viaggio o per dir meglio pelegrinatione ; 1 ’ ho
mostrato poi a Monsig. Reverendissimo lacomo Bundio Abbate di
Tisitis 1 et all’ Illustriss, et Reverendiss. Sig. Gio. Fluuio Vescovo di
Coira 2 3 et Prencipe del Sacro Imperio Romano, mio ordinario et
divotissimo del B. Carlo (il quäle a guisa di chiarissimo lume posto
sopra il candegliero risplende ne i nostri paesi), et doppo d’ haver
visto e letto attentamente m’ hanno commesso quanto prima di
darlo alla stampa, ad honore e gloria di Dio e di questo Beato, il
quäle sia sempre nostro advocato. Amen.
VISITANDO a guisa di buon* Pastore il B. Carlo Borromeo,
Cardinale di Santa Prassede, arcivescovo di Milano, circa il fine
d’ Agosto 1581 nella Valle Leventina la Terra di Giomico de
Sign. Svizzeri; e sapendo 1 ' Abbate di Tisitis Christiano Castelbergo
di fei. mem., huomo di singolar bontä di vita, che questo Beato
desiderava grandemente visitare le sante reliquie delli gloriosi Santi
t
Placido et Sigisberto, riposte nel Monastero di Tisitis, deliberö di
mandarlo a invitare, come fece, acciö si disponesse a prendere il
viaggio per si fatta visita, mosso dalla devotione et osservanza, che
egli portava a questo gran' servo di Dio, e dal desiderio che
haveva di consolare quei popoli con la bramata sua presenza,
essendo da tutti tenuto per huomo di santissima vita.
A quest’ effetto egli eiesse un' suo domestico Sacerdote, quäl
ancora era molto conosciuto dal B. Carlo, dimandato il R. Prete
Giacobo Nazaro, che hoggidi ancor vive ottuagenario, al quäle diede
commissione di visitare in suo nome il B. Carlo, e invitarlo a favorire
con la presenza sua quei divoti popoli della Liga Grisa tanto a lui
inclinati. Hebbe per favor singolare il buon’ Sacerdote di far questa
nobile ambasciata, perö preso subito il camino andö in Leventina,
e trovando il B. Carlo nella detta Terra di Giornico, doppo fatto
li dovuti compimenti, gli espose con quei maggior affetto che pote
il desiderio, che non solo il Reverendissimo Abbate, ma ancora tutto
il paese haveva di vedere Sua Signoria Illustrissima e godere de suoi
1 Jakob Bundi war Abt von Disentis von 1593-1614. Vgl. über ihn Decurtim,
Bundi’s Kloster-Chronik in : Monatrosen XXXI und Cahannes, Bundi’s Jerusalem-
reise in : Jahresbericht der hist.-ant. Ges. Graub. 1922.
3 Bischof Johann V. Flugi 1601-1627. S. Mayer, Gesch. des Bistums Chur II,
231 ff.
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Der Empfang Carlo Borromeo’s in Discntis.
Altarbild in der Pfarrkirche.
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— 145 ~
frutti spirituali, perd lo supplicö a favorirli, perche haveriano tenuto
tal visita per divina benedittione. Rispose il Beato, che molto
ringratiava il Sign. Abbate dell’ amorevole suo invito, et doppo essersi
informato della qualitä della strada et delle reliquie sante, che in
quel Monastero si conservano, licentiö il Sacerdote con segni di molta
affettione, dandole speranza di sodisfare alla dimanda sua, non las-
ciandosi perd mai intendere in che tempo volesse far quel viaggio per
fuggire (come si crede) 1' applauso dell' incontro honorato, che il
Sign. Abbate et li Signori di quella Liga gli haveriano fatto, essendo
egli nemicissimo della gloria mondana. Riportö il Sacerdote la buona
nuova al Sign. Abbate, della quäle restö consolatissimo, benche le
dispiacesse molto di non saper il tempo della venuta del Sign. Car-
dinale, per non poterlo incontrare a suo modo et farli i dovuti honori.
Spediti ch’ ebbe il B. Carlo i negozij della visita di Giomico
si trasferl nella Valle di Blegno confinante con la Valle Leventina ;
et gionto alla Terra di Ruolo 1 , che b posta alli piedi della montagna,
che divide questa valle dalli paesi delli Sign. Grisoni ne i confini della
Liga Grisa, postosi a piedi insieme con la sua servitü et compagnia,
che era di diece persone in circa, ascese quell’ erta et faticosa montagna
con un’ bastone in mano a guisa di pelegrino, per visitare con rive-
renza maggiore li santi corpi delli sopranominati Santi et le altre
reliquie assieme con loro conservate. Arrivato alla summitä della
montagna nel loco detto alla Madonna 2 , essendo 1 ’ hora assai tarda
per la longhezza del viaggio et difficoltä della strada molto erta et
sassosa. ne havendo egli mandato inanti aviso alcuno della sua andata,
non si trovö in quel luogo silvaggio altro cibo per all' hora che un’
poco di castagne et latte, cibi di quelle montagne ; di queste castagne
1 Ruolo ist eine ältere Form für Olivone, ein Name, der in den Urkunden
vielfach variiert: Ruolo, Rivolo, Arivolo, Arivono, Alivono etc. Vgl. Dr. K. Meyer,
Blenio und Leventina, und D' Alessandri, Atti di S. Carlo, passim. — Die lokale
Dialektform ist heute noch Rivöi.
* S. Maria am Lukmanier. Das Hospiz und die Kapelle daselbst sind eine
Gründung des Disentiser Abtes Johannes III. Venner von Freudenberg aus dem
Jahre 1374. Später zerfallen, wurden Hospiz und Kapelle kurz vor der Reise
Borromeo’s 1577 durch Abt Casteiberg wieder aufgerichtet. — Auf unserem
Bilde sehen wir im Vordergrund rechts die Kapelle, die noch das Hauszeichen¬
wappen des Abtes Casteiberg mit der Jahrzahl 1577 trägt (der kleine Dachreiter
mit dem Glöcklein, seitwärts, ist leider auf dem Bilde nicht sichtbar), sodann den
Heustall und das alte Hospiz (bei der französischen Invasion von 1799 stark
beschädigt), ferner das in neuester Zeit errichtete neue Hospiz und endlich links
die Sennhütte. Im Hintergrund am Horizont ist die Tödikette sichtbar.
REVUE D’HISTOIRE ECCLtslASTIQUE 10
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146
S. Maria am Lukmanier.
et latte mangiö il Bcato con la sua compagnia, et refocillomo al-
%
quanto le fatigate forze ; poi continuorno il viaggio, facendo pur anco
a piedi la discesa della montagna verso Tisitis, dovc a Ventura arrivö
la nuova al Sign. Abbate della venuta del Sign. Cardmale, per la quäle
tutto si commosse d’ allegrezza, benche gli spiacesse grandemente
di non haverlo inteso a tempo di poter fare quelli apparecchi et in-
contri ch' egli sommamente desiderava.
Perö cosi sprovistamente fece sonare tutte le campane, e convocd
il maggior numero di popolo che pote dai convicini lochi, e li fece
ordinäre in una divota processione, mandando inanti i confaloni et
le croci, seguendo poi il Clero, et per maggiormente riverire il
B. Carlo, che si teneva per un’ angelo di Dio, levorno da suoi luoghi
le sacre reliquie, e le portorno in processione ; seguendo doppo esse
Monsign. Abbate con tutta la nobiltä et popolo radunato.
Uscendo dalla Terra cosi processionalmente incontromo, non
longi piü di mezzo miglio, 1’ humile et devoto pelegrino, che pareva
con quel bastone in mano, accompagnato da si poco et pio numero
di persone, V istesso ritratto di devotione. Non si puö esprimere
T allegrezza, che tutti nuoi altri sentimo di si felice et desiato incontro,
dico tutti nuoi altri, perche io ancora per buona Sorte mia, me vi
trovai presente, et tanto piü, perche questo incontro si fece appresso
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147
la Parochiale di Tisitis dedicata a San’ Gio. Battista, che hora b
mjo titolo. Quivi in una bella piazza fü ricevuto nella processione
il B. Carlo, il quäle vedendo le sacre reliquie presenti si gettö subito
in ginocchio, et con particolar movimento di devotione le riveri et
adorö. Nel quäl punto poi il Rever. Priore dell’ Abbatia con sonora
ma divota voce intonö 1 ’ antifona : « Sacerdos et Pontifex et virtutum
opifex, bone pastor in populo, qui placuisti Domino. Ora pro nobis
Deum. » Si vidde all’ hora quel servo di Dio tutto commoversi di
tenerezza, et per il sentimento grande ch’ egli haveva di devotione
et di contentezza spirituale si risolse in lagrime. Fü poi accolto et
riverito dal Sign. Abbate et altri principali con debito honore, et con
allegrezza maravigliosa di tutto il popolo; et finite 1' accoglienze
entrassimo pur processionalmente nella predetta mia Chiesa, et ivi
fece il Beato divota oratione avanti il Santissimo Sacramento ; e volse
anco visitare li altri altari discoprendoli a un’ per uno, per vedere
(come credo) se erano tenuti con la debita mondezza et omamentd.
D’ indi poi 1 ’ accompagnassimo al Monastero, con 1 ’ ordine se-
guente. Andavano inanti prima le croci, poi seguivano secondo il
costume del paese duoi Signori principali laici, vestiti con plu\dali,
i quali portavano in una bellissima cassa tutta indorata ii corpo di
Santo Placido Martire. Seguivano doppo questi duoi altri nel modo
medesimo vestiti, portando il corpo di Santo Sigisberto Confessore,
coperto tutto d’ argento. Con bell’ ordine poi caminavano li secolari
a duoi a duoi, et dietro venivano li Rever. Padri dell’ Abbatia, con
il resto del Clero, havendo in mano diverse sante reliquie, et il Reveren-
dissimo Abbate, che teneva 1 ’ ultimo loco, esso ancora portava un
tabemacolo di reliquie pieno, artificiosamente lavorato; essendo
1 ’ Abbate pontificalmente vestito con una mitra in capo omatissima
di gemme et perle preciose. Dietro queste sante reliquie veniva il
B. Carlo che pareva rapito in Dio, tanta era la devotione che mostrava,
seguito immediatamente da suoi, tenendo 1’ ultimo luogo di questa
processione tutta la nobiltä del luogo, vestiti honoratamente ogni
uno secondo il grado suo. Et mentre durö la processione sonomo
sempre tutte le campane si dell’ Abbatia, come quelle della Parochiale,
come b solito farsi nelle solennitä grandi.
Entrata la processione nella Chiesa di Santo Martino, che b
la Chiesa Badiale 1 , collocomo li corpi de Santi et tutte 1 ’ altre sacre
1 Sehr willkommen dürften dem Leser die beiden Ansichten des alten
Klosters (vor 1685) sein, des Klosters also, in das der hl. Karl Einzug gehalten
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148
Das Kloster Disentis vor i685.
reliquie sopra 1’ altar maggiore, avanti delle quali inginocchiato il
B. Carlo fece longa oratione, eccitando con 1 ’ essempio suo tutto il
popolo a fare il medesimo, mostrando con segni esservi d’ humiltä
et divotione 1 ’ honore che si deve a corpi de Santi. Nel quäl tempo
li Rev. Padri si preparomo per cantare il Vespero solennemente,
hat. Die Gesamtansicht stammt aus einer Klageschrift des KapuzinerpfarTers
von Disentis aus dem Jahre 1685. (Im Schweiz. Nuntiaturarchiv.) Rechts auf
dem Bilde sehen wir die Martinskirche und die Marienkirche und zwischen
beiden den Placidusturm ; hinter dem Placidusturm zwischen den Kirchen
(auf dem Bilde nicht sichtbar) stand noch die kleine Petruskapelle. Links
erhebt sich das Kloster mit Kreuzgang und dem Hofmeisterturm. — Die
Rekonstruktion des Klosters, besonders der beiden Kirchen mit den alten
Apsiden, wurde auf Grund des Kapuzinerbildes und der in neuerer Zeit erfolgten
Ausgrabungen von Architekt Hardegger nach genauen Maßen ausgeführt. Ein
bezügliches Holzmodell in größerem Maßstab (1,5 m x 1,5 m) bildet den Mittel¬
punkt der Altertumssammlung im Kloster. — Es sei hier noch bemerkt, daß
Alt-St. Martin beim Neubau des Klosters (1685-1712) weichen mußte ; St. Peter
verschwand um 1740; der Placidusturm, seit dem Franzosenbrand von i "99
eine Ruine, wurde 1852 abgetragen. Der längste Bestand war der Marienkirche
beschieden. bis zum Neubau von 1895. Doch die drei ehrwürdigen Apsiden,
welche noch von der ganz alten Anlage herstammen, wurden dabei pietätsvoll
erhalten und von Architekt Hardegger als Krypte in die neue, lichtvolle Marien¬
kirche eingefügt. Vgl. P. Notker Curti, Die Disentiser Klosterkirchen, im Anzeiger
für Schweiz. Altertumskunde, N. F. XII. 4. Heft.
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149
Rekonstruktion des alten Klosters nach Dr. A. Hardegger.
benche fosse 1 * hora assai tarda, al quäl Vespero volse star presente
il Beato, licet fatigatus ex itinere. Et [come] 1 non havesse fatto quel
viaggio a piedi longo di quindeci miglia incirca, passando un’ altissima
et difficile montagna, senza grandi sudori, massime essendo nei tempi
caldi del mese d’ Agosto, et havesse caminato per tutto il fervore del
mezzo giomo, perche quando entro in Tisitis era tra le 19 et 20 höre,
nondimeno non prese riposo alcuno, mostrando che tutto il suo contento
era collocato nelle cose divine et nella veneratione di quelle sante
reliquie. Perö egli si tirava adosso gl’ occhi di tutti i circostanti, i
quali lo miravano come una cosa del paradiso. Restando tutti stupiti
a vedersi presente un Cardinale di Santa Chiesa, nepote di Papa,
Arcivescovo d’ una delle maggiori Chiese del mondo, tanto stimato
e riverito da Regi e Prencipi, tenuto da tutto il mondo per huomo
Santo, e vederselo all’ hora presente, e mirarlo con gli occhi proprij
nella loro patria e Chiesa : si lasciavano perciö trasportare come fuori
di se, per il gran’ contento che tutti ne sentivano.
Finito il Vespero, et di nuovo riverite le sante reliquie dal
B. Cardinale, si fece retirata nel Monastero, dove di nuovo il Beato
1 Das come fehlt im Orig. Wir schalten es ein zum besseren Verständnis
des etwas schwerfälligen Satzes.
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— i5o —
fü accolto e riverito da Monsign. Abbate et dalli altri Signori, i quali
molto lo ringratiomo del favore che gli haveva fatto in consolarli in
quel luogo tanto remoto et alpestre con la presenza sua. Et a questo
officio sodisfece compitamente il Molto 111 . Sign. Capitanno Paolo
Fiorino \ con una breve ma molto omata oratione, che egli all’ hora
fece a questo proposito, cosi pregato dal Sign. Abbate et dalli altri
Signori di quella honoratissima Communitä, mostrando ancora il detto
Sig. Capitanno in questa oratione 1 ' allegrezza grandissima che tutti
havevano sentito della venuta del Beato Carlo, et la bonissima volontä,
osservanza et servitü prontissima di tutti quei Signori Grisoni verso
di Sua Signoria Illustriss. Del che moströ il Beato di restar consolatis-
simo et grandemente sodisfatto, licentiando poi quei Signori con com-
pimenti grandi d’ amorevolezza et cortesia, restando lui nel Monastero
dove Monsignor Abbate gli haveva fatto apparecchiare honorato albergo.
Presa poi la refettione, la sera si ritirö nella camera dessignata
per il suo dormire, ma a certa hora egli secretamente se ne ritornö
in Chiesa, dove stete gran pezzo della notte in oratione, facendo le
vigilie avanti le sante reliquie secondo il suo consueto costume, come
riferisse il Sign. Gio. Ambrosio Fornero detto il Todeschino, il quäle
all' hora serviva alla persona del B. Carlo, et di presente e Agente
in Milano delli Sig. Svizzeri. 1 2
La seguente mattina fü il B. Carlo a com/noda hora accompagnato
nella Chiesa del Monastero, dove celebrö la santa Messa sopra 1 ' altar
maggiore, alla quäle concorse tanto popolo, benche fosse giorno feriale
et in tempo di raccoglier le biade in questi luoghi selvaggi, che pareva
1 Paul de Florin (Sohn des Johannes de Florin, der auf dem Konzil von
Trient Kloster und Hochgericht Disentis vertrat) gehörte seit den 8oer Jahren
mit Gallus de Mont zu den leitenden kath. Staatsmännern des Oberen Bundes.
2 Diesem Giovan Ambrosio Fornero (Fornari) sind wir schon oben im
Begleitschreiben und in der Einleitung Sacco’s begegnet. Er hat die Schrift
Sacco’s veranlaßt. Aus Freiburg i. d. Schweiz gebürtig (Fom^rod), kam er in
jungen Jahren nach Italien. Sein Vater hatte unter dem « Müsser» Gian Giacomo
Medici gedient, dem Bruder Pius’ IV. und der Mutter Borromeo’s. Damit wurde
Ambrosio Fornero mit der Familie Borromeo bekannt. Der Kardinal nahm ihn
als Kammerdiener und Reisebegleiter an und behielt ihn während seines ganzen
Lebens in seinem Dienste. Auf der Schweizer- und Disentiser Reise konnte * il
Todeschino» gut ab Dolmetscher dienen. Nach dem Tode des Kardinals wurde
er Vertreter und Vertrauensmann der kath. Orte in' Mailand. Beim Prozesse
der Kanonisation Carlo Borromeo’s war Fornero als vertrauter Hausgenosse des
Heiligen ein wichtiger Zeuge. Siehe Steffens-Reinhardt, Die Nuntiatur Bonhomini's
I, US und Wymann, Karl Borromeo 120 ff und diese Zeitschrift 1911, S. 81 ff.
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giomo di grandissima solennitä ; parendo a tutti di vedere un Santo
vivo in terra, frä le reliquie de quelli, che godono la beatitudine in cielo.
Finita la Messa, et benedetto il popolo, s' inginocchid di nuovo
avanti le sante reliquie ; quali pure stavano esposte sopra 1' altare,
e volse che il Sig. Abbate gli le mostrasse tutte dicendogli il nome
di ciascuno ; onde si vedeva tutto giubilare d' allegrezza a vedere
tesori si grandi in luogo tanto alpestre, non satiandosi di riguardarle
et toccarle con le proprie mani, dando segno manifesto che le sue
delitie erano di stare con il Sig. Dio et con li Santi suoi. Pregö poi
il Sig. Abbate, che volesse farlo partecipe di qualche particella
di quelle reliquie, al quäle rispose il Sig. Abbate: chi potrebbe
negare a V. S. Illustriss, si pia richiesta, massime essendo in
libertä sua di prendeme o levarne come gli pare ; anzi haveremo
per favor grande che si sodisfi, et ne pigli tutto quello che gli
pare. Ricusö il Beato di prenderle da sua posta, ma volse che il
Sig. Abbate gli ne desse lui; il quäle de consenso di tutto il
Monastero gli diede delle reliquie de Santi Sigisberto et Placido, et
delle ceneri di S. Emerita Vergine et Martire, le quali fumo
raccolte da S. Lucio suo fratello. Del che il Beato restö consolatissimo,
et disse che stimava piü quelle reliquie che ogni altro tesoro. Fece
poi notar il giomo della lor festa, che viene alli n di Luglio, ciofc la
festa di Santi Sigisberto et Placido, et alli 4 Decembre quella di Santa
Emerita. 1 Fece anco cavare da un’ antico Breviario Curiense 2 la
lora vita, mostrando di stimarla assai et di voleme tenir conto parti-
colare.
Frä 1 ' altre reliquie mostrava questo B. Pastore pietä e tenerezza
maggiore verso una parte del capo di S. Placido portata da lui istesso
miracolosamente doppo esser stato decapitato per il spacio di mezzo
miglio dentro all' Abbatia, sonando le campane del Monastero da se
stesse, la quäle era involta in un velo insanguinato del suo proprio
sangue. Et pigliandola esso in mano volse fare una devotione, che
si suol fare con tutti i peregrini et infermi, cio£ bere del vino che
1 ’ haveva toccata, dandone a bere ancora al Sign. Abbate, alla sua
famiglia et anco alli Rever. Monaci.
Andö poi visitando tutti li altri altari et capeile, et in particolare
la Chiesa della Beatissima Vergine, che anticamente era l’oratorio
1 Im Orig, steht Eremita.
1 Im Bischöfl. Archiv Chur befinden sich Ausgaben von um 1480, von 1520
und 1595.
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di S. Sigisberto, vicino alla quäle fü sepolto Santo Placido et anco
Santo Sigisberto, tutti duoi in un medesimo sepolcro ; ove Iddio bene*
detto ha operato molti miracoli per i meriti di questi Santi gloriosi
De quali alcuni ne furono raccontati, et in particolare fü detto questo.
Che essendo stato distrutto quel luogo dalli Ongari, i quali amazzomo
tutti i Monaci, et depredato quanto c’ era, distrussero anco le case
et Monastero, rendendo il luogo inhabitabile. E occorrendo poi a
passar di lä 1 ' essercito Francese, vi si fermomo una notte per riposo,
et havendo attaccati i cavalli fra le mine 1 di detta Chiesa, li ritro-
vomo la mattina, senza altra occasione, tutti morti, del che restomo
i Francesi fuor di modo maravigliati, il che intendendo il loro Re fece
investigare la cagione di questo fatto, et essendone poi stato infor-
mato procurö che la Chiesa et Monastero si reedificassero agiutando
tal fabrica con larghe elemosine de suoi proprij denari.
Fü poi condotto il B. Carlo nella Capella dove fü decapitato
il Martire, nel quäl loco si fermö a far oratione. Vidde anco il
Castello, nel quäle habitava il tiranno chiamato Vittore, che lo fece
morire. Et il fiume, nel quäle questo tiranno cadendo da un’ alto
ponte sgratiatamente restö affogato. Et mentre era il B. Carlo guidato
a questi luoghi, andava sempre discorrendo di cose sante, mostrando
quanto Iddio fosse mirabile ne’ Santi suoi, essortandoci noi altri alla
loro imitatione, et a vivere con il timor di Dio, fuggendo i peccati,
frequentando i santi Sacramenti, et stando soggetti all’ obedienza
della Santa Chiesa Cattolica Romana, vivendo nella sua fede, che
sola b la vera fede christiana. Et erano tanto ferventi queste sue
essortationi, che ogn’ uno lo seguiva con tanto gusto et contento,
che si smenticavano del mangiare, essendo 1’ hora assai tarda, pre-
valendo il diletto dello spirito all' appetito del corpo. Dal che conosce-
vamo quanto gran’ foco del divino amore et zelo della salute delle
anime stava rinchiuso nel petto di questo gran servo di Dio.
Fumo puoi finalmente interrotti questi spirituali ragionamenti dal
Sig. Cavagliero Sebastiano Castelbergo 2 , il quäle invitd il Beato Carlo
con la sua compagnia a pranso con lui nel suo Palagio, che e vicino
1 Dieses « mine » des Originals dürfte auf einen Lesefehler des Setzers zurück -
gehen ; es sollte dafür wohl « ruine » stehen.
a Der kostbare, aus der alten Martinskirche stammende und durch ein
glücküches Geschick noch erhaltene Casteiberg’sehe Altar in der Klosterkirche,
ein Prachtstück in Frührenaissance, ist eine Stiftung des Ritters Seb. von Castel-
berg aus dem Jahre 1572. Das darauf stehende Bild des Stifters ist reproduziert
bei Wymann, Karl Borromeo 149.
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153
alla Capella di S. Placido 1 ; essendo hormai 1 ’ hora tardissima, accetö
gratiosamente 1 ’ invito per compiacere a questo honorato Cavagliero,
che 1' haveva accompagnato in ogni luogo, et anco all’ istessa mensa
vi lasciö essempio buono di temperanza, perche se bene questo Signore
gli haveva apparecchiato, secondo la nobiltä del suo animo, un son-
tuoso et lauto banchetto, il Beato non volse perö passare in niente
i termini del suo parco modo di vivere. Finito il pranso et rese le
gratie a Dio, si lasciö intendere di voler far partenza, il che arrecö
non poco dispiacere a tutti; et benche fosse supplicato instantemente
a fermarsi al meno per tre o quattro giomi per contentezza di quel
popolo, che tanto lo riveriva, non volse perö mai acconsentir a questa
dimanda, dicendo d’ esser necessitato andar a Milano alla Chiesa sua
per celebrarvi la festa della Nativitä di Maria Vergine, festa principale
del Domo di Milano, poiche molto s' andava avicinando quel giomo,
promettendo per consolatione di chi lo pregava di ritomar un’ altra
volta con miglior occasione, et all’ hora fermarsi piü al longo et far
havere qualche indulgenza al Monastero.
Avanti la partenza sua ordinö alcune cose salutari per agiuto delle
anime, le quali furono essequite prontamente, et essendo poi visitato
da tutti li Signori del paese, gli ne rese molte gratie, rallegrandosi
d’ haver trovato in quel loco tanta fede, essortando tutti con gran
zelo a star constanti in essa, la quäl essortatione fü gratissima a tutti.
Fü poi finalmente pregato ad haver per raccomandato al Mona¬
stero, la Communitä et tutto il paese, alle cui preghiere egli rispose
che era prontissimo a giovare in tutte 1’ occasioni possibili, si in parti-
colare come in universale, et disse : hora cominciarö mostrarvi parte
dell' amore che vi porto, et nel dirlo ordinö a Monsign. Vincentio
Albano Prevosto di Brivio, che essaminasse duoi giovani, quali haves-
sero buona volontä di servir a Dio in stato ecclesiastico, perö subbito
gli furono presentati Donato Contio, hora curato di Tornillo, et
Giovanni Sacco, curato di Tisitis, autore della presente opera 2 , quali
1 Der Palagio ist das Schloß Caschliun, welches der mit bedeutenden Geld¬
mitteln ans dem französischen Dienst heimgekehrte Cavagliero auf der Anhöhe
an der Ostseite des Dorfes, gegenüber der Placiduskirche, hatte erbauen lassen.
Das Schloß, später zerfallen, hat in neuerer Zeit dem Disentiserhof Platz gemacht.
* Diese beiden ersten Mailänder Studenten versehen später als Pfarrer die
beiden Hauptorte der Cadi: Diseptis und Truns. Über Giovanni Sacco siehe
die Einleitung. Donato Contio ist jener « Donatus Khuntz der Zit Pfahr Herr
zu Thruntz », der 1591 mit Jakob Bundi und anderen die Jerusalemreise aus¬
führte. In den späteren rätoromanischen Bearbeitungen der Bundi’schen « Jeru¬
salemreise » heißt unser Mann vielfach Dunau de Cuoz, was auf einer Verwechslung
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essaminati et ritrovati idonei, ordinö che circa la festa di S. Gallo
%
si ritrovassero a Milano, per collocarli nei suoi Seminarij. Et final¬
mente fatta larga eiemosina a poveri, e donati via diversi grani
benedetti, quali hora si tengono per rare reliquie, et donata la sua
benedittione a tutto il popolo, et con dolore incredibile di tutti, si
parti per la volta di Milano.
Moströ poi dopo con gli effetti quanto egli fosse affettionato al
paese, imperd che non si contentö di vestire li duoi giovani predetti
da chierico, et metterli gratis nel Seminario di S. Maria di Celana
da lui instituito nella Valle San Martino territorio di Bergomo, ma ne
mantenne duoi altri del suo nel pio luoco di S. Martino in Milano,
et altri duoi nel Seminario della Madonna della Noce appresso la
pieve d’ Incino, tutti sei della Communitä di Tisitis. 1
Et oltra questo n’ accetd un’ altro ancora, et lo collocö nel
Collegio Helvetico di Milano 2 , ricevendolo con grandissima pietä,
poiche gli fü presentato del proprio padre, dicendo di non haver il
modo da mantenerlo. Cosi poi mentre & vissuto, mai ha mancato di
mostrar il suo buon’ animo et il zelo grande, ch’ egli haveva di man-
tenere buoni et virtuosi Sacerdoti in questi nostri paesi, per conser-
vatione e aumento della santa fede cattolica, benche egli non ci havesse
obiigo alcuno, se non in quanto la caritä sua grande lo moveva, per
non essere i nostri paesi nella sua diocesi ne provincia. 3 Come ancora
fece nella Valle Musolcina Iurre 4 territorio dell’ Illustrissimi Signori
der Disentiser Lokalnamen Cons und Cuoz beruhen dürfte. Ein ähnliches Mi߬
geschick begegnet ihm schon hier in Sacco’s Schrift, die ihn (1605) t Curato di
Tornillo» nennt. Die Form Tornillo ist offenbar ein Druckfehler statt Tomillo
(Tomils, Tumegl). Vgl. P. Zacharias da Salb in seiner 1685 zu Cumbels erschienenen
rätoromanischen Bearbeitung des Lebens der Heiligen : La Glisch sin il Candelier
envidada, p. 310.
1 Das Seminario di S. Maria di Celana und della Madonna della Noce in
Abbildungen bei Sala, 1 . c. Taf. VII.
* Von Gregor XIII. auf Vorschlag Carlo Borromeo’s am 1. Juni 1579 für
die kath. Schweiz und Graubünden errichtet. Siehe die Stiftungsbulle bei Ratli,
Acta Eccl. Mediolanensis III, 1442 und Sala, Documenti I, 374 - Eine Licht¬
druckreproduktion der ersten zwei reichverzierten Seiten bei Wymann, Karl
Borromeo, Korrespondenzen, S. 46.
3 Für diese jungen Mailänder Studenten existieren in der Ambrosiana noch
verschiedene Begleitschreiben, die über Zeit und Namen näheren Aufschluß geben.
Vgl. Cahannes, Kloster Disentis 101 ff und Wymann, Karl Borromeo, Korrespon¬
denzen, p. 158, 167. 168, 241.
4 So im Original. Dieses « Iurre » muß ein Druckfehler sein. Soll es etwa
«de jure » heißen ? Oder analog der Wendung weiter oben : nella Valle San
Martino territorio di Bergomo, könnten wir hier das 1 Iurre » vielleicht einfach
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155
Grisoni, dove vedendo egli essere quella valle in malissimo stato di
salute, si risolse d' andarci lui in persona per visitare et agiutare
quelle povere anime, conducendo seco a sue proprie spese alcuni
huomini di grandissimo valore, con 1' agiuto de quali et con le sue
grandi fatiche, predicationi et amministrationi de santi Sacramenti,
et principalmente con 1’ essempio della sua santa vita, massime del
suo digiuno cottidiano in pane et acque et per 1’ elemosine molti
grandissime che faceva, egli fece frutto grandissimo, e si puö dire che
purgö tutta quella valle da errori et peccati, confirmando i cattolici
nella santa fede, et agiutando quelli che in essa vacillavano. Facendo
anco a questo proposito con porre un’ Cattechismo della fede catto-
lica dal Padre Achtle Gagliardi della compagnia di Giesü. Et mantenne
poi esso sino al fine di vita sua buoni Sacerdoti in detta valle, man-
dati da lui et mantenuti a sue spese, per conservar il frutto che egli
ci haveva fatto et per megiio agiutare quelle anime. II che ci puö
dar ferma speranza della sua protettione, perche si come ci haveva
tanto a cuore qua giü in terra, cosi anco ci sarä protettore appresso
Iddio nel cielo, dove piamente si tiene che egli hora gode il premio
delle molte sue fatiche, impetrando dal Signore ogni giomo molte
miracolose gratie a tutti quelli che con fede alla sua intercessione
ricorrono, come per publica voce et fama si dice ; per lo che trattan-
dosi hora la sua Canonizatione dovemo sperare di vederlo in breve
ascritto nel cattalogo de Santi.
IL FINE.
1605. Die 16. Octobris. Imprimatur.
Fr. Aloysius Bariola S. Officij Consultor pro Reverendiss. Inquisitore.
Al. Boßius Can. Ord. Theol. pro Illustriss. Card. Archiepiscopo.
Vidit Saccus etc.
IN MILANO,
Per Gratiadio Ferioli. 1605.
streichen, indem wir annehmen — sit venia subtilitati —, es habe im Manu¬
skript eine Verschreibung der ersten zwei Silben des folgenden Wortes Vorgelegen
(großer Anfangsbuchstabe), die dann vom Verfasser so undeutlich durchstrichen
odier eingeklammert wurde, daß der Setzer daraus unser a Iurre » machen konnte.
— Sacco scheint, trotz der Schlußworte : Vidit Saccus, die Druckbogen nicht
selbst durchgesehen zu haben. Das Manuskript Sacco’s befand sich zur Zeit
Oltrocchi’s (1751) apud Oblatos S. Sepulcri in Milano. Später kamen diese Akten
an die Ambrosiana. D‘ Alessandri ( 1 . c. 288 Anm. 1) konnte aber das Ms. nicht
mehr auffinden.
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— 156 —
ANHANG.
1 . Die Reiseroute.
Stark und nachhaltig wirkte die Persönlichkeit Borromeo’s, über¬
all wo er hinkam. Was Wunder, wenn auch die Volkstradition sich
dieser Säkularerscheinung bemächtigte und dabei nicht immer genau
nach Siegel und Urkunde fragte ?
Im oberen Livinental existiert die feste Tradition, daß Carlo
Borromeo ins Pioratal hinaufgestiegen sei, und man will auch die
Reise nach Disentis damit in Verbindung bringen. Zur Bekräftigung
dessen werden noch heute auf diesem Wege Eindrücke ins Gestein
gleichsam als Fußspuren des Heiligen gezeigt; ferner fließt dort
oben die Quelle des hl. Karl, aus der er getrunken haben soll;
endlich steht zwischen den beiden Alpenseelein Ritom und Cadagno
die Kapelle des hl. Karl, die bereits aus dem Jahsdfci8 datiert.
Paolo D’ Alessandri, der bei Anlaß der dritten Zentenarfeier
der Heiligsprechung Karls (1610-1910) uns eine wichtige Aktenpubli¬
kation geschenkt hat, gibt die Lösung. 1 Karl unternahm wirklich
am 8. August von Quinto aus den Aufstieg nach Piora, nicht um
eine gewöhnliche Bergtour zu machen, sondern um die Leute zu
besuchen, die im August vielfach in den Alpen mit dem Vieh und mit
dem Heu beschäftigt sind. Somit tragen Quelle und Kapelle im Piora¬
tal mit Recht Karls Namen. Auf Irrtum beruht aber die weitere
Annahme, als ob Karl damals die Reise nach Disentis fortgesetzt
habe. Karl kehrte ins Tal zurück ; am 9. ist er in Mairengo unweit
Faido. Dagegen liegt es nahe, mit D' Alessandri anzunehmen, daß
gerade diese Alpen Wanderung, die den Kardinal bis fast an die Bündner¬
grenze führte, den Plan der Disentiser Reise in ihm zur Reife brachte.
Und wer weiß, ob er nicht damals von seiner Sehnsucht, das Stift
der hl. Placidus und Sigisbertus zu besuchen, etwas verlauten ließ,
was sofort auf Flügeln nach Disentis gelangte. Denn tatsächlich wußte
der Abt von dieser Sehnsucht Karls, und fünf Tage später trifft ja
schon in Giomico der Bote des Abtes ein mit der Einladung an den
Kardinal. 2 — Daß der hl. Karl für die Disentiser Reise, sowohl auf
1 D’ Alessandri Paolo, Atti di S. Carlo riguardanti la Svizzera e suoi Terri-
torii, Locarno 1909, p. 280.
2 Es war am 13. August, da Borromeo in Giomico war. D’ Alessandri 283.
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dem Hin- wie auf dem Rückweg, den Lukmanier benutzt hat, geht
unzweifelhaft aus den Akten hervor. Am 24. August ist er in Olivone,
am 25. in Casaccia, und nach dem Besuch in Disentis am 29. wieder
in Corzoneso unterhalb Olivone. 1 —
Wie hier die Volksphantasie schnell bereit war, den Kontakt
zwischen Piora und S. Maria herzustellen, so finden wir, nur größer
und kühner erdacht, etwas Ähnliches in der Tradition, die den Besuch
Borromeo's von 1581 in Disentis mit seinem Besuche der Mesolcina
im Jahre 1583 in Verbindung bringt. Diese Tradition, die besonders
im Lugnez fortlebt, läßt den hl. Karl den Rückweg über den
Mundaun und Valserberg und S. Bernardino nehmen. In der
Tat finden wir an dieser Route die bereits früher genannten Karls-
bilder, Karlskirchlein samt Karlsquelle in Misanenga, am Mundaun,
in Morissen und in Furth. Diese Denkmäler und besagte Tradition
stehen offenbar in einem gewissen, vielleicht wechselseitigen Zusammen¬
hänge von Ursache und Wirkung. 2 Daß der hl. Karl tatsächlich
auch für den Rückweg den Lukmanier benutzte, wissen wir bereits.
2. Das Relsedatum.
Die Datierung des Besuches hängt zusammen mit der anderen
Frage: Haben die Pilger auf dem Hinweg auf S. Maria über¬
nachtet ?
Nach den Akten, die das erste Wort haben, befand sich der
Kardinal am 24. August in Camperio ob Olivone und am 25. in
Casaccia; am 29. wiederum in Corzoneso unterhalb Olivone und
am 30. in Biasca. Darnach müssen die Pilger auf dem Hinweg die
Nacht vom 24. auf 25. August im Hospiz zu Camperio oder
Casaccia zugebracht haben. 3
Sacco, der das zweite Wort hat, sagt über unseren Punkt nichts
Bestimmtes. Dem Zwecke seines Büchleins, das Tugendleben des
1 D’ Alessandri 286 ff.
2 Auf die Frage : Warum steht droben am Mundaun die Kapelle ? antwortete
ein Achtzigjähriger aus Morissen : « Perquei che s. Carli ei vegnius giu da Must6r
ed ha ruassau sin quei crest ed ha buiu orda la fontauna, e suenter ius giu ed en
Val e sul cuolm Val a casa a Milaun. » Und der alte Sigrist von Furth wußte
zu berichten : • Gi schevan ei, che s. £arli seigi sefermaus cheu Uors, cura ch’ el
ei vegnius sur S. Carli. • Das Kirchlein von Furth trägt die Jahrzahl 1616 ; auch
S. Carli am Mundaun dürfte ungefähr aus jener Zeit stammen. Gütige Mitteilung
von Plr. Solir in Morissen und Pfr. Weinxapf in Oberkastels.
3 D‘ Alessandri, 1 . c. p. 286, 287, 289, 291.
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Heiligen leuchten zu lassen, war es gleichgültig, wo dieser seine
Herberge genommen. Der Ausdruck, «essendo 1’ hora assai tarda »,
mit welchem er die Ankunft in S. Maria näher bestimmt, muß nicht
notwendig auf den Abend, sondern kann auch auf den Vormittag
bezogen werden, ähnlich wie später die «hora tardissima » bezüglich
des Mittagessens im Schlosse Caschliun. Wenn wir den Bericht Sacco’s
aufmerksam lesen, so wird er so zu verstehen sein : Die Pilger kamen
zu vorgerückter Vormittagstunde müde und hungrig in S. Maria an.
und «refocillomo alquanto le fatigate forze» sprechen für die
Annahme, daß die Pilger nicht in Casaccia, sondern in Camperio
übernachtet haben. In S. Maria gönnten sie sich bei Milch und
Kastanien eine kleine Erfrischung. Dann ging's weiter talwärts gen
Disentis, wo sie etwa um 4 Uhr eintrafen. 1 Das Tagesprogramm
wird also ungefähr folgendes gewesen sein : Um 5 Uhr morgens, nach
Celebration der heiligen Messe, Abreise in Camperio — Karl war ein
Frühaufsteher ; um 10 Uhr Ankunft in S. Maria, nach stattgehabter
Visitation in Casaccia ; gegen n Uhr Abreise von S. Maria, um 4 Uhr
Ankunft in Disentis. 2
Nim kommt das Zeugnis des Oblatenpriesters Giovan Pietro
Giussano, der im Jahre der Kanonisation des hl. Karl (1610) ein Leben
desselben herausgab. Er schreibt : « Finita poi la visita di Leventina
passd a queßa di Bregno, e giunto alla Terra di Ruolo, posta
alle radici della Montagna di Santa Maria, la quäle egli haveva da
passare per andar a Tisitis, si risolvfc di sodisfar alla sua divotione
e di visitare quelli Santi corpi in modo di pellegrinaggio, accom-
pagnato dalla sua famiglia, ch’ erano all' hora in numero di dieci,
e perö si mise in viaggio, cosi a piedi, col suo bastone in mano,
ascendendo la prima sera nella sommitä della detta Montagna, strada
molto lunga e malagevole, dove non trovavano altro cibo che castagne
e latte, e dormirono sopra il fieno. La mattina egli cald di lä alla volta
1 Era tra le 19 e 20 höre. In Italien pflegte man damals die Stundenzählung
mit dem Ave-Läuten am Abend zu beginnen.
8 Die Entfernungen betragen heute : Olivone—Campeno 1 Stunde, Camperio-
Casaccia 2 starke Stunden, Casaccia-S. Maria 1 Stündchen, Olivone-S. Maria
19,5 km, S. Maria-Disentis 19,5 km. Die .Strecke S. Maria-Disentis, die heute
in 4 Stunden zu machen ist, erforderte damals wegen des steinigen Weges und
der Überwindung der Höhe ob der Medelserschlucht erheblich mehr. Doch in
5-6 Stunden konnten die Pilger sie bewältigen, auch angenommen, daß sie den
Kirchen und Kapellen am Wege einen kurzen Besuch gemacht haben.
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della Valle, facendo per il camino continui esercitij di orationi e
meditationi insieme con gli suoi, che lo seguivano ; li quali resta-
vano tanto affiitti dal longo e faticoso viaggio, per essere stagione
di grandissimo caldo, che erano forzati tall’ hora a gettarsi in terra
per gran stracchezza ; ma egli gli animava e facevagli cuore, tanto
che gli ridusse finalmente digiuni a Tisitis, strada lunga 25 miglia,
essendo egli ancora tutto carco di sudore. » 1
La Montagna di Santa Maria bedeutet bei Giussano den ganzen
Lukmanierpaß. Er verquickt nun auf dieser Route irrtümlicherweise
zwei Dinge, die nicht zusammengehören, nämlich die Herberge
in Camperio und die Erfrischung auf S. Maria. So kommt
es auch, daß er die Pilger «digiuni» nach Disentis gelangen läßt,
während dieses Fasten sich wohl auf die Morgenwanderung Camperio-
Santa Maria beziehen wird. 2
Das Versehen unseres Autors wäre dem Mailänder leicht zu ver¬
zeihen, aber es wurde verhängnisvoll durch den Umstand, daß die
gesamte Disetitiser Geschichtschreibung während drei Jahrhunderten
sich darin verfing.
Jenseits der Alpen war es allerdings OÜrocchi, der in seinen wert¬
vollen Anmerkungen zur lateinischen Ausgabe von Giussano das Ver¬
sehen des Altmeisters berichtigt. Er schreibt, der hl. Karl sei sub
meridiem auf S. Maria und gleichen Tags sub horam 20 sole ferven-
tissimo in Disentis angekommen. 3 Ihm folgt auch Saxius in seinem
1758 zu Augsburg erschienenen Werke. 4 Diese Ansicht wird aber
bald von den Disentiser Mönchen Archivar P. Augustin a Porta und
Dekan P. Fintan Birchler, den Mitarbeitern Eichhorns und Van der
Meers angefochten. Eichhorn schreibt: Annus 1581 apud Desertinenses
aetema memoria dignus, quo hospitem tectis suscipere meruerunt
S. Carolum Borromaeum. Iis, quae in yita et actis eius Augustae
Vindelicorum nuper editis leguntur (Tom. I. Lib. VI. cap. 12. p. 366),
1 Giussano, Vita di S. Carlo Borromeo (IV. Aufl.) 321. — Giussano gibt
hier die Länge des Weges ganz richtig mit 25 miglia an (ä 1600 m), während Sacco
von 15 miglia incirca und Foraero (D’ Alessandri, Atti 287) von 18 miglia spricht.
* In der Trivulziana in Mailand befindet sich handschriftlich der erste Ent¬
wurf der Vita di S. Carlo von Giussano. Dieser Entwurf folgt noch durchaus
dem Berichte Sacco’s. Siehe Steffens-Reinhardt, die Nuntiatur Bonhomini's,
Einl. p. 211 Anm. 1. Die Einsicht in diese Handschrift verdanke ich Msgr. Steffens.
8 Giussano-Rubeus-Oltrocchi (Baldassare Oltrocchi war Vizepräfekt der
Ambrosiana), De vita et rebus gestis S. Caroli, Milano 1751. col. 587.
4 Saxius (Giuseppe Antonio Sassi, Präfekt der Ambrosiana), De vita et
gestis S. Caroli I, 366.
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ex monasterii monumentis haec particularia adiungere visum. Quum
ad hospitale S. Mariae in Lucumonis monte vesperascente jam
coelo adventaret S. Cardinalis, prius B. V. sacellum introivit, per-
solutisque ibi precibus coenulam admodum frugalem, quae paucis
castaneis et aliquibus lacticiniis constabat, cum decem suis sociis
sumsit, ac noctem, quantum a precibus residuum fuerat, foeno
recens collecto incubans transegit. 1 — Ähnlich, nur noch aus¬
drücklicher, Van der Meer, wie aus der folgenden Beilage zu ersehen ist.
Diese Zeugnisse von Eichhorn und Van der Meer dürften an sich
um so mehr Wert beanspruchen, als ihre Mitarbeiter Gewährsmänner
von Ansehen sind 2 , die zudem auf ältere Urkunden sich berufen.
In der Tat finden wir die gleiche Auffassung schon bei Auguslin
Stöcklin : Sanctus Carolus Borromaeus, Romanae purpurae lux inex-
tinguibilis, christiani orbis oblectamentum, salutis sibi vicinonim
Grisonum zelator perpetuus, nuper anno a nato Messia 1581 exeunte
Augusto, decem stipatus comitibus, per asperrima et summa montium,
quod viarum peritis miserationem et stuporem movet, pedester inam-
bulans, corpora Ss. Placidi et Sigisberti veneraturus Desertinam peregre
advenit. Ad quorum statim conspectum (Abbas, Conventus et Opti-
mates loci illa obviam observantiae et honoris gratia baiularant)
humülimus pastor supplex in genua provolutus, cum praesentium
admiratione flebiliter suspirans verecundeque interlacrimans, super
terram adoravit. Monasterium deinde cum processione ingressus,
etiamnum impransus, cum pridie in hospitali S. Mariae in
Lucumanno monte, praeter lac et caseum et castaneas pro coena
nihil reperiens, foeno indormiisset. Vesperis vero sub occasum
cantatis devotissime interfuit. Noctem vero sequentem totam coram
sacratissimis lypsanis in Ecclesia precibus et piis meditamentis con-
sumpsit. Mane sacrificio Missae ad principalem Monasterii aram per
seipsiun rite perpetrato, Placidi et Sigisberti ossa nuda et detecta
contemplari petiit, de quibus per Abbatem Christianum aliquot frusti-
culis cum timore et reverentia avulsis, ut instanter rogaverat, donatus,
eorumdem Sanctorum praecipuas res gloriose gestas et anniversalera
natalem in diaria coniecit, ac salutatis extremum ordine totius
1 Episcopatus Curiensis 256.
2 Insbesondere war es Augustin a Porta, der mit großem Eifer die Ver¬
gangenheit seines Klosters erforschte. R. P. Augustinus archivarius noster
magnum rei diplomaticae dcsiderium prae se fert, et quantum in tanta rerum
penuria licet, in disquirenda historia domestica multum desudat. Aus einem
Schreiben Birchlers an Van der Meer vom 23. Juli 1785. Stiftsarchiv Einsiedeln.
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Monasterii sacellis et altaribus, vehementi post se apud populum terrae
relicto sui affectu et erga Placidum et Sigisbertum magno devotionis
azurnento, congratulans in pace et laetitia votoram compos recessit. 1
Es möge hier zum Schlüsse noch die ausführliche Darstellung
der Pilgerreise des Kardinals genannt werden, die im Buche des schon
erwähnten Kapuzinerpaters Zacharias da Salb sich findet. Den Auf¬
enthalt in S. Maria erzählt er folgendermaßen : « Semess pia sin quella
liunga, stentusa e carpusa via, tont ch' el tut staunchels e bein
fleivels ei vegnius sin il cuolm de S. Maria, nua ch’ ei ina caplutta de
Nossadunna e spital, ch’ audan agli numnada Claustra. E per buca
haver dau avis della sia vegnida, ha el leu nuota anflau autra spisa
e vivonda ch’ enzacontas castognas e latg, e cun quei empau tumentau
e renforzau lur stauncla membra, ruassond e dormend sin il fein tochen
la damaun suenter. » 2
Angesichts der Geschlossenheit der Disentiser Quellen in der
Annahme, daß die Pilger auf S. Maria übernachtet haben, müssen wir
genau prüfen, ob die Akten und Sacco schließlich vielleicht doch noch
mit dieser Auffassung auszusöhnen wären. Sacco läßt in der Tat
diesen Punkt unbestimmt. Die Akten, d. h. die beiden Daten: am
24* Aug. in Camperio, am 25. in Casaccia, sind natürlich an sich
auch nicht direkt gegen ein Übernachten in S. Maria vom 25. auf
den 26. August. Obschon in diesem Fall das Bedenken schwerwiegend
wäre : Warum geht der Kardinal, der die Pügerreise nach Disentis
als Extranummer in sein Visitationsprogramm eingefügt und deshalb
Eile hatte, gegen seine Gewohnheit so langsam vorwärts, während
er dann auf dem Rückweg um so mehr eilen muß, um am 29. in
Corzoneso zu sein ? Man müßte eben dafür irgend einen Grund
annehmen, der uns nicht näher bekannt ist. So wollte der Heraus¬
geber dieser Blätter schon daran zweifeln, in unserer Frage völlige
Klarheit schaffen zu können. Da kam durch eine glückliche Fügung
auf einmal von anderer Seite das erwünschte Licht.
Da Carlo Borromeo am 25. August in Casaccia war, so käme für
1 Citat in der Synopsis Annalium Monasterii Desertinensis, ad annum 1581.
Archiv Disentis. Augustin Stöcklin (Abt 1634-1641) konnte noch Augenzeugen
des Besuches zu Rate ziehen. Z. B. lebte damals noch als « prope octogenarius »
Hans von Casteiberg, der jüngste Bruder des Abtes Christian. Van der Meer,
Chronicon Desertinense (Miscellanea, tom. VII), p. 106. Stiftsarchiv Einsiedeln.
— Über die Quellen zur Geschichte des Klosters Disentis vgl. Cahannes, Kloster
Disentis 4 ff.
* Zacharias da Salb, La Glisch sin il Candelier envidada (Cumbel 1685). p. 305.
REVUE D HISTOIRE ECCLESUSTIQUE 11
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IÖ2
ein Übernachten in S. Maria auf dem Hinweg nur die Nacht vom
25. auf 26. in Betracht. Der 26. August 1581 war ein Samstag
Nun aber berichtet Sacco, daß der zweite Tag des Aufenthaltes
Borromeo’s in Disentis ein Werktag gewesen sei. Er hebt
ausdrücklich hervor, daß das Volk zahlreich zum Gottesdienste des
Kardinals in der Klosterkirche sich eingefunden habe, obschon es
Werktag war und die Zeit der Getreideernte. Also ist ein Übernachten
auf S. Maria auf der Hinreise nach Disentis ausgeschlossen, da
sonst der zweite Tag des Aufenthaltes in Disentis auf den Sonntag
fiele, was Sacco widerspricht.
Damit ist unsere kleine Frage entschieden : Die Pilger haben
vom 24. auf 25. August in Camperio übernachtet (weniger wahr¬
scheinlich in Casaccia) ; sie sind am 25., einem Freitag, ungefähr um
4 Uhr in Disentis angekommen ; der Aufenthalt daselbst dauerte bis
zum Samstag den 26. nachmittags ; am Samstag abend Rückreise
wahrscheinlich bis S. Maria, wo diesmal übernachtet wird ; Sonntag
den 27. Frühgottesdienst in der Kapelle von S. Maria, und dann Reise
über Olivone, wo der Kardinal die Visitation in den Dörfern auf der
rechten Seite des Brenno wieder aufnimmt; am 29. ist seine Anwesenheit
in Corzoneso durch die Akten wieder belegt. 1
Nun noch die Frage : Wie ist das Versehen zu erklären, an dem
die Disentiser Geschichtschreiber so lange und so zäh festhielten ?
Antwort : Das Ansehen Giussano's ist die Grundursache. Wenn wir
mit dem Berichte des gelehrten Mailänders noch die Tatsache
Zusammenhalten, daß der Kardinal auf dem Rückwege wahrscheinlich
in S. Maria über Nacht blieb, so läßt sich die Disentiser Tradition
unschwer erklären. 2
3. Der Besuch Carlo Borromeo’s in Disentis
nach dem Chronicon Desertinense. 3
Incredibili gaudio simul et consolatione sub id tempus affecta
est Desertina nostra ex pia peregrinatione, quam ad sacras exuvias
1 D' Alessandri, Atti 289. D’ Alessandri war der erste, der aut Grund der
Akten obige Datierung aufstellte. Siehe Atti, 1. c. — Darnach ist des Heraus¬
gebers frühere Ansicht, Kloster Disentis 99, zu berichtigen.
* Vgl. einen ähnlichen Fall bei D' Alessandri, Atti, p. 12 nota 1.
3 Chronicon Desertinense, p. 102 sqq. Diese Bearbeitung der Disentistr
Klostergeschichte bildet den 7. Band der Misccllanea des gelehrten Sekretärs
der Schweiz. Benediktiner Kongregation P. Moriz Hohenbaum van der Muk
Sie trägt den Namen des Dekans P. Fintan Birchler. Stiftsarchiv Einsiedeln.
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Ss. Placidi et Sigisberti Patronorum nostrorum instituit S. Carolus
Borromaeus anno salutis 1581.
Cum autem pleraque hunc Beati Caroli adventum spectantia in
vita et actis eiusdem novissime Augustae Vindelicorum editis, tom. I,
lib. VI, cap. 12, fol. 366 fusius descripta inveniantur, mihi aliud de
hac re non superest, quam ut particularia quaedam heic recenseam,
quae in loco mox citato desiderantur aut paulo aliter referuntur. Ad
Hospitale S. Mariae in monte Lucumonis S. Cardinalis non circa
meridiem sed vesperascente iam coelo advenit, ibique prostratis prius in
Sacello B. Virginis precibus divertit cum suis decem comitibus, in dicto
Hospitali noctem transacturus. Sumpta coenula, quae pauculis castaneis
et lacticiniis absolvebatur, illud noctis quod sibi a precibus residuum
fuerat, ex difficili itinere paene exhaustus, foeno recens collecta indor-
miit. Reliqua ut in actis loco citato.
Ordo quo tantus hospes ex Ecclesia Parochiali S. Joannis ad
Monasterium deductus fuit, ita a maioribus nostris describitur : Prae-
cedebant vexilla sacra et cruces, sequebantur duo ex Senatu praecipui
more gentico pluvialibus induti, qui corpus Beati Sigisberti Abbatis
sarcophago inclusum deferebant; hisce alii duo Senatores simili ornatu
tecti corpus Divi Placidi Martyris portantes succedebant; sequebantur
inde Capellani nonnulli saeculares ac Monachi cum universo Clero,
qui omnes diversas Sanctorum reliquias manibus praeferebant. Demum
et ipse Abbas mitra pretiosa et reliquo pontificali apparatu omatus
sequebatur, tabemaculum seu arculam, in qua plures Sanctorum
reliquiae visebantur, manu ante pectus praeferens. Pone Abbatem
Divus Carolus solus gradiebatur.
Spectaculum id erat toti Desertinae iucundum et admirabile, cum
attonita stupensque videret S. R. E. Cardinalem tota passim Europa
virtutum ac sanctitatis fama celebratum, in peregrini habitu, rudi
baculo innixum, multo sudore madidum, totum in Deum suspensum
mente, ac praeabundanti cordis dulcedine in praesentia sanctarum
reliquiarum uberrimas profundentem lacrimas. Hoc piissimi Cardinalis
exemplo plurimi ex populi frequentia commoti cum flente et ipsi
flebant piaque cum ipso ex imo pectore suspiria trahebant. Quo facto
humillimus ac religiosissimus Cardinalis docuit, quo mentis ardore
atque cordis submissione Sanctorum suffragia imploranda, quo etiam
in pretio habendae sint eorum reliquiae, quae tum in aliis Rhaetiae
nostrae locis ab heterodoxis passim cremabantur ac sacrilege destrue-
bantur.
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— 164 —
Cubiculum, in quo Divus Carolus pemoctavit, Peristylio Monasterii
contiguum erat, ex quo in illud janua patebat, per quam vir sanctus
aliquando egredi volens, ubi pedem solo fixisset, illico eum retraxit,
pavensque dixit: Indignum sese iudicare, qui locum, ubi tot Sanctorum
corpora sepulta quiescerent, pedibus suis tereret. Hoc S. Cardinalis
verbum Desertinenses Ascetae pro argumento et omine acceperunt,
ut sibi certo persuastun haberent, sacratissima triginta Monachorum
Martyrum hic olim ab Hunnis seu Avaris interfectorum corpora in
dicto Peristylio contumulata delitescere, quorum proinde sanctitatem
et gloriosa apud Deum merita S. Carolus profetiae dono illustratus iis
verbis commendare visus est.
A maioribus nostris id etiam accepimus, nimirum S. Cardinalem,
nocte illa quam in Monasterio nostro transegit, tarn saeve corpus suum
inter preces et lacrimas flagellasse, ut sanguis eius exinde decurrens
et per cubiculi pavimentum respersus mane per Religiöses quosdam
spongia fuerit collectus, qui hodie cum aliis vestimentorum particulis
eiusdem Sancti et cum eiusdem Corona Mariana seu globulis precatoriis
ceu pretiosae reliquiae in Monasterio asservantur, unde hvius Sancti
festum sub ritu duplicis secundae classis hodiema Desertina celebrat.
Christianus Abbas noster diu etiam cum S. Carolo egit de Seminario
seu Collegio ad instruendam iuventutem hic Desertinae in Monasterio
nostro erigendo, quae res, si Sanctus diutius supervixisset, indubitanter
felicem sortita fuisset successum, sed praematura eius mors, quae
statim abhinc anno tertio, videlicet III. nonas Novembris accidit, 1584,
omnem meditati ac iam destinati Seminarii spem ademit. 1 Reliqua
ut in actis S. Caroli loco supracitato.
Caeterum difficile dictu est, quot et quanta sanctus hic Cardinalis
molitus sit pro fide catholica in hac Rhaetia nostra tum retinenda tum
restituenda ; visitationes apostolicas periculi ac molestiarum plenissimas
iterato instituit ad loca Rhaetorum tarn dominantium quam sub-
ditorum ; Pesclavienses in fide avita firmavit, Mesaucinos ad eandem
reduxit, Clavennates et Plurienses, ne ab ea desciscerent, stabilivit ;
imo ad Petrum Rascherium tune temporis Ecclesiae Curiensis Epis-
copum in cura commissi sibi gregis aliquantulum oscitantem per ex-
pressum Sacerdotem Bernardinum Morram, hominem profunde doctuxn,
hortatorias dedit, quibus cum ad vigilantiam pastoralem commonebat.
1 Die Klosterschule ist, wie wir wissen, unter Casteibergs Nachfolger errichtet
worden. Auch unser Chronicon berichtet später von diesen Bemühungen um die
Schule in ausführlicher Weise.
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Harum fragmentum Annalibus Desertinensibus insertum conservatur,
quod, quandoquidem ardens cordatusque S. Caroli zelus ex eodem
reluceat, heic adducere non pigebit: « Memineris suscepti oneris ovium
Christi pascendarum, de quibus rationem aliquando Christo, qui eas
Sanguinis sui pretio redemit, redditurus es. Supina tua soccordia in
custodia gregis tui prorsus reprehensibilis atque inexcjisabilis est,
quando tot lupi gregem tuum undique sub tuis oculis invadunt, dis-
cerpunt et lacerant. Melius igitur officio tuo fungaris, omnemque in
cura animarum vita incuriam. Hortor, rogo et supplico, ut obligationem
suscepti muneris exactius, quam hactenus fecisti, animo reputes ac
singulari Studio saluti animarum tibi creditarum incumbas et invigiles.
Dioecesin frequentius visitando obeas, caveasque omni possibili ratione,
ne diabolus, tartareus leo rugiens, tot animas haereticorum fraude
deceptas devoret. Ego parat issimus sum ad officia tibi et auxilia in hunc
finem pro ovibus exhibenda. » Exaratae sunt hae litterae anno 1583.
Hic silentio praeterire nequeo testimonium omni exceptione maius,
utpote ab infensissimo S. Caroli adversario prolatum, quo Studium
curaque S. Cardinalis pro fide catholica in Episcopatu Curiensi totaque
Rhaetia retinenda ad oculum ostenditur. Petrus Dominions Rosius a
Porta tom. 2, cap. 1 Historiae Reformationis editae Curiae et Lindaviae
1777 de S. Carolo sic ait: « Studium quod Cardinalis Archiepiscopus
Mediolanensis Carolus Borromaeus ad repellendam procul ab Italia
Evangelii doctrinam impendit, laboresque quos ad restituendam Sedi
Apostolicae pristinam gloriam adque labefactandas Protestantium,
quos haereticos credebat, vires exantlavit, tanti certe sunt, ut si per
merita obtineatur aetema felicitas, uti contendunt Romanenses, is ob
insectationem haereticorum in Divorum numerum relatus summo jure
censendus sit .... Quum contingat Mediolani dioecesis Helvetios ac
Rhaetos populos, inter quos doctrina reformata tum in propriis
districtibus, tum in Vallistellinae ac Clavennae subditis terris, libere
exercebatur, is hunc sibi laborem dari putavit, ut vel dominantes ad
S. Ecclesiae gremium reducat, vel si id non succedat, vires illorum
subruat, saltem proximam Italiam ab iniectionis ulterioris labe tutam
praestet. Hinc quamdiu is Ecclesiae Mediolanensi praefuit, Evangelicis
Helvetiae et cum maxime Rhaetiae molestiae ac iniuriae acerbissimae
non defuerunt.» Haec hisque similia innumera de S. Carolo adductus
a Porta.
T 'aXsT r
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Ein Missionsbrief
des Jesuiten P. Alois Conrad Pfeil.
Von Dr. P. Ignaz HESS O. S. B., Engelberg.
Beim Durchgehen einer Aktenmappe des 17. Jahrhunderts in
unserem Stiftsarchive in Engelberg fiel mir unlängst ein Brief in die
Hände, der im Regesten Verzeichnis nicht aufgeführt ist, der aber des
Interesses für uns und weitere Kreise nicht entbehrt.
Er ist an die Gnädige Frau Äbtissin und die Konventualinnen
des Frauenklosters zu St. Andreas in Samen adressiert und trägt das
Datum und die Unterschrift: « Mamayacü in Parä, Mitternacht den
28. Augusti 1679. Aloysius Conradus Pfeil.»
Wie kam dieser Brief nach Engelberg, wer ist der Briefschreiber
und was weiß er uns zu berichten ?
Der Brief ist* kein Original, sondern eine von Abt Ignaz Betschart
in Engelberg angefertigte Kopie. Das Original ist im Frauenkloster
zu Samen nicht mehr vorhanden.
Ein lateinischer Originalbrief unseres Archivs vom 24. August 1677
aus Luzern an Abt Ignaz Betschart trägt die gleiche Unterschrift mit
dem Zusatz : « Societatis Jesu ». P. Pfeil gibt dem Abte freundschaft¬
lichen Bericht über den Verlauf einer kürzlich unternommenen Reise
nach Samen, wo er mit seinem Ordensbruder P. Petrus Ehrentreich,
Professor des kanonischen Rechtes, als außerordentlicher Beichtvater
der Klosterfrauen seines Amtes gewaltet hatte.
Abt Ignaz Betschart war bei den Jesuiten in Luzern kein
Unbekannter. In den Jahren 1646-1649 hatte er als Kleriker mit
seinem Mitbruder P. Gregor Fleischlin bei den Professoren P. Johann
Vogler und P. Johann Roth in Luzern Philosophie und Theologie
studiert und in der Philosophie den Magistergrad erlangt. 1 Die freund¬
schaftlichen und wissenschaftlichen Beziehungen zu P. Johann Vogler
1 Gottwald P. Benedikt, Catalogus Cod. msc. Engelberg, 1891, Nr. 600-646:
Vogel. P. A. : Catalogus biogr. 45 (Arch. Msk.).
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— i6 7 —
und seinen Mitbrüdern wurden auch später fortgesetzt und dauerten,
als P. Ignaz Abt geworden war, ungeschwächt fort. Von Zeit zu Zeit
erschien zudem aus seiner « Käsebibliothek» ein fettes Exemplar auf
dem Tische der Patres Jesuiten in Luzern zur Aufbesserung des Mahles.
Bereits 1640 war der ganze Konvent von Engelberg der Großen
Kongregation in Luzern beigetreten, der die Jesuiten ja nicht ferne
standen. 1
Mit Abt Ignaz und den Konventualen in Engelberg war P. Alois
Conrad Pfeil offenbar persönlich bekannt.
Über seine Personalien gibt uns P. A. Huonder S. J. in seiner
Arbeit : « Deutsche Jesuitenmissionäre des 17. und 18. Jahrhunderts »
einigen Aufschluß. 2 3
P. Huonder führt darin zwei Missionäre am unteren Maragnon,
Brasilien, mit dem Namen Pfeü an, P. Alois und P. Conrad Pfeü,
ersteren ohne irgendwelche biographische Angaben. 8 Es sei hier ohne
längere Beweisführung festgestellt, daß es sich um eine und dieselbe
Person handelt, die in den erwähnten Briefen unseres Archives beide
Namen führt.
Nach P. Huonder war P. Pfeil zu Konstanz geboren am 4. Januar
1637, in die Gesellschaft Jesü eingetreten am 28. September 1654,
Missionär in Brasilien, Oberer am Maragnon, Xingu ; er erwähnt von
ihm einen Brief aus Evora, Portugal, vom 17. Juni 1678 « mit sehr
interessanten Angaben über den Stand der Mission etc. » 4 * ; einen
ebenfalls interessanten Brief — ’von P. Alois Pfeil — aus Maragnon
(Brasilien), vom Jahre i68r. 6
Auf Grund der Einträge in den « Catalogi personarum et officiorum »
des Staatsarchives Luzern läßt sich diesen Angaben folgendes beifügen :
P. Conrad Pfeil kam am 16. Oktober 1667 in Luzern an und
funktionierte hier in den folgenden Jahren als « Missionarius, Operarius
und Confessarius templi» ; 1677 figuriert er unter jenen, die «dis-
cesfcerunt» und zwar steht hinter seinem Namen: «Ad Brasilos
missionarius 17. Okt. » Er ist der einzige unter den Patres in Luzern,
der diesen Vermerk trägt. 8
1 Bibi. Cod. msc. 519, S. 512.
a Ergänzungshefte zu den « Stimmen aus Maria-Laach ». — 74. Freiburg,
Herder, 1899.
3 A. a. O. Seite 65, 77, 100, 159 und 160.
4 A. a. O. 160.
6 A. a. O. 77.
6 Gütige Mitteilung de« Herrn Staatsarchivars P. X. Weber.
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— 168 —
Einige weitere Daten ergeben sich aus seinem Briefe an die Samer
Klosterfrauen.
Er schreibt darin, daß er am hochheiligen Charfreitag — 31. März
— in Maragnon anlangte, am 46. Tage nach seiner Abfahrt von
Lissabon. Diese war demnach am 14. Februar 1679 erfolgt.
Die Zeit zwischen der Abreise von Luzern am 17. Oktober 1677
bis zum 14. Februar 1679 brachte P. Pfeil wohl vollständig in Evora,
Portugal zu, um sich auf die Missionstätigkeit vorzubereiten und die
portugiesische Sprache anzueignen. Von dort kam sein oben erwähnter
Brief vom 17. Juni 1678, und er selbst erwähnt in seinem Briefe an die
Klosterfrauen einen Reisebericht an seine Mitbrüder in Luzern ; den
heutigen Brief legt er einem zweiten, sehr ausführlichen Schreiben an
seine gleichen Mitbrüder bei. Beide sind im Staatsarchiv Luzern nicht
vorhanden und bisher nicht bekannt, sofern mit P. Pfeils Hinweis
nicht der oben erwähnte Brief aus Evora gemeint ist.
P. Pfeil blieb nur sechs Wochen in Maragnon und verreiste auf
Weisung seines Missionsobem, des P. Peter Alois Consalvi aus Rom,
unter neuen Strapazen und Gefahren in die Provinz Parä auf die
Missionsstation Mamayacü, von wo er seinen Brief schreibt. Über
kurzem stand ihm eine neue Versetzung in das weite und schwierige
Gebiet des Amazonenstromes bevor, wo noch Menschenfresser hausten
Die Distanzen von Maragnon nach Mamayacü und nach der Station
am Amazonas sind mit zwei und drei Monatsreisen angegeben. Er
erklärt sich über die Massen glücklich in seinem neuen Wirkungskreis.
Bezüglich des Inhaltes unseres Briefes verweise ich auf dessen
Wortlaut und beschränke mich auf einige erläuternde Bemerkungen.
Die Adressatin, die Gnädige Frau Äbtissin Scholastika in Samen,
war eine Tochter des Landammanns Marquard II. Imfeld und eine
Schwester des Landammanns Johann Peter Imfeld, dem der Brief
am Schlüsse einen Gruß überbringt, der ihn aber nicht mehr erreichte,
da er bereits am 10. Juni 1678 gestorben war. 1
Den Titel «Fraumütter» erhalten in den Frauenklöstem nicht
bloß die Oberinnen, sondern auch die Seniorinnen des Konventes.
Der am Schluß besonders liebevoll bedachte Franz Stolz war viele
Jahre lang Klosterkaplan in Sarnen ; er spielte daneben eine nicht
unbedeutende politische Rolle und machte sich durch wohltätige
Stiftungen verdient. 2
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— 169 —
Formell ist P. Pfeils Brief etwas unbeholfen und in der Satz¬
konstruktion fehlerhaft, da der Verfasser, wie sein gut stilisierter Brief
an Abt Ignaz Betschart beweist, die lateinische Sprache leichter und
besser handhabte als die deutsche. Der etwas naive Zug, der einige
Partien durchweht, dürfte im gleichen Umstande seinen Grund haben,
vielleicht auch der Mentalität der Adressatinnen etwas Rechnung
tragen. Rührend ist die mit seinem Opfermut für die Missionsarbeit
gepaarte Anhänglichkeit an die alte Heimat und die lieben Bekannten.
\
« Hochwürdige in Christo undt Gnädige Frau Abbtissin Scholastica,
wollehrwürdige Frauwen Müetteren und Schwesteren.
Pax Christi.
Ich schreibe Ewer Hoch würden Gnaden und allen in Christo
villgeliebten Frauwen und Schwesteren in meinem lieben Samen,
aus meinem tausentmal geliebten Maragnon, welches ich (ohn Zweifel
auch durch Ewer heüiges Gebett) so glücklich, wie woll nach vilen
Todtsangsten und grausamen Gefahren erhalten hab an dem hoch¬
heiligen Charfreytag selbsten dises laufenden 1679. Jahrs, den 4Ö.ten
meiner aus Portugall und Lisbona Abfahrt, welche geschehen ist sambt
anderen 33 grossen Brasilischen Schiffen, obschon mein und meiner
9 Gesellen Schiff, von dem Güettigen Jesu genandt, das aller arm¬
seligste und kleinste war und allein und einzig in Maragnon absegelte.
Der lezste Schiffbruch und Todtsnöthe ist fürübergangen eben an dem
Tag und Nacht der tödtlichen Angst Christi auf dem Oelberg, aber
mein glorwürdiger Seeliger Aloysius hat damals widerumb Gott ver¬
söhnet sambt dem grossen Indianer Apostell Xaverio, dessen wie auch
des Seeligen Aloysij Heyligthumb 1 wir in das Meer tieff gesenkt hatten.
Dise Heyligthumb hette schon ein Fisch sonderer Größe in dem Schlund,
doch hatte der hungerige Meerfisch auf das Huesten und Abmahnung
eines unschuldigen Novitzens (deren wir 3 mit uns aus Portugall
geführt, da sie nur 6 oder 7 Tag vorhero die Probiahren angetretten
hatten) sie widerumb aus dem Rachen ehrenbietig dargeben. Darauff
nach einem offendtlichen Gelübd des gantzen todtserblichen Schiffs
(in deine ich wahrhafftig nur gelacht und alle, da das Schiff schon halb
von dem Meer ellendigklich verschluckt ward, zur Hoffnung in Gott
Seeliger
1 Reliquie.
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alle frisch und lustig an das Gestatt Maragnonien führen), das Meer
sich gestillet und so heller Himel erschinen, das bishero nichts schönere
an ihme gesehen worden. Der Fisch aber, der das Heyligthumb ergriffen,
machte vill Geprängs umb das Schiff und liesse sich sogar mit einem
Angel ursplitzlich fangen, welchen zuo Nacht die abgemüedete Schiff-
leüth lustig als dodtserstandne Menschen genossen haben. Dises seye
nur ein kleines Muster unzalbaren Zueständen, die sich auf der Reiss
begeben haben.
Dan andere meine Zuofähl, ob ich schon sie Eüch niemal
beschriben, Ihr etwan leicht von unseren Patribus zuo Lucem hattet
mögen zuo verstehen, welchen ich abermal sambt disem Brief! einen
überreichen von 4 gantzen Bögen zuosende, aus welchen Ihr alle
Eweren heiligen Fürwitz oder apostolische Begirden stillen und trösten
könnet, derowegen ich allhie nicht fehmere melde. In ienem erzehle
ich die Natur und Beschaffenheit diser neüwen Welt miner Mission,
in welcher, ob sie schon vill Monat lang und breit ist, von unzahlbaren
Völlckeren und Sprachen, alleinig unser 14 Priester von der Societet
seynd (die andere seynd 7 Novitzen und 12 Brüöder), derowegen ich
dem Teütschland flehentlich umb Hüff bis zuo der Hayssere 1 zuo-
schreye.
Ich zwar, nach dem ich die Statt und Collegium Maragnon erlangt,
bin alldort nicht länger dan 6 Wochen verbliben, dan mir R. P. Superior
der gantzen Mission gegenwertig, nach dem er uns unverhofft, mit
unglaublicher Lieb und hertzlichen Frolockhung, Petrus Aloysius
Consalvus, ein gebomer Römer, ein andere Reiss angesagt, welche
gewisslich grausamb war und zuo Wasser allein (gleich wie wir alle
Reissen verrichten) geschehen kan und muess über 36 gefahrlichiste
Meeresärmbde neben unzalbaren verdeckten Flüssen, die in ewiger
Verwirrung als ein Irrgarten die Erden 2 underscheiden. Dise Reiss
ward nach der grossen Provinz Parä. Dise Statt unndt Collegium hab
ich nach grossem Torment und unleidenlicher Plag der kleinen Muckhen,
die uns schier gedödt, erreicht den 11. Tag May. Den 13. Tag hier¬
über hab ich den Indianeren schon in unser Kirchen S. Fr. Xaverij
von der Cantzel die christliche Lehr an dem Festtag der hochheiligsten
Dreyfaltigkheit gehalten. Also wird ich stracks nach der Mission
Mamayacü geschickt, in der ich ietzo und heüt das ander mahl wohne
1 Heiserkeit.
2 Länder.
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— i 7 r —
und disen Brieff Eüch schreibe in solcher Kürtze, welche mir meine
Geschäfften zuogelassen und zwar in Mitternacht, damit ich Eüch
meinen alten und redlichen Affect allen und jeden erzeige und zuo
Verachtung irdischer Dingen mit meiner aignen Erfahrung der unendt-
lichen besseren Güetteren in Gott allein aufmunderte.
Nechstens wird ich in ein andere und zwar die allerweitiste und
schweriste Mission zuo dem Fluss der Amazonen (so der allergrösste
ist in der gantzen Welt und in seinem Anfang allein 80 teütsch Meyl
brait ist) geschickt, alda den wilden Völckher, so Menschenfleisch
immerzuo fressen und frömbder Sprachen kein Anzahl ist. In zwen
Monat lang wirdt dise Mission von Parä seyn, von der Statt Maiagnon
drey gantzer, darumenhero Ihr die Grösse diser Mission erachten
könnet und höchste Nothwendigkheit mehreren Arbeiteren under so
unermessenen Völckheren. Ich liebe dise indianische Völckher über
tausent Europen unaussprechlich ; sie thuen eben dises gleichfals gegen
mir. Vill wunderliche Zuoständ begeben sich in Bekhörung der
Völckher. Ich bitte und beschwere Ihro Gnaden und alle andere, das
sie für dise Indier unablässlich Gott bitten umb wellen 1 ihrer ernst¬
lichen Bekhörung, die Christum so vill gekostet hatt und allein seinen
heftigen Durst am h. Chreütz löschen kan. Mir aber werdet Ihr ia
freylich (also bitte ich alle inbrünstig und vertruwlich und ein jede
absonderlich) von Jesu erlangen sein vollkommen Lieb bis in den
Dodt, den ich hoffe, dass eben diser mein gecreützigter Erlöser wegen
der grossen Verdiensten meines glorwürdigen Seligen Aloysij mir für
die Zeügnus seines allerheiligisten Namens bluotig zuo seyn vergonen
werdt. Ihr sollet alle versicheret seyn, dass Ihr Christo den höchsten
Dienst und Lieb erweyset, wan Ihr auch diser Mission und mir in
Sonderheit mit Eweren absonderlich- und gesambten Gebetten helffen
werdet neben dem, dass Ihr auch meines Schweisses und Arbeit
für Jesu theilhafftig werdet und Ihr in mir unzalbare Hayden, obwol
in Ewerem und meinem Sarnen wohnhaft und beschlossen, also bekheren
mögete. Bishero glaub ich woll, das Ihr mir meine des Leibs und der
Seelen in so schweren ihren Gefahren ewige Stärckhung erhalten habet
von Gott mit Eweren mächtigen Verdiensten, welche ich hochschätze
und täglich als gegenwärtig under Eüch von neüwem anruoffe.
Endtlich bitte ich Jesum mit gebognen Knyen, dass Er Euch alle und
jede benedeye undt segne, wie auch mein grosser und Seeliger Aloysius.
1 um willen.
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172
Dem wollehrwürdigen Herren Francisco Stoltz, so er noch zuo
Händen, ein innigkliche Umbhalsung und Gmoss imd lade ihn zuo mir,
bey deme ich gewisslich oft wohne. Dem Herrn Landtammen Petro
Imfeld und gantzen lieben Haus einen hertzlichen Gruos und dem
Gnädigen Herren Visitatori Ignatio und dem gantzen lobwürdigen
Convent Engelberg, allen Bekanndten zuo Sarnen und denen, so Ihr
liebet.
Mamayacü in Parä, Mitternacht den 28. Augusti 1679.
Ihro Hoch würden Gnaden und aller ehrwürdigen Frauen und
Schwestern demütiger Diener in Christo
Aloysius Conradus Pfeü. »
-twt-
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Feindliche Einfälle ins Zugerland
zur Zeit der Villmergerkriege.
Von aloys Müller.
Seit den Tagen der Glaubensspaltung war die so viel gepriesene
«gute Nachbarschaft» zwischen den «getreuen, lieben, alten Eid¬
genossen » von Zürich und Zug getrübt worden. Die Kappeierkriege
verlegten den Kriegsschauplatz auf die Grenzgebiete beider Kantone.
Zumal der zweite Kappelerkrieg, vom gemeinen Mann mehr als Beute-
denn als ernster Feldzug erfaßt, brachte dem Kanton Zug große Heim¬
suchungen durch die feindliche Invasion. 1 Der kleine Kanton mußte
öfters feindselige Expeditionen einzelner Bürger und Verbündeter
durch schweren Schaden an Hab und Gut bezahlen. Dieses wiederholte
sich zur Zeit der Villmergerkriege schon 1656 und besonders 1712.
Nur im Zusammenhang mit den Schreckenstagen nach der zweiten
Villmergerschlacht versteht man die Sonderstellung Zugs im Waffen¬
stillstand vom 28., 29. und 30. Juli 1712.
* *
♦
Als die feindselige Stimmung zwischen Zürich und Schwyz gegen
Ende des Jahres 1655 im Zunehmen begriffen war, wurden an der
zürcherisch-zugerischen Grenze geheime Wachtposten bestellt. Noch
am Weihnachtsabend ließ Zug einen bedeutenderen Teü seiner Truppen
gegen Baar ins Feld marschieren, und*auf einen «blinden Lärmen»,
entstanden zu Baar am 30. Dezember, wurden die Feuerzeichen auf
den Bergen angezündet und die gesamte Mannschaft unter die Waffen
gerufen. Am 10. Januar des Kriegsjahres 1656 rückte das zugerische
Landesfähndli mit «Stucken und allem Volk » gegen Baar ins Feld,
wo ein rechtes Kriegslager geschlagen wurde. Die Truppen zählten
900 Mann und standen unter der Führung von Landeshauptmann
1 Siehe die Schilderung, nach den neuentdeckten Quellen dargestellt, in
Zeitschrift für Schweiz. Kirchengeschichte, 17. Jahrgang. S. 81 ff.
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174
Karl Brandenberg, Statthalter von Zug, und Major Hauptmann
Heinrich Zurlauben; dazu kam nach der Zusammensetzung des
damaligen zugerischen Wehrwesens noch je ein Hauptmann für die
Truppe einer jeden Gemeinde. Zu den Zugem gesellten sich im Laufe
des Januars auch Truppenkontingente von Uri, Unterwalden und
Rotemburg, die in der Stärke von ungefähr tausend Mann ebenfalls
in Baar ihr Lager bezogen. Das waren die Schutztruppen des fünf-
örtigen Heeres an der zugerischen Grenze. 1
Die Truppen waren in guter Verfassung ; mit großer Gewissen¬
haftigkeit standen die Männer auf ihren Wachtposten. Ein religiöser
Geist beherrschte die Mannschaft ; mit allem Fleiß oblag man « dem
hl. Gebet des Rosenkranz », auf den Wachten zu Schönenbühl, Nordikon
(jetzt Notikon genannt = Weiler, nordöstlich von Baar), Sihlbrugg
und Finstersee wurde im Felde die Messe gelesen. Aus jeder zugerischen
Pfarrei war ein Geistlicher mit der Mannschaft ins Feld gezogen, die
als « Feldprediger» die Truppen begleiteten. 2 3
Es fehlte nicht am guten Willen, sich gegenseitig ins Land zu fallen,
zu schrecken und zu schaden. Sobald an einer Grenzstelle die Wachten
nicht bestellt waren, erfolgte ein feindlicher Einfall. Trotz Verbot
drangen 400 Katholiken aus dem Lager von Baar bis nach Maschwanden
vor, mußten aber auf energischen Befehl des fünförtigen Kriegsrates,
der solche Praktiken verabscheute, ohne Beute « mit lären Henden und
Beüchen » unverrichteter Dinge ins Lager zurückkehren. Noch größer
war die Unternehmungslust zu diesen Dingen auf Seite der Zürcher;
einzelne Horden derselben drangen sogar unter Anführung von Haupt¬
leuten ins Schwyzerland ein ; die Gegend am Rhein, wo der Katholizis¬
mus noch erhalten war, namentlich das Kloster Rheinau, wurde schwer
heimgesucht. Hauptmann Hoffmeister von Zürich, der mit seiner
Mannschaft die Katholiken in Wollerau beim Gottesdienst « under der
hl. Meß erwürgen » wollte, bezahlte sein Vorhaben mit dem Tode. 8
1 Vgl. darüber Pfarrer Jakob Billeter’s (1630-17x2) Chronik, publiziert in
dieser Partie über den 1. Villmergerkrieg von E. Wymann in der Zeitschrift für
Schweiz. Kirchengeschichte. 10. Jahrg. S. 146 ff. Billeter war Feldkaplan von
Ageri, also Augenzeuge. Interessante Mitteilungen dazu enthält das Taufbuch
von Baar, niedergeschrieben von Pfarrer Petrus Andermatt, von Baar. (1646-1675.)
Derselbe schreibt zum 24. Januar: « Hoc tempore hic castrametati sunt ex Sub-
sylvania, Urania et Rotemburg viri circiter mille et ex nostro Cantone und dem
Landtsfendli viri 900 contra Tigurinos Raperswila obsidione prementes.» Tauf¬
buch von Baar zum Jahre 1656.
* Billeter, a. a. O. S. 150 f.
3 Billeter, a. a. O. S. 149.
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175
Bei solch feindseliger Stimmung war es nicht zu begreifen, daß
die fünförtige Kriegsleitung die Grenze gegen den Kanton Zug auf
den ii. Februar der Schutztruppen gänzlich entkleidete und die
Sicherheit des Landes nur wenigen Wachtposten anvertraute. Jeden¬
falls konnte nur eine dringende Notwendigkeit dieses Vorgehen recht-
fertigen. Schon am 31. Januar waren 800 Mann aus dem Lager zu
Baar ausgehoben worden, um dem bedrängten Rapperswil Erleichterung
zu schaffen. Allein erst als sämtliche Truppen von Baar vereinigt mit
den schwyzerischen in die Offensive rückten, — die Schwyzer «von
oben herab und die zu Baar unden herauf » — gelang es, die starken
Schanzen der Zürcher auf dem Gebiete des rechten Seeufers zu stürmen
und den Feind zu vertreiben. Am Abend des 11. Februar kehrten
$
die Truppen nach Baar zurück. Sie glaubten das Land vor dem Feinde
sicher, und ermüdet legte man sich nieder, nicht darauf achtend, ob
die Wachtposten wohl bestellt waren. 1
Aber schon standen feindliche Rotten an der Grenze, gewahrten
diese Schwäche und überraschten das Zugerland im nördlichen Gebiet
mit einem nächtlichen Überfall. Die zürcherische Mannschaft von
Kappel her drang bis zur Sihlbrugg, Büßikon und Notikon vor ; die
Wachtposten vermochten nicht zu widerstehen und ergriffen die Flucht.
Sie überzogen die wehrlosen Bauemgehöfte mit bedeutender Brand¬
schatzung. An der Grenze zu Sihlbrugg verbrannten sie die Mühle,
in Notikon gingen drei Häuser mit den Scheunen und Ställen, auf
Büßikon zwei Häuser in Flammen auf. Erschreckt flüchtete die
Bevölkerung ; nur auf Notikon blieb ein siebenzigjähriger Greis, Quästor
Jakob Steiner, in seinem brennenden Hause und starb den Feuertod. 2
In der gleichen Nacht fielen zürcherische Truppen aus Maschwanden
in die Gegend des Klosters Frauenthal ein. Das Klostergebäude mit
seinen Insassen blieb zwar vom Überfall gänzlich verschont, wohl
1 Billeter, a. a. O. S. 150. Pfarrer Andermatt schreibt dazu 1. c . zum
11. Februar: Hoc tempore scilicet die 11. Februarii milites nostri catholici irrup-
tionem fecerunt in partes Tigurinorum (: durante adhuc obsidione in Rappers¬
wil :) ; primo versus Hütten, ubi cum Suitensibus coniunctione facta, illam cellam
(: d. i. Hütten :) opugnarunt et postea totam ditionem illam usque ad pontem
pervaserunt, Tigurinis omnibus fugientibus.
2 Billeter, S. 150. Andermatt schreibt im Taufbuch 1. c. « Cumque nostri
milites vespere per pontem sylicem (: Sihlbrücke nordöstlich von Baar :) huc
redierunt, noctu venerunt ex Cappel Tigurini et tres domos in Nortikon cum
adiunctis horreis etstabulis incinerarunt vigilibus infuga coniectis, in quo incendio
quaestor Jacobus Steiner, vir 70 annorum circiter in sua domo combustus est.
Eadem nocte incineratae sunt duae domus in Büosiken, aliae et in Frauwenthal. »
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— 176 —
deshalb, weil es, auf einer Insel der Lorze stehend, von den Wacht¬
posten besser verteidigt werden konnte. Die Feinde hatten es aber
dennoch auf eine bedeutende Schädigung des Klostergutes abgesehen;
sie verbrannten ihm die Pferdescheune, die Sennhütte, deren Keller
mit Käse angefüllt waren, und auf seinen Lehenhöfen zu Hattwil
Haus und Scheune, zu Islikon die Scheune. Die erschreckten Kloster¬
frauen dankten Gott und ihrer Patronin Maria, daß ihre altehrwürdige
Wohnstätte vor Brandschatzung verschont geblieben und gelobten ein
Amt auf den Tag des feindlichen Einfalles. Sie schrieben es einer
wunderbaren Fügung zu, daß ihre Ziegelhütte, an welche die Eindring¬
linge Feuer angelegt, nicht auch ein Raub der Flammen wurde. 1 Am
10. März verließen die fünförtigen Schutztruppen ihr Lager zu Baar. *
• *
Von katastrophaler Bedeutung war für das Zugerland ein feind¬
licher Einfall der Zürcher im Zwölferkrieg. Nachdem Zürich an der
zugerischen Grenze verschiedene kriegerische Vorbereitungen getroffen
und öffentliche Wachtposten hingestellt hatte, ließ Zug am 19. April
1712 sein Banner und Landesfähnlein nach Baar ins Feld marschieren,
in einer Stärke von 900 Mann unter Führung von Ammann und Ritter
1 Über den Einfall in Frauenthal berichtet uns neben Billeter und Andermatt
hauptsächlich das Necrologium des Klosters. S. 2x1: «Unseren Nachkommen
sin zu wüssen, wie das unser Gottshaus unser lieben Frauenthal von den Ma-
schwandern und Zürcheren anno 1656 den 10 Hornung (: das Datum stimmt mit
den obigen Quellen und mit P. Dietrich's ausführlichen « ohnpartheiischen > Auf¬
zeichnungen. welche den 11. Februar angeben, nicht überein :) an drien Orthen
in Brand gesteckht. Als die Roßscheür voller Heüen, welche zwahr ufem Boden
wäägbrunnen, jedoch ein Viehstahl der an dieser Scheür war, vom Feür unver¬
letzt bliben ; item die Sennerei oder Sennhütten sambt dem angefülten Kä߬
gaden ist auch verbrunnen, die Ziegelhüethen ist auch angezündt worden, aber
ohne menschliches Zuthun wieder erlöschen ; umb fehmers ist zu wüssen, das
auch gemelten Tags und Jahrs von gemelten Zürcheren und Maschwanderen uf
unserem Lehenhof Hattwyll Haus und Scheür verbrennt, und ufem Hof Islikon
haben sie die Scheür verbrennt, welches dem Gottshaus auch nit ohne Kosten
abgangen.»
1 Pfarrer Andermatt schreibt zum 10. März: «Pace tandem reparata per
cantones impartiales seil. Freiburg. Solothurn et Basel, da viel Ding zum umpar-
theischen eidgenössischen Rächt gesetzt worden, hodie milites Subsylvanienses et
Uranienses discesserunt in patriam. Utinam sit pax bona et stabilis. Superiores
nostri bellici totaliter ferme suspecti fuerunt quasi cum Tigurinis correspondirent.
Deus novit, quod fuerit. »Vgl. dazu Stadlin, Geschichte von Zug, IV. Bd. S. 551.
bes. Anm. 238.
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4 ^ -
• «T
— i77 —
Beat Jakob Zurlauben von Zug als Landeshauptmann und Landvogt
Joh. Rudolf Kreuel von Baar als Major. Auf dem Birstfelde zu Baar
wurde die Truppe vereidigt, mit einem eindrucksvollem Erlaß des
Stadt- und Amtsrates exhortiert, worauf man im Dorfe Baar Quartier
bezog, um von da aus die Wachtposten an den Grenzen zu beziehen. 1
Zu diesen zugerischen Schutztruppen kamen 900 Mann aus Uri unter
Landammann Püntiner, die am 22. Mai in Baar eintrafen. * Auch
Schwyzer, Unterwaldner und 950 Walliser waren in den Kanton Zug
einmarschiert und hatten ihr Lager an verschiedenen Orten, besonders
im Kloster Frauenthal, bezogen ; es waren, nach einem Bericht des
Nuntius Carraccioli zu schließen, gegen den Zeitpunkt des verhängnis¬
vollen Sankt Jakobstages 3000 Mann Schutztruppen im Kanton Zug. 8
Aber die geistige Verfassung dieser Truppen ließ zu wünschen übrig ;
einzelne Kontingente waren ihrer Arbeit müde geworden und mußten
durch andere ersetzt werden. 4
Dieser Umstand, in Verbindung mit dem blutigen Ausgang der
Villmergerschlacht, hatte für den Kanton Zug verhängnisschwere
Folgen. Als gegen Abend des 26. Juli immer mehr die Botschaft vom
unglücklichen Ausgang der Schlacht und vom großen Verlust des
katholischen Heeres bekannt wurde, waren die fünförtigen Truppen
im Zugerland nicht mehr zu bereden, auf ihren Posten auszuharren.
Sie nahmen rasch ihren Rückzug und kehrten über Zug in die Heimat
zurück. Alles Bitten und Anhalten der Zuger, auch die Erinnerung
an den goldenen Bund und die Bruderbriefe, selbst das Anerbieten
der kostenlosen Verpflegung halfen nichts; die Truppen waren zu
fernerem Verbleiben nicht mehr zu bestimmen, trotzdem sie sahen,
wie überall die Feuerzeichen des eindringenden Feindes in die Höhe
1 Vgl. Archivale Nr. 630 des Faszikels zum 2. Villmergerkrieg im Staats¬
archiv Zug.
* Eidg. Abschiede VI, 2, 1, Nr. 370.
* Eidg. Abschiede VI, 2, 2, Nr. 830 und 863 ; vgl. dazu die interessanten
Berichte der Abtissin Mr. Verena Mattmann und des Beichtigers P. Ludwig
Zurlauben im Klosterarchiv Frauenthal. Beide Berichte melden uns die Ein¬
quartierung der einzelnen Truppen im Kloster und wie dasselbe dadurch stark
mitgenommen wurde.
4 Eidg. Abschiede 1 . c. Nr. 830. Die Unterwaldner zogen einfachhin heim,
als der Heuet einsetzte und mußten durch Walliser ersetzt werden. S. auch
Protokoll des Stadt- und Amtsrates vom 20. Juni 1712, Nr. 4, S. 44 : Das Panner
und Landesfähnli der Zuger ist zu Baar, die Urner in St. Wolfgang, die Unter¬
waldner abgereist; den Offizieren soll aafgetragen werden, die Posten und Wachten
sorgfältig zu bestellen; ein Teil der Truppen soll nach Frauenthal versetzt werden.
REVUE D'HISTOIHE ECCL&SIASTIQUE 13
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- 17« -
stiegen. 1 Zug sah sich nun genötigt, seine kleine Mannschaft über
die Lorze zurückzuziehen, und erbarmungslos war nun der nördliche
Teil seines Landes dem Feinde überliefert.
Am frühen Morgen des 26. Juli rötete sich der Himmel ob dem
Zugerland von den überall auf steigenden Feuersäulen ; Schrecken und
Furcht erfüllte das Volk. Der Großteü des zürcherischen Freiaint-
korps, in der Stärke von 8000 Mann, war in den nördlichen Teil des
Landes eingefallen. Die noch spärlichen Wachtposten flüchteten oder
vermochten nur geringen Widerstand zu leisten, und so wurde der
Einfall für den Feind zu einem Spaziergang. In zügellosen Horden,
nicht mehr achtend auf die Befehle ihrer Offiziere 2 , drangen die
erbitterten Soldaten in die kleineren Dörfer und Bauernhöfe nördlich
der Lorze vor, raubten und brannten an den meisten Orten in schonungs¬
loser Art. Ganz « begeistert » schrieb Major Lochmann, der von der
Hirzeihöhe im weiten Land eine First nach der andern aufflammen
sah, in der Morgenfrühe des 26. Juli nach Wädenswil: « Es geht ein
Rauch und Feuer vor dem andern auf, daß es eine Lust zuzusehen,
es scheint, wie der große Krieg. » 3
Eine Kolonne von 1200 Mann rückte gegen das Kloster Frauenthal
vor, das schon lange vom Feinde mit Brandschatzung bedroht worden
war. Schon lange Zeit hatte man im Gotteshaus deshalb böse Dinge
befürchtet, und seine Bewohner hatten sich schon früh, bei Zunahme
der Feindseligkeiten, mit den Kostbarkeiten und vielem Proviant in
die Stadt Zug geflüchtet, wo man im obem Zurlaubenhof eine Zufluchts¬
stätte fand. Die Klostergebäude wurden zwar von den Flammen ver¬
schont, wahrscheinlich deshalb, weil gleich anfangs höhere Offiziere
1 Sehr bitter beklagt sich Zug in einem Schreiben an die übrigen 4 Orte
vom 28. Juli; es sei ganz « desoliert verlassen » worden, « auch unangesehen unser
an sie widerholten mehrmahlig- und trungentlichen Pitten, Erinnerrung des
güldenen Pundts und Brueder Brieffs, auch gratis von seithen unser Statt deren
selben anerbotten Speiß, Tranckh und Gelts gäntzlichen abandoniert worden,
und das obwohl sie das betrübte Spectakhel der mit Feür angestekte Häusern und
Schüren mit Augen sehen konten ». Staatsarchiv Zug, Archivale Nr. 419 des
Faszikels zum 2. Villmergerkrieg.
2 In den Waffenstillstandsverhandlungen machte die zürcherische Generalität
geltend, daß « dise scharpfe Procedur und Abbrennung der Häuser ohne Wüssen
und Befelch der Offiziere, wol aber aus Rach und Raserei von ihrem gemeinen
Mann beschechen seie ». S. Staatsarchiv Zug 1 . c. Nr. 431. Zum Einfall vgl. auch
Eidg. Abschiede VI, 2, Nr. 876, 877, 885, 891 und 893.
3 Siehe den Brief im Staatsarchiv Zürich A 236, 13 und dazu Gtfr. Guggenbvhl:
Zürichs Anteil am zweiten Villmergerkrieg 1712, in » Schweizer Studien zur
Geschichtswissenschaft», Bd. IV. Heft 1, S. 196.
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179
von demselben Besitz ergriffen, späterhin auch der zürcherische Kriegs¬
rat in demselben Wohnung nahm. 1 Es wurde aber gänzlich aus¬
geraubt, und insbesonders hatten es die Soldaten auf die Zerstörung
der Bilder und Statuen abgesehen. Der Lehenshof Hattwil wurde
gänzlich in Asche gelegt. 2
Eine andere Truppe zog gegen das Dörfchen Rumentikon. Es
wurde beinahe gänzlich ein Opfer der Brandschatzung, indem 22 Firsten
in Feuer auf gingen. Immerhin scheinen hier noch menschlichere Feinde
an der zerstörenden Arbeit gewesen zu sein : ein bereits angezündetes
Haus, aus dem ein Knabe um Hilfe schrie, löschten die Zürcher
wieder. 3
Am wenigsten menschliche Rücksichten kannten jene Truppen¬
kontingente, welche in die nordöstlichen Teüe der Gemeinde Baar
eindrangen, uneingedenk früherer guter Nachbarschaft der alten,
lieben Miteidgenossen. Besonders Deinikon mußte die Rachegelüste
der wilden Eindringlinge bitter fühlen ; nicht weniger als 15 Häuser
und 15 Scheunen, dazu 10 Trotten, wurden ein Raub der Flammen. 4
Das ganze Dörflern mit seinen schönen Bauemgehöften, ein einziges
Haus ausgenommen, war bis zum Abend ein Aschenhaufen geworden.
1 Ausführlich schildert den Einfall und die feindlichen Handlungen das
Nekrologium des Klosters S. 209 ff. und eine Aufzeichnung der Äbtissin Mr. Verena
Mattmann. Aus denselben geht hervor, daß der Einfall in Frauenthal ohne allen
Widerstand erfolgte, weil «alle Soldaten schelmischer Weiss darfon geloffen und
das Gottshaus verlassen »; die Zürcher haben « das ganze Gottshaus ausgeplündert,
die geistliche Gemahlt und hl. Bilder Theils zerhauen, zerstochen und sonst gott¬
loser Weiss damit umgangen und gehandelt, das zu erbarmen ist, wie dann das
große Crucifix auf dem Tormitori und jene Tafel, so in der Kirchen das halbe
Angesicht Christi praesentiert .... » Der Bericht der Äbtissin hebt besonders
hervor : ■ Zuo wüssen seie noch, daß zwar auch vill aus der Kirchen geraubt und
verderbt ist worden, so ist gleichwohl unserem mirakulosischen Vesper- und
Mariabild in der äußeren Kirchen kein Leid widerfahren, zweifelsohne aus sonder-
bahrer Verordnung Godtes. » Das Klostergebäude war gänzlich ausgeraubt:
«also daß kein hölzerne Kelle, kein Wäschblätz, kein Bäse mehr im Kloster
funden ist worden. » Auch die Ökonomiegebäude wurden ausgeraubt, die gesamte
eingeheimste Ernte « nit weniger als 3500 Garben und alle noch hier geblibenen
Win », die Ställe des Viehes entleert u. a.
2 « nemblich Haus, Schür, Spicher, Schwinstähl, und Holzhaus, alles in die
Eschen gelegt»; Bericht der Äbtissin. Wahrscheinlich wurde auch der Hof
Islikon niedergebrannt, wie Archivale Nr. 41$ St.-A. Zug besagt: «sambt zweien
dem Gottshaus Frauenthal gehörigen Meyerhöffen. »
3 St.-A. Zug, Nr. 419, 571 und 572 : « Rumeltickhen in die 22 Firsten, alles
in der Jurisdiction der Statt gehörig. » Auch in die Kapelle von Niederwil drangen
die Soldaten ein und zerstörten den Altar, s. Protokoll des Stadtrates von Zug
im Stadtarchiv vom 10. Sept. 1712, Nr. 5.
* Vgl. Staatsarchiv Zug 1 . c. Nr. 571.
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— i8o —
Erschreckt von solcher Grausamkeit, flüchtete sich, wer fliehen konnte.
Aber nicht immer war dies der Fall. Thomas Langenegger, ein Greis
von 70 Jahren, der mit seinem Bruder Jakob auf den Höfen zu
Notikon lebte und wegen seines Alters nicht mehr fliehen konnte,
wurde von einer feindlichen Kugel schwer verwundet und starb am
gleichen Tage. 1 Noch ein tragischeres Schicksal erreichte Frau
M. Veronika Steiner zu Notikon ; die arme Frau wurde von einer feind¬
lichen Kugel durchschossen und dann mit ihrem Sohn A. Silvan, einem
jungen Knaben, in das brennende Haus geworfen, und erst nach Abzug
der feindlichen Truppen konnten ihre verbrannten Leichen auf dem
Friedhof von Baar beigesetzt werden. 2 Ein Verzeichnis der Brand¬
schatzungen und der Brandbeschädigten von Deinikon ist uns erhalten
in einem Schreiben des Amtmanns Lavater von Kappel. Lavater
hatte im Auftrag des Bürgermeisters und Rates von Zürich nähere
Erhebungen über den Brandschaden gemacht, denn die meisten der
niedergebrannten Gehöfte standen damals noch im Erblehen des
Klosters Kappel, dessen Verwaltung seit der Reformation an den Rat
übergegangen war. 3
In ähnlicher Vehemenz rückten einzelne Soldaten auch gegen die
zugerische Gegend an der Sihlbrugg. Auch da verbrannten sie das
Haus und die Scheune des Färbers Christof ; das Haus und die Mühle
des Franz Heinr. Wäber demolierten sie in arger Weise. 4
1 Pfarrer H. Franz Nägeli (1694-1726) schreibt im Totenbach von Baar zu
diesem Vorfall : « Thomas Langenegger vir annorum circiter 70 non longe a suo
domo graviter globo vulneratus, obiit eodem die. » Seinem Bruder Jakob wird
wegen diesem Ereignis und in Rücksicht, daß die Brandschatzung erst nach dem
Waffenstillstand erfolgte, eine besondere Empfehlung von Stadt- und Amtsrat an
Zürich bewilligt. S. Protokoll des Stadt- und Amtsrates Zug im dortigen Staats¬
archiv, S. 53 f.
* Pfarrer Nägeli schreibt im Totenbuch : « Maria Veronica Steiner uxor
Joannis Jacobi St. a Tigurinis globo transfossa prope domum suam, quam cum
filio Andrea Silvano St. in laeso igni domus incensae iniecto, medium adusto
simul sepelierunt, finito autem bello effossa cum filio in coemeterio sepulta est
17. Augusti. »
* S. das Schreiben im Staatsarchiv Zürich, Tom. VIII, S. 37, Nr. 1204. vom
17. Jenner 1713; nach demselben waren verbrannt: In Büßikon 2 Häuser,
3 Scheunen ; in Nordikon und Lenteli 4 Häuser und 3 Scheunen ; in Tann und
Taybüel 6 Häuser und 6 Scheunen ; in Frühberg 3 Scheunen und 3 Häuser. Dazu
berichten die Akten die Brandschatzung von 3 weiteren Häusern auf dem Gebiet
der Gemeinde Baar; siehe Staatsarchiv Zug 1 . c. Nr. 431. — 20-30 Familien
waren obdachlos geworden.
4 Staatsarchiv Zug 1 . c. Nr. 99, Schreiben Zugs an Zürich vom 15. Aug. I 7 1 --
Aus dem Besitz Wäbers allein hatten die Zürcher 400 Bürden Heu weggeführt.
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Zu all diesen Brandschatzungen und Beschädigungen kam der
schwere Verlust an Heu und Getreide. Die Ernte war schon eingeheimst
und nun den Heimgesuchten verloren. Mit bitteren Klagen erschienen
die armen Leute, denen «Häuser und Heimat abgebrannt worden
und mithin umb Alles kommen », am 26. August 1712 vor dem Rat
der Stadt und des Amtes Zug. Einzelne klagten, daß ihnen die Brand¬
schatzung erst nach dem Waffenstillstand zugefügt worden, was darauf
schließen läßt, daß die Erbitterung der feindlichen Soldaten keine
Grenze hatte. 1 Mit den Brandbeschädigten kamen auch die Blickens-
dorfer und brachten vor, daß sie in ihren Wäldern auf den Anhöhen
der Aabem und Schönenbühl gar großen Schaden erlitten haben ; die
Feinde hätten ihnen «in etlich 1000 Thannen » niedergehauen. 2
Angst und Schrecken erfüllte das Volk des Zugerlandes am Tage
dieser Kriegsheimsuchung ; man fürchtete überall ein weiteres Vor¬
rücken des Feindes, zumal in Baar, wo man glaubte, der Feind werde
das ganze Dorf in Asche legen und auch der Kirche nicht schonen.
Der Kriegsrat von Zug, beständig versammelt auf dem Rathaus von
Baar, beschloß deshalb eine Gesandtschaft unter Führung von Major
Kreuel ins zürcherische Lager. 3 Man traf sich in Kappel und kehrte
am späten Abend nach Baar zurück, mit einem Schreiben des Feld-
obersten des zürcherischen Kriegsrates, das eine friedliche Gestaltung
der Dinge versprach für den Fall, daß « Realitäten in die Hand gäben
werden, daß dasjenige, so wir sonst durch Gewalt der Waffen zu
occupieren beordert, uns ad interim güetlich über lasen theten» 4 * ;
sonst aber wurde die rasche Fortsetzung der Feindseligkeiten in
Aussicht gestellt. Abends 10 Uhr begab sich eine Abordnung des
zugerischen Kriegsrates 6 nach der Brücke zu Blickensdorf, um die
Bedingungen eines Waffenstillstandes entgegenzunehmen. Es dauerte
bis 1 Uhr Nachts, bis die zugerischen Boten sie erfahren konnten, und
1 So Beat Oswald Hotz und Jakob Steiner, ferner Jakob Langenegger für
sich und seines Bruders Thomas sei. Erben, was darauf schließen läßt, daß der
Mord an Thomas erst etwas später erfolgte.
1 Vgl. Protokoll des Stadt- und Amtsrates vom 26. Aug. 1712. S. 53 im
Staatsarchiv Zug : « mithin in ihrem Gemeinwerckh der Wälder ein unersetzlicher
Schaden verursacht worden .... »
3 S. die Protokolle des zug. Kriegsrates im Staatsarchiv Zug 1 . c. Nr. 57 t
und 572.
4 S. das Schreiben im St.-A. Zug 1 . c. Nr. 428.
• Staatsarchiv Zug 1 . c. Nr. 572. Die Botschaft bestand aus Ammann und
Landeshauptmann Zurlauben, Major Kreuel, Stadtschreiber Vogt und Josef
Me yenberg.
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— i 82 —
schon innert einer Stunde, bis 2 Uhr, sollte sich Zug erklären, ob es
sie annehmen wolle, sonst werde sofortige Fortsetzung der Feind¬
seligkeiten erfolgen. 1 Nur die Einrede der zugerischen Boten, daß
auch die Gemeinden zu berufen und zu befragen seien in einer so
wichtigen Sache, konnte eine Verlängerung der Zeit bis morgens 7 Uhr
erwirken. Noch in der Nacht versammelte sich der Kriegsrat zu Baar
zur Beratung der gestellten Bedingungen. In aller Morgenfrühe
(: 5 Uhr :) wurden auch die Gemeindeversammlungen berufen und ihnen
die Punkte des Stillstandtraktates vorgelegt. Sämtliche Gemeinden,
namentlich Zug und Baar, entschieden sich für deren Annahme. Dazu
bestimmte sie die Sorge für das eigene Land, die Furcht vor weitern
Gewalttaten des Feindes, der indessen auf der Aabem ein festes Lager
geschlagen hatte und dessen Soldateska jeden Augenblick zu gleichen
Ausschreitungen bereit war.
Unter diesen Umständen kam der Waffenstillstand zwischen den
beiden Orten zustande. Abgeordnete des zürcherischen Kriegsrates
und der Stadt und der Gemeinden des äußern Amtes trafen sich am
28. Juli morgens 7 Uhr in einem Hause zu Blickensdorf 2 und Unter¬
zeichneten den Traktat. Es scheint aber, daß Zürich damit sich
nicht begnügte, sondern an den folgenden zwei Tagen an Zug neue
Forderungen stellte, welche dieses machtlos, wie es war, auch annehmen
mußte. So ist das erste Instrument vom 28. und 29. Juli, der Ergänzungs
akt vom 30. Juli datiert. 3 Er sollte bis zum Abschluß des Friedens
Geltung haben.
Dem Inhalte nach waren die Bedingungen des Traktates für den
Kanton Zug so schwer, daß es gleichsam seine Standeshoheit für einst¬
weilen einbüßte. Es mußte seine Mannschaft entwaffnen und versprechen,
bei Verlust «des Burger- und Landrechtes, auch Leib und Guths».
in diesem Krieg nicht mehr zu den Waffen zu greifen ; seine Brücken
über die Reuß, Lorze und Sihl mußte es bis zum Friedensschluß dem
Feinde überlassen und durfte niemand Durchgang gewähren gegen
Zürich und Bern ; die Gefangenen sollte es gegen die Vergütung der
1 S. das Protokoll des zug. Kriegsrates von der Nacht des 27. Juli. St.-A. Zuc
1 . c. Nr. 572, Seite 3.
* S. St.-A. Zug 1 . c. Nr. 572. S. 4 ; von Zürich waren zugegen Oberstfeld-
kriegsrat M. Landolt, Feldoberst H. Bodmer, Kommandant Ziegler von Kappel,
von Zug und den Gemeinden je 2 Abgeordnete, so besonders Zurlauben, Kreuel u. a.
a Eidg. Abschiede VI, II, 2, Nr. 892. Das Original des ersten Traktate?
befindet sich auch im St.-A. Zug 1 . c.. Nr. 97.
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— 183 —
Zehrung, aber ohne jede «Ranzion», auf freien Fuß setzen. Was am
meisten schmerzen mußte, war die Stellung von Geiseln, welche in der
Haft zu Zürich die sichere Gewährung all der gestellten Forderungen
verbürgen mußten. Anfänglich wurden von Zürich nur drei Mann
gefordert, am folgenden Tage, den 29. Juli aber neun, nämlich von
der Stadt drei und je zwei von jeder Gemeinde. 1 Von finanziellen
Leistungen sah man, wohl im Hinblick auf den großen Schaden, den
Zug beim Einfall erlitten, ab ; Zug mußte während der Besetzung bis
zum Friedensschluß das «lange Futter» an die Pferde des Feindes
liefern. 2
Die feindlichen Truppen blieben bis zum 15. August im Zugerland.
An diesem Tage wurden alle besetzten Posten und Stellungen, so
besonders das Kloster Frauenthal, zu Händen ihrer Besitzer übergeben. 3
1 Die Forderung auf mehc Geiseln wurde bei der Ratifikation des Vertrages
durch den Rat von Zürich gestellt. Siehe Anhang in der Urkunde, wo es heißt:
« Worbi wir wollen, daß von bedeutet unseren getreuen lieben alten Eidgenossen
der Statt und Ambt Zug an statt drei versprochner Pfand- oder Burgmänneren
von der Statt drei und jeder der drei Gemeinden zwen ohne Anstand zur besserer
Sicherheit des Traktats in unser Statt gesendet werden.
* St.-A. Zug 1 . c., Nr. 572, namentlich die Protokolle vom 6. und 13. August
1712.
8 S. das Verzeichnis von P. L. Zurlauben im Klosterarchiv Frauenthal, S. 4.,
der schreibt: «den 15. August in festo Assumptionis B. V. hat die Generalitet
von Zürich mich auf Frauenthal abgeforderet, da ich dan umb 1 Uhr Nachmittag
erschin, und haben mihr das Kloster zwar mit allem Respect, mit Darreichung der
Schlüssen und Führung in die Kirche festlich übergeben.» [Die Benützung der
Archivalien aus dem Klosterarchiv Frauenthal verdanke ich der E. gnädigen
Frau Abtissin Sr. Mr. Agatha Bossard.]
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Januarius Dangei, Abt von Rheinau
( 1725 - 1775 ).
Von Joseph TROXLER, Rektor, Münster (Luzern).
Eine Stunde unterhalb des Rheinfalles bei Schaffhausen lag einst,
vom Rhein umspült, das Benediktinerkloster Rheinau. Noch ragen
die stattlichen Doppeltürme hoch auf als ernste und stumme Zeugen
der Wechsel vollen Schicksale dieses tausendjährigen ehrwürdigen
Gotteshauses.
Nach den Stürmen des Reformationszeitalters 1 nahm das Kloster
infolge einer gründlichen Umbildung im Sinne des Konzils von Trient
im XVII. Jahrhundert einen neuen Aufschwung und galt im XVIII.
als ein Muster klösterlicher Disziplin.
Gleich zu Beginn dieses Zeitraumes lag die Leitung des Stiftes
Rheinau in bester Hand. Abt Gerold II. Zurlauben (1697-1735), ein
i
gelehrter und frommer Mann, Sohn des berühmten Landammanns
Beat Jakob Zurlauben von Zug und Bruder des Fürstabtes Plazidus
Zurlauben von Muri, baute in den Jahren 1705-1710 die schöne
barocke Klosterkirche, führte ausgezeichnete Ökonomie und sorgte für
genaueste Beobachtung der Klosterregel.
Sein Nachfolger Benedikt Ledergerw von Wü war Abt von 1735
bis 1744. Streitigkeiten mit den Bürgern von Rheinau wurden von
der Tagsatzung der Schirmorte, ein Rechtshandel mit der bischöflichen
Kurie zu Konstanz von der römischen Rota zu Gunsten des Klosters
entschieden.
Ihm folgte Bernard II. Rusconi aus einem vornehmen Luzemer-
geschlechte (1744-1753). Erst unter ihm kamen die unbotmäßigen
1 Vergl. J. G. Mayer, Rheinau und die Reformation, in Kath. Schweix.
Blätter 1889 d. Waldburger, Rheinau und die Reformation, im Jahrb. f. Schweiz.
Gesch. XXV (1900) ; dazu J. G. Mayer, ebd. XXVI (1901).
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- i8 5 -
Rheinauer Bürger wieder zur Ruhe. 1 Er hinterließ verschiedene die
Geschichte Rheinaus betreffende Manuskripte, war ein guter Ökonom
und hielt strenge Klosterzucht. Abt Augustin Calmet O. S. B., ein
hervorragender Exeget und Historiker, kam auf seiner Schweizerreise
am io. Juli 1748 nach Rheinau und spendet in seinem «Diarium
Helveticum» Abt Bemard und seinem Kloster hohes Lob. 2
Unter Abt Bemard II. Rusconi begann P. Januarius Dangel seine
Tätigkeit als Konventual von Rheinau. Der Stammvater des Münsterer
Geschlechtes Dangel war Peter Dangel, der 1570 Mitglied des Rates
wurde und 1579 starb. Eine Reihe verdienter Persönlichkeiten geist¬
lichen und weltlichen Standes sind aus dieser Familie hervorgegangen. 3
Maria Ursula Dangel war 19 Jahre Priorin und von 1674 bis 1678
Äbtissin des Klosters Eschenbach. In weiteren Kreisen bekannt sind
die drei Goldschmiede Othmar Dangel (1658-1719), Jost Joseph Dangel
(1695-1766) und Peter Aegid Dangel (1729- ?), von denen der erste
der Großvater, der zweite der Vater und der dritte der Bruder unseres
Abtes war. 4
Jost Joseph Dangel, der spätere Stiftskammerer und Ammann,
verehelichte sich am 5. Februar 1720 in Schongau mit Maria Katharina
Keusch von Merenschwand (f 20. Febr. 1737). Der Ehe entsprossen
10 Kinder, 6 Söhne und 4 Töchter. Von den Söhnen traten nicht
weniger als fünf in den geistlichen Stand. Der älteste, Franz Michael
1 Siehe : Wahrhafft- und gründliche Beantwortung der grundfalsch und
höchst ärgerlichen Schmach-Schriften, welche unter dem betrüglichen Titul :
Standhafft- und unumstößlicher Beweis etc.wider das löbl. Gottshaus
Rheinauw .... ein gewissenlose Feder in öffentlichen Druck ausgesprengt ....
Costantz 1747. fol. 133 S. — Thurg. Kts.-Bibl. BA 810. Vergl. Haller, Bibi, der
Schweizer Geschichte VI, 210.
* .quo Praesule nihil affabilius, certatque in eo prudentiae aequalitas
cum probitate, morum suavitate et vigilantia gregis sibi crediti, qui omni humani-
tate omnique favoris et benignitatis affectu triduo nos apud se recreavit ....
Pauca reperias in tota Helvetia coenobia hoc Rhenoviensi clegantiora et splen-
didiora. In eo aluntur monachi numero 40. Florent ibi pietas et accurata disci-
plinae regularis observantia vigentque in primis studia Philosophiae et Theologiae,
favente stimulumque addente praestantissimo Abbate doctrina simul et virtutum
decore conspicuo. » Diar. Helv. Einsiedeln 1756. p. 117, 121. — Vergl. über
diese Abte auch P. Beat Muos, De iure advocatiae tutelaris Monast. Rhenov.,
Lucemae 1748, p. 72-86 ; P. Moritz Hohcnbaum van der Meer, Kurze Geschichte
der tausendjährigen Stiftung des Gotteshauses Rheinau. Donaueschingen 1778
(auch unter dem Titel: Tausendjähriges Schicksal des freien Gotteshauses Rheinau,
Constanz 1779).
* Vergl. M. Estermann, Die Stiftsschule von Beromünster, S. 135 f.
4 Schweiz. Künstler-Lexikon I, 339; IV, 116.
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i86
Joseph Leonz, geboren den 12. April 1721, wurde Zisterzienser in
St. Urban, legte 1738 als P. Franz Profeß ab, wurde 1744 Priester,
1759 Prior, 1762 Statthalter der Herrschaft Herdem und Liebenfels
im Thurgau, dann Novizenmeister und Prior im Kloster und starb
am 13. Mai 1786. Der zweite Sohn war Jost Dietrich (Theoring) Anton,
geboren den 4. Januar 1724. Er wurde 1747 Kaplan in Beromünster,
war 1748-1752 Pfarrer in Oberkirch, dann 1752 Vierherr zu St. Niklaus
in Sursee, 1775 solcher an der Liebfrauenpfründe und zugleich Kustos
der Pfarrkirche. Im Jahre 1782 wurde er Sextar und starb am
24. Juli 1798 ; das Sterbebuch Sursee nennt ihn « musices peritissimum ».
Der dritte Sohn ist Jakob Moritz Dionysius, unser Abt Januarius,
geboren den 9. Oktober 1725. Taufpate war Moritz An der Allmend,
Chorherr und Kustos (f 1735). Der vierte Sohn hieß Jost Ranutius,
geboren 26. Juni 1728, wurde 1757 Kaplan zu St. Martin in Bero¬
münster und 1759 Stiftsorganist, gestorben am 1. Dezember 1778.
Der letzte Sohn war Melchior Rudolf Xaver, geboren 26. März 1736,
studierte in Rheinau, war volle 45 Jahre, vom 4. Juni 1764 bis 1809
Pfarrer in Knutwil, wurde dann Chorherr in Münster und starb als
Jubilat am 14. Februar 1821. — Von den vier Töchtern wurde eine
Zisterzienserin in Rathausen (Sr. M. Josepha Edmunda) ; eine andere
war seit 1763 verheiratet mit Dr. med. Jost Sutter in Münster.
Jakob Moritz Dionysius, der dritte Sohn und spätere Abt, machte
seine ersten Studien an der Lateinschule in Münster unter Franz
Dominik Riser von Bremgarten, der 1733-1770 hier Schulherr war.
Die obere Syntax absolvierte er in Luzern, wo er auch weitem Unter¬
richt in der Musik und im Orgelspiel genoß. Am 13. Oktober 1740
kam er nach Rheinau, um dort die Poesie und die Rhetorik zu studieren.
Als Schüler führte er sich so gut auf, daß man ihn für würdig hielt,
am 24. Aprü 1742 das Novizenkleid zu empfangen. Am 23. Mai 1743
legte er unter Abt Benedikt mit den nachmaligen Patres Maurus
Werner von Greuth, Anselm Negele und Sebastian Greuther die heilige
Profeß ab und erhielt den Klosternamen Januarius. 1 Am 18. März
1747 empfing er die Subdiakonats- und am 30. März 1748 die Diakonats¬
weihe in Konstanz, am 13. Oktober gleichen Jahres mit P. Benedikt
1 Später trat noch ein anderer Bürger aus seinem Heimatorte Beromünster
in Rheinau ein : P. Theobald Hiestand, geb. 10. Dezember 1733, Novize 1755,
Profeß 6. Januar 1756, Priester 16. Mai 1761, Musiklehrer und II. Kapellmeister.
Kalligraph, starb 7. März 1788. — Bernard Ruscont, Catalogus Abbatum et Reli-
giosorum Mon. Rhenov., fol. 412 (Mscr. in der Stiftsbibi. Einsiedeln) ; Freiburg.
Diöz.-Archiv XIV, 46.
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i*7
Kahe nach Altersdispens die Priesterweihe durch den apostolischen
Nuntius Philipp Acciaiuoli in Luzern. Seine Primiz hielt er am
27. Oktober 1748 in der Stiftskirche in Rheinau, wobei ihm Chorherr-
Senior Christoph von Fleckenstein von Beromünster assistierte und
sein Bruder Anton Dangel, Pfarrer in Oberkirch, die Ehrenpredigt hielt.
In der Folge leistete P. Januarius seinem Kloster in verschiedenen
Stellungen die besten Dienste. Zuerst war er Professor an der Kloster¬
schule. Aber schon am 5. Juli 1749 wurde ihm ob seiner großen
musikalischen Begabung das Amt eines Kapellmeisters übertragen, in
dem er 1751 durch P. Basilius Germann abgelöst wurde. Wiederholt
wird P. Januarius als Musikkomponist erwähnt *, in den Rheinauer
Quellen ist aber davon nirgends die Rede. Bis zur Stunde ist uns kein
musikalisches Werk Dangels zu Gesichte gekommen. Es ist nicht
ausgeschlossen, daß solche der Feuersbrunst zum Opfer gefallen sind,
welche am 9. August 1865 den Nachlaß des letzten Kapellmeisters von
Rheinau, des P. Ambrosius Widmer in Kaiserstuhl, zerstörte, der mehr
als dreißig Jahre lang musikalische Werke sammelte. 2 Sollten, wie mehr¬
fach behauptet wird, Kompositionen von P. Dangel gedruckt worden
sein, so werden solche mit der Zeit irgendwo zum Vorschein kommen.
Am 29. Januar 1752 erhielt P. Januarius einen neuen Wirkungs¬
kreis : er wurde zum Professor der Philosophie und am 15. Februar
1754 auch zum Professor der Theologie ernannt. Daß er auch im Lehr¬
fach seinen ganzen Mann stellte, beweist der rege Anteü, den er an
den Disputationen im Kloster Rheinau genommen hat.
Dort herrschte im XVIII. Jahrhundert ein lebhaftes wissen¬
schaftliches Streben. Eine Reihe von Handschriften theologischen,
philosophischen und besonders historischen Inhaltes, die jetzt auf der
Kantonsbibliothek und im Staatsarchiv in Zürich und im Archiv und
in der Bibliothek des Klosters Einsiedeln liegen, legen davon sprechendes
Zeugnis ab. Eine Anzahl Arbeiten sind auch im Drucke erschienen. 8
1 J. A. F. Balthasar, Histor. Aufschriften, Luzern 1778, S. 44 ; H. J. Holz¬
halb, Suppl. zu Leu's Lex. II, 8. V, 108 ; M. Lutz, Moderne Biographien, Lichten¬
steig 1826, S. 43 f. ; K. Pfyffer, Der Kt. Luzern I, 292 ; E. F. v. Mülinen, Helvetia
Sacra I, 119: P. Anselm Schubiger, Die Pflege des Kirchengesanges und der
Kirchenmusik in der deutschen katholischen Schweiz, Einsiedeln 1873, S. 51 ;
P. Utto Kornmüller, Die Pflege der Musik im Benediktinerorden, in Stud. und
Mitt. aus dem Benediktiner-Orden II, 1881, S. 206.
* Freib. Diöz.-Archiv XIV, 61 f.
* Siehe : P. Fridolin Waltenspül, Catalogus Religiosorum exempti Mona-
sterii Rhenaug., ed. Aug. Lindner, im Freib. Diöz.-Arch. XII und XIV.
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— iS8 —
Viel Anregung zu wissenschaftlicher Betätigung ging ohne Zweifel
von den öffentlichen Disputationen aus, die von den ihren Studien
obliegenden Fratres unter Leitung ihrer Lehrer von Zeit zu Zeit
gehalten wurden. Als Opponenten erschienen Kapitularen aus den
benachbarten und befreundeten Klöstern ; da verteidigten die jungen
Philosophen und Theologen die Thesen vor den eigens hiezu geladenen
Gästen. Die Thesen (Positiones, Corollaria) wurden mit dem
Ergebnis dieser wissenschaftlichen Untersuchungen öfters gedruckt.
So erschienen, von P. Romanus Effinger herausgegeben und mit
schwungvollen lateinischen Widmungen an den Abt Gerold II. ver¬
sehen, zwei solche Werke in den Jahren 1730 und 1734 in Ulm und
Konstanz. 1
An diesen gelehrten Wettkämpfen nahm auch Fr. Januarius in
der Folge regen Anteil. Viermal finden wir seinen Namen unter den
Defendenten auf den Titeln der Druckwerke, die aus diesen Dispu¬
tationen hervorgegangen sind.
Am 4. September 1747 wurde unter dem Vorsitze des P. Hoben-
baum van der Meer ein Gegenstand aus der Moraltheologie erörtert.
Der erste Teil der Druckausgabe 2 handelt in fünf Traktaten von den
Pflichten der Mönche bezüglich der Gelübde der Armut, des Gehorsams
und der Keuschheit, der Stabüitas loci und der Conversio morum,
der zweite Teü in drei Traktaten über die Pflichten gegenüber der
Benediktinerregel im allgemeinen, dann über die besondem Pflichten
(Brevier- und Chorgebet, Fasten und Fleischgenuß, Betrachtung und
Stillschweigen, Tagesordnung und Arbeit), endlich über die Mittel
gegen die Übertretung der Regel quoad forum extemum et intemum,
über die Beichtväter und über die Reservatio casuum.
Am gleichen Tage wurde unter Leitung des P. Beat Muos (Moos)
über die aktuelle Gnade (vocatio divina) disputiert 3 * * * * 8 und zwar über
die gratia actualis im allgemeinen und über die gratia praeveniens,
1 Praedicamentum undecimum ad mentem Doctoris Angelici vindicatnm
.... Ulmae (1730) ; 236 pp. — Judicium D. Thomae Doctoris Angelici in causa
maxime controversa : sive Concordia Thomistica libertatis creatae in linea gratiae
et naturae cum intrinseca efficacia voluntatis divinae .... Constantiae (1734);
840 pp. Thurg. Kts.-Bibl. W 159 und 160.
* Ethica religiosa ascetico-theologica, qua obligationes Religiosorum quoad
vota et S. Regulam media ac tutissima via pertractantur .... Lucernae (174-7)*
509 pp. Thurg. Kts.-Bibl. W 161.
8 Vocatio divina humanam voluntatem fortiter suaviterque gubemans
disputationi theologicae de gratia actuali exposita .... Tugii (1747). 248 pp.
Bürgerbibi. Luzern H 1227. 4 0 ; vergl. Freib. Diöz.-Arch. XIV, 38.
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— 189 —
excitans et adiuvans im besondern. P. Wolfgang Itten, Subprior in
Engelberg, sagt in der Approbation des Werkes, der Verfasser sei
einen Mittelweg gegangen zwischen den Thomisten und den neuem
Theologen, so daß er mit jenen die Notwendigkeit und die Kraft der
göttlichen Gnade und mit diesen die völlige Willensfreiheit in neuer
und geistreicher Art beweise.
Am 6. November 1748 fand wiederum unter P. Beat Muos eine
Diskussion rechtsgeschichtlicher Art statt, aus der eine gedruckte
Abhandlung über die Käst- uder Schirmvogtei des Klosters Rheinau
hervorging. 1 Der erste Teil des Werkes handelt von der Stiftung
und Wiederherstellung des Klosters im VIII. und IX. Jahrhundert,
von den Schirmvögten, von den Äbten und deren wichtigsten Taten,
der zweite Teil von den Wirkungen der Kastvogtei auf das Kloster,
auf die Äbte und Konventualen, auf die Rechte und Güter des
Klosters. Alles wird mit Beispielen aus der Geschichte und mit
Urkunden belegt. Dieses Werk fand schon vor seinem Drucke den
Beifall des Benediktinerabtes Augustin Calmet, der es im Jahre 1748
bei seinem Besuche in Rheinau sah (Vorwort).
Eine weitere Disputation vom 29. Mai 1754 leitete dann
P. Januarius selbst als Professor der Philosophie; hievon wurden
jedoch nur die Thesen gedruckt. 2 In der Widmung an Abt Romanus
(Anhang) geht der Praeses aus von dem Lebensbaume, den der Seher
von Patmos in der Geheimen Offenbarung (22, 2) beschreibt, « der zu
beiden Seiten des Stromes ist, zwölfmal Früchte trägt und jeden
Monat seine Frucht gibt. » Dieser Lebensbaum ist ihm die Philosophie,
die dem Menschen zu einem guten Leben dient, wenn sie in einem
heiligen Bunde steht mit der Frömmigkeit. —
Am 14. Februar 1755 wurde dann P. Januarius vom Abt Romanus
zum Prior ernannt. Als solcher nahm er an der Leitung des Klosters
so hervorragenden Anteil, daß seine Mitbrüder ihn schon nach drei
Jahren zu ihrem Abte erkoren.
Am 28. August 1753 war Abt Bernard II. Rusconi gestorben und
am 11. September P. Roman Effinger zum Abte gewählt worden (1753
1 De iure advocatiae tutelaris antiquissimi, liberi ac exempti Monasterii
Rhenoviensis .... Lucemae 1748. 145 pp. Bürgerbibi. Luzern H 47, 4 0 ; vergl.
Haller, Bibliothek der Schweiz. Gesch. III, 1508.
* Lignum vitae ex utraque parte fluminis afferens fructus duodecim, sive
theses XII philosophicae .... Lucemae (1754). 14 pp. — Kantons-Bibliothek
Zürich RRi, 215.
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190
bis 1758). Aber er regierte nicht glücklich. Hitzigen Charakters und
ohne hinreichende Einsicht ordnete er unbesonnen manches an, was
dem Stifte zum Schaden und dem Konvente zum Verdrusse gereichte.
So verkaufte er 1754 gegen den Willen des Konventes den Ort
Marthalen samt Kirchensatz und allen Rechten, nicht einmal zur
Hälfte des Wertes, an Protestanten, nahm Veränderungen am Rhein¬
ufer vor, durch welche die Schiffahrt sehr erschwert wurde, ließ am
Kloster Reparaturen ausführen, welche den Einsturz des Gebäudes
befürchten ließen, verlegte die Schule mitten in die Klausur usw. Der¬
artige schädliche und lächerliche Anordnungen machten die Regierung
des Abtes fast unerträglich. Um daher seine Resignation zu veran¬
lassen, entschlossen sich einige Konventualen, beim päpstlichen Nuntius
und den Visitatoren der schweizerischen Benediktinerkongregation eine
Klageschrift einzureichen.
Auch P. Moritz Hohenbaum van der Meer, der schon am
12. Oktober 1753 von Abt Roman zum Statthalter der Herrschaften
Mammern und Neuburg im Thurgau ernannt worden war, war von der
allerdings peinlichen Notwendigkeit eines solchen Schrittes überzeugt,
und da er als Auswärtiger freier handeln konnte, wurde er mit der
Abfassung der Schrift betraut. Ein Laie machte den Abt aufmerksam,
daß etwas im Spiele sei und der Verdacht fiel auf P. Moritz. Deshalb
erschien der Abt ganz unerwartet in Mammern und suchte nach ver¬
dächtigen Papieren. Allein P. Moritz war vom Prior, P. Januarius Dangel,
durch einen nächtlichen Eilboten von der Ankunft des Abtes unterrichtet
worden und konnte daher seine Papiere noch rechtzeitig beseitigen.
Die Schriften gingen an ihre Adressen ab, und da man die Klagen
begründet fand, so beriefen die Visitatoren, die Äbte Coelestin
II. Gugger von St. Gallen und Nikolaus II. Imfeld von Einsiedeln,
den Abt nach Wil, stellten ihm die Lage vor und rieten ihm zur
Resignation. Diesem Rate leistete er am 7. Juni 1758 Folge. Der
päpstliche Nuntius genehmigte sie ; Abt Roman durfte die Insignien
eines Prälaten beibehalten und zog sich nach dem St. Gallischen
Benediktiner-Priorate Neu St.-Johann im Thurtale zurück, kam sieben
Jahre später wieder nach Rheinau und starb daselbst am 30. Juli 1766. 1
1 Freib. Diöz.-Arch. XI, 6 f. ; XIV, 33. — Für seine Rückkehr nach Rheinau
verwendete sich am 8. Januar 1764 Abt Coelestin II. von St. Gallen mit einem
Schreiben an Abt Januarius. Siehe Tagebuch des Abtes Coelestin, Tom. V, p. 85.
im Stiftsarchiv St. Gallen ; gefl. Mitteilung von Herrn Stiftsarchivar Dr. Joseph
Müller.
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Gleich nach der Resignation des Abtes Romanus kam der
päpstliche Nuntius Giovanni Ottavio Buffalini, Erzbischof von Chal-
zedon, von Luzern nach Rheinau, um die Abtwahl ‘zu leiten. Am
20. Juni 1758 fand sie statt in Gegenwart der Fürstäbte Coelestin
von St. Gallen und Nikolaus von Einsiedeln. Das Amt eines Notars
versah P. Gerold Meyer von Schau ensee, der nachmalige Fürstabt
von Muri. Der wählende Konvent bestand aus 21 Patres und 9 Fratres.
Die Messe vom Heiligen Geiste und « wohlgestellte Anrede » hielt der
Nuntius selbst. Aus dem zweiten Wahlgange ging P. Januarius Dangel,
Prior, hervor. Die Bestätigung von Seite des Bischofs von Konstanz
erfolgte durch den Vize-Generalvikar, Domherrn von Razenriedt, da
der Kardinal und Bischof Franz Konrad von Rodt mit dem General¬
vikar nach dem Ableben des Papstes Benedikt XIV. wegen der Papst¬
wahl in Rom weüten.
Der neue Abt wurde am Feste des hl. Johannes des Täufers, am
24. Juni, vom päpstlichen Nuntius Buffalini geweiht, unter Assistenz
der Fürstäbte Nikolaus von Einsiedeln und Bonaventura II. Bücher
von Muri. Gleich darauf bekam er bei der Tagsatzung zu Frauenfeld
von den Schutzherren das gewöhnliche Schlitzschreiben. 1 Der benach¬
barte Stand Schaffhausen stattete durch den Zunftmeister David
Mayer, nachmals Bürgermeister, nebst Begleitung, dem neuen Abte
seine Glückwünsche ab.
Zum Prior des Klosters und bald darauf zum Archivar ernannte
Abt Januarius P. Moritz Hohenbaum van der Meer, der nun, angeregt
durch die berühmte Gelehrtenakademie im benachbarten Kloster
St. Blasien, die historischen Studien als seine Hauptaufgabe betrachtete,
für die er in Abt Januarius einen verständnisvollen Förderer fand. 2
Gleich im Anfang seiner Regierung wurde das Kloster Rheinau
stark in Mitleidenschaft gezogen durch den siebenjährigen Krieg
(1756-1763). Der deutsche Kaiser Franz I. hatte nämlich vom päpst¬
lichen Stuhle die Erlaubnis erhalten, von allen geistlichen Einkünften
im Reiche den Zehnten zu beziehen. Nun mußte das Stift von allen
Besitzungen jenseits des Rheines — wohl die Hälfte des Klostergutes
lag auf badischem Boden — sechs Jahre lang den Zehnten entrichten,
wodurch es eine bedeutende Einbuße erlitt.
Zu den nächstgelegenen deutschen Benediktin erklöstem unterhielt
1 Eidgen. Absch. VII 2, 669.
2 Freib. Diöz.-Arch. XI, 7.
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192
Abt Januarius die engsten und besten Beziehungen. Wiederholt kamen
Mönche aus den Klöstern Öningen, Petershausen, Zwiefalten, Sankt
Blasien nach Rheinau in die Ferien und Rheinauer Mönche erwiderten
diese Besuche auch ihrerseits. Besonders innig gestaltete sich der
Verkehr mit dem berühmten Stift St. Blasien im Schwarzwald. Am
15. Oktober 1764 war der Abt bei der Wahl und kurz darauf bei der
feierlichen Weihe des Fürstabtes Martin Gerbert zu St. Blasien zugegen,
dessen Name in gelehrten Kreisen den besten Klang hat. Am 23. Juli
1768 traf jenes Stift das Unglück, daß das neue Klostergebäude samt
der Kirche und mehreren andern Bauten einer Feuersbrunst zum
Opfer fiel. Da gab Abt Januarius einen schönen Beweis seiner brüder¬
lichen Liebe und seiner Gastfreundschaft, indem er zwei Patres und
einen Bruder drei Jahre lang in seinem Kloster beherbergte. 1
Daß Abt Januarius auch zu den schweizerischen Benediktiner¬
klöstern in besten Verhältnissen stand, beweist, daß er im Jahre 1768
zu St. Gallen zum dritten Visitator der schweizerischen Benediktiner¬
kongregation gewählt wurde. 2
Die Obsorge für eine Klostergemeinschaft von der Bedeutung
Rheinaus erforderte kein. geringes Maß von Verwaltungstalent, von
Umsicht und Klugheit. Auch da finden wir Abt Januarius seiner
Aufgabe gewachsen. Seit dem Jahre 1770 entstand wegen andauernd
naßkalter Witterung eine große Teuerung in Italien und Frankreich,
die in ihren Folgen auch auf schweizerisches und deutsches Gebiet
hinübergriff. Seit Menschengedenken war die Frucht nie so hoch im
Preise gestanden. Der Mütt Getreide wurde in Rheinau um 22 Gulden
verkauft, während er wenige Jahre vorher um 3 Gulden erhältlich war.
Durch weise Vorsorge und Sparsamkeit erreichte es Abt Januarius,
daß sein Kloster und seine Untertanen mit Lebensmitteln hinreichend
versehen waren. Das ertragreiche Jahr 1772 bereitete dann der Hungers¬
not ein Ende.
Dagegen erlitt das Kloster in diesem Jahre ein anderes Unglück.
Am 18. Juli verbrannte das Wirtshaus samt dem Hofgebäude auf seiner
Besitzung zu Buckenried mit aller Fahrhabe. Das war die dritte
Feuersbrunst, die innert hundert Jahren diesen Hof mitnahm. Am
18. November wurden weiter zu Mammem zwei Scheunen und Ställe.
1 Zwei eigenhändige Schreiben des Abtes Januarius darüber liegen ira
General-Landesarchiv Karlsruhe, St. Paulanerbriefbände IV, fol. 144 und 147.
Gefl. Mitteilung des Herrn Prof. Dr. G. Pfeilschifter, Freiburg i. Br.
* Vergl. P. Martin Kiem, Gesch. des Kl. Muri II, 217.
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— 193 -
nebst der Behausung des Pfarrers und einem Teil des Schloßgebäudes
in Asche gelegt; die Wohnung des Statthalters wurde durch rasche
Hilfe gerettet. Abt Januarius ließ zu Mammern alles wieder in Stand
setzen.
Im Jahre 1773 beherbergte er fast einen Monat lang 14 vornehme
polnische Flüchtlinge, die nach der ersten Teilung Polens verbannt
worden waren, mit ihrer Begleitung, so den Marschall Korvinus
Krasinski, den Grafen Michael Johannes Pac, den General Zboinski,
den Rat Lobuski und andere. Der Abt wies ihnen in Rheinau eigene
Häuser an und gewährte zwei Herren im Kloster selbst Unterkunft.
Auch Werke der Frömmigkeit und religiöse Stiftungen beförderte
der Abt nach Kräften.
Die Bruderschaft vom Guten Tode, die 1693 im Kloster errichtet
worden war, ließ er erneuern und an jene zu Rom angliedern ; auch
schrieb er zu diesem Zwecke ein neues Bruderschaftsbüchlein und gab
es im Drucke heraus. 1
Ein anderes religiöses Werk begünstigte er auf badischem Boden.
Joseph Helg, ein Priester aus dem Kt. St. Gallen (geb. 1721), hatte
1751 als seeleneifriger Kaplan von Mosnang die Pfarrei Libingen im
Toggenburg gegründet und war dort zum ersten Pfarrer eingesetzt
worden. Hier sammelte er einige fromme Jungfrauen und führte mit
ihnen die Ewige Anbetung des Allerheiligsten Altarssakramentes ein.
Im Jahre 1760 baute er ihnen ein Kloster nach der Regel des heiligen
Benedikt, das aber schon 1781 von Abt Beda von St. Gallen aus
finanziellen Rücksichten wieder aufgehoben wurde. Nachdem das alte
Schloß Glattburg mit großem Kostenaufwand umgewandelt und eine
schöne Kirche dazu gebaut worden war, zogen die Frauen dorthin.
Helg, inzwischen (1767) Pfarrer von Bemardszell geworden, stiftete
1767 das Prämonstratenserinnenkloster Berg Sion bei Uznach, wo
er ebenfalls die Ewige Anbetung einführte. Ein drittes ähnliches
Kloster wollte er nun in Jestetten (Baden) auf Rheinauer Geriet unter
dem Namen Berg Tabor gründen. Er kaufte dort vom Fürsten
Joseph von Schwarzenberg zwei Schlösser der alten Grafen von Sultz.
Abt Januarius bewilligte 1773, den nahegelegenen Flachshof käuflich
dazu zu bringen. Im folgenden Jahre wurde zu Mammern eine
Zusammenkunft gehalten im Namen des Bischofs von Konstanz als
1 P. Basilius Germann, Diarium, zum 8. Juli 1764, in der Stiftsbibi. Ein¬
siedeln, R 529.
revüe d’histoire eccl£siastique 13
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194
Ordinarius und des Fürsten von Schwarzenberg als Landesherrn, wo
die geistlichen und weltlichen Vorbedingungen zu der Stiftung des
neuen Klosters erledigt wurden. Am 15. August wurde das Aller-
heiligste Altarssakrament von P. Anselm Negele, Pfarrer zu Jestetten,
in die Schloßkapelle feierlich übertragen und die Ewige Anbetung
dort zur großen Erbauung des Volkes begonnen und von den wenigen
Klosterfrauen unter dürftigen ökonomischen Verhältnissen eine Zeit
lang fortgesetzt. Ein viertes Kloster der Ewigen Anbetung wollte
Helg in Rom unter dem Namen Einsiedeln und ein fünftes in Ricken
bei Wattwil errichten. Aber seine drei letzten Gründungen mißlangen,
er geriet in Schulden und starb mitten in seiner rastlosen Tätigkeit
am 27. April 1787. Glattburg und Berg Sion haben sich indessen bis
heute erhalten. 1
Im Baufache hat Abt Januarius ebenfalls eine ersprießliche
Tätigkeit entfaltet. Im Gegensatz zu seinem Vorgänger hat er bei
den Konventualen dankbare Anerkennung gefunden, indem er die
Zellen ausbessem ließ und die Zahl der heizbaren Räume vermehrte
Im Audienzsaal erneuerte er Boden und Decke ; daran waren «ein
Meister, Gsell und Bub von Bregenz » ein Jahr lang beschäftigt. Laut
Akkord versprach das Gotteshaus 100 fl., an Trinkgeld « dem Meister
und Gsell jedem 1 Kronenthaler und ein seidenes Schnupftuch, und
dem Bub 18 Bz. und ein Schnupftuch » und allen den Hof dienertisch.
Die heute noch erhaltene, reich stukkierte Rokokodecke zeigt in den
Hohlkehlen und Eckkartuschen mannigfache Landschaftsmotive, die
von Muschelwerk und Blumengewinden zart umsponnen sind. Das
Mittelstück der Decke enthält einen stukkierten Prospekt des Klosters
Rheinau mit dem quadrierten Wappen des Gotteshauses, dem als
Mittelschild das Wappen des Abtes Januarius aufgelegt ist.
Aus der Zeit dieses Prälaten datiert auch das Grottenwerk in dem
sog. Spitzkirchlein im Konventgarten. Seine Entstehung verdankt es
einer Schrulle des damaligen Priors, keines geringem als des P. Moritz
Hohenbaum van der Meer, der 1761 vom Abte die Erlaubnis erhielt,
die drei Altäre der Kapelle auf Kosten des Priorates zu erneuern.
Als Kenner und Liebhaber von Mineralien und Petrefakten, deren er
eine ganze Sammlung angelegt hatte, kam er auf den Einfall, die drei
1 Mülinen, Helvetia Sacra II, 76 f. 165. Holzhalb, Suppl. zu Leu's Lex. II,
537, III, 89 f. 496 f. V, 531. Ildefons von Arx, Gesch. des Kts. St. Gallen III,
607 ff.
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195
Altäre in Form eines Grottenwerkes aufzubauen, wobei ihm als Vor¬
bild das Grottenwerk zu Zwiefalten diente. Eine Reihe von Schaff¬
hauser Herren schenkten dazu weitere Mineralien. Die Idee des
Ganzen mochte ja mehr oder weniger dem Geschmacke jener Zeit
entsprechen ; die Einzelheiten erscheinen aber als das Produkt einer
phantastischen Spielerei. 1
Im Jahre 1770 ließ der Abt das an der Nordwand der Kloster¬
kirche beim Kreuzaltar angebrachte Stifterepitaph erneuern, das aber
später einer an dieser Stelle ausgebrochenen Türe weichen mußte. 2
Werke dankbarer Pietät waren auch die Wappen der Äbte und die
Gemälde der Stifter und Wohltäter, die er anfertigen und das « Necro-
logium seu liber mortuorum Religiosorum, Abbatum, Patrum, Fratrum,
Fundatorum et Benefactorum Monast. Rhenov. », das er wiederher¬
stellen ließ. 3
Unter Abt Januarius Dangel sind insgesamt neun Patres und ein
Laienbruder ins Kloster Rheinau eingetreten, darunter P. Michael Wey
von Rickenbach (Luzern) und P. Johannes Nepomuck Beck von
Sursee. 4
Seit Jahren war Abt Januarius mit einer offenen Wunde an einem
Fuße behaftet; als er dem schlimmen Rate eines Arztes folgend den
Ausfluß hemmen wollte, schlug sich das Übel in den Leib und ver¬
ursachte Hydropsie mit ihren Begleiterscheinungen. Man glaubte die
Gefahr noch nicht so nahe, als er am 4. April 1775 plötzlich in Ohn¬
macht fiel, von dem gegenwärtigen P. Prior noch die Absolution
1 Siehe E. Rothenhäusler, Baugeschichte des Klosters Rheinau. Freiburg
i. Br. 1902, S. 139 f.
2 Ebd. S. 139 ; vergl. S. 7.
* Vergl. Freib. Diöz.-Arch. XI, 2, 10, 28 ; XIV, 42 f., 50 f., 61 f.
4 P. Michael (Joseph Petrus) Wey von Rickenbach, geb. 28. Juni 1744,
studierte in Münster und Rheinau, Profeß 15. Nov. 1762, Priester 24. Sept. 1768,
Professor am Gymnasium 1773, Prof, der Dogmatik 1775, des Kirchenrechts 1779,
der Philosophie 1780, Küchenmeister und Unterbibliothekar 1781, Subprior und
Vestiarius 1782, Instruktor der Laienbrüder 1783, Statthalter zu Mammem 1785
bis 1817, kehrte dann ins Kloster zurück und starb als Jubilat am 13. Oktober
1822. — P. Johann Nepomuk (Deogratias) Beck von Sursee, geb. 25. März 1744,
studierte in Sursee, bei den Jesuiten zu Freiburg i. Ue. und Luzern, Profeß
15. Nov. 1762, Priester 24. Sept. 1768, Professor am Gymnasium 1771, Prof, der
Philos. 1773 . Prof, der Theol. 1775, Pfarrer in Mammern 1779, Unterarchivar 1780,
Bibliothekar 1785, Missionär in Reichenau 1786, Vize-Superior des Klosters
Reichenau 1787, starb als Benefiziat in Bildstein bei Bregenz im März 1798. —
Bern. Rusconi, Catalogus Abbatum et Relig. Monast. Rhenov., fol. 427, 431 ;
Mscr. R 500 in der Stiftsbibi. Einsiedeln.
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'
verlangte* und in wenigen Augenblicken sanft verschied im 50. Jahre
seines Alters und im 17. seiner Regierung. Die Leiche wurde im Chor
des hl. Fintan bei großem Zudrang des Volkes zur ewigen Ruhe
bestattet.
Die Zeitgenossen und Mitkonventualen des Abtes Dangel ehrten
sein Andenken in hohem Grade. Die « Hurter'sche Zeitung » in Schafi¬
hausen zeigte in Nr. 28 vom 8. April 1775 seinen Tod mit folgenden
Worten an : «Vergangenen Dienstag nachmittags nach 3 Uhr ver¬
wechselten Seine Hoch würden und Gnaden Herr Januarius Dangel
von Münster im Aergäu, Prälat des Gotteshauses Rheinau, nach einer
schmerzhaften Krankheit das Zeitliche mit dem Ewigen im sosten
Jahr Ihres Alters. Ein Herr, dessen gute und menschenliebende Eigen¬
schaften genugsam bekannt sind, als daß sie erst noch sollten erhoben
werden. Er wird deswegen sehr bedauret. »
Der Luzemer Geschichtsforscher Joseph Anton Felix Balthasar
nennt ihn in seinen «Historischen Aufschriften» einen leutseligen,
gelehrten und klugen Mann.
P. Moritz Hohenbaum van der Meer, Prior des Klosters unter
Abt Januarius und Rheinaus berühmtester Mönch, schreibt über
ihn: «Er war ein Herr von durchdringendem Verstände und großer
Gelehrtheit, der den Büchersaal mit vielen neuen Büchern vermehrt
hat; seine angebome Müde und Guttätigkeit machten ihn bei
jedermann beliebt.» 1
Und einer der letzten Rheinauer Mönche, P. Fridolin Waltenspül,
sagt von ihm zusammenfassend 2 : « Er war ein Mann durch Tugend,
Gelehrsamkeit und Klugheit ausgezeichnet, den außerordentliche Liebe
zu den Vorgesetzten, wunderbare Güte gegen die Untergebenen, ver¬
schwenderische Freigebigkeit gegen die Armen, ausgezeichnete Gewandt¬
heit im Handeln und herrliche Beweise seiner Wissenschaft und
Einsicht in höchstem Grade empfehlen. » 3
1 Kurze Geschichte S. 189. — Derselbe Geschichtsschreiber sagt in seiner
« Recensio Virorum illustrium, qui in Congreg. Helv. immac. Concept. B. V. M.
ab a. 1602 usque ad a. 1785 tarn scientia quam pietate floruerunt»: e Animo
facilis, pius et liberalis, ingenio perspicax ac promptus_tenerrimae conscientiae.
mortem semper suspectam habuit. » Codex 321 des Stiftsarchivs Engelberg,
p. 868 s.; gefl. Mitteilung des hochw. Herrn Dr. P. Bona Ventura Egger.
* Freib. Diöz.-Arch. XIV', 40.
3 Ein Ölporträt des Abtes (German pinx. 1789) besitzt Herr Othmar Dangel.
Wesemlinstraße 12, Luzern ; ein zweites befindet sich in der Galerie berühmter
Luzerner auf der dortigen Bürgerbibliothek.
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197
Die Grabschrift, die ihm seine Mitbrüder setzten, ist nicht minder
seines Lobes voll. Auf einer ovalen, etwas gewölbten schwarzen Marmor-
platte von i m 65 Höhe und 1 m 35 Breite, die neben dem Altäre des
hl. Fintan in die Nordmauer eingelassen ist, stehen die Worte :
HEIC IACENT OSSA
REVmi ET AMPLmi DDni
JANUARII DANGEL,
ABBATIS RHENOV., CONGREGAT.
HELVETO-BENEDICT. VISITATORIS.
QUI FUIT VIR IN TERRA MITISSIMUS,
GENTIS SUAE FRATRUMQUE AMATOR TENERRmus,
CUIUS COR VELOX NUNQUAM FUIT
NISI AD BENEFACIENDUM.
CUIUS VISCERA COMMOTA NUNQUAM SUNT
NISI AD CLAMOREM PAUPERUM.
' CUIUS MANUS MYRRHAM NUNQUAM,
BENEFICIA STILLARUNT SEMPER.
HINC ILLAE LACRUMAE.
OBIIT 1775, DIE 4. APRILIS, ANNO AETAT. 50.,
PROFESS. 32., SACERD. 27., REGIM. 17.
VATICINARE IAM VIATOR. ,
QIUD PUTAS FIET DE OSSIBUS ISTIS ?
PULLULABUNT (NE DUBITES) DE LOCO HOC SUO,
ACCEDENT OSSA AD OSSA IN TEMPORE SUO,
OSSA JANUARII ABBATIS MITISSIMI,
AD OSSA FINTANI CONFRATRIS SANCTISSIMI.
QUOD ENIM BENEDICTI SPIRITUS IUNGIT IN TERRIS,
NUNQUAM SEPARATUR IN COELIS.
ABI VIATOR!
PRIUS TAMEN SANCTISSIMA FINTANI OSSA
OSCULO VENERARE,
JANUARII OSSIBUS REQUIEM
ET CUM REVmo AMPLmo SUCCESSORE
BONAVENTURA
PRECARE.
* •
*
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— 198 —
Noch ein Menschenalter sollte Rheinau fortbestehen ; fünf würdigen
Prälaten war es noch vergönnt, das Erbe des Abtes Januarius Dangel
zu übernehmen und weiter zu hüten. Der fünfte Abt, Leodegar
Ineichen (f 1876), mußte mit seinem Konvente den Schmerz erleben,
daß sein Stift am 2. März 1862 vom Großen Rate des Kantons Zürich
mit 157 gegen 22 Stimmen aufgehoben wurde. Es ist erfreulich zu
hören, daß der erste Geistliche der Kirche Zwinglis, Antistes Hans
Jakob Brunner von Zürich, dagegen stimmte. Den letzten Abt trifft
an diesem traurigen Ausgang nicht die geringste persönliche Schuld.
0 Ich habe selten einen würdigem Prälaten gesehen », versichert ein
edler Protestant, der bekannte Kunsthistoriker Johann Rudolf Rahn *,
« er war ein hochgesinnter, treuer und tapferer Hirt.» Und ein anderer
rechtlich denkender Protestant, Dr. Franz Schoch, der die Aufhebung
der Stiftes Rheinau eingehend schildert *, kann am Schlüsse seiner
Darstellung nicht anders als erklären, Rheinau habe dieses gewaltsame
Ende nicht verdient, der Kanton Zürich habe damit einen Gewaltakt
begangen.
1 J. R. Rahn, Die letzten Tage des Klosters Rheinau, im Zürcher Taschen¬
buch 1900, S. 221.
* Das letzte Kloster im Kanton Zürich, Zürcher Diss., Wien 1921 ; und :
Die Aufhebung der Abtei Rheinau, 256. Neujahrsblatt der Stadtbibliothek Winter¬
thur )922.
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Zweites Exlibris des Abtes Januarius Dangel.
(Klosterwappen mit dem Salm und Familienwappen.)
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L’esprit de la Revolution 1
Par G. CASTELLA
Professeur ä la Faculti des Lettres de l’Universit* de Fribourg
II y a quelques mois, nous avions commence ce cours, et nous
allons le terminer aujourd’hui, en rappelant les paroles d'un historien
frangais, Albert Vandal, ä l’ouverture des Conferences donnees, en 191«.
ä Paris, sur la Revolution frangaise : « Comparer la Revolution ä un
bloc, c’est commettre l’une des pires erreurs... Tout au contraire,
loin d’etre un bloc, la Revolution est peut-ölre le phenom&ne le plus
complexe qui ait existe ; c’est un phenomene essentiellement multiple
dans ses causes, dans ses eiements, dans ses mouvements, dans ses
consequences. » 2 C'est le bon sens m£me.
Mais, en revanche, si l’on attribue — comme nous l’avons fait —
une part importante, encore quelle ne soit pas facile k determiner,
ä la a philosophie » du XVIII me sifecle dans la preparation de l’esprit
revolutionnaire, il nous est permis de rechercher le caractere prindpal
de la philosophie politique de ce temps. Nous avions dit, en eff et, qu’en
these generale, la Revolution pouvait ötre attribuee aux abus de l’anden
regime et aux ecrits des philosophes. En m£me temps, nous faisions
une reserve, imposee par l’etat actuel des connaissances. L'influence
des « philosophes » fut-elle d&ysive, comme Taine s’est efforce de le
demontrer ? Fut-elle beaucoup plus restreinte, mediocre mfime, comme
plusieurs historiens l’ont soutenu dans la suite ? « Question insoluble,
1 L'auteur de ces lignes s’est permis de penser que la conclusion d’un cours
sur la Revolution frangaise, qu’il vient de terminer, p>ouvait ne pas däparer le
recueil d’etudes offert 4 M. le professeur Büchi. Ces bröves pages, qu’on m’avait
d’ailleurs invite 4 donner telles quelles, n’ont aucune pretention 4 l’originaliti.
Elles constituent simplement les demiers mots d'une conclusion assez developpee
dans laquelle on avait repris les grandes lignes de l’histoire revolutionnaire et
imperiale. La gendse de l’esprit revolutionnaire avait forme auparavant la matiere
des le^ons d’un semestre.
2 Cit6 par Madblin, La RSvolution, 4 me 6dition. Paris, 1913, p. 6.
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201
taut qu’on ne sera pas plus exactement fix£ sur la diffusion des idees
par les livres et par la presse dans les differentes classes de la societe » L
Toutefois, m£me si l'on admet que les hommes de la Revolution, que
nous avons vus ä l’oeuvre, ont obei plus souvent k la poussee des
faits et aux necessites du moment qu’aux enseignements des philo-
sophes, on doit reconnaitre une action ä ces demiers. Les ecrivains
du siede n'ont pas seulement foumi aux hommes de la Revolution
des formules et des arguments. Ils ont exprime, en les predsant et
en les generalisant, les voeux d’une opinion publique qu’ils avaient
d’ailleurs contribue ä former. Ils ont donne k la Revolution ce caractere
d’universalite, d'une importance hors pair dans l’histoire du monde,
que la preponderance intellectuelle de la France, et les conquetes et
la domination revolutionnaires et imperiales devaient mieux affirmer
encore. Enfin — et c’est sur ce point, croyons-nous, qu'il faut insister —
üs ont demontre comment des idees generales operent sur une civili-
sation ancienne et policee en ruinant les bases sur lesquelles eile reposait
et en se substituant ä celles qui l'avaient jusqu’alors etayee.
Si, en effet, des idees philosophiques et des theories politiques,
telles que celles qui se degagent de 1 ’ZTssat sur les mceurs, de VEsprit
des lots ou du Contrat social, — pour ne citer que des tetes de file —
n’atteignent directement qu’un nombre relativement restreint d'indi-
vidus, il n’en est plus de m£me lorsqu'elles ont ete vulgarisees, frappees
en menue monnaie, ou revßtues des vives couleurs de la fiction litteraire
par des ecrivains de lecture facile. Elles finissent alors par determin^r
une mentalite sociale qui devient le caractere dominant d’une epoque.
Celle-ci influe k son tour — dans quelle mesure ? il est souvent trfcs
difficile de le determiner avec precision par une analyse quantitative
et qualitative, mais l’action n’est pas niable — sur la formation de
nouvelles theories, de nouveaux syst&mes ou de nouvelles hypoth&ses.
C'est que, en raison de sa diffusion et ä raison de l'importance de cette
diffusion, eile cree une ambiance permanente. Elle agit donc sur ceux
qui, k leur tour, vont creer. N'est-ce pas k dire, en somme, que l’on
assiste k un ph&iom&ne de synth^se continue ? 2 .
1 Albert Bayet et Francois Albert, Les Ecrivains politiques du XVIII me sii-
cle. Extraits avec une introduction et des notes, 3 me 6dition. Paris, 1922 ; p. lii.
* Ces pages 6taient 6crites lorsque je trouvai dans un ouvrage qui vient de
parattre — celui de M. Carli, prof. 4 1 ’Uni versitz de Padoue : L’iquilibre des
nations d’apris la dimographie appliquie, 6dit. franf., par M. Millioud, prof. 4
l'Universitt de Lausanne (Paris. 1923) — une expiication sociologique de ce
ph6nomdne. Voir notamment pp: 179 et suiv., 211 et suiv., 271 et suiv.
*
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202
Tel est le spectacle que nous offre le XVIII“ 1 ® si&cle. Nous avons
constatö, au cours de nos le^ons de l’an demier, que les idees du sifecle
avaient ete, sous une forme ou sous une autre, accueillies avec faveur
par un nombre croissant de personnes, et mSme par les classes qui
devaient en perir. Nous avions montrö en terminant que l'on pouvait
en percevoir l’influence chez les hommes qui, en 1789, dominerent
les Etats g^n^raux et commenc&rent aussitöt k bätir le nouvel edifice.
Quel fut donc le caract&re distinctif de la « philosophie » de ce
temps, le fond de l’esprit revolutionnaire ? C’est l’individualisme ratio-
naliste, le naturalisme radical, la proclamation de l’independance absolue
de la cr&iture. L’omniscience de la raison, le droit naturel fond£ sur
la raison : voilä ä quoi peut se ramener, en demiere analyse, l’esprit
du si&cle qui bat en brache les traditions. C'est pourquoi la Science
sociale que tentent de fonder alors les ecrivains politiques veut s’annexer
la morale ; la vraie morale, pour eux, n’est qu'une morale sociale ;
et, d'ailleurs, on parle plus volontiers en ce temps-lä des « mceurs » que
de la morale. On n’a pas ä faire ici la r&erve, si souvent faite, sur
leur m^thode trop analytique et döductive qui les conduisit k bätir
vite des syst&mes auxquels manquait une solide base de faits historiques
bien contröles. C’etait la cons^quence de l’imperfection des connais-
sances que l’on possödait sur les soci£t6s anciennes et m£me contem-
poraines. II est devenu presque banal d’affirmer, par exemple, que
les « philosophes » connurent assez mal l'Angleterre parlementair?.
II importe davantage de remarquer que le principe qui remua
le XVIII me si&cle fut le principe fonci&rement antichr&ien de cette
Evolution europeenne qui commence k la Renaissance et constitue, ä
tout le moins dans l’ordre de la pensee, la difference fondamentale
entre le « moyen äge » et les « temps modernes » l . Le monde chretien
disparu dans l'ecroulement du moyen äge, l'homme crut faire la d^cou-
verte de l’humain et se mit k changer toutes les valeurs pour se faire
un monde digne de lui. Logiquement, la renaissance de l’id^al paien
aurait du conduire l’Europe au naturalisme radical. Mais les masses
£taient encore profond&nent chr^tiennes ; l'Eglise se ressaisit; on eut
un humanisme chretien. Le classicisme fran^ais du XVII me si&cle fut,
1 C’eat bieQ ce qu'a voulu dire Renan, dans ses Feuilles ditachies (Examen de
conscience philosophique) :
<> L’ölarfcissement de l’idee du monde et la d6molition scientifique de l’ancienne
hypothdse anthropocentrique au XVI me sidcle sont le moment Capital de l’histoire
de l’esprit humain. »
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203
en un certain sens, une r^action catholique, monarchique et nationale,
contre la Evolution humanitaire europ&nne. Mais la source naturaliste
et rationaliste n’^tait pas tarie : eile devint, au XVIII me s i^ c ie i l e courant
voltairien et encyclop£diste. Envisagee de ce point de vue, la Revo¬
lution fran^aise est donc un renouveau du naturalisme paien du
Quattrocento.
Nul ne me parait avoir mieux mis en lumi&re ce caract&re qu'un
philosophe fran^ais catholique contemporain, M. Maritain, dans son
demier livre Antimoderne l . « La scolastique, ecrit-il, vers laquelle nous
revenons maintenant, comme vers not re terminus ad quem, £tait alors
le terme dont on s’&oignait ä tire-d’aile, le terminus a quo d’un Circuit
intellectuel qui devait durer trois sifccles. » Plus loin, il releve que la
Renaissance, la R^forme et le cartösianisme introduisirent « dans
l'ordre rationnel et philosophique toutes les maladies de la pens6e
moderne : naturalisme, individualisme, subjectivisme, scientisme,
egocentrisme. Finalement, — apr&s que la philosophie des idees claires
sera devenue, non sans contamination par les influences anglaises,
avec Voltaire et l'Encyclopedie, puis germaniques avec Rousseau, la
Philosophie des lumi&res et des pauvres quinquets de VAufklärung —
nous assisterons ä la pröclamation de l'ind^pendance absolue ou de
Xascite de l'esprit humain, par laquelle la Evolution kantienne consom-
mera la Evolution cart&ienne. » Et enfin, ces mots qui achevent la
d&nonstration : « Dans l'ordre de l’esprit, la courbe de l'histoire des
trois derniers si^cles a une forme semblable. En trois grandes £tapes —
Luther, Descartes, Kant — l’homme s'isole de la vie sumaturelle...
et devient sourd ä l’Enseignement rev&e — il se soustrait ä Dieu par
antith^ologisme et ä l’ßtre par idealisme... et s’adore enfin comme
£tant l'auteur de la v£rit£ par sa pensöe et l'auteur de la loi par sa
volonte. »
C’est tout cela que signifie, si l’on y regarde de pres, l’esprit revolu-
tionnaire dont nous avons £tudi6 ensemble la formation, de la R^gence
& l'Assembl^e nationale. Nous avons voulu rappeier une filiation : rappel
indispensable & l’inteiligence de l’histoire moderne et, en particulier,
du XIX me si£cle auquel nous amfcne la succession chronologique. Car
cette rapide synth&se, dont nous connaissions dejä les £l£ments disperses,
nous permet en fin de compte de reconnaitre le vrai caract&re des lüttes
1 Jacques Maritain. Antimoder ne. Editions de la Revue des Jeunes; Paris,
1923 ; p. 123 seq., 131 seq., 176 seq.
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politiques et sociales de la Revolution et du XIX“* sifecle. Ce caractere
est ideologique, c’est le choc de deux m&aphysiques, de deux concep-
tions du monde.
La premi&re, c’est 1 ’optimisme r^volutionnaire, bas£ sur le natu-
ralisme et le rationalisme, avec ses dogmes de la bonte originelle de
1 ’homme et du progrfcs inddfini *. La seconde, c’est le pessimisme des
catholiques, des esprits rdalistes et scientifiques, qui voient rhomrae
tel qu'il est. Mais pour les premiers, qui s’appuient ä Dieu et qui voient
l’homme dans l’ordre de la cröation, il ne s’agit pas, ä vrai dire, de
pessimisme, mais bien plutöt d’optimisme transcendantal 2 .
Nous voilä bien loin, dira-t-on, de notre point de d6part, et ne
mdconnaissez-vous pas, ce faisant, le principe de critique historique
qui doit nous garder des gdneralisations pr&naturöes ? Non pas; on
a voulu simplement remonter aux origines. On n'entend donc pas dire
que si l’idde rdvolutionnaire est, pour nous, vicide en son principe,
nous ne pouvons rien retenir de l'ceuvre pratique de la Revolution,
ni m£me souscrire ä certaines revendications de ceux qui la provo-
querent. L'dtude que nous avons faite ensemble des vices de l'ancien
rdgime et des institutions du nouveau est ä eile seule notre reponse.
Mais nous tenions ä distinguer l’origine d'un mouvement qui est la
genese de l’incroyance moderne, — et, comme tel, est un « facteur »
historique de premi&re importance — comme aussi ä rappeier, par
souci de critique, de justice et de logique, l’echelle des valeurs : Au
commencement est le Verbe.
1 Ce n’est pas le lieu de discuter ici si une mystique naturaliste a prevalu
sur le rationalisme, ou l’inverse, ou si les deux courants ont coexist6 p>araUÄlement
sans que Tun ait domin6 l’autre. Le vocabulaire rationaliste des Jacobins ne
serait-il * qu’un masque pos6 sur la face ambigue de ce Dieu-nature dont Jean-
Jacques s’est proclam6 le fils privil6gi6 » ? C'est l’un des termes du probldme que
cherche 4 r6soudre M. Renä Gillouin : Une nouvelle Philosophie de Vhisiove
moderne ct franfaise (Paris, 1921), dans lequel il fait un expos6 critique de 1’oeuvTe
considerable de M. Ernest Seilliire.
* Cette antithöse a 6t6 fortement expos£e par M. Georges Valois dans
L’iconomie nouvelle (Paris, 1920), au chap. 11, oü il rtfute le mat6rialisme histonque
de Marx.
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KLEINERE BEITRÄGE — MfiLANGES
Ein gutes neues Lehrbuch
für die Geschichte des Mittelalters.
Im Frühjahr 1922 erschien eine neue Geschichte des Mittelalters
als Lehrbuch für höhere Schulen der Schweiz von Dr. P. Ignaz Staub O. S . B.
in Einsiedeln. Ein neues Lehrbuch der Weltgeschichte für unsere katho¬
lischen Schweizer Gymnasien war schon längst ein brennendes Bedürfnis.
Die bereits bestehenden Lehrbücher von Schweizer Verfassern werden
unserm katholischen Standpunkt nicht gerecht, was besonders bei der
Behandlung des Mittelalters und der Neuzeit unangenehm auffällt. So war
man genötigt, zu katholischen Lehrbüchern des Auslandes zu greifen, die
aber naturgemäß die Schweizergeschichte und Schweizer Verhältnisse
zu wenig berücksichtigten. So war nur ein Weg gegeben : Ein katholischer,
schweizerischer, zünftiger Historiker mußte ein Lehrbuch schaffen, das
die religiösen und vaterländischen Momente in gebührendem Maß im
Rahmen der Weltgeschichte enthält. Und Dr. P. Ignaz Staub war der
Mann, der diese Forderungen im vorliegenden Lehrbuch erfüllte und zwar
vorzüglich. Wir glauben, man hätte es nicht besser machen können.
Die Aufgabe, Welt- und Schweizergeschichte im Lichte der katho¬
lischen Kirche zu betrachten, ist hier mustergültig durchgeführt. Schon
die Aufschriften der Haupt- und Unterabschnitte zeigen, daß hier von
großen, zusammenhängenden Ideen ausgegangen wird, deren Erfassung
eine ungewöhnliche Beherrschung des großen Stoffes voraussetzt.
Und von einer Beherrschung des Stoffes und einer staunenerregenden
Belesenheit des Verfassers müssen wir in der Tat sprechen, wenn wir den
reichhaltigen Band durchgehen. Uns ist kein Lehrbuch für Gymnasiasten
bekannt, wo neben der ausführlichen politischen Geschichte die Kultur¬
geschichte so oft zu Worte kommt und wo so viele Anregungen geboten
werden. Wie erfreulich ist es, die Verdienste der katholischen Kirche
um die Bildung und Hebung der abendländischen Kultur einmal vollauf
anerkannt zu sehen I Und doch werden die Schattenseiten nicht verborgen ;
sie verlieren nur an Dunkel durch die Gegenüberstellung der Lichtseiten.
Hier eben zeigt sich der objektive Historiker.
Doch nicht bloß der Einfluß der Kirche wird stärker betont als in
andern Schulbüchern der gleichen Stufe, sondern auch die Wirkungen,
die sich aus der Berührung des Abendlandes mit dem Islam und dem byzan¬
tinischen Reich ergaben. Es brauchte eine hohe Warte und einen scharfen
Blick, um diese weiten Kreise überblicken und in ihrem Werte für die
abendländische Kultur erfassen zu können.
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206
Da wir von Kultur reden, sei ein Wunsch ausgesprochen, den uns
gegenüber einmal ein hervorragender Musiker geäußert hat: Es sollte
in den üblichen Geschichtslehrbüchern beim Abschnitt Kulturgeschichte
auch die Geschichte der Musik mehr berücksichtigt werden als bisher.
Sie verdient es durchaus ; denn in den breiteren Volksschichten spielt die
Musik mindestens eine so große Rolle als beispielsweise die Skulptur,
und ihre Wirkung auf die Menschenseele zum Guten oder Bösen wird von
Kennern nicht gering eingeschätzt.
Es sei uns gestattet, den oben angeführten Gedanken über den hohen
Wert des Buches noch ein paar kritische Bemerkungen beizufügen.
Zum ersten können wir uns nicht recht befreunden mit dem Umstand,
daß das Buch einen doppelten Zweck verfolgt: « Es soll der Oberstufe
der Mittelschule als Lehrbuch dienen, die Schüler aber nach Abschluß
dieses Studienganges als Freund ins Berufsstudium und ins praktische
Leben hinaus begleiten können. » Dieser letztere Zweck hat der Anlage
des Buches geschadet.
Für Gymnasiasten ist das Buch unbedingt zu ausführlich, z. B. bei
den Abschnitten über die Kämpfe zwischen Frankreich und England.
Der Lehrer braucht ja allerdings nicht alles durchzunehmen und nicht
alles zum Lernen aufzugeben, aber uns wäre es doch nicht ganz will¬
kommen, wenn wir als Lehrer oft sagen müßten : a Diese Partie habt ihr
zu lernen ; jene könnt ihr weglassen », oder : « Das müßt ihr gründlich
lernen, jenes könnt ihr einmal durchlesen und wieder jenes ganz weglassen. »
Ein Lehrbuch soll das bringen, was der Schüler lernen muß, und nicht
mehr. Dadurch wird der Umfang des Buches und damit der Preis auf
das Notwendigste beschränkt. Will der Schüler früher oder später über
einen Gegenstand mehr wissen, so wird er gewöhnlich doch zu Spezialwerken
greifen.
Wer das Gymnasium hinter sich hat, der wird allerdings gerne in
diesem Buche lesen ; denn es bietet den wissenswertesten Stoff in guter
Übersicht und vorzüglichem Zusammenhang und ruft nach sehr vielen
Seiten hin einem tieferen Interesse. Wenn aber dieses Interesse an einem
Gegenstand erwacht ist, wird man nach einer größeren, ausführlicheren,
erschöpfenderen Darstellung, wohl auch etwa nach Quellen suchen, und
dafür sollten, wenn der zweite Zweck erreicht werden will, Literatur- und
Quellenangaben nicht fehlen ; wenigstens sollten einige wichtigere Werke
bei jedem größeren Abschnitte angegeben werden. Also für den ersten
Zweck ist das Buch zu ausführlich und für den zweiten zu wenig vollständig.
Ein anderer Punkt, mit dem wir nicht ganz einverstanden sind, ist
mehr nebensächlicher Natur. Die Partien, die vom Lehrer als fester Lern¬
stoff bezeichnet werden, sähen wir lieber nicht in dem reichen Gewand,
nicht in dieser vielfach gehobenen Sprache und in diesem rhetorisch
geschmückten Stil. Das Material sollte mehr nüchtern, verstandesmäßig,
fast gerippemäßig geboten werden, wie z. B. in dem für deutsche Verhält¬
nisse vorzüglichen Lehrbuch von Lorenz. Die Aufgabe, das Herz der
Schüler zu entflammen, hat der Lehrer durch seinen Vortrag zu erfüllen.
Denn das Wort des Lehrers ist und bleibt im Geschichtsunterricht die
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■207
Hauptsache. Die lebendige Rede soll die Seele des heranwachsenden
Jünglings in Spannung bringen, zur Begeisterung entfachen, mit Abscheu
erfüllen ; kurz : das gesprochene Wort des Lehrers ist in erster Linie
bestimmt, die Gemütswerte, die der Geschichtsunterricht zu bieten vermag,
dem Schüler ins Herz zu pflanzen. Wird ihm aber das nicht erschwert,
wenn das Buch sich schon an diese Aufgabe macht mit dieser blühenden
Sprache ?
Es kann sehr wohl sein, daß Männer, die zur Beurteilung eines Geschichts¬
lehrbuches zuständiger sind als wir, die Auffassung des verdienten Ver¬
fassers teilen und durchaus nicht gleicher Meinung sind mit uns über die
oben ausgesetzten Punkte. Wir würden uns dessen herzlich freuen ; denn
der Erfolg dieses Buches hegt uns sehr am Herzen, nicht bloß, weil der
Verfasser uns ein alter, lieber Bekannter ist, sondern auch, weil ein Lehr¬
buch von dieser Art die Unterstützung aller gebildeten Katholiken ver¬
dient. Es ist uns wirklich daran gelegen, daß unsere Jungmannschaft
an den katholischen Gymnasien ein hervorragendes Geschichtsbuch in
die Hände bekomme. Aus diesem Grunde haben wir es gewagt, Kritik
zu üben, nicht aus Freude am Kritisieren. Dem Verfasser aber, dem eifrigen
Gelehrten «im finstern Walde », gratulieren wir zu dem wertvollen Werke,
das er geschaffen, und sagen ihm im Namen vieler herzlich « Vergelts Gott»
für den selbstlosen Opfersinn, mit dem er es geschrieben.
Dr. Paul Hildebrand.
Der St. Theodulskult
im Zürichseegebiet vor der Reformation.
Die im Frühmittelalter durchaus auf das Bistum Sitten und die Inter¬
essensphäre der Walliser Bischöfe beschränkte Verehrung des hl. Theodul
breitete sich in der Folgezeit auch über die Nachbargebiete aus. Vielleicht
auf dem Umwege über Engelberg verpflanzte sich dieselbe nach Sächseln,
und rasch wurde St. Joder oder Thioder der volkstümliche und beliebte
Patron der Unterwaldner und der Innerschweiz überhaupt. 1 2 Im 15. und
16. Jahrhundert blühte aber der St. Theodulskult auch in der Diözese
Lausanne a , in Bern, Biel, Genf, Basel, Schaffhausen, Ober-Ageri, Cham,
Luzern und anderen Orten. 3
Es geht freilich nicht an, von einer allgemeinen Verehrung des Walliser
Heiligen im Zürichseegebiet zu sprechen, denn nur sporadisch und ver-
1 Robert Dürrer, Bruder Klaus, Sarnen 1921. Bd. I, S. 217, 218 ; 483.
Bd. II, S. 1221.
2 M. Benzerath, Die Kirchenpatrone der alten Diözese Lausanne in M. A.
in « Freib. Geschichtsblätter», Jahrg. XX, Freiburg 1913. S. 140 ff., 210-211.
3 E. A. Stücke Iber g, Die schweizerischen Heiligen des M. A. Zürich 1903,
S. 111 ff.
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4
— 208 — I
• I
<
einzelt ist sie daselbst im 15. und 16. Jahrhundert aufgekommen, und
selbst in den Gegenden, wo sie nicht der Reformation zum Opfer fiel, scheint I
sie sich keiner längeren Dauer -erfreut zu haben. Und dennoch mag die j
Tatsache auffallend sein, daß ebenso hier in schweren Nöten und Anliegen j
das gläubige Volk seine Zuflucht zu diesem Heiligen nahm und sich seiner
Fürbitte an vertraute. !
In der March z. B. wurde seit 1436 der 16. August, das Fest des j
hl. Theodul, wie ein Aposteltag gefeiert, und laut einer Notiz des Lachener !
Jahrzeitenbuches nahm dann «ein erwirdige priesterschaft mit sampt
einem ersamen herren lan tarn man und rath ein procession und crützgang
uff in der eer des helgen Theodoli». 1 2 3
Rapperswil huldigte ihm, indem es seinen Ehrentag festlich beging
und sogar dessen Vigilie feierte. Eine Notiz des um 1440 angelegten Jahr¬
zeitenbuches der Pfarrkirche, die zum 16. August über der Festbezeichnung
« Theodoli episcopi» eingetragen ist, lautet folgendermaßen : « Item der
tag des lieben heiligen sancti Theodoli uffgenomen von gemeiner statt,
daz man jnn sol hinfür ewenklich eren mit der virer hochzitlich und mit
lüten am abent und am tag, dessglichen mit singen und mit lessen, um
dess willen, daz der Gott der allmechtig gemein burger und die herren
lausse geniessen und teilhafftig werden des verdienens des vorgenanten
lieben heiligen.»* Die 1716 umgegossene Mittagsglocke der Pfarrkirche
von RapperswiL war mit einer plastischen Figur des Heiligen geschmückt. a
Auch das gleichaltrige Anniversar 4 5 des nahen Bußkirch verzeichnet
im Kalender zum 16. August das Fest« Theodori episcopi vallis Wallesiensis »,
welches, wie aus der von späterer Hand hinzugefügten Eintragung « sub
precepto» zu folgern ist, als gebotener Feiertag betrachtet wurde.
N üschelers 6 Angaben zufolge hingen einst in den Kirchtürmen von Bubikon
und Maur mit Theoduldarstellungen gezierte Glocken, und am 22. November
1485 ward in der Kirche der regulierten Augustiner Chorherren auf dem
Zürichberg durch den Konstanzer Generalvikar Daniel ebenfalls ein Sankt
Theodulaltar eingeweiht. Schließlich der Umstand, daß verschiedene
Jahrzeitenbücher unserer alten Gotteshäuser, wie die von Jona®, Richters- .
wil 7 , Albisrieden und Zürich (Großmünster), die Feier des heiligen Walliser
1 P. Justus Landolt, Geschichte der Kirchgemeinde Lachen in « Geschichts¬
freund », XXXI, S. 18 tf. I
2 M. Schnellmann, Zur Verehrung St. Theoduls in Rapperswil, in Nr. 26
(1923) des «St. Galler Volksblattes». j
3 M. Schnellmann, Geschichtliches über die Mittagsglocke der Pfarrkirche ;
von Rapperswil. in < Rapperswiler Nachrichten» (21. I. 1922). *
1 Vgl. A. 1.
5 Die Gotteshäuser der Schweiz, II, S. 289, 295, 446.
6 Gefl. Mitteilung von Herrn Stadtarchivar M. Schnellmann in Rapperswil:
Im Jahrzeitenbuch Jona von 1471 steht zum 16. August in schwarzer Tinte
geschrieben » Theodori episcopi».
7 F. Hcgi, Die Jahrzeitenbücher der Zürcherischen Landschaft in der 1 Fest¬
gabe Paul Schweizer», Zürich 1922. S. 179. — 16. August, Theoduli episcopi
(rot gcschr.) figuriert im Festkalender.
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209
auf den 16. August ansetzen und betreffende Eintragungen ent¬
halten, weist auf die Tatsache seiner im Zürcher Gebiet wirksam durch¬
geführten Verehrung hin.
Höchst merkwürdig ist es dabei, daß sowohl in Albisrieden als auch
in Zürich der St. Theodulstag mit der Gedächtnisfeier für verstorbene
Krieger zusammenfiel. Erster es ehrte am 16. August das Andenken der
Helden von S ; . Jakob an der Sihl (vgl. den Nachtrag im Jahrzeitenbuch
der Kirche Albisrieden zum 16. August: «S. Theodoli episcopi» [mit
schwarzer Tinte], anniversarium illorum, die an der Sil verlurent) 1 , während
im Zürcher Großmünster am nämlichen Tag der Opfer des Schwabenkrieges
gedacht wurde. *
Nachstehendes Dokument erinnert u. a. an die bedeutende Rolle,
die der St. Theodulskult am Vorabend der Reformation im kirchlichen
Leben Zürichs behauptet haben muß und an das besondere Patrozinium,
dem unsere Vorfahren in Kriegsnöten sich unterstellen wollten. Es betrifft
den Beschluß des zürcherischen Rates, das Gedächtnis der im Kriege
von 1499 und während der italienischen Feldzüge zum Schutze von Stadt
und Kanton gefallenen Soldaten auf eine besondere Art und Weise zu
feiern, und bezeichnet den 16. August, das Fest des hl. Theodul, als den
von der zürcherischen Kirche feierlich zu begehenden Erinnerungstag,
welcher auch von der ganzen Bürgerschaft durch fleißigen Besuch der
Gottesdienste und Enthaltung knechtlicher Arbeit während derselben
beobachtet werden sollte.
Zentralbibliothek Zürich. Mscr. C 10 c.
Index festorum, processionum, anniversariorum, vigiliarum, Visita¬
tion um, septimarum et tricesimarum, a quibus domini prepositus et capi-
tulum Thuricenses per circulum anni residentes, specialiter hic designatas
distributiones percipiunt, per M. Felicem Fry, Thuricensem prepositum
anno domini 1519 denuo revisus innovatusque.
Fol. 49. Am Rande, rot: De festo sancti Theodoli peragendo. 3
Venerabiles et egregii domini prepositus et capellani huius ecclesie,
instante et supplicante magnifico senatu huius civitatis Turegiensis,
statuerunt et ordinaverunt, ut singulis annis in futurum perpetuo qualibet
dominica proxima ante festum sancti Theodoli infrascripta in cancellis
per plebanum seu eius provisorem diligenter et notabiliter publicentur :
Primo. Quod in antea perpetuo in dicto festo sancti Theodoli mane
hora quinta solemne officium cantabitur collegialiter in choro de sancla
Trinitate in gratiarum actionem pro concessa nobis ex alto salute et victoria
erga hostes nostros de liga Suevie. Quo finito plebanus extra chorum
1 Staatsarchiv Zürich. F II y, 6 b. — F. Hegt, 1 . c. S. 131.
* Vgl. meinen Aufsatz : Eine Gedächtnisfeier für gefallene Soldaten im alten
Zürich», in den «Neuen Zürcher Nachrichten», 1923, Nr. 41, 1. Bl.
* Im Kalendarium ist zum 16. August, schwarz geschrieben, zu lesen:
«Theodoli episcopi».
REVUE D'HISTOIRK F.CCLfeSIASTIQVE 14
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•UNIVERSITYOF VIRGINIA
210
cantari curabit officium pro defunctis usque post ofiertorium, et sub eodem
officio publicabuntur, ut moris est, nomina illorum, qui belligerando pro
re publica sunt confecti. Et similiter exortatio fiet pro funere, si quidam
presens foret. Illud enim.sub eodem officio comprehendetur, prout cornmu-
niter depositiones, cum anniversariis officia communicant. Decantato
itaque et recepto offertorio misse defunctorum plebanus similiter cantan
providebit sonoriter officium de beata virgin 9 . Quo officio finito, vel secun-
dum competenciam temporis pro maiori parte saltem usque ad elevationem
decantato, idem plebanus ambone ascenso sermonem faciet ad populum
commendando sanctum Theodolum et alias exortando plebem, ut suis
devotis orationibus, elemosinis aliisque piis operibus suffragentur animabus
omnium fidelium defunctorum et presertim illorum, qui in retro actis bellis
pro tuitione rei publice huius civitatis se exponendo desiderati sunt, decla-
rando quoque, cur ista officia tarn a dominis de capitulo quamque senatu
sint instituta. Sermone tali completo chorus premissa prima et tertia,
missarum anniversalem in summo altari cum duobus ministris cantab:t
usque ad benedictionem pro salute defunctorum prefatorum necnon bene-
factorum omnium quorumcumque huius insignis ecclesie ac inclite civitatis.
Postea vero decantata sexta idem chorus missam publicam solenniter
aget in honore prefati sancti Theodoli cum commemoratione sanctorum
martirum Johannis et Pauli necnon nostrorum gloriosorum patronorura
Felicis et Regule et Exuperancii, quatenus eorum intervenientibus precibus
deus omnipotens nos et terram nostram a spiritualibus nequiciis et quovis
hostili incursu necnon ab aerearum malignitate tempestatum tueri stabilique
pace et concordia firmare et fovere, aeris eciam tranquillam temperiem
et frugum largam ubertatem ad salubrem usum et substentationem nostram
misericorditer nobis elargiri dignetur. Exortentur insuper omnes ad inter-
essendum devote et reverenter predictis missis ac eciam ad vacandum
ab actibus mechanicis usque post totalem peractionem divinorum officiorum
Si vero festum sancti Theodoli ceciderit in dorainicam, tune prescripta
officia omnia in crastino habebuntur et habenda publicabuntur modo
prescripto. »
Am Rande : « Item sexta die junii pro interfectis in hello Mediolanerst
apud Novariam, vulgariter Naveren, die eadem de anno domini 1513
omnia fiant ut in die sancti Theodoli, officium tarnen pubücum de instand
tempore iuxta ordinationem dominorum prepositi et capituü decantetur. >
_ Guido Hoppelet, Zürich.
Ein Erbauungs- und Andachtsbuch
aus dem Dominikanerinnenkloster ötenbach in Zürich,
vom Jahre 1436.
ln der Handschriftenabteilung der Zürcher Zentralbibliothek befindet sich
unter der Bezeichnung « Mscr. C io f * ein aus 3 io Papierblättern bestehender
Kodex, der aus dem 2. Viertel des i 5 . Jahrhunderts stammt und als in deutscher
Sprache verfaßtes Betrachtungs- und Gebetsbuch typisch sein dürfte. Der
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stattliche, in 2 mit Leder überzogene Holzdeckel eingebundene Band (Maäe
32/22 cm) ist erst 1849 in den Besitz der Stadtbibliothek Zürich, geschenkt von
Staatsschreiber J. Heinrich Hottinger im Januar 1849, gelangt. Das Papier ist
mit einem blumenartigen Wasserzeichen versehen, die Schrift, die gotische
Minuskel von der humanistischen beeinflußt. Sie hat viele runde Formen, die
Buchstaben sind ebenso breit wie hoch. Über die Geschichte dieses historisch
und sprachlich interessanten Werkes sei hier folgendes mitgeteilt. Dasselbe
ging aus der Wiener Glossatorenschule 1 hervor und wurde aus dem Lateinischen
ins Deutsche übertragen *. Der Name des Schreibers, welcher am 9. II. 1436
den ersten Teil seiner Arbeit vollendete und 5 Tage später auch den Anhang
zum Abschluß brachte, ist unbekannt *. Wie in der Widmung verlautet, haben
i 652 Rudolf und Heinrich Hospinian das einst im Dominikanerinnenkloster
Ötenbach zu Zürich aufgefundene Exemplar dem berühmten Kirchengeschichts-
professor und Orientalisten am Zürcher Carolinum, Johannes Heinrich
Hottinger geschenkt. Die Schrift scheint demnach im genannten Gotteshause
benützt worden zu sein. Schon vor der Erfindung der Druckkunst befanden
sich Teile der Hl. Schrift oder vollständige Handschriften und Psalterien im
••
Privatbesitz von Laien ; die meisten mittelalterlichen Übersetzungen der
1 Hie vahent an in dem namen gottes die heiligen vier passion, als die hohen
meister in der Schule ze Wyen die glosieret und darüber geschriben hant.
Vgl. pag. 1.
* Pag. 273. € Harumb sien gebetten alle menschen, die dis büche lesent oder
herent lesen, daz si got und sin liebe müter bitten wellent für den, der dis büch
von der latine x,e tusche braht hat, got ze lob und allen menschen ze besserunge,
wand dis ist das dritte büch, da\ von dem ersten geschriben ist *. Offenbar ist
••
dies eine Kopie vom pergamentenen Original, welches das Kloster Ötenbach von
Privathand käuflich erwarb. Vgl. Staatsarchiv Zürich, Urh. Ötenbach nr. 836 ,
vom 29. Jänner 1470. « Ich Rudi Schmid von Baden, burger Zürich, tün kunt
mengklichem und vergich offenlich mit disem brieff, als die erwirdigen geistlichen
e
frowen, äptissin und convent an Ötenbach. min gnädigen lieben fröwe, ein bermentin
büch, dar inn die vier passion mit usslegung der heilgen geschrifft begriffen
sind, inn hand, dar an ich ettwas gerechtikeit vermeint ze haben, das es mir zü
gehören söit, das ich des genügsamklich underricht worden bin, das die genanten
C
frowen an Ötenbach dasselb buch von Hartman Schmid, minem vettern säligen,
umb ein summ geltz erkoufft und bezalt hand, harumb so lassen und sagen ich
für mich und min erben, die obgenanten frowen und all ir nachkommen aller der
ansprach, so ich vermeint hatt, dar an ze haben, quitt, ledig und loss mit disem
brieff. Des zü wärem urkund hab ich min eigen insigel für mich und min erben
offenlich getruckt in disen brieff by end der geschrift, der geben ist uff mentag
vor unser lieben Frowen tag ze der Liechtmiss, als man zalt von der gebürt Christi
unsers herren tusent vierhundert und sibentzig jare. » (Siegel u. Wasserzeichen).
• Die Darstellung der Leidensgeschichte Christi « ist vollbracht am nechsten
donrstag vor sant Valentinustag, des jares da man zalt von gottes gebürte tusent
vier hundert drissig jare und sechs jare. » S. 273. Der Anhang mit den katecheti-
schen Schriften am 14. desselben Monats. « Completus est iste über ipsa die beati
Valentini martyris, anno domini millesimo quatercentesimo tricesimo sexto. »
(S. 3 10).
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212
Bibel 1 oder deutschen Erbauungsbücher sind aber vornehmlich in den Klöstern
zu suchen, wo alle Ordensleute zum Chorgebet verpflichtet waren. Da dieses
zum größten Teil aus Stellen der Heiligen Schrift zusammengestellt ist, so
mußte ihnen ein Hilfsmittel erwünscht sein, das sie dem Verständnis ihrer
täglichen Gebete näher brachte.
Der erste Teil des Buches (S. 1-273) umfaßt die aus den 4 Evangelisten
gezogene und mit kurzen Betrachtungen und christlichen Unterweisungen
illustrierte Darstellung der Leidensgeschichte des Herrn. S. 1 : « Hie yahent
an in dem namen gottes die heiligen vier passion, als die hohen meister in der
schüie ze Wyen, die glosieret und darüber geschriben hant, mit hundert gar
andechtigen gebetten, so har in geschriben und gesetzt sint ». Die lateinischen
Zitate aus der Heiligen Schrift sind rot unterstrichen, und diesen schlie§t sich,
mit Bezugnahme auf Aussagungen und Erklärungen von Propheten, Kirchen¬
vätern, Heiligen und Glossatoren, die deutsche Betrachtung an, die jeweils
durch ein Gebet abgeschlossen wird. Jeden neuen Abschnitt leitet ein roter
Majuskelbuchstabe ein, die schwarzgeschriebenen Namen der zitierten Personen
sind in roten Vierecken am Rande notiert- Davon seien hier erwähnt: Jeremias,
Bernhard, Paulus, Dionysius, Job, David, Augustin, Chrysostomus, Ambrosius.
Hieronymus, Johannes, Tobias, Richardus, Gregorius, Remigius, Benediktus,
Isaias, Matthäus, Markus, Jakobus, Theophilus, Origenes, Beda, Petrus,
Nikolaus de Lira, Hugo de Sancto Victore, Isidorus, Alexandrinus, Bertrandus,
Jakobus de Lausanna, Alchimus, Rabanus, Papa Leo, Anshelmus, Bonaventura,
Hugwicio der Meister, Cassianus, Damianus, Marquardus de Waltsachse,
Athanasius.
Der Zweck der Schrift ist in der Einleitung genau angegeben und aus¬
drücklich betont: S. a5-2Ö. « Und umb das alle menschen die minne und
liebe zü dem liden Cristi habent, sines wirdigen lebens und minneriches
Sterbens underwiset werdent, so wirdet hie sin Ursprung wie er in dise weite
geboren ist und sin leben mit grosser arbeit und liden durch unsern willen
mit manigem lobelichem .etc.gar kürtzlich überlouffen und beschriben,
als dz die heiligen evangelium uswisent blöslich nach dem büchstaben untz
an die passion *.
Dringend wird die tägliche Betrachtung ans Herz gelegt : S. i 5 .
« O allerliepsten kint, wir sollen och angedenckig sin der heiligen geschrift,
die uns nit geben ist, das wir si blöslich, als wir si in den büchern lesen. Wir
sollen si ouch begirlich begraben und bedenken in unserm hertzen, und ist
das du in diser meinunge und guten werken belibest untz uf das ende ».
S. 18. «Nu gezimpt fürbas ze reden von dem wirdigen liden unsers lieben
herren Jesu Christi, an dasselb liden ein jeglicher cristan mensche ze dem
minsten ze siben malen am tag mit löblicher ere gedenken sol ».
Mit gleicher Klarheit und Schärfe wird auch die Notwendigkeit der geist¬
lichen Lektüre hervorgehoben : Wer die Sünde verläßt, und sich Gott wieder
zuwendet, < dem ist ze ratende, das er sich kere zü disem büch, dar inne er
1 Bes. in den Nonnenklöstern des M. A. bis über die Glaubensspaltung hinaus
war die Bibel eifrigst gelesen. Janssen: Gesch. des deutsch. Volkes, I 16 ff., 35 ff..
40 ff., VII 53 1 ff.
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— 213 —
lernet und unterwiset wirdet der concordantz, daz ist der einhelligen uslegung
der vier passion und des lidens unsers lieben herren Jesu Cristi unsers
Schöpfers nach dem blossen texte der vier ewangelisten, mit den glosen und
uslegungen der heiligen lerer, mit menger schöner lere und mit hundert
andechtigen gebetten, die mit sunderheit har inne begriffen sint ». (S. 18.)
Aber es wird darin auch entschiedene Stellung genommen gegen Glossa-
toren die « kerent sich wenig an sant Paulus und an der heiligen lere, und
glosieren die heiligen schrift valschlichen, die heiligen ewangelien und die
epistolen die si in tusche nach dem büchstabe hant « que maxime sunt
speculativa * und verschmahent die gelerten priesterschaft, die offenlich am
kantzel die warheit verkündent >. Wer sich schuldig fühle, kehre um zur
« müter der heiligen cristenheit » und unterwerfe sich « dem stüle von Rome
und sinen geholten *. (S. 3 b). Dies beweist wieder, welch hohen Wert man
der Predigt im ausgehenden Mittelalter beilegte, ebenso daß das Bibellesen in
gutgeheißenen Übersetzungen nicht nur gestattet, sondern auch empfohlen
und angeraten wurde.
Auf S. 273 b folgen dann für die religiöse Unterweisung bestimmte
Schriften. Wir geben hier mit der Bezeichnung der Seitenzahl die Kapitel¬
überschriften wieder.
S. 373 b : Nu volget nach die betütunge dez amptes der heiligen messe.
S. 384 a. So sint dis die zwölf rete Jesu Cristi. b. So sint dis die zwölf
fruchte dez heiligen geistes.
S. 385 a. So sint dis die zechen gebotte. b. Die nun frömde Sünde.
S. 386 a. So sint dis die siben gaben dez heiligen geistes. b. So sint dis
die siben tugent oder krefte der sele. c. So sint dis die siben heilikeit oder
sacramente. (S. 386-389 kurzer katechetischer Unterricht über dieselben).
S. 389 a. Do sint dis die siben totsünde. b. So sint dis die sechs werk der
erbarmhertzikeit, wie man die began sol liplichen.
S. 390. Aber sint dis die sechs werke der-erbarmhertzikeit, wie man die
began sol geistlichen.
Weil auf die würdige Vorbereitung zum Empfange des Buß- und Altars¬
sakramentes das höchste Gewicht gelegt wurde, sind die dem Unterrichte über
die Beicht und die Kommunion gewidmeten Partien am ausführlichsten
gehalten.
S. 390. So ist dis von den nutzen so man von der bichte empfahet.
S. 393 b. Hie vahet die bicht an. Der Beichtspiegel ist nach folgenden
Betrachtungspunkten eingerichtet: « verlorne zite, mit gedencken, mit Worten,
mit w'illen, mit werken, mit versummnisse und verlornen zite; an kristanlichem
gelouben ; die siben totsünde ; die zechen gebotte ; so sint dis die zwölf rete
unsers herren ; die zwölf früchte des heiligen geistes ; die nün frömde Sünde ;
die acht selikeite; die siben gaben dez heiligen geistes ; die siben krefte der
sele; die siben heilikeite, die sechs werk der erbarmhertzikeite liplichen; die
sechs werk der erbarmhertzikeit geistlichen ; die fünf sinne; die sechs sünde
in den heiligen geiste; die rüffenden oder schryenden sünde; die stummen
sünde, die nün froide dez himmelriches ; die nün pinen der helle.
S. 3 o 6 - 3 io. Gebete vor und nach der Kommunion.
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— 214 —
Nachstehende Abschriften sollen nur eine kleine Auslese dieser sprachlich
und kulturhistorisch beachtenswerten geistlichen Schriften bilden.
Seite 16.
O herre Jesu Criste ein ewiger sun dez lebendigen gottes, verlihe mir armer,
kranken menschen und grossem sunder din lob und din ere alle zit vor den
ougen mines hertzen ze habende und dinen heiligen gebotten nach ze volgende
untz durch minen tode, gip mir in minem leben für ze komenende und ze
wächsende das ich werde ein volkomener mensche und wirdig sie din heiliger
tempel ze sinde, dar inne du din stat vindest bi mir ewenclich ze belibende
Ich bit dich herre, daz du min hertze erlüchtest mit dem lichte diner gnaden,
das mich stetenclich für kome und mir ouch nach folge, das ich in allen minen
wegen din geleit haben möge und dar inne erfüllen mögen alle die ding, die
dir gefellig sient. Ich bit dich lieber herre das du richten wellest in diner
gesetzde und in dinen heiligen gebotten min worte, min werke, das si bliben
in dinen gebotten und reten, du obroster gott, das ich in allen dingen dinen
willen vollebringe und da mitte verdiene das ewige wesen dez himelschen
vatter landes und gelück und heile hie uf ertrich nach allem dinem lobe. Amen.
*
Seite 56 . O milter herre Jesu Criste, als du an dem Oliberg für mich und
alle menschen in der aller grösten not, in dinem andechtigen gebette blutigen
sweis heit geswitzet, der ängste und note erman ich dich herre und bitten dich,
das du mir gebest, das ich in der gedechtnusse des selben dines heiliger
lidens enzündet und also inbrünstig werde, das ich har inne erwerbe für dinen
plutigen sweis andehtige trähen, di mir ab Wäschen alle min sunde und mich
behüten wellest nu und ewenclich vor allem übel. Amen.
S. 279. Nach der Wandlung.
Almechtiger ewiger got erzeige an mir din ungemessen kraft, daz ich ver¬
wandelt werde von minen schulden in gantze unschulde. Töde in mir den
tot und den flüch der Sünden and nach (sic l) mich ewenclich lebende, schnb
mich herre in daz lebendig büche und behalt mich in ewiger selikeij. Amen.
S. 383. Nach der Kommunion.
O ewiges lustiges vatter land, wie bist du mir so verre, wenn sol ich dich
besitzzen, o lustliche gesellschaft aller usserwelten, wenne sol ich zü dir
körnen, helfent bitten ir adellichen lutzernen, ir engel und ir liben fründe
gottes, daz ich in üwer zal kome und daz mir daz mitgeteilet werde, daz ir in
so ewiger Sicherheit besitzzent und niessent, ane ende. Amen.
S. 383. So nun der segen gegeben wirdet, den du knüw'ende empfaher.
soll, so solt du dich ouch segenen mit dem Zeichen des heiligen krutzes und
mit sant Johans ewangelio, daz in tüsche nach dem texte hisset, alz hie nach
geschriben stat:
In dem anefange waz daz wort und daz wort waz bi gotte und got waz
daz wort, daz waz in dem anfang bi gotte, alle ding sint durch in gemach;
und ane in ist nüt gemacht, daz da gemacht ist. In ime waz daz leben und
daz leben waz ein liecht der lüten und daz lieht lüchte in der vinstri und
die vinstri moht es nit begriffen. Es waz ein mensche gesant von gotte
dez name waz Johannes, der kam ze gezügnüsse, daz er gezügnüsse gebe dem
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- 215 —
liehte, er waz nit daz lieht, denn daz er gezugnüsse gebe dem liehte. Es waz
ein gewares lieht daz da erlüchtet alle menschen körnende in dise weite. Er
waz in der weite und die weit hat in nit erkannt, in sin eigen ist er komen
und die sinen hant in nit empfangen, aber (a. R. alle die so) in hand empfangen
den hat er gewalt geben gottes kinder ze werdenne, den die globent in sinen
namen die nit sint von dem plüte noch von dem willen dez fleisches noch in
dem willen dez mannes, wond von gölte sint si geborn, und daz wort ist
fleisch worden und wonet in uns und wir sahent sin ere alz die ere eines
eingebornen von dem vatter volle gnaden und warheit. Amen.
S. a 83 b Cristanlicher geloube.
Ich gelouben in einen gott vatter almehtiger der ein Schöpfer ist himel-
richs und ertrichs und aller creature. Ich gelouben in sinen eingebornen sun
unsern lieben herren Jesum cristum. Ich globen daz er empfangen wart vom
heiligen geiste geborn von der reinen magt Marien. Ich geloub daz er gelitten
hat und gekrütziget ist under dem richter Poncio Pilato. Ich geloub daz er an
dem krütze erstarb an der menscheit. Ich geloub daz er begraben wart.
Ich geloub, daz er zu den hellen für und darus loste alle die sinen willen
hatten getan. Ich geloub daz er an dem dritten tag erstund gewarer got und
gewarer mensch. Ich glob daz er am vierzigosten tag ze himel für und da
sitzzet ze der rehten hant sines himelschen vatters eben gewaltig und eben
ewig. Ich geloub daz er am jüngsten tag künftig ze körnende ze richten über
lebende und über toten. Ich geloub in den heiligen geist, in die heiligen
cristanheit, gemeinsami der heiligen, applas der Sünden, urstende dez libes
und nach disem leben glob ich ein ewig leben. Amen.
S. a 85 . So sind dis die zechen gebotte.
Das erste gebotte, du solt got liep haben von gantzem hertzen, von gantzer
krefte diner sele und von allem dinem gemüte, noch keinen andern got dir
fürsetzen, dinen got alleine üben und anbetten, noch im kein glichnuss
machen.
Daz ander gebot, du solt gottes namen nit uppentlichen in dinem munde
nemen noch bi ime sweren, daz valsch üppig oder unwar sie.
Das dritte gebot, du solt dinen samstag heilig machen, daz ist du solt den
sunenndag und alle gebannen virtag und vastag heiligen mit güten werken,
und waz man die Werktage güter werke versumet hat, sol man erfüllen an
den virtagen und kein verlassen üppig noch dienstlich werke daran tün du
noch daz din.
Das vierde gebotte, du solt vatter und müter eren lebendig und tot, darumb
hat got verheissen langwerendes leben uf dem ertrich, daz ein mensche dester
me verdiene mit sinen tugenden und milten werken.
Daz fünft gebot, du solt nieman töden mit der hant noch mit räten noch
mit getäten noch mit frümung, du solt öch nieman töden mit hinderede die
den lüten schedelichen sie.
Daz sechste gebotte, du solt din e nit brechen, also daz du uswendig dere
unkuscheit mit jeman tribest oder dinem gemahel kein untrüwe tugest.
Das sibende gebot, du solt nit Stelen, daz ist du solt kein unrehtvertig güt
uf dir oder bi dir haben, es sie verstoln, gerobet, gewüchrst, fürkouffet, funden,
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unredelich empfangen von bülschaft oder in ander süntliche wege, es sic
kilchen güte, zehenden, pfantschilling, spilgüt etc.
Das achtode gebotte, du solt kein valscher gezüge sin in ernst oder in
schimpf, daz jeman geschaden möge an sele an ere an lib oder an güte.
Daz nünde gebot, du Solt niemans efrowen begern noch anders keinen
denne dines ewibes.
Daz zehende gebotte, du solt niemans gütes begeren noch sines knecntes
dirnen oder waz zü ieman anders reht hab, dez solt du nit begeren.
Guido Hoppeier, Zürich.
Eine Reformationstagung im Lötschental
vom 4. Dezember 1562.
Die Sage erzählt, ein Geistlicher des Lötschentales habe zur Refor¬
mationszeit abfallen wollen und sei schon auf dem Wege gewesen, um zu
den Bernern überzugehen. Auf der Faldumlawine, wo man zum letzten
Mal das ganze Tal im Auge hat, habe er nochmals zurückgeschaut. Da
habe er die Wallfahrtskapelle Unserer Lieben Frau von Kühmatt, gelegen
zu hinterst im Tale, in einem hellen Licht gesehen ; dabei sei das Licht
des Glaubens wieder aufgegangen in seiner Seele ; der Priester habe seine
Schritte zurückgelenkt und sei treu geblieben seiner Kirche und seinem
Berufe. 1
Dieser Priester ist ein Bild des Walliserlandes zur Reformationszeit.
Das Rhonetal war im 16. Jahrhundert auf dem Wege, protestantisch
zu werden. Die jungen Walliser wurden durch Freiplätze an die Hoch¬
schulen von Bern, Zürich und Basel gelockt, protestantische Bücher kamen
trotz Verbot über die nördlichen Alpenpässe, Lehrer und Prediger des
neuen Glaubens traten in den großem Ortschaften des Landes auf, während
zeitweise sogar die geistliche Obrigkeit im Wallis sich als zu schwach und
zu nachgiebig zeigte.
Die Folge war, daß die Gebildeten zahlreich der neuen Lehre zuneigten,
sogar Geistliche, von denen viele ein ärgerliches Leben führten. Dagegen
war das Landvolk durchwegs dem katholischen Glauben treu geblieben.
Von ihm sagt P. Gabriel Meyer : « Zum Glück war das gemeine Volk in
diesen Gebirgstälern viel zu abgeschlossen von der übrigen Welt und viel
zu einfach in seinen Sitten und zu ergeben dem alten katholischen Glauben,
als daß die neue Lehre viel zündbaren Stoff vorgefunden hätte.»
An den Bauern der Berge und Täler hat dann auch die Anstrengung
für die Erhaltung des alten Glaubens und die Verbesserung der Sitten,
die wahre Reformation, Gegenreformation geheißen, im Wallis die beste
Stütze gefunden. Angeregt wurde diese Reform durchdie heiligen Nachbar-
1 Auf einem Votivbild des St. Antoniusaltars in Kühmatt soll das Porträt
dieses Priesters sein. Wahrscheinlich hat dieses Bild eines betenden Priesters
die Sage veranlaßt.
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217
bischöfe in Genf und Mailand, Franz von Sales und Karl Borromäus,
und die sieben katholischen Orte. Auf Drängen der letztem hin bestimmte
ein Landtag zu Sitten am 20. August 1603, alle Neugläubigen sollten das
Land verlassen. Schärfere Verordnungen erließen die Gomser (Gomesia
catholica) gegen die Häretiker am 6. Dezember 1603 und machten Miene,
dem Landratsbeschluß vom 20. August mit den Waffen in der Hand Nach¬
druck zu verleihen (Volksauflauf in Emen am 17. März 1604). Die strengen
Bestimmungen der Bauern von Goms machte der Landrat zu Visp (25. bis
27. März 1603) zu den seinigen, was von großer Bedeutung für den
Katholizismus im Wallis wurde. Alle Protestanten, die nicht zum katho¬
lischen Glauben zurückkehren wollten, mußten in zehn Tagen das Land
verlassen, wenn sie Fremde waren, wenn Einheimische, in zwei Monaten.
Schon lange vor dem Aufstand in Goms und dem Landtag in Visp
hatte Lötschen den denkwürdigen Tag der Gegenreformation, der wahren
kirchlichen Reform; es ist der 4. Christmonat des Jahres 1562, genau
ein Jahr vor Schluß der Kirchenversammlung von Trient. An diesem
Tage hatte sich die ganze Talschaft, an der Spitze standen die Männer
in geistlichen und weltlichen Würden, versammelt in der Martinskirche
in Kippel. Hier wurden 22 Artikel vorgelesen, hauptsächlich betreffend
den religiösen Unterricht und den Gottesdiens*, die Ordnung und Verwaltung
der PfarTei. Die ganze Talschaft verpflichtete sich eidlich « mit zum
Himmel erhobenen Händen», die gefaßten Beschlüsse nach deren
Genehmigung durch den Oberhirten stets fest und treu beobachten zu wollen.
Sobald die Wege es gestatteten, am 29. März des folgenden Jahres,
erschienen zu Sitten in der bischöflichen Burg Majoria vor dem Bischof ..
Johann Jordan der Prior Joh. Imthossen und die Vorsteher des Lötschen-
tales mit der untertänigen Bitte, die Artikel vom 4. Christmonat gnädigst
zu genehmigen, insoweit sie mit den kirchlichen Gesetzen übereinstimmen,
andernfalls sie nach denselben zu verbessern. Der Bischof gab den Gesandten
des Lötschentales eine Urkunde mit, in der er erklärte, er habe die vor¬
gelegten Artikel nach reiflicher Erwägung und nach dem Rate erfahrener
Männer korrigiert und verpflichte die Bewohner des Lötschentales zu deren
Beobachtung. Die kostbare Urkunde befindet sich heute noch im Pfarr-
archiv zu Kippel (D 21) und ist ein rühmliches Denkmal für die Treue
zur katholischen Kirche.
Den Lötschern wurde diese Treue reichlich vergolten von der göttlichen
Vorsehung durch musterhafte Seelsorger in den folgenden Jahrzehnten.
Die VII katholischen Orte sandten Geistliche ins Wallis zur Erhaltung
des katholischen Glaubens. Von diesen wirkten in Lötschen zwischen 1569
und 1643 der Reihe nach : Jodocus Leo von Luzern, Ursus Reinhart von
Solothurn, Oswald Benteli von Luzern, Werner Huwiler, Matthias Barmetier
von Unterwalden, Joh. Huerberanus (?), Lütenegger von Ruswil, Joh.
Jost Meyer von Luzern, Knübieller von Willisau, Jodok Niederer, Kaspar
Felder von Luzern und Melchior Meyer von Luzern. Die 13 Wiegendrucke
des Pfarrarchivs in Kippel sind sicher meistenteils Geschenke der genannten
Missionäre.
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2l8
Reform urkunde der Pfarrei Lötschen 29. März 1563.
Sitten: Majorie Urkunde in Kippel (Archiv der Pfarrei und Talschaft Lötschen)
Pergament mit verletztem Siegel.
Nos Johannes Jordan Dei gratia Sedunensis episcopus prefectus et
Comes patriae Vallesiae harum Serie omnibus et singulis christicolis praesen-
tibus atque posteris, quibus expedit, notum pariter atque manifestum
fieri volumus quod die datae praesentium coram nobis comparuerunt
venerabilis vir dominus Johannes Imthossen, presbyter et prior vallis de
Liech, honesti viri Martinas Maioris, major ejusdem loci, et Petrus Hentzen,
procuratur ejusdem loci, ac agentes velut procuratores ac nuntii parte
proborum hominum dictae Vallis Liech deputati vel constituti, producentes
et exhibentes coram nobis tamquam eorum praelato vel dioecesano quoddam
publicum instrumentum in se articulos fundationis, ritus sive administra-
tionis ecclesiae parochialis sancti Martini vallis de Liech continentes,
per majorem partem proborum hominum vallis de Liech formatos et stabili-
tos. Quod sive quos iidem probi petierunt et humiliter requisierunt per
nos mature et diligenter perlegi, visitari, eosque, in quantum juris erit,
laudari, approbari et ratificari, aut alias, si quae in eisdem emendanda
et corrigenda veniant, per nos authoritate nostra emendari et corrigi detrac-
tis detrahendis, additis addendis juxta sacrorum canonum sanctiones
et alias, prout nostro pastorali incumbit officio, indeque eisdem authori-
tatem nostram pariter et decretum interponi. Cuius instrumenti et articu-
lorum dictae fundationis tenor, substantia et effectus debite per nos visis
et correctis sequitur de verbo ad verbum :
In nomine sanctae et individuae Trinitatis, Patris et Filii et Spiritus
sancti amen. Universis et singulis praesens publicum instrumentum inspec-
turis, visuris et audituris pateat evidenter et sit manifestum, quod anno
nativitatis Domini nostri Jesu Christi currente 1562, die autem quarta
mensis decembris in ecclesia parochiali S. Martini Vallis Liech coram tota
communitate ejusdem vallis, ultra tarnen duas tertias partes dictae vallis,
in quoque mea notarii publici ac testium subscriptorum praesentia fuerunt
ibidem personaüter et specialiter constituti honesti et probi viri : Jacobus
Rubin, olim major, Christannus Tannast, Martinas Meier, olim major,
Christannus Am-Stalden, ohm major, Martinas Beren, vexillifer, Martinas
Werten, major, Petrus Hentzen, Petrus Rütiller, olim majores, Johannes
Belwaldt, syndicus totius Vallis Liech, loco, viceque et nomine totius
communitatis et vallicolarum Vallis Liech ad hoc per die tarn comm uni täte m
specialiter et expresse peragenda et statuenda electi et deputati. Cum
enim praedictae ecclesiae parochialis sancti Martini dictae Vallis Liech
fundatio et unde originem habeat, et quomodo regeri (regi) debeat, hactenus
non fuerit sufficienter in scriptis redactum, aut forsitan scriptum eiusdem
ob vetustatem et temporis logaevitatem deperditum,
igitur praenominati deputati, ut divini cultus servitium in dicta
ecclesia propensius et sanctius augeatur, denique uberius animabus christi-
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219
fidelium piis suffragiis auxilietur, in laudem Dei omnipotentis et beatissimae
Virginis Mariae, ac honorem S. Martini, eorum patroni, totiusque curiae
coelestis subscriptos articulos posuerunt, statuerunt, ordinaverunt et condi-
derunt in modum et formam sequentes, quos firmiter et inviolabiliter tarn
per ipsam communitatem totius Vallis Liech et vallicolas ejusdem, quam
et eorum priorem sive curatum, qui tempore erit, öbservari volunt, inter-
veniente tarnen laude, consensu et voluntate etc.
Primo statuerunt et ordinaverunt, quod vacante officio curati sive
prioris Vallis Liech (quod tune) vallicolae dictae vallis possint et valeant
ipsis eligere unum priorem sive curatum idoneum et sufficientem, quem
quamprimum ipsis vallicolis possibile et conveniens erit, praesentare habeant
et debeant, videlicet: primo collatori 1 et tandem reverendissimo domino
nostro Sedunensi episcopo tamquam institutori et dioecesano.
Deinde statuerunt et volunt, quod dominus prior sive curatus pro
tempore existens debeat et teneatur omnibus diebus dominicis, neenon
diebus apostolorum ac festis solemnioribus concionare in eadem ecclesia
verbum divinum, ut populus eo felicius instrui possit juxta antiquam ac
veram ecclesiae catholicae et orthodoxae consuetudinem et mandatorum
praedecessorum nostrorum formam et ritum.
Item, quod idem curatus teneatur diebus dominicis et festis solemni-
tatum cantare cum altaristis dictae ecclesiae missam, note habitis suble-
vantibus sive coadiutoribus.
Item ordinaverunt, quod ipse curatus seu prior teneatur et debeat
ultra diem dominicam in qualibet hebdomada quattuor miss^s celebrare,
scilicet unam die lunae, secundam mercurii, tertiam veneris, quartam sabati
secundum eorum conscientiara, sec und um tarnen antiquam debitam et
hactenus observatam consuetudinem, excepta excusabili necessitate, et
quod teneatur idem curatus diebus sabatinis festis solemmbus cantare
Ave maris stella etc., Salve regina etc. cum antiphonis hucusque consuetis
et observatis. 2
Item praedictus curatus teneatur et debeat in tota Valle Liech providere
sacrum baptisma ac administrare languentibus petentibus divina sacra-
menta per totum circulum anni durante suo officio, tarn tempore prospicuo
et felici, quam pestifero et alias adverso secundum suam possibilitatem,
corporisque et ingenii virtutem.
Item, quod idem curatus teneatur manutenere lumen duarum cande-
larum interim quam officium missae celebrat. Similiter debet manutenere
candelam quam vocant candelam baptismatis. Alias autem candelas,
quas accendunt in elevatione sacramenti sacrae hostiae ipsi vallicolae
sumptiare teneantur.
Item, quod idem curatus teneatur omnibus diebus Lune ante missam
1 Augustinerabtei U. L. F. von Abondance in Savoyen (seit 1223).
* Bis zur Visitation vom 27. April 1921 hatte der Prior die Pflicht, viermal
in der Woche in der Pfarrkirche die Messe zu lesen, offenbar herkommend aus
dieser Reformationsbestimmung.
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220
more consueto cum divinis psalmis et antiphonis ecclesiam circumire
orando pro vivis et defunctis.
Item teneatur idem curatus super tumba cujuslibet defuncti quolibet
die durante tricesimo submissa voce legere seu decantare tres psalmos
cum ardenti candela suis sumptibus, prout tarnen infra declarabitnr.
Item, quod idem curatus sit obstrictus et teneatur manutenere ad
sepeliendos mortuos duas bonas secures, unam ligneam, vulgariter Hauwen.
et duas...
Item quo facilius dicta instrumenta sepulturae per dictum curatum
manuteneantur, statuerunt, quod quislibet vallicola cujuscunque sexus
decedens ab humanis sine liberis legitimis ipsum superviventibus, a suo
corpore procreatis, debeat et teneatur, et per ejus haeredes expediantur
pro dictis instrumentis unum florenum patriae, salvis in hoc infantibus,
qui sacramentis nondum providentur, qui ex hoc articulo excipiuntur
donec pervenerunt ad legitimam aetatem. 1
Item, quod curatus et matricularius inter se curare teneantur, ut
e^lesia omnibus diebus post pulsum angelicae salutationis seratur, et
quod quislibet ipsorum habeat suam clavem, ut quotiescunque intrare
voluerint unus aut alter, intrare possit.
Item teneatur matricularius pulsare omnibus diebus meridiem, et
pro sua pulsatione idem curatus debere solvere et expedire pro quolibet
anno videhcet quinque solidos maurenses matriculario, qui tune meridiem
pulsare teneatur et sit obstrictus.
Item, quod idem curatus honeste manutenere teneatur cum decentibus
tectis domum et omnia aedificia curiae, reliqua autem bona in decenti
cultura secundum hactenus solitam consuetudinem, et adducta materia.
Item teneatur idem curatus in quattuor festis solemnibus cujuslibet
anni et in quolibet eorum altaristis et matriculario dictae ecclesiae et
cuilibet eorum dare unum prandium. 2 3
Deinde statuerunt et ordinaverunt, quod ipsi vallicolae, sive communi-
tates totius Vallis Liech remittant et ad manus tradant eorum curato,
qui pro tempore acceptatus fuerit, scilicet omnia aedificia, bona quaecunque,
introitus, redditus, decimas ac census quoscunque ad dictam ecclesiam
spectantes, sub reservatione praemissis clare apposita, quod tune tutor,
qui pro tempore erit, prout semper unus esse debet ejusdem ecclesiae
tutor, debeat omnia jura et recognitiones dictae ecclesiae penes se habere
et domino curato existenti recuperaturam sufficientem ad manus tradere
et copiam tabellionatam eorundem jurium et recognitionum concedere
dicto domino priori dictae ecclesiae.
Item statuerunt, quod cum dictus curatus languentes providit sacris
sacramentis, quod a qualibet persona reconvalescente in Volle Liech sacra-
mento provisa habeat decem cartos, sub tarnen ista declaratione hic apposita,
scilicet in quantum concemit personas tantum pagorum scilicet Verden,
1 Noch heute wird in Kippel für jede erwachsene, ledige verstorbene Person
ein «Grabgulden » von 65 Rappen bezahlt.
3 Wurde bei der Visitation vom 27. April 1921 abgelöst.
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221
Kyppyl et Wyler. Quoad vero alias personas extra dictos pagos in dicta
valle existentes debeat habere curatu 9 duplum, scilicet quinque grossos
pro administratione sacramenti, et pro extrema unctione sancti olei ultra
dictos decem cartos unum solidum pro qualibet persona reconvalescente.
Si autem moriantur, ipsae personae seu aliqua earundem, idem curatus
habere debeat a qualibet persona ut sequitur 1 :
Primo undecim solides et sex denarios pro mortuario et unum solidum
pro sancto oleo et triginta denarios die sepulturae, qua die idem curatus
ex dictis triginta denariis debet triginta candelas manutenere.
Item triginta denarios, pro quibus tenetur, ut supra declaratum fuit,
manutenere per triginta dies triginta candelas, qualibet die unam. Omnibus
diebus ut supra est, tumbam visitare tenetur cum psalmis supra declaratis.
Item debet habere triginta denarios ob id, quod panem offertorii
triginta dierum idem curatus sumptuat et expedit sub hac conditione,
et ut persolvant vigilias sepulturae septimi et tricesimi dictus prior et
altaristae.
Item quod a qualibet persona mortua die sepulturae habere debeat
unum caseum secundum facultatem bonorum personae mortuae. *
Item statuerunt, quod idem curatus habere debeat pro quolibet
defuncto, infantibus tarnen ut supra exclusis, scilicet diebus sepulturae
septimi et tricesimi, cum decantant vigilias, pro quolibet die tres grossos
pro sua praesentia.
Item reliqua offertoria dimittunt, ut prius et hucusque usitatum fuit.
Item quod idem curatus debeat sub beneficio inventarii ad manus
recipere ornamenta et vestimenta ecclesiae ac libros ejusdem ac domus
utensilia, quibus in ecclesia et domo utitur, quae ad tenorem dicti inven¬
tarii in remissione curae iterum restituere tenetur, quod inventarium
fieri debet in praesentia curati neenon dicti tutoris ac suorum consulum,
cujus inventarii uterque, curatus et tutor, unum habere debet.
Promiserunt insuper dicti probi homines ut supra deputati loco et
nomine totius communitatis dicti Vallis Liech ut supra congregatae,
laudantis et consentientis pro se et suis in dicta valle successoribus jura-
mentis suis levatis in altum manibus loco juramenti, quod sub obligatione
omnium et singulorum bonorum dictae communitatis Vallis Liech, mobilium
et immobilium, praesentium et futurorum quorumeunque, omnia et singula
praemissa perpetue habere et tenere rata etc. Quae et per eorum priorem,
qui pro tempore fuerit, adimpleri et observari volunt. Et non contrafacere
etc. Testesque apponi sic vocantes : honorabilis dominus Balthasar Tuffacer,
sacerdos, altarista in eadem ecclesia, Johannes Heynen, deseni Raroniae,
Aegidius Wichard, alias Zun Ruffinen, faber burgensis Leucae, et ego
Anthonius Brunner, burgensis Leucae, notarius publicus, qui etc.
Cuius quidem fundationis instrumento et articulorum ejusdem supra
1 Dieser Gebrauch wäre nach dem Konzil von Trient wohl nicht mehr
approbiert worden; er ist wohl importiert, weil sonst im Wallis unbekannt.
* Der « Opferkäs » wurde als Gabe für die Leichenreden betrachtet und ist
mit diesen abgeschafft worden von Prior Werten (1900).
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222
descriptis, sane per nos visis, lectis, totoque illorum tenore inteUecto,
eosdem de jurisperitorum ad hoc nobiscum convocatorum, consilio pariter
et assensu correximus et emendavimus, que nobis corrigenda et emendanda
visa fuerunt, et sic ut praemittitur cmendatos et correctas prout supra
describuntur, nos episcopus praefatus eandem fundationem et articulos
ejusdem dictae parochialis ecclesiae S. Martini de Liech laudamus, appro-
bamus et ratificamus ad perpetuam rei gestae memoriam praesentibus
inseri iussimus, eisdemque authoritatem nostram pariter et decretum
interposuimus, ac eosdem abinceps per priores et vallicolas Vallis de Liech
praedictae ex nostro pastorali officio inconcusse et inviolabiliter observare,
attendere et adimplere volumus et jubemus. In quorum praemissorum
robur et veritatis testimonium has praesentes litteras nostras sub sigilli
nostri appensione et manualibus notariorum subsignatorum subsignatio-
nibus eisdem probis hominibus de Liech eas postulantibus duximus conce-
dendas, datas et actas Seduni in stupha superiori aedis nostrae Maioris,
die 29 mensis Martii a. d. 1563 praesentibus ibidem discretis Alexandro
Jossen, Petro Lambien et pluribus aliis fidei dignis pro testibus ad praemissa
vocatis et rogatis.
Claudius Sinfresius, not. publ.
J. Siegen, Prior.
Ein stift-st. gallisches Mandat zum Jubelablaß
von 1566.
Nachstehendes Mandat Abt Otmars II. von St. Gallen (1564-1577)
fand sich im Sammelband X 46 der St. Galler Abteilung des Staatsarchivs
Zürich. Es ist undatiert; aber sein Hinweis auf die « indulgenz» des
Papstes, auf die Anordnung gleicher Gebete in anderer Herfen Städte
und Länder und vor allem die Festsetzung der Andachten in den
Dezember, macht seine Datierung für 1566 gewiß. Als die V Orte am
7. Oktober 1566 in Luzern die Obedienzgesandtschaft Lussys an Pius V.
beschlossen, berieten sie sich ebenfalls über die Abhaltung des vom Papste
ausgeschriebenen Jubiläums. Sie bestimmten für die damit verbundenen
Andachten die erste Adventwoche, stellten es aber frei, eventuell eine
andere Woche dafür in Aussicht zu nehmen. 1
In seinem Vertrauen auf die übernatürliche Hilfe des Gebetes hatte
Pius V., der Begründer der heiligen Liga und damit der eigentliche Sieger
der Schlacht von Lepanto, gleich zu Beginn seines Pontifikates durch die
Bulle «Cum gravissima» vom 9. März 1566 einen Jubelablaß gewährt.
Mit schmerzbewegten Worten hatte er darin die Türkengefahr geschildert
1 Eidg. Absch. IV, 2, S. 351. Das Breve des Papstes hatte Luzern schon
auf dem Tage der V Orte zu Stans, 29. September, vorgelegt und bemerkt, daß
es ihm in der ersten Adventswoche nachkommen wolle. Ebenda S. 350.
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223
und vom christlichen Volke Buße und Gebet gegen diese Not gefordert. 1
Am 20. Juli des gleichen Jahres erfolgte eine neue Verkündigung eines
Jubelablasses, die unter den Bedingungen drei Bittprozessionen vorschrieb,
wie solche unter persönlicher Beteiligung des Papstes in Rom gehalten
wurden. 3 In diesem Breve wird allgemein die Not der Christenheit
gezeichnet, aber der Türkengefahr wird mit direkten Worten keine
Erwähnung getan. Ebenso fehlt im Abschiede der V Orte über die Ver¬
handlungen wegen des Jubiläums jedweder Hinweis auf die Türkennot.
Auch als im Jahre darauf in der Luzerner Konferenz der VII katholischen
Orte vom 25. November nochmals auf das Jubiläum zurückgegriffen wird,
fällt kein Wort, daß es sich vor allem um Gebetshilfe gegen die Türken
handle. 3
Um so auffallender ist, daß unser Mandat die Türkennot so sehr in
den Mittelpunkt stellt, daß es die Zürcher Archivnotiz geradezu als
« Anstellung eines Gebätts wider den Türcken » bezeichnete. Die Erwähnung
des Einfalles der Türken in ein Land « unseres christlichen gloubens» und
ihrer Bluttaten muß der Niederschlag des am 7. bis 8. September erfolgten
Falles von Sziget sein, das von Zrinyi so heldenmütig verteidigt worden
war. Der Eindruck dieser Nachricht hat hier den Gebeten für Erlangung
des Jubelablasses jene Richtung gegeben, die ganz den Intentionen des
Heiligen auf dem päpstlichen Throne entsprach.
Der wörtliche Abdruck des Mandates wird sich kulturgeschichtlich
rechtfertigen lassen, abgesehen von den Belegen, die das Mandat bietet
zur Vorgeschichte der stift-st. gallischen Bestrebungen, sich von Konstanz
unabhängig zu machen, zur Verbreitung des Großen Gebetes, wie zur
Kennzeichnung der souveränen Art, in der man sich damals über die
Bedingungen der Ablaßverkündigung hinwegsetzte.
Staatsarchiv Zürich, Abt St. Gallisches Archiv,
Bd. X 46, f. 248-249. 4
Wir lesen in baiden testamenten und andern alten gschichten, das gott
von anfang allwegen die weit, so sy mit Sünden, schand und lästern befleckt,
hart und grauwsamlich gestraft hab, des uns der sündfluß, Sodoma und
Gomorra, ouch andere unzelige Privatpersonen, als Adam, David etc.
haitere anzaigung thund. Also gschichts noch zu disern unsern trüeb-
1 Pastor, Gesch. der Päpste, VIII, S. 540. Die • Bulle » zeigt in dem mir
zur Verfügung stehenden Abdrucke bei Laderchi, Annales ecclesiastici, Bd. XXII,
p. 82, Nr. 17z, der Fortsetzung des Baronius-Raynald, Rom 1728, alle diplo¬
matischen Merkmale des Breve. '
* Laderchi, a. a. O., p. 171, Nr. 77. Pastor, S. 541, erwähnt dieses Breve nicht.
Wie die von Luzern auf dem Tage zu Stans mitgeteilten Bedingungen zeigen,
war es dieses Breve vom 20. Juli, das ihm zugegangen war. Erwähnenswert mag
aus diesem päpstlichen Erlasse sein, daß ausdrücklich notariell beglaubigten
Abschriften und Drucken Rechtskraft verliehen worden war.
8 Eidg. Absch. IV, 2, S. 379.
4 Die Orthographie wurde vereinfacht.
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224
seligen ziten ; dwil (laider) die weit mit Sünden ußgfüilt und kainer guts
würkt, sucht uns der allmechtig gott haim, wie wir ougenschinlich sechen.
mit grossen an löufenden wassern schier an allen orten, das mör böumbt
sich ut, ertrenkt vil land und lüt, pestilenz hat grosse anzal der weit
erwürgt, krieg und empörung hört man schier an allen orten, erdbidem
zerrissen land, stät und flecken, verschlucken so vil tusent mentschen. 1
Und mit disen strafen allen schickt uns gott den grusamen blüthund,
den abgesagten feiend des kreuzigten gottes. unsere seligmachers Jesu
Christi, uf den hals, der vor wenig tagen in ain land unsere Christen liehen
gloubens mit grosser macht und (wie zu achten) unvereechenlich die inwoner
feiendlicher wis überfallen, alles, was im worden, jämerlich erwürgt,
erstochen und umbbracht; darbi wir zu besorgen haben, was den armen
betrüebten leuten widerfaren, werd uns ouch zukünftig, so wir uns nit
bessern und es der barmherzig güetig gott nit abwenden wurde. Dwil nun
unsere Sachen (laider) also gstaltet, was können wir andere thün dann mit
dem J osaphat sprechen *: herr, wir haben nichts überigs, dann das wir
unsere äugen zu dir ufheben. Derhalben, so wir nienerher, dann allain
von dem güetigen unserm gott, ainige hilf zugewarten, und so wir uns
zü ime mit rainem herzen und warem glouben, der durch die lieb würkt,
bekeren, sind wir versichert, der güetig gott wolle uns trüwlich erhören.
. Und diewil die bäpstliche hailigkait nit allain in Jtalien mit gnädigster,
väterlicher indulgenz, sonder ouch andere herrn und potentaten in iren
statt und ländern soliches zu geschechen bevolchen haben, so hat der
hochwürdig fürst und herr, herr Othmar, abbte des gottshus Sanct Gallen,
min gnediger herr, gnedig und ernstlich bevolchen, das in irer fürstlichen
gnaden landschaft und pfarren ain jeder pfarrherr in seiner pfarrkirchen
uf künftig sontag sölich groß jamer, not und angst, die (laider) ougen¬
schinlich vorhanden, solle den underthonen mit höchstem flis füerhalten
und anzaigen, sie zur büßfertigkait, rüwen und laid irer Sünden ermanen.
Volgends soll ain jeder pfarrherr mit seinen underthonen am volgenden
sontag, den nechsten vor dem Christtag, der priester mit der letany und
das volk mit dem grossen bett, in die nechstgelegne pfarr, oder, so das
wettere halb nit füglich geschechen möchte, zum wenigsten umb die kilchen
kreuzen *, mit den underthonen drü mal uf knüwen allweg fünf vater unser,
fünf ave Maria und ainen christenlichen glouben mit zerthonen armen
1 Eine andere Hand, wohl jene eines Pfarrers, der das Mandat verkündete,
schrieb am Rande folgende Beifügung, die, weil teilweise beim Einbinden in den
Falz geraten, nicht in allem ganz sicher zu lesen ist : « Ich geschwig der großen,
weder vor vil, sonder drü jaren, ja größerer und unlidenlicherer, fürnemlich (das
noch kläglicher, jcmerlicher, erbärmlicher dan das, und derglichen ein kind in
mutter lib zum theil. zum theil das jez in die weit gebom ergelten müßt) fürnem¬
lich sprich ich, der großen türe und unerhörten hungere by kindbetteren und
schwangeren frauwen. »
* Die gleiche zweite Hand fügte hier am Rande den Verweis bei: t 2 Para. 20. •
* Der Erlaß Pius V. vom 20. Juli sah zur Gewinnung des Ablasses eine drei¬
malige öffentliche Prozession nebst dreitägigem Fasten vor. So hatte auch
Luzern darüber auf dem Stanser Tage richtig referiert.
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— 225 —
beten, wie sölichs in creuzgengen gwonlich und ain jeder pfarrherr die
brüch bi und in seinen kirchen funden hat, und soll an dem ort, dahin man
mit dem krüzgang kumbt, die predig uf vorgemelte mainung geschechen.
Damit aber sölicher löblicher gottsdienst gott dem herren dester angnemer
seie und er uns dester ee erhöre, so sollen die priester ire underthonen
ermanen zur büßfertigkait und das si die hailsamen von gott geordnete
mittel, verzichung der sünd zu erlangen und gottes gnad zu bekumen,
an die hand nemen, namblich bichten, büssen und das hailig sacrament
empfachen, und die da bichten und das hailig sacrament empfachen wollen,
das si am Christ- oder andern firtagen sich erzaigen, bichten, büssen und
das hailig sacrament messen, ouch ain nüwes leben an sich nemen, in dem
wandien, das sie nach dem leben bekumen das ewig.
St. Gallen. Joseph Müller.
Bestätigung von Pfrundbesetzungen in Livinen
durch Karl Borromeo im Jahre 1568.
Durch den Vertrag vom io. Oktober 1477 ließen sich die Urner von
der herzoglichen Regierung in Mailand mit den weltlichen Rechten in
der Leventina auch das Patronatsrecht über die geistlichen Pfründen über¬
tragen. Die eben erwähnte Urkunde bezeichnet die Herren von Uri
infolgedessen als « veri patroni». Die geistliche Investitur wurde dabei
aus Versehen dem Erzbischof von Mailand, statt jenen vier Domherren
oder Grafen Vorbehalten, welche ehemals die Grundherren des Tales
gewesen. Der Imiserkrieg brachte in den Vollzug dieses Vertrages
Störungen, so daß namentlich auch die Angelegenheit der Pfrund¬
besetzungen in einem neuen Vertrag vom 29. Juli 1487 nochmals besser
geregelt werden mußte. 1 Die endgültige Verleihung der Benefizien oder
die geistliche Investitur blieb den vier Domherren zwar Vorbehalten, aber
die Urner scheinen sehr wenig Gewicht auf diese Bestätigung gelegt und
später dieselbe nicht mehr selber nachgesucht zu haben. Sie veranlaßten
offenbar auch die neugewählten Pfarrer nicht, die kirchliche Bestätigung
in Mailand sich zu verschaffen. Ein Vorschlags- oder Wahlrecht seitens
der Gemeinden wird in beiden Urkunden nicht erwähnt. Ob dasselbe
aus alter Gewohnheit vielleicht schon damals bestanden oder auf Grund
des Privilegs Julius II. erst 1513 neu eingeführt worden, müßte noch
untersucht werden. In der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts scheinen
wenigstens in gewissen Gemeinden der Leventina tatsächlich « Wahlen »
stattgefunden zu haben; denn als Karl Borromeo am 16. Oktober 1567
in Airolo mit der Visitation der drei Täler Leventina, Blenio und
Riviera begann, fand er im erstgenannten Tale mehrere Benefiziaten,
1 A. Denier bezeichnet im Regest (Gfr. Bd. 44, S. 162) als vertragschließenden
Teil irrig den Erzbischof von Mailand. Die genannten vier Domherren werden
nach altem mailändischem Sprachgebrauch ebenfalls Ordinarii genannt.
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die nur einen Wahlakt der Gemeinde und die Bestätigung der Regierung
von Uri vorweisen konnten. 1 2 Borromeo verfügte in diesem Falle, daß
die zwei Pfarrer von Airolo im Laufe des nächsten Februar nach Mailand
kommen müßten, um sich von den vier von der Diözesansynode gewählten
Examinatoren auf ihre Fähigkeit und Eignung prüfen zu lassen. Hierauf
sollten sie sich für ihr Benefizium einen besondem kirchlichen Verleihungs¬
akt verschaffen. * An diesem Verleihungsakt sind zwei Dinge merkwürdig.
Erstens verschweigt diese Urkunde gänzlich, daß der Geprüfte und
tauglich Befundene schon längst im Besitze jenes Benefiziums war, für
welches er nun durch dieses neue Instrument bestimmt wurde. Auch
die Präsentation der Herren von Uri wird vollständig ignoriert. Wenn
man nach dem « nominatus fuerit» kein Komma setzt, das im Original
wirklich fehlt, so kann man ohne weiteres die Ernennung dem Erzbischof
allein zuschreiben, der also in diesem Falle ganz von sich aus das
Benefizium neu verleiht. Setzt man aber nach « nominatus fuerit > ein
Komma, dann ist die Ernennung nicht präjudiziert und der Erzbischof
den Examinatoren beigesellt. Zweitens werden in diesem Aktenstück
die alten Kollaturrechte der vier Domherren übergangen und mit keiner
Silbe erwähnt. So viel wir wissen, entstund zwischen diesen und dem
neuen Erzbischof ein Konflikt wegen der Ausübung des Kollaturrechtes
in den drei Tälern, aber der Ausgang desselben ist uns dermalen nicht
bekannt.
Bemerkenswert ist am abgedruckten Aktenstück ferner die in [ ]
gesetzte Stelle, welche der hl. Karl für unpassend hielt und deshalb wieder
durchstrich, obgleich er diesem Aktenstück die Unterschrift schon bei¬
gefügt hatte. Die Empfänger, welche man wohl oder übel dermalen doch
nicht entsetzen, aber auch nicht ersetzen konnte, hätten jene Worte als
eine Beleidigung und jedenfalls nicht als Xnspom zu eifrigerem Wirken
und vermehrtem Studium empfunden.
Aus diesem Dokument entnehmen wir auch die kanonistisch
interessante Tatsache, daß es schon damals in den ambrosianischen
Tälern des Kantons Tessin Pfarreien mit zwei oder mehreren völlig
gleich berechtigten Pfarrern gab, von denen der eine den Osten, der
andere den Westen pastorierte, wie dies noch heute überall da der Fall
ist, wo es sogenannte Porzionarii gibt, daher der seltsame Ausdruck pro
una portione.
Es ist schon die Meinung ausgesprochen worden, dieses eigenartige
Rechtsgebilde verdanke dem hl. Karl seine Entstehung, indem er neben
alten, weniger geeigneten Pfarrern, die er doch nicht auf Knall und Fall
1 Vgl. Bollettino storico, 1884, S. 153, und zur ganzen Frage Reinhardt-
Steffens, Die Nuntiatur von Giovanni Francesco Bonhomini. Einleitung S. cxcix ft.
und W ymann, Kardinal Karl Borromeo, S. 155.
2 D’ Alessandri, Atti di San Carlo. Locarno 1909, S. 20-21. Parochi per
totum mensem Februarii veniant Mediolanum ad obtinendam provisionem beneficii
juxta formam traditam per Concilium Tridentinum et interdum conceditur ipsis
facultas, curam exercendi et fructus percipiendi.
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beseitigen konnte, gleichberechtigte neue Pfarrer von seinem Geiste oder
wenigstens von bessern Sitten und höherer Bildung einsetzte. Da
Borromeo schon in der ersten Pfarrei, die er in den Tre Valli visierte, zwei
gleichberechtigte Pfarrer antraf und dieses System auf der gleichen
Visitationsreise auch noch in andern Gemeinden vorfand, so ist die oben
wiedergegebene Vermutung durchaus irrig. Jene Institution ist viel älter.
Der erste Priester, der als Pfarrer von Airolo auftritt, stammte von
Chironico und hieß Jakob de Petrinis (Pedrina). Er dürfte identisch sein
mit jenem Pfarrer von Isental, der beim Wegzug aus dortiger Wirksamkeit
sich von Statthalter und Rat von Uri ein Abgangszeugnis erbat und am
17. November 1556 wirklich ein solches in bester Form ausgestellt erhielt.
Es liegt noch jetzt im erzbischöflichen Archiv zu Mailand (abgedruckt
im Histor. Neujahrsbl. von Uri pro 1922, S. 60). Wir kennen auch das
Urteil, welches der hl. Karl, bei Anlaß der Visitation vom 16. Oktober
1567 über diesen Pfarrer gewann. 1 In Airolo wurden zu dieser Zeit noch
immer mehrere Paten bei der Taufe zugelassen, und die zwei Geistlichen
gingen stets an die Taufschmäuse und ergötzten sich bei den Hochzeits¬
essen. Pedrina lebte 1584 nicht mehr. Da er letztwillig die Pfarrkirche
von Prato bedachte, ist es nicht unwahrscheinlich, daß er dort einstmals
PfarTer gewesen. (Vgl. Bollettino storico 1884, S. 213.)
Der andere Pfarrer von Airolo befand sich bezüglich der Wahl- und
Präsentationsakten im gleichen Fall wie der vorgenannte Pedrina. Giorgio
de Christoforis war im Oktober 1567 35 Jahre alt und hatte 1548 (?) von
Msgr. Crivelli, Titularbischof von Famagusta, die Priesterweihe empfangen.
Das Urteil des hl. Karl lautete über de Christoforis im allgemeinen nicht
ungünstig. Er sollte seinem Kollegen beim Studium von theologischen
Werken an die Hand gehen. (Jacobus de Pedrinis det operam diligenter
studiis Summarum, adjuvante domino' presbytero Georgio collega.
D’Alessandri, Atti S. 21.)
Von Leonardo de Leonardis, von Grono im Misoxertal, liegt ein
undatierter Brief in der ambrosianischen Bibliothek zu Mailand (F 172.
Incerte). In den seelsorglichen Fächern erwies er sich bei der Visitation
vom 17. Oktober 1567 nur mittelmäßig bewandert, aber er hielt Schule
(exercetur schola gramatice), und übte gewisse Exorzismen, was dem
Kardinal schlecht gefiel (male audit, quod exerceat quaedam exorcisma.
D’ Alessandri, Atti S. 23.). Nichtsdestoweniger gab er am 8. Februar 1568
dem andern Pfarrer von Cuinto, Antonio de Guielmetis, die Weisung,
sich von Prete Leonardo in die Praxis einführen zu lassen 2 . Aber dies
geschah erst — man beachte das Datum wohl — nachdem Leonardo selber
1 Siehe D’ Alessandri, Atti, S. 20-21. In domo presbyteri Jacobi de Pedrina
reperti fucrunt quidam libri prohibiti, qui fuerunt ibidem visi valde damnosi.
* Con questo perö che nelle occorenze di detta cura vi govemiate secondo
il parere et consiglio di prete Leonardo, rettore de 1 ’ altra porzione d’ essa cura ....
Fra tanto siate sollecito d* imparare et ad instruirvi bene dal detto prete Leonardo.
Sala, Documenti circa la vita e le gesta di S. Carlo Borromeo. Milano 1858, Vol. II,
Pag. 318.
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in Mailand das vorgeschriebene Examen gemacht und dasselbe dem
Anscheine nach nicht übel bestanden hatte. Weder Leonardo noch 9ein
Kollege Antonio konnte ein rechtsgültiges kirchliches Instrument für
seinen Pfrundbesitz vorweisen. Beide besaßen nur den Wahl- oder
Präsentationsakt der Gnädigen Herren von Uri, der allerdings an die
vier kollaturberechtigten Domherren von Mailand gerichtet war. 1 Beide
Pfarrer erhielten den Befehl, künftigen Februar sich in Mailand die
Provision ihrer Benefizien zu verschaffen. (Parochi intra mensem Februarii
proximi Mediolanum veniant ad obtinendam beneficii provisionem.) Dem
Leonardo de Leonardis wurden die Exorzismen an Besessenen (in vexatis)
bei Strafe von 25 Skudi verboten. Leonardo kam später nach Claro und
begab sich 1576 zur Pflege der Pestkranken nach Mailand, um 1578 in
seinen frühem Wirkungskreis zurückzukehren. Dort erging es ihm schlecht,
so daß er den Kardinal um eine Unterstützung bitten mußte. *
Giovanni Marchello befand sich im Oktober 1567 noch nicht in
Chironico, sondern scheint erst durch das zitierte Dokument dorthin
versetzt worden zu sein ; denn zu genannter Zeit amtierten daselbst die
Pfarrer oder Rektoren Johann de Pedrinis und Peter de Ruschis. Beide
waren ebenfalls ohne genügende Papiere und wurden daher auf den
künftigen Februar nach Mailand bestellt. (Parochi ambo intra Februarium
proximum Mediolanum veniant ad obtinendam provisionem suorum bene-
ficiorum. *1 Dagegen finden wir im benachbarten Giornico einen Johann
Ambros Marchello, der früher keinen mustergültigen Wandel führte, sich
aber seit sieben Jahren eines bessern befliß. (D' Alessandri, Atti, S. 33,
35 u. 149.) Marchello ist identisch mit jenem Pfarrer, den Antonio
Bandera in Bellinzona dem Kardinal am 12. Oktober 1567, also schon
vor der Ankunft und vor Beginn der Visitation, denunzierte, als habe
er verächtlich vom Konzil von Trient und vom Kardinal geredet und
die Edikte der vier Domherren von der Kirchentüre gerissen. Ein Johann
Marchello wirkte zeitweilig in Altdorf. Das Nekrologium der Priester¬
bruderschaft erwähnt seinen Namen also: t Herr Joannes Morgel ist
Killchherr zu Alltorf gsin. » Er starb dort am 16. Juni 1579.
* *
*
NOS CAROLVS BORRHOM^VS, miseratione divina S. R. E. tituli
Sanctae Praxedis presbyter cardinalis, archipiscopus Mediolani,
1 D' Alessandri, Atti, S. 23.literas provisionis eius beneficii non
exhibuit, sed tantummodo produxit literas Illustrium Dominorum Elvetiorum
de Urania directas Ordinariis Ecclesiae Mediolanensis et attestantes ipsi provisum
fuisse de dicto beneficio, et prout patet ipsis literis ....
* Wymann, Kardinal Karl Borromeo. Stans 1910, S. 163. D’ Alessandri,
Atti, S. 243.
* Laut Brief vom 8. Februar 1568 wurde Prete Giovanni in Chironico vom
hl. Karl wieder davon entbunden, wegen der Provision des Benefiziums nach
Mailand zu kommen. Sala, Documenti, Vol. II, 318.
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Fidem facimus et attestamur, quod cum presbyter Jacobus de
Pelrinis de loco Churonici, vallis Levantinae, nostrae Mediolanensis
dioecesis, coram deputatis examinatoribus in dioecesana synodo electis,
ad parochialem ecclesiam Sanctorum Nazarii et Celsi Aivoli, vallis
Levantinae et nostrae Mediolanensis dioecesis, pro una portione regendam
nominatus fuerit a Nobis et a quatuor ex examinatoribus praedictis
examinatus, idoneus [pro ratione temporum et rarietate idoneorum sacer-
dotum] ad dictae parochialis ecclesiae regimen repertus fuit.
In quarum rerum fidem has literas manu nostra signavimus easque
a secretario nostro subscribi signumque nostrum sobtura et consuetum
imprimi jussimus.
Datum Mediolani in aedibus nostris archiepiscopalibus die VI mensis
Februarii MDLXVIII.
Carolus cardinalis Borromeus,
[B s . Cattaneo.]
archiepiscopus.
Sub eadem die similis fides pro presbytero Georgio de Chrisiophoris
de Prato, vallis Leventinae, Mediolanensis dioecesis, pro una portione
simili regenda in dicta ecclesia Airoli.
Sub eadem etiam die pro presbytero Leonardo de Leonardis de Grono,
vallis Mezzolzinae, Curiensis dioecesis, ad parochialem ecclesiam SS. Petri
et Pauli de Quinto , vallis Leventinae.
Die XXV a Septembris 1568 presbytero Joanni Marchello de Jomico,
vallis Levantinae etc., ad parochialem ecclesiam Sancti Mauritii Churonici
ejusdem vallis pro una portione.
Ambrosianische Bibliothek Mailand. F 175. Nr. 170, rag. 335 .
Eduard Wymann.
Zur Biographie
des Landschreibers Valentin Compar von Uri.
Unter den Gegnern Zwinglis nimmt Landschreiber Valentin Compar
keineswegs die letzte Stelle ein. Leider wissen wir über diesen katholischen
Apologeten noch viel zu wenig, weshalb jeder neue Beitrag zur Geschichte
seines Lebens den Freunden der Kirchengeschichte willkommen sein wird.
Pfarrer K. J. Kluser von Spiringen widmete ihm 1895 das erste umerische
Neujahrsblatt, das aber in mehrfacher Hinsicht der Ergänzung und Be¬
richtigung bedarf. Weil Dr. K. F. Lusser die charakteristische Zahl 5
in der entsprechenden Vorlage nicht richtig beurteilte, ließ er in seinen
handschriftlichen Sammlungen unsem Valentin Compar schon 1432 auf-
treten. Die Vermutungen Klusers über die Heimat Compars sind irrig,
insofern er an eine italienische, beziehungsweise tessinische Herkunft für
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möglich oder wahrscheinlich hält. Der von mir in der borromäischen
Korrespondenz damals gefundene Name Compare und Compar erweist
sich möglicherweise bei genauerer Prüfung als ein beliebiges italienisches
Substantiv und nicht als Familienname. (Giovane che fu figliuolo dun
mio amico compare et molto huomo da bene. Locarno, 6. Januar 1581.
Balthasar Luchsinger an Borromeo, Ambrosiana, F 154, Tom. 104, Vol.
n8, S. 38.) Daß Compar nicht schon 1525 gestorben und die Selbstbekennt¬
nisse Anton Roggenachers und seiner Frau über den am Landschreiber
von Uri begangenen Mord falsch waren oder sich auf eine andere Person
bezogen, bewiesen schon Bibliothekar P. Gabriel Meier und Stiftsarchivai
Joseph Müller im Anzeiger für schweizerische Geschichte, Bd. X, 103 und
460. Von der Antwort Zwinglis an Compar besaß der verstorbene Universi¬
tätsprofessor Dr. Emil Egli eine Originaldruckausgabe. Die Initiale enthält
Teils Apfelschuß, — keine schlechte captatio benevolentiae.
' Laut dem lateinischen und deutschen Eintrag auf dem pergamentenen
Vorsatzblatt des alten, ungefähr aus dem Jahre 1470 stammenden Jahr¬
zeitbuches der Pfarrei Seedorf verhalf Landschreiber und Schulmeister
Valentin Compar der abgelegenen und schwer zugänglichen Gemeinde
Iscntal zum Rechte, Taufe und letzte Ölung vom dort stationierten Priester
statt vom Pfarrer von Seedorf erbeten zu dürfen. Bisher besaßen nämlich
die Isentaler nur die Vergünstigung, ihre Toten auf dem eigenen, neben der
Kirche des Tales befindlichen Friedhof statt in Seedorf begraben zu können.
Durch die Vermittlung Compars ist also die bisherige Filialkirche Isental
nahezu Pfarrkirche geworden. Die bezügliche Urkunde des Konstanzer
Bischofs nennt den Namen des Bittstellers und Vermittlers Compar nicht,
aber eine zeitgenössische Hand überliefert uns diese Tatsache durch die
angedeutete Notiz im Jahrzeitbuch der Mutterpfarrei. Da aber die Schrift
im alten Exemplar mit gewöhnlichen Mitteln kaum mehr zu lesen ist,
so geben wir den Text nach der Kopie im Jahrzeitbuch von 1615. Sie lautet:
Anno domini millesimo quingentesimo decimo octavo reverendissimus
in Christo dominus Hugo de Landenberg, episcopus Constantiensis, nostns
conparochianis in Isental cbncessit et indulsit, quod possint et valeant
in eorum ecclesia filiali propria baptismatis et extremae unctionis sacra-
menta habere : subjectione tarnen et aliis j uribus parochialibus ecclesiae
nostrae in Seedorff et illius plebano nihilominus salvis et sine aliqua dero-
gatione, perpetuis temporibus duraturis : Valentino Compar, tune tempons
prothoscriba et scolarum moderatore existente, patrocinante.
Im Jar des Herren eintusent fünffhundert unnd achtzechen hatt der
ehrwürdigiste in Christo Herr Hugo von Landenberg, Bischof! zuo Costantz,
unser[n] Pfahrrangehörenden in Isenthal zuogelaßen unnd gnedigklichea
bewilligett, in ihrer Tochterkilchen Tauffe und die letste Ölung beidsame
heilige Sacrament uffzehallten : das dennoch unser Pfarrkirchen zuo Seedorf:
und derselbigen Pfarrherren an ihrer Frey- und Gerechtigkeiten oder
gepürender Zuogehörde nichts entzogen unnd benommen werde, noch zuo
ewigen Zeiten benommen und entzogen sin solle, uff Valentini Compar,
domaln Landschriber unnd Schuolmeisters Anlangen unnd Schützen.
Die Urkunde des Bischofs Hugo von Landenberg trägt das Datum
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vom 17. Dezember 1517 ; sie kam aber jedenfalls erst zu Anfang des Jahres
1518 nach Uri und trat erst dann praktisch in Kraft, so daß die etwas
abweichende Zeitangabe im Jahrzeitbuch ebenfalls richtig ist.
Um diese Zeit steht Compar im päpstlich-florentinischen Pensionen¬
rodel mit jährlich 20 fl. und wird dort Secretarius Valentinus genannt.
(Legat Pucci an Kardinal de’Medici im September 1518.) Diese Summe
war im Verhältnis zu den Bezügen anderer Pensionäre eine ganz ansehnliche ;
sie spricht für 'den Einfluß, welchen Compar schon damals besaß und
später noch zu steigern wußte.
Compar, der 1525 gewaltsam aus dem Leben soll geschieden sein,
legte noch 1532 mit kräftiger großer Schrift für die Altdorfer Pfarrkirche
einen Zinsenrodel an, der heute aus 23 Pergamentblättem besteht und
folgenden Titel trägt:
«Hiernach folget Sant Martis pfarkilchen zu Altorff zinsrodil aller
zinsen, so jm jarlichen jngond, geschriben durch Vallentinum Compar,
alt schülmeyster zu Altorff, uß bevelch des fümemen und wisen Heini
Püntiners, alt vogt jn der Rifier und commissari von Bellitz, anno domini
1532, der da was derzit Sant Martis pfarkilchen vogt und ist gar eigelichen
ze mercken, das all nachgeschriben zins eintweders uß den alten rödlen
ußgeschriben und one widerred und jntrag bezalt oder ettlich zins von
nüwem gemacht und verbriefet.
Der letzte Eintrag von Compars Hand auf Blatt enthält 21 v einen
Kaufakt des Schreibers, der um so erwünschter ist, als er uns die Wohn¬
stätte Compars etwas näher bezeichnet.
Es ist ze wissen, wie das die kilchgnossen zu Altorff den krutgarten
by Sant Annakappel, stost an kilchoff, unden an gemeine stras, nebend
zu an ein gässli, ze kouffen gäben hond Vallentin Compar mit dem Vorbehalt,
das dewäder är noch sine nachkomen uff genanten garten nützit buwen
sond, weder hüser noch anders, und wan Sant Marti ein kärker da buwen
weit oder den alten daruff strecken, so sollend si sant Marti hofstat von
genantem garten ze kouffen gen um ein zimlich gelt. Dem nach hat genanter
Vallentin solichen garten Hans Keller ze kouffen gen mit dem obgemälten
Vorbehalt und hat jm sälb unden ein wäg zu sinem huß darab geschnitten.
Laut Nekrologium der Bruderschaft zum Straußen hatte Compar
einen Sohn Augustin. Ebenda erscheint ein Boethius Compar ohne nähere
Angabe. Aus st. gallischen Quellen ergibt sich jedoch, daß Boethius eben¬
falls ein Sohn Compars gewesen. Dieser letztere ist vor 1554 gestorben,
denn das « Annuale Miner Herren » enthält einep Rechtspruch, der sich
auf seine Frau bezieht und der also überliefert ist:
1554 uff den XXIII. tag Novembris. Stadhalter und die XV uff dem
Rathus versampt.
Uff ansüchen Balthasar Zwyers alß von wegen der anprach, so Boecius
Compars seligen eefrow an sin brüder Caspar Zwyer gethan des gethanen
kouffs halb, umb das hus zu Flülen, sind alle ansprecher denen genanntter
Caspar schuldig, byß uff nöchst Meyen stil gestelt, doch jedem sim rechten
one nachteil, damit darzwüschent Balthasar Zwyer den handel sinem
Brüder Caspam züschriben mög, ob er den kouff umb das hus behalten
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232
welle, das er vermög desselbigen verschaffe, das gelt erlegt werdt und
darby Balthasar sinem erbietten nach der Boecinen den zins alß umb
jr ußstendgelt, so iro jetz erlegt sollen werden, nach marchzal desselbigen
iro ußrichten solle.
Eduard Wytnann.
Eine vierstimmige Messe beim Grabe • Marie ns
am 15. August 1581.
Heutzutage, wo man Wallfahrten mit Eisenbahn und Dampfschiff
ausführen und große Scharen von Pilgern gleichzeitig befördern kann, ist
es wohl möglich, daß Lieder und Musikstücke an Orten erschallen, wo
dies bisher kaum der Fall gewesen oder daß es in Sprachen oder mit Instru¬
menten geschieht, die man daselbst noch nie gehört. So waren die deutschen
Lieder, welche der Cäcilienverein von Zug in der Klosterkirche Madonna
del Monte sopra Varese gesungen, sicher eine Erstaufführung. (Siehe diese
Zeitschrift 1920, S. 62 ff.) Auch hörte und sah der Schreibende anläßlich
der zweiten schweizerischen Heiliglandfahrt im Jahre 1908 auf dem Schiff
«Tirolia» musikalische Produktionen, die ohne Zweifel auf den Fluten
des Mittelmeeres noch nie erklungen. Ähnliches ließe sich von der schweize¬
rischen Ro mfahr t von 1922 sagen (Siehe .Neue Zürcher Nachrichten» 1922,
Nr. 132). Zu einer Zeit und in einem Lande, wo die Bevölkerung sich gegen
die Pilger feindselig benahm und wo, entsprechend den Transportmitteln, nur
kleinere Gruppen miteinander reisen konnten, war etwas derartiges kaum
denkbar. Um so bemerkenswerter ist deshalb eine vierstimmige Messe,
welche Stadtpfarrer Sebastian Werro von Freiburg in seiner deutschen
Reisebeschreibung erwähnt, die er über seine Jerusalemfahrt vom Jahre
1581 hinterlassen und deren Niederschrift er am 25. August 1582 vollendet
hat. Unter seinen Mitpilgern befand sich ein Komponist, was jedenfalls
ein höchst seltenes Vorkommnis war. 1 Leider nennt er dessen Namen
nicht, obwohl er eingangs seiner Fahrtbeschreibung die 28 Genossen auf-
zählt, welche mit ihm die Pilgerreise in Venedig angetreten hatten.
Das Grab Marie. Cap. 81.
Diewyl es sich also nach gelegenheit des fes tags und des orts füget,
giengend wir den 15. Augusti auf Unser Frauwen himmelfart hinab zur
kirchen Marie, welche gelegen ist im tal Josaphats, an dem ölberg under
der erden acht und vierzig staffeln. Ob der erden ist ein gevierte maur
1 Anno 1908 befand sich unter den 500 Schweizerpilgern nicht nur ein Violin¬
virtuose und Geigenbauer, sondern auch ein Komponist. P. Franz Huber O. S. B.
von Engelberg komponierte schon auf der Meerfahrt (siehe Baumberger, Im Banne
von drei Königinnen, Bd. I, 85 und 387). Aus Eindrücken und Melodien, die sich
ihm auch sonst während dieser Reise aufdrängten, entstund nachher eine Oper
« Die Dschinnen ».
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233
und das portal. Da sassend etliche türken hütende, welchen wir etwas
gelts für den ingang gaben. Zü underst ist ein kleine capell by achthalb
schuch lang und glych sobreit; da in ist Marie der reinen jungfrauwen grab,
glych wie ein altar erhaben. Vor der capell ist auch ein altar, welche zwen
unsere barfüsser besitzend. Es habend auch hinder der capell die griechen
und andere Christen ire altär; in der capell brinnend vil ampeln.
Nun als dis ort von den cristgleübigen Christen der begrebnuß Marie
zugeeignet und sy von den heiligen aposteln dahin, nach dem sy ver¬
scheiden, getragen ward, ist sy, die übergebenedyete mutter Gottes, von
welcher er menschliche nataur hat an sich genomen, von den engein wunder-
barlicher wyß in die höche erhebt worden und gan himmel gefaren ; da
sitzet sy ein künigin, dem allerhöchsten gott an der syten, in einem ver-
güldeten kleid, in vestitu deaurato, circumdata varietate (Psal. 44), mit
einem verklärten lyb und die seel umbgeben mit manigfaltigem kleid,
des gebeins und fleischs menschlicher nataur, in unsterbliche klarheit
verwandlet.
In diser capell, auf dem grab Marie, hülte der prelat das fronambt,
wir aber sangend zü vier stimmen voraussen, mitten under den türken,
mören, griechen und andern, die sachend uns an, loßtend zü, verwunderten
sich ab dem vilfaltigen gesang, dan under uns pilgern ein componist war,
und sonst andere dry der musica bericht, mit sambt etlichen barfüssern
des closters, so mitsangend. 1
Mitten auf der langen stäg ist an einem ort ein altar und begrebnuß
Joachims und Anna, der h. eitern Marie; zur andern syten Josephs, ires
gespons.
Da ist auch das grab Milecendis, einer künigin, welche dise kirch
gebauwen hat. 2
Eduard Wymann.
1 In seiner ersten (lateinischen) Bearbeitung drückt sich der nämliche Ver¬
fasser etwas kürzer aus: Sepulchvum B. Mariae. Festo Assumptionis S. Virginis,
quod est 15. Aug., quandoquidem opportunitas diei ita ferret, ad sepulchrum
ejus venimus. Situm est extra civitatem in media valle Josaphat ad radices
montis Oüveti. Super terram extat murus quadratus parvae altitudinis ; januam
Turcae custodiunt. quibus drachmae binae solvendae fuerunt. Descendendum
deinde est quadraginta amplius gradibus sub terram, ubi ecclesiae altaria duo
sunt verae christianae religionis ; habent enim praeterea et graeci et Mauri sua
peculiaria. Ipsum vero sepulchrum in angusto admodum sacello est, quasi in
medio templi, multis lampadibus illustre. Ex eo loco cum Beatae Matris Dei
sepulturae destinatus esset et ejus corpus ab Apostolis illuc perlatum, ab angelis
mirabiliter in altum elatum, coelum conscendit et nunc regina ä dextris astat Deo
summo, in vestitu deaurato, hoc est corpore clarificato, circumdato varietate,
ossium et camis immortalitate donato. Ibi ergo in medio Graecorum et Turcarum
summum sacrum solennibus et musicis cantionibus celebravimus.
In medio scalarum sunt hinc S. Josephi mariti, illinc S. Joachimi et Annae
parentum sepulchra ; item Milecendis, reginae, quae hoc templum exstruxit.
* Von diesem Grab ist jetzt nur noch die leere Nische vorhanden.
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234
Der Dichter P. Marianus Rot.
(1597-1663)
Zu einem Kapitel schweizerischer Theatergeschichte.
Durch die Literaturgeschichte der deutschen Stämme und Landschaften
von Joseph Nadler 1 und seinen sichern Blick für das Wesentliche in der
Entwicklung der deutschen Literatur ist mit einem Schlage der literarische
Barock in seiner ganzen Bedeutung für das Theaterleben des 17. und frühen
18. Jahrhunderts aufgedeckt worden. Dadurch fiel auch die jahrzehnte¬
lange hartnäckige falsche Einstellung gegenüber der Barockdichtung, die
so lange einen tadelnden Nebensinn trug und rein antiquarisch behandelt
wurde. Jetzt sind diese Scheingründe gefallen und eine Reihe von
Umwertungen und Umstellungen sind nötig. Wir wissen nun z. B., daß
auch Grillparzer, den man lange genug als einen geschickten Epigonen
Weimars von allen Kathedern herab ausrief, im Grunde doch Abschluß
und letzte Blüte einer abgesonderten bayerischen-österreicherischen Barock¬
kultur und Barockdichtung ist. So kennen wir heute bereits eine Reihe
recht bedeutsamer Namen, über die uns die Literaturgeschichte und Nach¬
schlagewerke noch keine Auskunft geben. So sprechen wir heute von
literarischen Werken, die beinahe drei Jahrhunderte unbeachtet in Biblio¬
theken liegen blieben.
Zu dieser verschollenen Gruppe gehört auch P. M. Rot. * Was weiß
man von diesem Manne, der einige Jahrzehnte eine ganze Landschaft
mit Komödien versah, der als der kraftvollste Barockdramatiker in den
fünf Orten auftrat und mit literarischem Feingefühl alte berühmte Werke
neben seinen eigenen Dichtungen neu bearbeitete ? Weller gibt in seinem
Buche: «Das alte Volkstheater der Schweiz», eine notdürftige Notiz,
Baechtold folgt ihm mit einer nicht gerade verlockenden Bemerkung
zum Weiterforschen, und die lokale Geschichts- und Literaturkunde begnügt
sich mit einigen Titelangaben und Lebensdaten. Freilich, diese Leute
rangen noch vielfach mit einem großen unverarbeiteten Stoffe und konnten
nicht alles auf einmal unterbringen. Darum wird es jetzt eine Hauptauf¬
gabe sein, «diese Beziehungen darzustellen und den Gegenstand nach
allen Seiten zu verankern », wie sich Prof. R. Faesi ausdrückt.
Ein Kapitel schweizerischer Theatergeschichte des 17. Jahrhunderts
sollen diese Forschungen zu P. M. Rot bilden. Wolfgang Rot (das ist sein
Taufname), geboren 1597 in Alpnach ob dem Wald, entstammt einem
schon längere Zeit an diesem Orte ansässigen Geschlechte. Nach einem
1 Regensburg, J. Habbel, 2. Aufl. 1922-23.
* Diese Arbeit ist eine Zusammenfassung einiger Resultate und erscheint
demnächst mit den nötigen Belegen in Buchform : P. M. Rot, Ein Kapitel Schweiz.
Theaterge schichte.
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235
pfarrherrlichen Privatunterricht in der Heimatgemeinjle, zieht er 1618
als Theologiestudent an die berühmte Jesuitenschule nach Luzern, wo er
Logica, Theologia moralis, Dialektik und Kasuistik studierte. 1 Im Jahre
1621 schuf er hier seine zwei ersten Theaterstücke, eine geistliche und
weltliche Komödie. Die Jesuiten hatten bereits seit Jahren eine eifrige
Spieltätigkeit entfaltet, und die hochberühmte Theaterkunst der Stadt,
die ehemals von Salat, Matzinger, Bletz und dem Stadtschreiber Renwart
Cysat gepflegt und geleitet wurde, ging allmählich in dieser neu errichteten
Barockbühne auf. Es war ein Wagnis und spricht für ein gutes Können,
daß dieser Student zwei Stücke auf die Bühne brachte und dazu noch
in deutscher Sprache, während die Regierung erst 1768 deutsche Auf¬
führungen vorschrieb. In « Panis eucharisticus» 2 dramatisierte er in
gewandten Versen eine wunderbare Begebenheit, die sich in Breslau
zugetragen haben soll, vom allerheiligsten Sakrament, das Juden von
einem Mesner kauften, durchstachen und daraus dann Blut floß. Ein
Ereignis, das in vielen historischen Volksliedern auch für andere Orte
aufgezeichnet ist, so in einem Liede von der Vertreibung der Juden aus
Passau, und in zwei dramatischen Darstellungen, einem französischen
Mysterienspiel, «Mistöre de la sainte hostie » aus dem 15. Jahrhundert,
und einer lateinischen Darstellung von Nikolaus Marschalk, der die Ver¬
brennung der Juden in Stemberg aus dem Jahre 1492 schildert. Rot ist
in diesem Spiele unabhängiger Schöpfer, während er im zweiten Stücke
« Schöne Nachburschaft» 3 ein Fastnachtspiel, ein Stück von Hans Sachs
als literarische Vorlage benützte, und so «Ein fasnacht spil mit vier
personen und heist der gstolen Fasnacht hon », in einer Neubearbeitung
in Luzern auf die Bühne brachte. Mit dieser Feststellung wissen wir
zugleich, daß die Jesuiten sich dem Einflüsse des Nürnberger Poeten nicht
so entzogen, wie man immer glaubte, und daß Luzern nicht lediglich unter
französischem Einflüsse stand, zumal neben diesem Spiele auch ein
Fragment aus dem 16. Jahrhundert auf ein Spiel von Hans Sachs zurück¬
geht : « Fassnachtspil mit vier Personen ; Nemlich ein Richter, ein Buler,
ein Spiler und ein Trincker. »
Von Luzern kam Rot 1623-1625 als Pfarrer in seine Heimatgemeinde,
die seit Hans Salats Urstend im Jahre 1540 kein größeres Spiel mehr sah.
Hier führte er die « Bätlerschuol» auf, den « Job » upd als « lehrplätz »
das « Löwenspil». Im Jahre 1623 schrieb er das große Sittenspiel, die
« Bätlerschuol » 4 , eine Dramatisierung der damaligen Zeit- und Lebens¬
verhältnisse, ein Spiel, wie es Josias Murer 1560 ähnlich für Zürich schuf
in : « Der jungen Mannen Spiegel». In einer trefflichen Bilderfolge geißelt
Rot die Laster der Trunksucht, Spielerei, Buhlerei und Amtserschleichung.
Sittenmandate und Ratsbeschlüsse bilden den Kommentar zu diesem
Stücke. Da treten sie auf, die lasterhaften Typen jener Tage : Der Spielheld,
1 Kolleghefte aus der Luzemerzeit sind die Codd. 412, 570, 571, 572, 580,
581 in der Klosterbibliothek Engelberg. (Zum Teü unkatalogisiert.)
* Cod. 416, Klosterbibliothek Engelberg.
3 Cod. 416. — 4 Cod. 416.
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— 236 —
der stolze Bauer, der Gottlose, der alte Söldner, der ehrgeizige Streber und
die Metz-Elsi. — Um diese Zeit entstand auch die Komödie vom « Job »*,
eine ziemlich getreue Bearbeitung des ersten schweizerischen « Hiob fr-
Spieles, das zugleich das erste Stück des Zürcher Wundarztes Jakob Ruf
ist und dort 1535 aufgeführt wurde. Beinahe die Hälfte aller Verse über¬
nimmt Rot mit unbedeutender dialektischer Färbung und folgt auch im
übrigen Spielgange Ruf. So erlebte ein reformatorisches Stück in dem
katholischen Stande Unterwalden ob dem Wald eine 'Nachblüte. Die
eigene Arbeit Rots besteht darin, daß er die akt- und szenenlose Handlung
von Ruf in fünf sinngemäße Akte gebracht hat, und daß er der Volks¬
phantasie durch eine vervolkstümlichtere Wiedergabe Rechnung trug und
Andeutungen von Ruf weiter ausbaute. — Mit dem « Löwenspil» * über¬
liefert uns Rot ein originelles Auferstehungsspiel, das sich von der kirch¬
lichen Spieltradition und den alten Osterfeiern, wie den großen Passions¬
spielen wesentlich abhebt. Wie sehr er hier gegen alle Überlieferung
arbeitete, das zeigt unter anderm, daß er die Höllenfahrt Christi — dem
christlichen Glaubensbekenntnis gemäß — vor die Auferstehung stellt
und damit im Widerspruch mit allen bisherigen Stücken steht, mit
Ausnahme des Künzelsauer Fronleichnamsspieles aus dem Jahre 1479.
Bisher machte man diese Umstellung aus theatertechnischen Gründen,
da man die Seele Christi ohne den Leib nicht auferstehen lassen konnte.
Wie es Rot darstellte, das sagt er nicht, auf jeden Fall durch eine symbolische
Gewandung, die er auch in andern Stücken mit Geschick verwendet.
In Sarnen setzte er neben einer ausgedehnten Seelsorgertätigkeit
auch das dichterische Werk fort. Am 2. November 1625 wurde er in den
Hauptflecken Sarnen berufen, wo er bis 1637 verblieb. Jahrzeitenbücher
und Pfarrbücher wurden geordnet, Bruderschaften gegründet und 1628
rückte er als Sextar des Vierwaldstätterkapitels an die Spitze der Geistlich¬
keit von Obwalden. In solcher Eigenschaft richtete er am 19. April 1629
ein Schreiben « ann ein hochwyse Oberkeit Ob dem Wald », worin er die
böse Zeitlage schildert, zu gemeinsamer, liebevoller Arbeit aufmuntert
und bittet u den gmeine nutz ze förderen und den eignen nutz abzeschaffen ».
Das Schreiben ist ganz im Tone der bekannten Bettagsmandate des Zürcher
Stadtschreibers Gottfried Keller gehalten. * In demselben Jahre erreichte
die Pest die Gebirgstäler Obwaldens, und Rot war der einzige Seelsorger
der großen Gemeinde und weitläufigen Umgebung. Vom November 1620
bis 26. März 1630 starben allein in Sarnen 430 Personen, und er trat, wie
einst der Heilige von Assisi, unter die Kranken und an das Lager der
Sterbenden. Daneben fand er noch Zeit zum Dichten, denn « Die Kunst
wol zuo stärben » 1 * 3 4 , eine großangelegte Totenbetrachtung, entstand wohl
unmittelbar vor diesem Beulentod. Er schließt sich damit an die Stoff¬
gruppe der Hecastus-Stücke an und an die Spielgruppe vom verlorenen
1 Cod. 415.
3 Cod. 41O.
3 Unsigniertes Blatt im Staatsarchiv Samen.
4 Cod. 415.
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237
Sohn. Es sind dies Figuren, in denen die dichterische Leidenschaft der
nachreformatorischen Zeit lag. Der Inhalt des ganzen Spieles drückt
schon jenes englische Sittenspiel vom 16. Jahrhundert aus: « Jedwedes
Ladung vor Gericht», dem Hugo von Hoffmannsthal in seinem a Jeder¬
mann » ein schönheitsvolles Auferstehen bereitete. Überall derselbe Sinn !
Überall verkündet der Spielansager :
« Jedwedes Ladung heißt das Spiel
Vom Leben handelt es, vom Ziel,
Von rascher Flucht der Zeit.
Das Stück ist köstlich, wunderbar,
Und seine Deutung lieblich gar
Wirkt nach voll Süßigkeit.
Es sagt dir : Mensch, wenn du beginnst
Sorg, daß du ein gut End’ ersinnst.»
Freilich fand Rot nicht überall die poetischen Reize heraus, die im
Stoffe lagen ; aber man bedenke, daß der Dichter eben seinen Landsleuten
eine machtvolle Totenpredigt halten wollte und sich um jeden Preis
bemühte, die Massen zu erregen, die Gemüter aufzurütteln, und dazu
brauchte es über die künstlerische Form hinaus Geschehnisse, Bilder,
Anekdoten und bunte Figuren. Das alles wuchert oft als Unkraut an
der schönen Fabel von den Freunden in der Not und vom Tode Jedwedes.
Ebenfalls zu Samen dichtete er die « Zucht Schuhl » 1 , ein Spiel, das er
1637 der Regierung widmet mit einer schönen Vorrede über den Wert
und Nutzen der Komödie. Er sieht im Theaterspielen ein religiöses und
staatsmännisches Erziehungsmittel; ihm ist die Bühne Volksbildungsstätte.
Diese « Zucht Schuhle» ist ein Josef-Spiel; es erzählt genau nach der
biblischen Überlieferung die Geschichte vom ägyptischen Josef, wie es
schon vor ihm Rüte und Ruf in der Eidgenossenschaft taten. In einzelnen
Teilen reicht er an die besten Darstellungen in diesen Spielen, wie in der
Zeichnung des Vaters Jakob, des ägyptischen Josef und Putiphars Weib. —
Die antike Tragödie « Lucretia » 2 , in der er genau nach livianischer Fassung
die Geschichte von der edlen Römerin Lucretia auf die Bühne bringt,
gehört ebenfalls der Sarnerzeit an. Das Stück soll treue Liebe lehren ;
es soll vor der Buhlschaft warnen, eine Belehrung, die auf einer Schul¬
bühne bei Zöglingen von 7-15 Jahren sinnlos gewesen wäre. Bullinger,
der Zürcher Antistes, schuf im 16. Jahrhundert ein Lucretiastück, das
aber mehr Zwinglis Ideen und Interessen verficht, als das römische Milieu
wiedergibt. Bei Rot bleibt die antike Fabel unberührt; nur in der Nutz¬
anwendung wächst die christliche Belehrung in die Handlung hinein.
Es ist vermutlich das letzte Stück und damit schließt er das poetische
Werk ab.
Am 4. Oktober 1637 geht er ins Kloster Engelberg. Mit tiefem Bedauern
sah man in Samen den Wegzug ; denn er war ein guter Pfarrherr, ein
tüchtiger Lehrer und beliebter Mensch. 1638, den 18. Oktober, legte er
1 Cod. 374. — * Cod. 416.
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im Kloster die feierliche Ordensprofeß ab und nimmt den Namen Marianus
an. Im Herbst 1639 wird er zum Pfarrer der Talschaft Engelberg ernannt;
am 18. April 1642 zieht er als Pfarrer nach Sins im Aargau ; 1651 kommt er
als Sacellanus nach St. Katharina bei Sins und kehrt dann wieder in die
alte Stellung nach Sins zurück, wo er am 24. Februar 1663 starb.
Neben den poetischen Werken sind uns eine Reihe aszetische und
theologische Schriften überliefert, ebenfalls Sammelhandschriften und
Abschriften von Werken der beiden Engelberger Äbte Frowin und Berchtold
aus dem 12. Jahrhundert. 1
Damit ist nur die Hauptlinie des Lebens und Wirkens gezeichnet;
aber wir können schon hier über kleine ästhetische Scheingefechte hinweg
die Bedeutung dieses Dichters und Theatermannes sehen, der in den geist¬
lichen Spielen dramatische Predigten geschaffen und religiöse Schau¬
stellungen gegeben, welche die Wahrheiten des heiligen Glaubens vor
Augen führten, in den weltlichen Stücken aber die tugendbemäntelten
Rohheiten, das Zanksüchtige, Falsche und Verlogene, kurz die Laster
und Übel der Zeit in einen trefflichen Bildspiegel fing. Alles Heilige und
Gute verkündete er mit eindringlicher Stimme, alle Bosheiten läßt er in
Helligkeit aufglänzen und nähert sich so dem ausgesprochenen Weltdualis¬
mus der Zeit. In seinem ganzen Auftreten und in seiner ganzen schrift¬
stellerischen Tätigkeit verleugnete er den Schulgang bei den Jesuiten
nicht, die es ja so trefflich verstanden, ganze Generationen für die Gegen¬
reformation zu erziehen. Rot ist Prediger, Theologe, Schulmann, Seel¬
sorger und Dichter wie es die barocke Bildung anstrebte. Der literarische
Nachlaß ist so bedeutsam, daß Rot weit über dem dichterischen Durch¬
schnittsmaß der Zeit steht und in der schweizerischen Theatergeschichte
des 17. Jahrhunderts neben den besten Dichtern genannt werden darf.
J. H. Heß.
Päpstliche Ablässe für elf Alumnen
des deutsch-ungarischen Kollegs in Rom.
Gemäß einer schönen Übung bekommt jeder Alumnus des deutschen
Kollegs vor dem Abschied von Rom und vor dem Eintritt ins praktische
Leben eine Audienz beim Heiligen Vater. Angesichts der großen Entfernung
konnten ehemals die wenigsten von diesen Glücklichen darauf rechnen,
Rom jemals wieder zu sehen. Sie suchten deshalb sich vor der Abreise
geistliche Gnaden und Vorteile fürs ganze spätere Leben zu sichern. Ein
lehrreiches Beispiel hiefür bieten die nachfolgenden drei Aktenstücke,
1 Cod. 239, datiert 1645. Opus Frowini Abbatis : De laude liberi arbitrii.
Klosterbibliothek Einsiedeln. Cod. 357. Frowini: explanatio dominicae oratioms,
quae est Pater noster. Klosterbibliothek Engelberg. Cod. 358. B. Berchtoldi,
Apologia contra errorem Burchardi, abbatis in Turtal. Klosterbibliothek Engel¬
berg. Daneben sind eine Anzahl Bände mit schweizergeschichtlichem Inhalte
und historischen Volksliedern erhalten. Alle in der Klosterbibliothek Engelberg.
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— 239 —
welche Johann Baptist Meyer aus genanntem Grunde sich im April 1794
verschaffte, und die ihm wahrscheinlich erst nachträglich zugeschickt
wurden, da er gemäß anderweitigen eigenen Angaben schon im Oktober
1793 nach Hause gekommen. (Vgl. Histor. Neujahrsblatt von Uri, 1900,
Geistliche Berichte, S. 59.) Alle drei Stücke werden noch heute von seinen
Verwandten in Andermatt sorgsam aufbewahrt; ebenda findet man auch
ein Ölporträt, welches Meyer im roten Kleide des Germanikers darstellt.
Derselbe wurde in Rom am 7. September 1793 zum Doktor der Philosophie
und Theologie promoviert und nach der Heimkehr zum Kuratkaplan
von Hospental gewählt. Von dieser Stelle trat Meyer den 6. April 1834
zurück und starb den 3. Juni gleichen Jahres. Von bleibendem Wert ist
das Verzeichnis der elf Mitalumnen, unter denen sich noch ein anderer
Schweizer befindet, der aus dem Bistum Lausanne stammte. Wir kennen
leider nur seinen Namen : Alois Wirz.
Alla SantitA di Nostro Signore
Papa Pio Sesto
per alcuni alunni del collegio Germanico.
Beatissimo Padre.
Alcuni alunni del collegio Germanico qui sotto nominati dovendo in
breve far ritomo alle loro patrie supplicano umilmente la Santitä Vostra,
accio voglia degnarsi conceder loro per due volte al mese 1’ indulgenza
plenaria da lucrarsi dopo essersi confessati e communicati. Che etc.
Giovanni Chizzola, diacono della diocesi di Trento.
Luigi Wirtz, diacono della diocesi di Losanna.
Carlo Sardagna, diacono della diocesi di Trento.
Giovanni Wiercinski, sacerdote della diocesi di Cujavia.
Antonio Schreiner, sacerdote della diocesi di Ratisbona.
Simone Tymowski, sacerdote della diocesi di Gnesna.
Giorgio Gheigher, sacerdote della diocesi di Ratisbona.
Pietro Stainer, sacerdote della diocesi di Ratisbona.
Giovanni Battista Mayer, sacerdote della diocesi di Curia.
Girolamo Riccabona, minorista della diocesi di Trento.
Michele Rizzoli, minorista della diocesi di Trento.
Ex audientia Sanctissimi die 9. Aprilis 1794.
Sanctissimus benigne annuit pro indulgentia plenaria lucranda per
unumquemque ex introspectis oratoribus duabus vicibus quolibet mense,
iis nimirum diebus, quibus praemissa sacramentali confessione, Sanctissimum
Eucaristiae sacramentum in aliqua ecclesia sumpserint, vel sacrum pere-
gerint, eamque ecclesiam devote visitaverint ac in illa pias ad Deum preces
pro fehci statu sanctae matris ecclesiae et juxta mentem Sanctitatis Suae
fuderint. J. Mercanli, substit.
Quae in his leguntur paginis ex autographo excerpta testamur.
J. Castillionaeus, Praeses.
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Das Oblatensiegel zeigt in der untern Hälfte das Wappen des Papstes
Gregor XIII., überhöht von der Tiara und den gekreuzten Schlüsseln.
Oberhalb sieht man die Brustbilder eines heiligen Diakons (?) und eines
Bischofs, die zwei Palmzweige kreuzen. Über diesen Zweigen steht in der
Mitte oben eine Figur, ähnlich einer Bourbonlilie. Umschrift in Majuskeln :
[S.] Collegii Germanici et Ungarici Romae.
Die nämlichen Bittsteller verlangten und erlangten unter dem gleichen
Datum noch den Sterbeablaß für sich und ihre Verwandten bis zum dritter.
Grad inklusive, sowie für 300 andere Personen, die von den Bittstellern
selbst bezeichnet werden konnten.
a Indulgentiam plenariam in articulo mortis non tan tum ipsis oratoribus.
eorum consanguineis usque ad tertium gradum inclusive, sed etiam ter-
centis aliis personis, cuilibet eorum oratorum arbitrio eligendis. »
In einem dritten Bittgesuche wünschten die schon genannten elf
Alumnen zweimal wöchentlich die Vergünstigung des Altarprivilegs für
ihre Person und die Vollmacht, zweihundert Rosenkränze und ebensoviele
heilige Medaillen und Kreuzbilder segnen zu dürfen. Auch diese Bitte
wurde erfüllt.
« Indultum altaris privilegiati personalis bis in qualibet hebdomada
necnon facultatem benedicendi biscentum coronas totidem numismata
sacra et crucifixos unicuique ex eis actualiter sacerdotibus, et illis non
adhuc sacerdotibus pro tempore et quando ad ordinem sacerdotalem promoti
et initiati fuerint.»
Eduard Wymann.
Zur Charakteristik des letzten Abtes von Pföfers.
J. Oesch hat in seiner Schrift: Das Kloster Pfäfers und seine Auf¬
hebung, S. 23 f. die Urteile Näfs, Baumgartners, Hennes und Flavian
Eggers über Plazidus Pfister, den letzten Abt von Pfäfers, zusammen¬
gestellt, von dem Bestreben geleitet, den Prälaten an der Tragödie des
Unterganges seines Klosters bestmöglichst zu entschuldigen. Im Staats¬
archiv St. Gallen, Helvetisches Archiv, Rubr. 153, Fasz. 1, findet sich
eine kurze Charakteristik Plazidus Pfisters von der Hand seines zweiten
Vorgängers, Abt Benedikt Bochslers, die gerade durch ihr Wohlwollen
zeigt, daß Pfister von dem Geiste der Aufklärung nicht ausgenommen war,
an dem das Stift Pfäfers zu Grunde ging.
Dekan P. Joseph Arnold, der später zwischen Bochsler und Pfister
von 1805-1819 an der Spitze des Klosters stand, hatte Ende Januar 1799
den altgesinnten P. Georg Effinger 1 von der Pfarrei Quarten nach dem
Kloster zurückberufen, um diese P. Plazidus zu übertragen. Der Präsident
der Verwaltungskammer des Kantons Linth hatte jedoch wegen Kompetenz-
1 Eine Biographie Effingers, der 1803 als beliebter Prediger in Wien starb,
wird demnächst nach dem Wiener Material von Dr. Emst Karl Winter in Wien
erscheinen.
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241
Überschreitung diese Verfügung nicht genehmigt, worauf die Angelegenheit
bis an das Helvetische Direktorium gelangte. Minister Stapfer erteilte
am 28. Februar nach Pfäfers den Auftrag, beide PP. zu- schildern, « mit
Ordens-, Tauf- und Geschlechtsnamen ; 2. nach Sitten und Aufführung ;
3. nach Wissenschaften und Kenntnissen ; 4. nach ihrer Popularität und
Mitteilungs-Gabe; 5. Denkungsart und Aufklärung; 6. Patriotismus
und Neigung, die neue Verfassung anzupreisen », worauf man gewärtigen
solle, was die Verwaltungskammer verfüge. Während die Antwort Dekan
Arnolds vom 5. März nun dahin zielte, Effinger einstweilen in Quarten zu
belassen, weil er behaupte, daß nur wenige Pfarrkinder seine Abberufung
wünschten, und P. Plazidus bei dieser Stimmung nicht dorthin gehen
möge, ging das vom gleichen Tage datierte Schreiben Abt Benedikts, der
damals resigniert hatte und sich in seinem Heimatorte Uznach aufhielt,
auf jeden Punkt der Anfrage Stapfers ein. Wie er Effinger schwarz malte,
ebenso wohlwollend porträtierte er seinen spätem Nachfolger 1 Er schrieb
an Präsident Schindler 1 :
« Beantwortung der Fragen in Hinsicht des Bürgers Pfisters :
1. Sein Tauf-Name wäre Victor, sein Professions-Name aber Placidus ;
sein Geschlecht Pfister.
2. Sitten und Aufführung ist löblich und untadelhaft.
3. Er wurde bestimmt als Professor Philosophiae et Theologiae, welche
studia er mit vielem Fleiß und Ruhm tradierte und absolvierte ; nachhero
beorderte ich ihn zur Pfarrei Pfeffers, die er eben zu meiner gänzlichen
Zufriedenheit versehen hat. Seine eigentliche Neigung ist mir dato nicht
bekannt; doch glaubte ich, er dörfte zum besten Nutzen ad parochialia
appliciert werden.
4. Ja! er ist bei dem Volk behebt, sehr behebt; es wird Ihnen, Bürger
Präsident, noch in reifer Gedächtnis sein, daß die Gemeind Wangen ihne
zu ihrem Pfarrer begehrt, hingegen die Gemeind Pfeffers um Beibehaltung
desselben gebeten hat. Die Ursach der Volks-Liebe ist sein sanfter, fried¬
licher, liebreicher Caracter und sein unermüdeter Fleiß in Verrichtung
seiner pfärrlichen Verrichtungen. Kurz ! er ist ein würdiger Pfarrer und
ebenso würdig zu Professuren.
5. Er denket sehr fein, ist gesetzt, männlich, von gemäßigten und
der Zeit anpassenden Grundsätzen ; kurz, er ist aufgeklärt.
6. Sein Patriotismus ist gut, sehr gut.
7. Auf alle Weis kann man von ihme hoffen, daß er dem Volk vater¬
ländische, der Constitution gemäße Gesinnungen beibringen werde ; nur
Schade, daß er zum Nutzen der Republik nicht an End und Orten, wo es
vielleicht nötiger wäre, als in Pfeffers und Quarten, dem Vaterland seine
treue Dienste widmen kann. »
St. Öallen. Joseph Müller.
1 Die Orthographie des Originals ist verbessert und vereinfacht.
REVUE D HISTOIRE KCCLESIASTIQUE 16
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1
Die Ernennung des P. Theodosius Floren tini
zum bischöflichen Offizial von Chur.
Nachdem das Domkapitel von Chur am 26. Mai 1859 im achten
Skrutiniiun den Domdekan Nikolaus Franz Florentini zum Bischof von
Chur gewählt hatte und am 26. September die Bestätigung des Heiligen
Stuhles erfolgt war, konnte endlich Sonntag, den 18. Dezember 185g,
die feierliche Konsekration stattfinden. Trotz der ergangenen Einladung,
ließen sich die provisorisch dem Bistum Chur unterstellten Kantone
auf Antrag der Regierung von Uri bei dieser Feier nicht vertreten. Über
diesen Festanlaß gibt uns ein Brief des Seminaristen Bartholomäus Furrer,
später Pfarrer und Schulinspektor in Silenen, recht erwünschte Aufschlüsse.
Er ist an Pfarrhelfer Joseph Gisler in Schattdorf gerichtet, der 1861
Pfarrer von Bürglen und 1868 bischöflicher Kommissar von Uri wurde.
In diesen Stellungen verblieb er bis zum Tode im Jahre 1899.
St. Luzi, den 19. Dezember 1859.
Hochwürdiger Herr Pfarrhelfer !
Daß ich Jhnen über die Festlichkeiten der bischöflichen Weihe, über
die Persönlichkeiten und die Gesandtschaften, welche sich daran beteiligten,
schreibe, ist wohl ganz überflüssig, weil Sie über all das aus Zeitungen
ausführlichen Bericht erhalten werden. Nur das kann ich bemerken, daß
die Beleuchtung im Seminar, veranstaltet von uns Seminaristen, mit der
auf dem « Hof » Schritt hielt. Es waren nämlich die zwei obem Stöcke,
•
jedes Fenster mit vier Kerzen beleuchtet, etwa 8 oder 10 Transparente
angebracht, von verschiedener Größe und Qualität. In der Kirchenfassade
war ein Pastor bonus von 7 Fuß Höhe zu sehen. Das bischöfliche Wappen
mit den Insignien hat man uns auf den « Hof » genommen, weil es dort
sehr gut paßte, obwohl es uns nicht weniger gut gepaßt hätte. Allein
wir mußten es lassen, weil es P. Theodosius haben wollte. (Nebenbei
bemerkt, sehen wir den Theodosius höchst selten im Seminar ; wir haben
anfangs 3 Stunden Pädagogik gehabt — so rückt’s schon !)
Daß die Urner keine Gesandtschaft, weder weltliche noch geistliche
geschickt haben, darüber habe noch nichts gehört munkeln ; wird aber
nicht ausbleiben.
Ich gehe zu einem wichtigem Punkte über, der mit der Bischofsweihe
zwar nicht in naher, direkter, aber doch indirekter Beziehung steht. —
Es kam nämlich der Hochwürdige H. Pfarrer Holdener von Näfels über
diese Festlichkeiten nach Chur und besonders aus dem Grunde, einen
Kaplan für Näfels ausfindig zu machen. Da hatte ich dann auch die Ehre,
von ihm für diese Stelle angegangen zu werden ....
* *
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243
Wer die Persönlichkeit des neuen Bischöfe und die sonstigen Ver¬
hältnisse kannte, wußte zum Voraus, daß der neugewählte, schon etwas
ehtagte Oberhirte (geh. 1794) bald eines gewandten und energischen
Offizials oder Generalvikars bedürfe. Man konnte wohl kaum daran
zweifeln, daß die Wahl auf P. Theodosius, seinen Verwandten, fallen
werde, der seit 1845 als Pfarrer in Chur wirkte und schon 1852 von der
Regierung von Graubünden als Koadjutor des greisen Bischofs Kaspar
von Carl gewünscht worden war. Am 5. August 1860 erfolgte dann
wirklich seine Wahl zum bischöflichen Offizial, die vom Bischof der Regierung
von Uri auf folgende Weise angezeigt wurde.
Nikolaus Franciscus,
Von Gottes und des heiligen Stuhles Gnaden
Bischof von Chur,
Herr zu Fürstenburg und Fürstenau etc.
Hochgeachteter Herr Präsident 1
Hochgeachtete Herren Regierungsräte I
Nachdem der hl. Vater Pius IX die nachgesuchte Ermächtigung,
den Hochwürdigen P. Theodosius, Mitglied des Kapuziner-Ordens der
Schweizer-Provinz, zu Unserm Offizial in geistlichen Angelegenheiten zu
erwählen, erteilt, zeigen Wir Ihnen, Titl., an, daß diese Ernennung definitiv
erfolgt und derselbe mit allen jenen Befugnissen in das bezeichnete Amt
eingetreten sei, welche das kanonische Recht dieser Stelle einräumt, auch
sofort seine bezügliche Amtstätigkeit in Unserer Residenz beginnen werde.
Indem Wir, behufs allfälligen Amtsverkehres, hievon gebührende
Anzeige machen, hoffen Wir eine Ihnen nicht unangenehme Kunde zu
bringen, und ersuchen Sie, Titl., den Amtshandlungen Unsers nunmehrigen
Hochw. Offizials und den mit dessen Unterschrift versehenen Aktenstücken
volle Anerkennung angedeihen zu lassen.
Genehmigen Sie, Hochgeachtete Herren, bei diesem Anlasse zugleich
die Versicherung Unserer besondem Hochachtung
Chur am 1. September 1860.
Ihr ergebener
t Nicolaus Franciscus, Bischof.
P. Theodosius wurde nachträglich auch noch zum Generalvikar
ernannt, starb aber schon am 15. Februar 1865. Bischof Florentini
resignierte Ende 1876, schied jedoch erst am 29. Juni 1881 von hinnen.
• *
Der nachfolgende Brief gehört zwar im strengen Sinne nicht mehr
zu unserem Hauptgegenstand, er stellt jedoch ein so seltenes, unerwartetes
Fundstück dar, daß wir es uns nicht versagen können, denselben unver¬
kürzt hier wiederzugeben. Der Briefschreiber und sein Mitunterzeichner
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244
Nikolaus Neiner hatten in Solothurn studiert und dort den Adressaten
Gisler von Spiringen kennen gelernt. Florentini wurde zuerst Pfarrer
von Vals (1818-1824) ; dort weilte auch Neiner als Kaplan von 1819
bis 1830 (?) In einem nicht näher bekannten Zeitpunkte war er zehn Jahre
lang. Feldprediger in französischen Diensten und befand sich 1869 im
Kanton Freiburg. Der Adressat Gisler wirkte 1817-1820 als Professor
an der Kantonsschule in Altdorf und zog dann als Pfarrer nach Bürg len,
wo er 1837 auch noch bischöflicher Kommissar wurde und 1861 starb.
Vals den 10. 9 br 1819.
Hochwürdiger, Hochzuehrender Herr !
Liebster Freund !
Allererst mußt Du wissen, ohne zu unterst am Blatte zu wundern,
was für respettabili Personaggi mit Dir zu sprechen beginnen. Nikolaus
Florentini und Herr Nikolaus Neiner, der seit kurzer Zeit mein venerabler
Kaplan zu sein die Ehre und das Vergnügen genießt, freuen sich herzlich,
von Deiner gesunden Leibes-Konstitution fröhliche Nachrichten erfahren
zu haben.
Aber noch weit höher stieg unser Vergnügen zu vernehmen, daß unser
ehmaliger Solothumischer Waffenbruder uns weit übersehend in Kantons
Uri Hauptorte zum verdienstvollen Lehrer humanarum artium liberalium
scholasticorum ernannt worden sei.
Wie ? hättest nicht Lust, in der künftigen Churer-Akademie, da nun
unser Fürst-Bischof Karl Rudolf durch eine römische Bulla ganz offiziell
zum Administrator der 13 unter dem ehmaligen Konstanzer Bistum
gehörigen Kantone ernannt worden, wolltest nicht, sage ich, um einen
Lehrstuhl anhalten, da Du nun ohnedessen ad interim zu uns gehörest ?
Aber wie konntest, zum Plunder 1 so hinlässig sein, doch gar keine
Sylbe von Neuigkeiten oder interessanter Geschichtelchen aus dortiger
Gegend, oder ehmals bewohnten und noch jetzt unvergeßlichen Gefilden
wissen zu lassen ? ? Denke ein andermal an diese Deine verfluchte
Schuldigkeit; Du kannst schon, wenn Du willst, Gelegenheit bekommen,
uns zu schreiben.
Vergiß ebenfalls nicht, unsem alten Kameraden, so vielen es tunlich,
in unserm Namen den Gruß der Freundschaft zu zollen, und lebe stets
gesund und fröhlich zur Freude
Deiner aufrichtigst ergebenen
Nikolaus Franziskus Florentini und
Nikolaus Neiner.
Adresse: Dem Hochwürdigen Hochgelehrten Hochzuehrenden Herrn
Herrn Johann Joseph Gisler, Professor zu Altdorf, Kanton Uri.
* *
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245
war, verstund e'
im Zaume zu «brauchte also schon zu jener Zeit die neue Namensform,
Politik zu en^t hatte noch die frühere und wohl in Solothurn noch
des Rhonet?* enbenennun 8 Kopfe und schrieb daher als Vermerk
Friede V on nse ^ e des Briefes unter seine Adresse : « 1819 v. Florentöni. »
leistete de** 02 * 8 * 038 hat m iriiin zuerst den Familiennamen abgeändert
Krieg m *eodosius folgte dann seinem Beispiele ; denn der letztere war
Vermit* 8l 9 ) no °b ein Knabe von 11 Jahren. Vgl. diese Zeitschrift 1907,
resultf Bie daselbst (S. 139) angekündigte Aktenpublikation ist leider
jjj Y- unterblieben. Die zum Verschlüsse obigen Briefes verwendete
m j t üaft ist sehr schlecht abgedruckt. Der ovale Wappenschild scheint
zwei aufrechten Löwen gehalten zu sein, die ihre Köpfe nach außen
jaren. Über dem leeren Schilde ist so etwas wie eine Jakobinermütze
.chtbar, vielleicht sollte es eine Krone sein, die dann zerfloß.
Florentini scheint nur neckisch seinen Freund Gisler auf eine Professur
am Seminar zu Chur aufmerksam zu machen. Doch hatte dieser nicht
nötig, dort um einen Lehrstuhl « anzuhalten », denn es wurde ihm von
kompetenter Seite wenige Jahre später ein solcher freiwillig angetragen
und die Sache hatte ein ernstes Gesicht. Man lese und staune, wie ein
Brief an den jungen Pfarrer von Bürglen endigte:
« Noch eines ! Wäre es unmöglich. Sie zu einer theologischen Kanzel
hieher, in das arme St. Luzi zu bringen ? Hr. de Vaja hat mir von Ihren
Studien in Besar^on so viel Gutes gesagt, daß ich mich dieser vertrauten
Vorfrage nicht enthalten kann ; das mehrere vorbehaltend. Ich liebe,
schätze, verehre Sie, bitte um Ihr Gebet und Segen 1
St. Luzi, den 29. Febr. 1824.
Euer Hochwürden mindester Diener
Gottfried Purtscher, Regens.
Eduard Wymann.
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REZENSIONEN — COMPTES RENDUS
Albert Büchi. Kardinal Matthäus Schiner als Staatmuum und
Kirchen fürst. Ein Beitrag zur allgemeinen und schweizerischen Geschichte
von der Wende des XV.-XVI. Jahrhunderts. I. Teil (bis 1514) xxiv und
396 Seiten. Zürich. Kommissionsverlag Seldwyla 1923.
Der erste Band der Biographie von Kardinal Schiner ist vor Jahres
frist im Buchhandel erschienen. Dem hervorragenden Werke, das Herrn
Dr. A. Büchi, den um die Schweizer Geschichte so hochverdienten
Forscher an der Universität von Freiburg, zum Verfasser hat, gebührte
eine fachgemäßere Beurteilung, als der Unterzeichnete sie zu bieten vermag.
Immerhin will ich den Versuch wagen, das Buch, das zum großen Teil i
auch die Walliser Geschichte beschlägt, so gut als möglich zu würdigen.
Der Verfasser widmet die Biographie der hohen Regierung von Wallis,
welche dem Unternehmen stets eine weitgehende Förderung zu teil werden
ließ. Das kurze Vorwort (vii-xi) orientiert über die Anlage des ganzen
Werkes und hebt die Schwierigkeiten hervor, die dem Biographen des
großen Kirchenfürsten und Staatsmannes entgegentreten. Nach einem
klaren, übersichtlichen Inhaltsverzeichnis (xm-xvi) werden die Archive
und Bibliotheken (xvn u. xvm) und die gedruckten Quellen und Bücher
(xix-xxiv) namhaft gemacht, die zur Bearbeitung des Buches vor¬
züglich benutzt werden. Das erste Kapitel schildert in knapper aber
zutreffender Weise die politischen und religiösen Zustände des Wallis im
XV. Jahrhundert. Das folgende Kapitel legt dar, wie Matthäus Schiner,
der 1465 zu Mühlebach geboren wurde, in den bescheidenen Verhältnissen
einer schlichten Bauernfamilie aufwuchs, um dann bei seinem Onkel, dem
Pfarrer Nikolaus Schiner in Ernen, an der Domschule von Sitten und an
auswärtigen hohen Schulen, besonders in Como bei dem italienischen
Humanisten Theodor Lucinus, seine wissenschaftliche Ausbildung zu
erhalten. Im April 1489 in Rom zum Priester geweiht, wirkte Schiner
zunächst als Kaplan und Vizekurat und dann als Pfarrer in seiner Heimat¬
gemeinde Emen. Bei dem Sturze des Bischofs Jost von Silenen, der 1496
besonders durch Jörg auf der Flüe herbeigeführt wurde, läßt sich die
direkte Einmischung Schiners nicht greifbar nachweisen ; dagegen zeigt
der sich hieran anschließende kanonische Prozeß den stets wachsenden
Einfluß des angehenden Diplomaten, der inzwischen zum Domherrn von
Sitten und zum Dekan von Valeria vorgerückt ist. Der Rücktritt seines
Onkels Nikolaus, der 1496-1499 das Bistum Sitten innegehabt, brachte
Matthäus, trotz der Intrigen Frankreichs, den 20. September 1499 auf
den Sitz des hl. Theodul.
M. Schiner, der als Bischof von Sitten auch weltlicher Herr des Wallis
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247
war, verstund es, mit starker Hand die unruhigen Elemente des Landes
im Zaume zu halten und eine kraftvolle Tätigkeit auf dem Gebiete der
Politik zu entfalten, deren Wirkungen sich auch über die engen Grenzen
des Rhonetales geltend machten. (Das Bündnis mit Bern 1500. Der
Friede von Arona 1503.) Ein Probestück diplomatischer Geschicklichkeit
leistete der Sittener Bischof in einem Anstand, der ihn 1506-1507 in einen
Krieg mit Savoyen zu verwickeln drohte. Die Eidgenossen hatten ihre
Vermittlung angeboten, die angeknüpften Verhandlungen zogen sich aber
resultatlos dahin. Schließlich setzte sich Schiner direkt mit dem Gegner
in Verbindung und erreichte über den Kopf der völlig überraschten Ver¬
mittler eine friedliche Verständigung.
1507 erschien der Fürstbischof von Sitten auf dem Reichstag zu
Konstanz und traf hier persönlich mit Kaiser Maximilian zusammen. Die
Bemühungen Schiners, die Eidgenossen für einen Römerzug Maximilians
zu gewinnen, scheiterten zwar an dem französischen Golde, aber die freund¬
schaftlichen Beziehungen Schiners zum letzten Ritter hatten dauernden
Bestand, und unentwegte Treue zu Kaiser und Reich drücken seiner
gesamten Politik ihren Charakter auf.
Besonders eingehend und gründlich wird der Jetzerprozeß und die
Anteilnahme Schiners an demselben behandelt. In den Details dürften
Verfasser einige Ungenauigkeiten unterlaufen sein, so wird z. B. S. 117
das Wimpfener Kapitel bald als General- bald als Provinzial-Kapitel der
Dominikaner bezeichnet. Aber das Gesamtergebnis der gewissenhaften
Untersuchung, das einerseits die rücksichtslose Strenge, andererseits die '
unbestechliche Gerechtigkeit Schiners in diesem unerquicklichen Handel
feststellt, kann zweifellos als gesichert gelten.
Ein erfreuliches Bild bietet die Schilderung der kirchlichen Wirksamkeit
des seeleneifrigen Oberhirten in den Jahren 1499-1510. Verständnisvoll
fördert er kirchliche Kunst und Bautätigkeit, unermüdlich visitiert er
selbst die abgelegendsten Täler seines Bistums : durch seine packenden
Predigten und durch seine energischen Verordnungen sucht er eingerissene
Mißbräuche zu beseitigen und das religiöse Leben von Volk und Klerus
zu heben.
Papst Julius II. hatte sich zum Ziele gesetzt, Italien von der franzö¬
sischen Fremdherrschaft zu befreien und zur Erreichung dieses Zieles
suchte und fand er an Schiner einen ebenbürtigen Kampfgenossen. Dieser
hatte mit seinem politischen Scharfsinn längst erkannt, daß die Fest¬
setzung der Franzosen in der Poebene auch das Wallis, ja die gesamte
Schweiz in ihrem Bestände aufs äußerste bedrohte. Und so deckten sich
die Pläne und Aufträge des Papstes mit den vitalsten Interessen des
Sittener Bischofs und der eidgenössischen Orte. Dies alles erklärt uns
auch zur Genüge die schroff abweisende Haltung, die Schiner gegen die
französische Eroberungspolitik stetsfort einnimmt und die er mit eiserner
Konsequenz bis zum letzten Lebenshauch behauptet.
In klugen Verhandlungen gewinnt Schiner im Frühjahr 1510 die
Eidgenossen für ein Bündnis mit dem Papste und im Herbste desselben
Jahres führt er in eigener Person eidgenössische Söldnerscharen gegen die
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Franzosen in Oberitalien. Doch der Chiasserzug mißlingt, ebenso der
kalte Winterfeldzug des folgenden Jahres. Inzwischen ist Schiner im
eigenen Lande ein gewaltiger Gegner erwachsen. Es ist dies Jörg auf der
Flüe, einst sein Gönner und Freund. Von französischem Gelde bestochen,
brachte dieser 1510 die obem Zenden zum Abschluß eines Bundes mit
Frankreich und zu offener Aufruhr gegen den eigenen Landesherrn. Hier¬
aus entspringen dann die langjährigen erbitterten Parteikämpfe, welche
die unversöhnlichen Gegner mit Ungemach und Leid überhäufen, das
Walliserland in mörderischen Wirren zerfleischen und die gesamte Eid¬
genossenschaft tief aufwühlen. Jörgs Einkerkerung in Freiburg und sein
Entweichen aus der Gefangenschaft, der Prozeß gegen Arsent mit seinem
blutigen Ausgang, die Erhebung der Matze gegen den Bischof und seine
Flucht über die Alpen, das sind nur einige Episoden aus dem wildwogenden
Kampfe, der uns in vorliegendem Buche in anschaulicher Weise vor Augen
geführt wird.
Aber weder die Mißerfolge der Jahre 1510 und 1511 noch der Wider¬
stand seiner eigenen Landsleute können Schiner in seiner gegen Frankreich
gerichteten Politik irre machen. Vom Papste, der ihn am 10. März 1511
zum Kardinal der römischen Kirche und am 6. Februar 1512 auch noch
zum Bischof von Novara erhoben hatte, mit weitgehenden Vollmachten
ausgestattet, erlangt er im Mai 1512 einen allgemeinen Aufbruch der
Eidgenossen gegen die Franzosen. In raschem Siegeslauf erobert er als
päpstlicher Legat binnen weniger Wochen die ganze Lombardei und erlangt
Ende 1512 die Wiedereinsetzung der Sforza in Mailand.
Damit hatte Schiner vorderhand das Ziel seiner Politik erreicht; es
galt nun, den Erfolg zu sichern. Nach dem Tode Julius’ II. machte der
Kardinal von Sitten zunächst seinen ausschlaggebenden Einfluß geltend,
um Leo X. auf den päpstlichen Thron zu erheben, weil er hoffte, in ihm
eine besondere Stütze im Kampfe gegen Frankreich zu erhalten. Freilich,
die unentschiedene, schwankende Haltung des Papstes erfüllte diese
Erwartungen nur in geringem Maße. Auf Betreiben Schiners vereitelten
die Eidgenossen durch den Sieg von Novara (1513) die Versuche der
Franzosen, sich Mailands wieder zu bemächtigen. Doch der Bruch des
Friedens von Dijon gefährdete aufs neue die ganze Staatenbildung. Auch
die Regentschaft, die M. Schiner für den unerfahrenen Herzog Maximilian
führen mußte, und die Umtriebe, die Jörg auf der Flüe in und außer des
Walliserlandes gegen ihn anzettelte, machten ihm große Sorgen und Mühen
und stellten an seine leiblichen und geistigen Kräfte gewaltige Anforde¬
rungen. Aber wo er immer weilte, sei es zu Mailand, sei es zu Vigevano
oder in seinem Bistum, immer blieb er in enger Verbindung mit den
Welthändeln. Und seiner rastlosen und gewandten Tätigkeit gelingt es,
im Winter 1514-1515 noch einmal die gesamten Großmächte um Mailand
zu gruppieren gegen die französischen Angriffsgelüste.
Das letzte (XXI.) Kapitel handelt von den Beziehungen Schiners zu
der Propstei vom Großen St. Bernhard und zu der Abtei St. Moritz und
gibt uns interessante Aufschlüsse über die ökonomischen und sittlichen
Zustände dieser zwei so bedeutsamen Gotteshäuser.
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— 249 —
Das ist in kurzen Zügen das hochinteressante Bild, das uns der Ver¬
fasser von der markanten Person und der weltumspannenden Tätigkeit
des Kardinals Matthäus Schiner entwirft. Mit Meisterschaft hat er es
verstanden, die Überfülle des sich bietenden Stoffes zu beherrschen. Jahr¬
zehntelang hat Herr Büchi seine unermüdlichen Forschungen über Schiner
nach allen Seiten ausgedehnt und meistens ausgiebige Resultate erzielt,
wie dies seine Schiner-Korrespondenz und manche andere Publikationen
zur Genüge darlegen. Die Ergebnisse dieser Forschungen, die vielfach
neue und bisher unbekannte Nachrichten bieten, hat der Verfasser in
geschickter Weise dazu verwendet, in großen Zügen das Bild Schiners
und seiner Wirksamkeit herauszuarbeiten, ohne sich allzuviel in Details
zu verlieren. Ja mancherorts möchte man fast bedauern, daß besonders
interessante Einzelheiten nicht eingehender behandelt werden. Die gar
knappe Darstellung wichtiger Ereignisse setzt bisweilen auch Kenntnisse
voraus, die ein gewöhnlicher Leser nicht haben dürfte. Manche Spezial¬
fragen, wie z. B. die Parteikämpfe zwischen Schiner und Jörg auf der Flüe
finden nicht eine völlig erschöpfende Behandlung, aber es liegt dies auch
nicht im Rahmen der vorliegenden Biographie, die uns ein Gesamtbild
des Walliser Staatsmannes und Kirchenfürsten bieten sollte und in der
Tat auch bietet. Die Beurteilung, die der Verfasser Schiner und seiner
Tätigkeit angedeihen läßt, muß als sachlich, gerecht und unparteiisch
anerkannt werden. Die bestechenden Eigenschaften Schiners werden wohl
gebührend hervorgehoben, aber auch seine Mängel und Fehler werden
nicht verschwiegen.
In Einzelheiten lassen sich wohl abweichende Ansichten verfechten,
im großen und ganzen darf aber dem Verfasser das Zeugnis strenger
Objektivität nicht versagt werden.
Die Darstellung ist schön, lebendig und fließend : nur hie und da
mindern langwierige Sätze die gewünschte Klarheit. Bisweilen zeigen sich
leichte Wiederholungen (z. B. S. 186 und 208) oder auch kleine Wider¬
sprüche (S. 32 und 33 ; 37 und 38). Auch Ungenauigkeiten und sachliche
Irrtümer haben sich eingeschlichen ; solche, welche besonders die Walliser¬
geschichte betreffen, sind schon an einer andern Stelle vermerkt worden.
Doch diese Mängel, die übrigens nicht von Bedeutung sind, vermögen
der Brauchbarkeit und der Gediegenheit des vorzüglichen Werkes keinen
wesentlichen Eintrag zu tun.
In der ganzen Auffassung und in der ganzen Durchführung ist die
Biographie Schiners ein Meisterwerk, das dem Verfasser voll und ganz zur
Ehre gereicht. Dt. lmesch, Sitten.
Gazier Augustin. Histoire g6n6rale du mouvement janseniste depnis ses
origines juSQu’d nos jonrs. Paris, Champion, 1922, 2 vol. 30 fr.
Au moment oü paraissait VHistoire gtrrfralc du mouvement jansiniste
venait de mourir ä Paris, le 20 mars 1922, son auteur Augustin Gazier,
professeur honoraire ä la Sorbonne. Au cours de sa longue carriöre, cet
historien, avec une vöritable pi6t6 familiale, a röuni tous les documents
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250
qu’il a pu trouver concemant le mouvement jansöniste, dont il ötait lui-
meme un des derniers et fidöles adhörents ; furetant les riches Archives
et les pröcieuses Bibliothöques de France, dönichant des öditions rarissimes,
döcouvrant des inödits, glanant dans des journaux et revues, se donnant
la peine de rechercher les livres traitant de prös ou de loin la question,
de les critiquer, de dresser en somme une abondante bibliographie critique
du sujet. Döpositaire des Archives spöciales de la secte et gardien des
Souvenirs pröcieux des ancötres, nul n’ötait mieux plac6 pour constituer
une aussi riche documentation. Aussi son ouvrage acquiert-il 4 ce point
de vue une incontestable valeur. Cependant cette documentation est parfois
un peu trop sommaire pour qu’on puisse la contröler exactement, et aussi
un peu trop unilaterale, en ce sens qu’elle omet ou fausse l'opinion de cer-
tains adversaires du jansönisme.
Au cours de ses recherches, l’auteur avait d 6 j 4 publiö des ötudes sur
Pascal, Angölique Arnaud, Bossuet, fragments de sa vaste Synthese. Dans
son Histoire gtntrale, il montre comment, au döbut du XVI I m ® siöcle,
Jansönius, 6vöque d’Ypres, trös orthodoxe, trös ultramontain meine, s’ötait
dans sa thöologie inspirö de trös bonne foi de saint Augustin et avait
composö l'Augustinus, ouvrage que ses amis publiörent en 1640, deux ans
aprds sa mort. Ce livre, les uns l’admirörent, les autres, notamment les
Jösuites, l’attaquörent avec passion. Ensuite, l’abbö de Saint-Cyran, ami
de Jansönius, enthousiasmö pour ses thöories, les propagea en France,
sans ötre trop suspect d’hörösie et gagna bientöt 4 sa cause Antoine Amauld,
jeune docteur en thöologie de la Sorbonne, et sa soeur Möre Angölique
Arnaud, abbesse de Port-Royal des Champs, prös de Paris. Cette abbaye
devint le foyer de la propagande : religieuses, pensionnaires, bienfaitrices
adhörörent au mouvement. meine des amis, des protecteurs de la maison,
les Messieurs de Port-Royal, entre autres l'illustre Pascal qui lan9a ses
satiriques Provinciales pour röfuter et confondre les Jösuites.
Ces jansönistes soutinrent avec leur chef, que les hommes ne peuvent
pas observer les commandements de Dieu par leurs propres forces, que
la gräce intörieure est un pur don de Dieu, irrösistible et efficace par elle-
möme.
L 4 -dessus, les övöques de France, poussös par quelques Jösuites, pre-
sentörent 4 Rome 5 propositions, rösumö essentiel de 1 ’Augustinus et en
obtinrent la condamnation en 1653. La secte reconnut ces propositions
comme hörötiques en un certain sens, mais ne voulut pas admettre qu’elles
fussent contenues dans le fameux ouvrage, eile accepta la question de
droit et nia (comme A. Gazier lui-möme) la question de fait. Ces fines sub-
tilitös ranimörent la lutte, dont l’auteur suit toutes les phases, les alter-
nances de paix et de guerre : la grande persöcution de 1664 4 1668, la paix
de Clöment IX, la reprise de la persöcution, la destruction du monastöre
de Port-Royal de Paris en 1709, la nouvelle condamnation pontificale
par la bulle Unigeniius en 1713 avec tous les troubles religieux qu’elle a
suscitös au cours du XVIII me siöcle, le merveilleux jansöniste avec ses
miracles et ses convulsions.
Dans le second tome, Augustin Gazier nous donne des ape^us plutöt
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251
philosophes, le gouvemement au XVIII me sidcle, leur attitude g6n6rale,
plutöt favorable k la Constitution civile du clerg6 sous la Revolution, leur
indifiterence vis-ä-vis du Concordat sous Napoleon, leur hostilit6 au catho-
licisme ultramontain du XIX me siöcle, leur Opposition tout k fait effac^e
k l’infaillibilite pontificale, enfin leur d£clin et leurs demidres esp£rances
de l'heure actuelle. Pour ßtre complet, il parle des coreligionnaires de Hol¬
lande, de leur schisme, de l’organisation de leur Eglise d’Utrecht.
Cette vue g6n6rale sur tout le mouvement janseniste est plus un plai-
doyer qu'une histoire. Sans quitter la ser6nit6 et la raoderation de l'historien,
sans mfime avoir l'eioquence et 1’emballement de l’avocat, il n’en pose
pas moins sa thöse, pour la poursuivre sans cesse : le jansenisme est un
catholicisme s’inspirant de saint Augustin, que les J6suites en le combattant
ont transforme en une heresie. Ce point de vue, il le defend en un style
vivant et vigoureux, emailie de bons mots, raeme d’anecdotes piquantes.
Pour etre une Synthese, cette’ histoire ne domine pas encore d’assez
haut la question si fondamentale de la gräce. L’erudit, perdu dans les d6tails*
par d6formation professionnelle, ramasse souvent une poussiere de menus
faits nullement caract6ristiques, auxquels parfois il donne beaucoup trop
d’importance, surtout dans le second volume. L’ancien professeur d'histoire
ecctesiastique k la Sorbonne aurait pu, pour nous introduire dans le sujet,
nous rappeier les c6iebres controverses sur la gräce depuis saint Augustin
k Jans£nius, de mßme il aurait pu souligner encore plus nettement le carac-
tere du jans6nisme : la soumission formelle exterieure aux condamnations
romaines s’alliant (comme chez les modemistes du XX me siede) k une
certaine revolte interieure, toujours plus forte enfin, il ne nous a pas montr6,
et pour cause, l'influence de ce courant religieux : un rigorisme outre, un
refroidissement progressif des ämes. En efiet, si la philosophie du
XVIII me siede a malheureusement etouffe la foi, le jans6nisme, de son
cdte, a detourne de la frequentation des sacrements. Les deux, tout en etant
extremement opposes, ont, en minant de fa^ons differentes l’Eglise et la
Royaute, prepare la Revolution.
Augustin Gazier est un historien, mais un singulier th6ologien. Tout
d'abord, il a sa conception rigide de Timmutabilite du dogme qu’il trans-
forme en immobihte. Pourtant, k la lueur du passe, il aurait du voir comment
il se predse des que surgit une heresie. Aussi envisage-t-il saint Augustin
comme le definiteur de nos croyances et non comme l’adversaire de P6lage
qui, pour les besoins de la poiemique, insistait avant tout sur la gräce, sa
puissance et son röle. Il ne semble pas s’apercevoir que Jansenius et ses
disciples, en interpretant mal la pensee du grand Docteur, sont tombes
dans l’erreur. Enfin n’essaye-t-il pas, ici et lä, de confronter les doctrines
jansenistes et quelques textes de l'Ecriture, de faire en somme du libre
examen.
N6anmoins, k tout instant, il proclame l’orthodoxie de ses ancÄtres
religieux. Et cependant, n’ont-ils pas soutenu les tendances galhcanes,
r&ist6 consta. mmfent et soumoisement aux directions romaines et 6pisco-
pales, la plupart n’ont-ils pas appuy6 le clerg6 constitutionnel, les derniers
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survivants n’ont-ils pas refus£ l’infaillibilite pontificale. Aprds tout cela
sont-ils encore catholiques ?
Reconnaissons que M. Gazier est un merveilleux avocat : menant
6galement l’offensive et la defensive. Avec vigueur, il dresse son r£quisitoire
contre les J6suites, avec complaisance s’arrete aux aventures, aux d£fauts,
aux erreurs de quelques-uns qu'il voit bien tropen noir. Toutefois, admettons
que la lutte n’aurait pas pris une teile acuit£, une teile ampleur, si la Com¬
pagnie de J6sus, en raison de son molinisme, 1'extreme oppos6 de l’augus-
tinisme, ne s’6tait pas lanc6e dans la mel6e. Pour sa propre cause, il a
le talent de passer sur certaines questions comme chat sur braise. Par
exemple, 4 propos de la forte Opposition des jans£nistes 4 la communion
frequente, il nous montre Amauld recommandant cette d£votion, sans
indiquer les nuances et les restrictions, sans mentionner les th6ories pos-
t&ieures. S’il nous präsente Jans&iius comme ultramontain, orthodoxe,
c’est pour donner cette m£me physionomie 4 tous ses futurs disciples,
ce qui est faux.
Lorsqu’il d£clare que les cinq propositions condamn6es ne se trouvent
pas dans VAugustinus, il a raison mat6riellement parlant, mais cela n’em-
peche pas qu'elles soient l’essence et le r6sum6 de tout l’ouvrage.
Et pour le merveilleux jans£niste, quelle psychologie ne r£v£le-t-il pas
lorsqu’il admet les miracles, les convulsions, que tout le monde sauf les
fkteles de la secte nie ou met s£rieusement en doute et lorsqu’il attend
les progrös de la Science pour en donner une explication definitive, confiant
k l'excds d’un c6t6, critique de l’autre.
N£anmoins cette vaste Synthese offre un r£el profit par l’abondance
des faits et des d£tails qu’elle offre 4 tous les curieux du passe et qu’un
pr£cieux Index alphabetique permet de facilement retrouver.
En plus, eile offre un int6ret special, car l’auteur anime ses personnages,
ressuscite les scenes, donne une vie k sa doctrine. Comment s’en etonner,
puisqu’il a constamment v£cu dans ce milieu et qu’il a insuffle 4 ce livre
ses propres passions pour lui donner une äme.
Travailleur infatigable, homme sincdre, Augustin Gazier est ici aveugie
par sa lumi£re janseniste. Tout en gardant une haute id6e de la foi et
de la morale chretienne, il croit que l’Eglise condamnant le jansenisme
s’est trompee et reviendra un jour de son erreur. Tel est le sens fondamental
et aussi le but final de sa Synthese. J. Jordan.
Ernest Danconrl Les troubles de 1886 dans le Jura bemois. Por-
rentruy. Soci£t£ typographique, 1923. 1 vol. in-16. 335 pages.
Ce livre est un livre d’histoire. Le fougueux pol6miste, le journaliste
qui, pendant cinquante ans, fut sur la bröche, 4 la r£daction du Pays,
l’homme politique influent et le prüfet d’un des plus grands districts du
canton de Berne, consacre les loisirs de sa retraite 4 6crire l’histoire inte¬
ressante et mouvement£e de l’Ancien Ev£ch£ de B 41 e sous le r£gime bernois.
Loin du tumulte de l’aröne pohtique, aprös avoir beaucoup combattu, il
s’est 61 ev£ 4 la s6r£nit£ de l’histoire qui regarde et juge. D 6 j 4 il s’£tait essay£
4 ce genre nouveau, auquel son talent si souple n’eut pas de peine k
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— 253 —
s’adapter, par un volume moins aust^re, au caractöre anecdotique : Seines
et ricits du Culturkampf . Aujourd'hui, il präsente au public une v6ritable
histoire des troubles qui ont accompagn6 la promulgation comme loi d'Etat
des fameux articles de Baden.
* On a le droit de demander (4 l’historien) qu'il soit impartial; mais
on ne saurait exiger de lui qu’il reste impassible. » (Pr6face.)
C’est le programme que s’est trac£ M. Daucourt. L'impartialitd est
assur6e par une abondante documentation, puis6e aux meilleures sources
cantonales et f6d Orales, dans les Berits des adversaires aussi bien que des
amis. Et si l’on ne s'accorde pas dans un jugement unanime sur les mdmes
faits (M. V. R. dans la bibliographie de la Gazette de Lausanne du 21 fe-
vrier 1924), c’est que pr6cis6ment l’on est divisö sur une question de prin¬
cipe, sur les id6es fondamentales, qui inspirent la conduite privde et l’atti-
tude politique. Mais, dans le r6cit, 6crit d’une plume toujours alerte et
616 gante, rien de la froideur, rien de la sdcheresse, qui semblent 4 quelques-
uns le vrai caractöre de l’histoire ; rien de cette indifterence, qui, sous cou-
leur d'impartialit6, traite avec le meme supreme d6dain, et les victimes
et les fauteurs de l’injustice. Ces pages vibrent au contraire d'une Emotion
contenue et discröte, oü l’on sent la conviction du patriote et du chr^tien.
Ce livre est la premiöre contribution s^rieuse 4 l’histoire des articles
de Baden, dans le canton de Berne. Joseph Stockmar, dans VEtüde biogra-
phique sur Xavier Stockmar (1901) et M. Virgile Rossel, dans son Histoire
du Jura bemois, en avaient parl£ sommairement et s’6taient faits les
ddfenseurs de la politique bernoise. M. Daucourt fait un r6cit circonstanci6
des 6v£nements, qu’il considdrc 4 partir de la r6union de l'Ancien Evßch6
de B 41 e au canton de Berne. Apr£s une Periode de paix et de libert6 rela¬
tives, sous le r6gime patricien, l’ 4 re des conflits surgit avec la nouvelle
Constitution de 1831 et la formation des partis politiques. Alarm6 des
principes proclam6s par la Constitution, hant6 peut-etre par le Souvenir
des serments que la Revolution avait exigfe des prötres, le clerg£ jurassien,
malgre l’avis favorable de l’6vöque de Bäle, Mgr Salzmann, voulut, avant
de pr§ter serment, consulter le Saint-Siöge. D'oü m6contentement du
gouvernement, qui r^pondit par la Suspension du traitement des cur6s
et fit occuper militairement la paroisse de Vendlincourt, laquelle avait
riposte 4 la mesure gouvernementale par le refus des impöts. Les choses
se gätdrent encore par le bruit de men£es separatstes, projet dont le prüfet
Stockmar etait l’auteur, et par les mesures prises dans la question scolaire,
oü l’influence catholique se trouvait graduellement diminu£e. Le mouvement
d’id^es politico-religieuses, qui trouva son expression adäquate dans les
quatorze articles de la Conference de Baden, inaugura la fächeuse politique
qui devait aboutir fatalement aux troubles de 1836 et plus tard au schisme
du Culturkampf, dont ces derniers n’etaient que les avant-coureurs. Berne
hesita pendant deux ans avant de ratifier les articles de Baden, par crainte
de s'engager dans des lüttes confessionnelles; mais, pouss6 par le radi-
calisme, le gouvernement c6da et le vote fut acquis 4 la proposition la
plus sävdre, le 20 f6vrier 1836, par 155 voix contre 30 On comprend les
hesitations du gouvernement bemois, quand on se rappelle que, pendant
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254
la longue Periode de r6flexion qu’il s’6tait donn6e, il avait entendu la grande
voix de Gr6goire XVI, condamner les articles de Baden dans son ency-
clique du 17 raai 1835, appris le rejet des articles par le peuple de St-Gall
par 18,000 voix de majorit6, connu les troubles caus6s dans le canton
d'Argovie par la meme question, et enfin re^u les pätitions du peuple juras
sien, appuy6es par le clerg6 unanime et huit mille signatures. Rien n’y fit ;
le lib&alisme en avait jug6 autrement. A la suite du vote du Grand Conseil
de Berne, la constemation fut g6n6rale dans les districts catholiques du
Jura. Elle se manifesta par une protestation pacifique, la plantation d’arbres
de libert6 devant les 6glises, au cri de « Vive la religion ». C'6tait et c’est
encore, chez nous, une ancienne coutume que de planter un « mai », k l’occa-
sion d’ 61 ections ou d’autres 6v6nements de la vie publique ; les « patriotes *
en avaient plante en 1830 et 1831, k l’occasion du d6part des baillis. Cet
acte n'avait d’ailleurs rien d’iltegal. Mais, excit6 par les d6nonciations d'un
petit clan int6ress6, le gouvemement affecta d’y voir un raouvement d’in-
surrection ; ce qui valut au Jura l'occupation militaire de 10,000 hommes
avec cavalerie et artillerie, la r^vocation de trois pr6fets et un procös de
haute trahison contre le pro-vicaire Cuttat, cur6 de Porrentruy, et ses
deux vicaires. Ajoutons que le proc£s aboutit k un non-lieu pour le pro-
vicaire et l’abb£ B 61 et (28 avril 1838) ; quant au vicaire Spahr, r6dacteur
de l'Ami de la Justicc, il fut condamn6 par contumace k cinq ans de r6clu-
sion, peine qui lui fut reraise, deux ans plus tard. Le 17 tevrier 1837, un
an aprös l’acceptation des articles de Baden, le Grand Conseil repoussa,
par 112 voix contre 13, les sanctions contre les districts catholiques r£clam6es
par la Commission d’enqußte et d6cida d'en rester lä. Ce fut la fin de cette
malheureuse affaire. Le Jura catholique est reconnaissant ä M. Daucourt
d’avoir retrac6 les 6v6nements de cette douloureuse p6riode et l’histoire
reconnaitra le monument qu'il vient de consacrer aux Articles de Baden.
Quelques remarques pour faire la part de la critique dans un ouvrage
d’ailleurs excellent. Il y aurait lieu de citer l’encyclique de Gr^goire XVI,
non par sa date, mais par les premiers mots de son texte, selon la coutume
traditionnelle ; il s'agit ici de l’encychque Commissum divinttus.
Le lecteur aurait mieux compris les 14 articles de Baden, si l'auteur
avait condens6 en quelques pages les conceptions gallicanes et jos6phistes
de F6bronius et de Wessenberg, du Synode de Pistoie, du congrös d’Ems,
qui furent condamn6es par Pie VI, dans sa bulle Auctorem fidei. Il eüt
ainsi rattach6 la Conference de Baden au mouveraent ant6rieur, dont eile
fut la conclusion en Suisse. — Le pro-vicaire Cuttat n’est pas d6c6d6 k
Colmar en 1836, mais en 1838. — De mßme, une correction plus soign^e
aurait supprim6 d’autres coquilles et les in6galit6s de la composition typo-
graphique. E. F.
Klassiker katholischer Sozialphilosophie : Dr. Wilhelm Schwer, Prof,
der Theologie in Bonn, Papst Leo XIIL — Adolf Kolping, von Dr. ph»l
Theodor Brauer. Freiburg i. Br. Herder 1923.
Überaus begrüßenswert und just zur rechten Zeit erscheint bei Herder,
Freiburg i. Br., eine Serie von Monographien von Klassikern katholischer
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Sozialphilosophie, herausgegeben von Dr. phil. Theodor Brauer, Professor
in Karlsruhe, und Dr. phil. und theol. Theodor Steinbüchel in Bonn.
In unsem so ernsten und trüben Tagen, wo infolge der Wirrnisse
klare Richtlinien zu verwischen drohen, empfindet man es als eine wahre
Wohltat, sich an den erleuchteten Gedanken dieser großen Männer erfreuen
zu dürfen und ihren Spuren zu folgen, die uns auf Höhenpfade führen,
auf denen bei der Erziehungsarbeit der Menschheit wieder gefolgt werden
muß, soll’s wieder besser werden.
Als erstes Bändchen dieser Sammlung erschien : Papst Leo XIII.
von Dr. Wilhelm Schwer. In schöner, fließender Sprache gibt uns der Ver¬
fasser zuerst ein Bild der Persönlichkeit und des Werdeganges des großen
Papstes. In scharfen Umrissen, kurz und packend, zeigt er uns dann, wie
durch die liberalen Ideen die Not des vierten Standes gekommen und
wie Leo XIII., der die religionsentfremdeten Sozialphilosophen gründlich
durchstudiert und das Übel der Zeit scharf genug beobachtet hatte, wohl
bald erkannte, daß eine Besserung der schlimmen Zustände nur dann
ermöglicht werden könne, wenn das Gesamtleben wieder auf den Felsen¬
grund des Christentums gestellt wird. Darum ging der große Papst daran,
in seinen herrlichen Rundschreiben Pflicht und Recht des Einzelnen, der
Familien, wie auch des Staates, zu umschreiben, wobei der Höhepunkt in
der bekannten Arbeiterenzyklika erreicht wurde.
Jeder, der sich mit Sozialpolitik befaßt, sollte das Büchlein von
Dr. Schwer lesen. Der Inhalt ist recht übersichtlich geordnet. Ganz
besonders willkommen wird das Bändchen allen jenen sein, denen die
Zeit mangelt, sich in große Bände zu vertiefen, die aber den Riesengeist
des großen Sozialphilosophen Leo XIII. doch gerne kennen lernen möchten.
Im zweiten Bändchen behandelt Dr. phil. Theodor Brauer, Professor
in Karlsruhe, Adolf Kolping. Wer noch annimmt, daß « der Gesellen¬
vater » nicht ein großer Sozialphilosoph war, der wird durch das Studium
dieses Büchleins eines bessern belehrt werden. Nicht etwa, daß Kolping
ein größeres wissenschaftliches Werk geschrieben hätte, nein, dem Manne,
der sich in der Praxis des Lebens, menschlich gesprochen, viel allzufrühe
aufrieb, blieb dafür keine Zeit übrig, denn er war der Mann aus dem Volke
und lebte für das Volk. Und doch war Kolping auch ein Mann der Feder,
der jede freie Stunde dazu benützte, seine sozialphilosophischen Ideen
niederzuschreiben. So war denn, was der Gesellenvater in den « Rheinischen
Volksblättem », in seinem Kalender und seinen Erzählungen verbreitete,
eine wahre Volksphilosophie, nicht in dem Sinne, wie Dr. Brauer richtig
bemerkt, eines geschlossenen Systems, sondern als Verkünder der Lebens¬
weisheit, insbesondere als Erforscher und Schilderer der Urgründe des
gesellschaftlichen Zusammenlebens. Für ihn ist die Lösung der sozialen
Frage an erster Stelle nicht Staats-, sondern Familienproblem.
Was wir an der Arbeit Brauers ganz besonders schätzen, ist die schöne
Zusammenstellung der markantesten Zitate aus den Schriften Vater
Kolpings, die sich auf eine Zeitspanne von fast zwanzig Jahren verteilen.
Diese Sichtung des Materials und seine geordnete Zusammenstellung ist
ein großes Verdienst der Verfassers.
Freiburg i. Uechtland. Jules Zimmermann.
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— 256 —
Dr. Mm Bierbanm- Papst Pins ZI. Ein Lebens- und Zeitbild. Mit
20 Abbildungen. Verlag J. P. Bachem, Köln, geb. 4 Fr. 50.
Infolge seines außerordentlich langen Romaufenthaltes und kraft
seiner wissenschaftlichen Qualifikation und sozialen Stellung war Prälat
de Waal in der glücklichen Lage, seinen Landsleuten und deutschen Sprach-
genossen jeweilen rasch eine Biographie der letzten Päpste liefern zu
können. Dr. Bierbaum nahm diese schöne Tradition des Campo Santo
wieder auf. Als Nachbar und mehrfacher Augenzeuge der Vorgänge beim
letzten Pontifikatswechsel schien er hiefür ebenfalls berufen und schrieb
daher unter dem frischen Eindruck der Ereignisse diese Biographie. Sie
beginnt in natürlichem Aufbau mit dem Ableben des Papstes Benedikt XV.
und mit einer Schilderung der Leichenfeierlichkeiten. Sodann wird ein
schönes, erbauliches und belehrendes Lebensbild vom neuen Papst ent¬
worfen, seine Heimat, Studium und Gelehrtenlaufbahn beschrieben und
auch durch Bilder erklärt. Während das Papier gut und der Druck aus¬
gezeichnet ist, erinnert die Illustration mit Bildern von völlig verschiedenem
Format auf der nämlichen Seite und die doppelte Bedruckung der Einlagen
an die Not des deutschen Buchgewerbes. Der Verfasser schließt mit Aus¬
blicken auf die Zukunft des gegenwärtigen Pontifikates. Wir leben
jedoch heute furchtbar schnell und die Tagesereignisse jagen mit unglaub¬
licher Eile dahin, so daß der Autor schon jetzt das eine und andere nicht
mehr schreiben oder doch anders gestalten würde. Ob der S. 97 genannte
Don Luigi Testa wohl mit dem nunmehr vielgenannten päpstlichen Ver¬
treter im Ruhrgebiet identisch ist ? Auch ein ehemaliger Mitarbeiter
Ratti’s an der Jubiläumszeitschrift San Carlo (1908-1910) wurde seither
mit Übergehung der Diplomatenschule direkt zum Intemuntius im Haag
ernannt. Sich der eigenen, unvermittelten Berufung zum Diplomaten-
dienste erinnernd, scheint Pius XI. ein Monopol der Accademia dei nobili
ecclesiastici nicht mehr anerkennen zu wollen. Im Anhang würde man
bei einer neuen Auflage gern ein zuverlässiges und vollständiges Ver¬
zeichnis der früheren literarischen Arbeiten des Heiligen Vaters sehen
Diese einzige deutsch geschriebene Lebensgeschichte dürfte auch erwähnen,
daß Pius XI. der Hauptsache nach die deutsche Sprache als Seminarist
durch seinen schweizerischen Mitschüler und Freund, Joseph Kellenberger,
von Oberegg, erlernte, der als Kanonikus und Dekan gerade zur Zeit der
Papstkrönung in Goldach (St. Gallen) gestorben ist. Überhaupt ist der
jetzige Heiüge Vater ganz ausnahmsweise schon lange vor seiner Wahl
mit so vielen Persönlichkeiten und Instituten der Schweiz bekannt und
vertraut geworden, daß dieser Biographie eine möglichst große Verbreitung
auch in unserem Lande gebührt. Konnte doch Papst Pius XI. bei der
ersten Huldigung dem Kommandanten der Schweizergarde in deutscher
Sprache zurufen : « Sagen Sie Ihren Schweizern, daß ich sie alle, alle segne.
Ich kenne gut ihre schöne Heimat und ihre Berge. »
Altdorf.
Eduard Wymanv.
Fribourg. — Imp. de l'CEuvre de Saint-Paul. 24.
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Hans von Matt, Verlag, Stans.
Dr. Joseph Hürbin
Handbuch der Schweizergeschichte.
& eleg. Halbleinen-Hände.
Preis Fr. 2 Ö .40
• ^ ™ A4 ^ ^ ^ ^ ^ •
In der « Schweizerischen Rundschau » schreibt Universitäts-Professor
Df. Büchi von Frei bürg über llürbins Handbuch der Schweizergeschichte :
« Wir haben nun ein Buch JXir alle gebildeten Katholiken jeden Standes, das
einem längst empfundenen Bedürfnisse abhilft und in keiner gebildeten
katholischen Familie fehlen sollte, .ln wissenschaftlichem Gehalt und
gefälliger Darstellung braucht cs den Vergleich mit andern Handbüchern der
Schweizcrgeschichte nicht zu scheuen. Fs unterscheidet sich von den bis¬
herigen Bearbeitungen durch besondere Betonung des religiösen und kullur
geschichtlichen Momentes : in dieser Hinsicht wird es von keinem anderen
Werke erreicht, geschweige übertroffen ♦.
Dr. Joh. Georg Mayer
Geschichte des Bistums Chur.
Mit zahlreichen Kunstbeilagen und Textillustrationen.
2 Bände ineleg. Originalleinwanddecken mit Goldprägung. Preis Fr. 37 . 80 .
Der Verfasser hat bereits durch eine ganze Reihe wertvoller geschichtlicher
Publikationen sich einen angesehenen Namen im Kreise der Schweizerischen
Geschichtsforscher gemacht. Hier Hegt nun sein bedeutendstes Werk, gewisser¬
maßen seine Lebensarbeit vor. Sie bietet sehr viel Neues, noch ganz Unbekanntes,
und ist direkt aus den primären Quellen geschöpft» ganz originaL — Für alle
Freunde vaterländischer Geschichte bietet das Werk reiches Interesse : für die
Geschieht« Graubundens und der schweiaerischen Eidgenossenschaft bietet es eine
Menge wertvoller 'Bausteine. Kirchengeschichtlich ist es eine der bedeutungs¬
vollsten unter den bisher erschienenen schweizerischen Publikationen.
w
", f
DIE ERRICHTUNG DES BISTUMS ST. GALLEN
Von Dr. Friil. GSCHWKND
•V # \ ‘ . Gr., 8*. * ln 2 Abteilungen broschiert.* Preis 9 Fr. /
Was t>r.' (i.schwcnJ in diesem Interessant und flüssig geschriebenen Werke bietet, Ist weit
mehr als der Titel vermuten Hisst. Er gibt efne aktenmas:*ig*i>elegtc Geschichte der Aufhebung des
altberü braten Klosters St. Gallen .der Gründungdes Kantons St, Gallen und der st. gallischen Politik in
den ersten Jahrzehnten des vergangenen Jahrhunderts und daraut basierend und d»mit verflochten die
Geschichte des Doppclbistums Chur-Si.Gallen a; d. kirchL Errichtung des neuen HistumsSt. Gallen.
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ein Zeitbild, fljrdis wir ihm autrichtigcn Dank schulden. Kein anderer Schweizer jener Zeit hat
sich um die Wiederbelebung des Katholizismus In unserem Vaterlande so verdient gemacht
wie Ritter .Melchior Lussi. ln überaus anziehender, gefetrcicher. oft geradezu spannender Darstel¬
lung woiss Dr. Fellerden Leser für seinen Helden tu interessieren „Scbveizrr. EirrheuiciUng*'.
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I ( 1 . 4 | ^ ^ * 4 W. » A ■■
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satzungs-Gesandten des Kts. Luzern. Von ihm selbst verfabt. 2 Bde
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Ringholz, O. Geschichte, des Benediktinerstiftes Einsiedeln. I. Baod. Mit
vielen Illustrationen. Kinsiedeln 1904. Lex. 8« in Lieferungen. ' •
' • ' ’ (stau 20.—) 11 .—
Scheuber, • Dr. J. Die mittelalterlichen (Chorstühle in der Schweiz. Mn
II Lichtdrucktafeln. Stratiburg 1910. (stau x.—) 5.75 ’:
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Inhaltsverzeichnis — Sommaire
Prof. Dr. Bastgen. — Der Schweizer Nuntius Gizzi .....
Dr. Emst Karl Winter. — P. Nikolaus Joseph Albert von Dießbach S. J.
Albert BUchi. — Peter .Girod und der Ausbruch der Reformbewegung
in Freiburg..« ... ..
Df Celestino Trezzini. Ün Cardinale Ticindse . . . ... .
Kleinere Beiträge. — Melanges.
Rezensionen. — Comptes rendus ...... ■.
GROSSERE BEITRAGE,
I d \ ' • ^ ■.
welche für die nächsten Nummern
in Aussicht genommen wurden.
TRA.VAÜK
que la Revue publiera
prochaincment ,.
Die Zeitschrift
für Schweizerische Kirchengeschichte
erscheint 4 Mal jährlich.
LA REVUE
d’histoire ecclesiastique suisse
paraft par üsdcides tnmestriels. -
Der Schweizer Nuntius Gizzi
Von Prof. Dr. BASTGEN, Rom.
Als der zu Ceccano am 22. September geborene Pasquale Tomaso
Gizzi am 18. September 1838 in Ancona, wo er Apostolischer Delegat
war, seine Berufung als Nuntius in die Schweiz erhielt, um den Nuntius
De Angelis daselbst abzulösen, hatte er schon verschiedene diplo¬
matische Posten bekleidet. Auch die Schweizer Verhältnisse waren
ihm wohlbekannt. Am 20. August 1827 war er von seiner Stelle als
Uditore an der Münchener Nuntiatur zum Intemuntius in der Schweiz
ernannt worden, um die Geschäfte des Nuntius Ignatius Nasalli zu
übernehmen. Nasalli war anfangs 1820 in die Schweiz gekommen,
aber schon 1823 in besonderer Mission nach Holland geschickt worden
und kehrte nicht mehr nach der Schweiz zurück. Gizzi blieb bis 1828,
wo der Nuntius Ostini, der später als Nuntius nach Wien kam, ihn
ablöste. Und als Ostini schon im nächsten Jahre nach Brasüien ging,
führte Viale Prelä, später Nuntius in München und in Wien, die
Geschäfte weiter bis zur Ernennung De Angelis zum Nuntius, der
am 13. April 1839 abberufen wurde, um als Nachfolger Gizzi zu erhalten.
Als Gizzi von seiner Ernennung benachrichtigt wurde, standen seine
Sachen noch in Genua, wohin er sie aus Belgien hatte schicken lassen.
In Belgien war es ihm nicht gut gegangen. Er war vom Pferd gestürzt.
Seine Gesundheit war dadurch angegriffen worden. Und, wie er in
seinem Dankschreiben an den Kardinal-Staatssekretär Lambruschini
vom 22. Dezember 1838 für seine Ernennung zum Erzbischof von
Theben bemerkt, hatte das Klima in Ancona ihm so geschadet, daß
er vor der Abreise nach der Schweiz einen Urlaub in seine Heimat
antreten mußte. Nachdem er die Regierungsgeschäfte anfangs 1839
dem trefflichen Grafen Fiorenzi übertragen hatte, trat er den Urlaub
an. Seine offizielle Ernennung zum Schweizer Nuntius erfolgte am
13. April 1839 zugleich mit der Mitteilung an Nuntius De Angelis
REVUE D’HISTOIRE ECCL&8IASTIQUE 17
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— 258 —
und « den Avoyer, sowie Geheimen Rat der Stadt und Republik Zürich
und ans Direktorium». Am i. Juni teilte der Staatssekretär « dem
Avoyer und Staatsrat des Kantons Schwyz» mit, daß sich Gizzi
nach der Schweiz begebe, mit dem Bemerken, daß « die guten Eigen¬
schaften desselben ohne Zweifel ihn der größten Genugtuung wert
machen, nicht nur seitens der Regierung in Schwyz, sondern auch
aller andern der Konföderazion ». Am gleichen Tage ging ein offizielles
Schreiben des Kardinal-Staatssekretärs « an den Avoyer und Geheimen
Rat der Stadt und Republik Zürich und ans Direktorium» in gleichem
Wortlaut, mit dem Zusatz, daß «der Nuntius es sich auf Anordnung
Seiner Heiligkeit zur Pflicht mache, immer enger die Beziehungen
guten Einvernehmens zwischen dem Heiligen Stuhl und der Schweizer
Konföderazion zu gestalten».
Auf das Schreiben vom 13. April antwortete « der Bürgermeister
und Staatsrat des Kantons Zürich, das Bundesdirektorium und in
ihrem Namen der Bürgermeister» Heß folgendes:
Euer Eminenz !
Seine Exzellenz der Erzbischof [d. h. der Exnuntius De Angelis],
Bischof von Montefiascone und Corneto, hat uns das Schreiben vom
13. d. Mts. übermittelt, in dem Euer Eminenz die Schweizer Bundes¬
regierung davon in Kenntnis setzen, daß S. Heiligkeit den Msgre
Pasqual Gizzi, Erzbischof in partibus von Theben, für die Apostolische
Nuntiatur in der Schweiz ernannt hat, an Stelle von Msgre Angelis.
der mit der kirchlichen Leitung der vereinigten Diözesen von Monte
fiascone und Corneto betraut wurde.
So sehr wir den Abgang von Msgre de Angelis von der Schweiz
bedauern, der durch seine ausgezeichneten Eigenschaften sich der
größten Hochachtung von Seite der Behörden erfreute, so sehr gereicht
es uns andererseits zur Freude, daß der Nachfolger dieses würdigen
Prälaten Msgre Gizzi ist, der uns von früher in ehrenwerter Erinnerung
ist und von dessen Talenten, Weisheit und Klugheit Euer Eminenz
ein so wertvolles Zeugnis ablegen.
Wir geben der Hoffnung Ausdruck, daß der Erzbischof von Theben,
ebenso wie sein würdiger Vorgänger, die besten Beziehungen zwischen
der Schweizer Bundesregierung und dem Römischen Hof auch weiterhin
aufrecht erhalten wird, ebenso wie das Verhältnis der katholischen
Bevölkerung der Schweiz zu ihrem höchsten geistlichen Oberhaupt.
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— 259 -
Indem ich Euer Eminenz bitte, Sr. Heiligkeit den Ausdruck
unseres aufrichtigsten Bedauerns anläßlich des Abgangs von Msgre de
Angelis gütigst zu übermitteln, haben wir gleichzeitig die Ehre, mit
dem Ausdruck tiefster Ehrerbietung zu zeichnen als Euer Eminenz
ergebene Diener
der Bürgermeister und Staatsrat des Kantons
Zürich, das Bundesdirektorium und
in ihrem Namen
der Bürgermeister
J. J. HESS.
Zürich, den 26. April 1839.
Das Schreiben ist auch vom Bundeskanzler unterschrieben.
Am 3. April hatte der Exnuntius De Angelis an die Staats¬
sekretarie geschrieben, man solle ihn eiligst zurückberufen. Das
Schreiben, in dem er die Gründe dafür angibt, lautet:
Euer Eminenz !
In der festen Hoffnung, daß meine Diözese wirklich Mitleid ver¬
dient und ihre vielen Leiden endlich aufhören sollten, nehme ich mir
die Freiheit, Euer Eminenz eine demütige Bitte zu Gunsten der Person
zu unterbreiten, die mit mir zusammen die Mühe meiner neunjährigen
Nuntiatur ertrug. Es ist dies der Kanonikus D. Bernardo Tirabassi,
der 5 Jahre hindurch das Amt eines Kanzlers und durch 4 Jahre das
eines Uditore in dieser Nuntiatur versehen hat. Ich will nicht von
seinen Tugenden sprechen ; er ist ein sehr frommer Geistlicher, von
untadelhafter Aufführung. Was seine Fähigkeiten und seine Kenntnisse,
auch in Rechtssachen, seinen Pflichteifer in angestrengter Arbeit, die
Praxis, die er bei der Verwaltung kirchlicher Angelegenheiten erworben
hat, angeht, so muß ich ihm ein wohlverdientes Lob zu teil werden
lassen und noch hinzufügen, daß er deutsch versteht und gut fran¬
zösisch lesen und schreiben kann. Von armen Eltern, lebt er nur von
den Einkünften seines sehr kleinen Kanonikats in Roselia, seiner
Heimat, das ihm als Patrimonium dient (die Zuweisung solcher
Präbenden geschieht von Euer Eminenz als Abt von Farfa) ; sie ist
aber weit davon entfernt, ihm die zu seiner Erhaltung nötigen Mittel
zu geben.
In Anbetracht seiner dieser Nuntiatur geleisteten Dienste, aber
besonders auf das Wohlwollen Euer Eminenz gestützt, wage ich ihn
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260
wärmstens zu empfehlen, damit Euer Eminenz geruhen mögen, sein
Schicksal so zu bestimmen, wie Sie es am besten halten, da ich ver¬
sichern kann, daß er sich niemals der Güte Euer Eminenz unwürdig
zeigen werde.- Ihre Großmut würde in meinem Herzen ein noch
lebhafteres Dankgefühl erwecken, falls das noch möglich ist, da ich
die Gnade als für mich gewährt ansehen würde.
Gewähren Euer Eminenz gnädigst meine Bitte etc.
Schwyz, 3. April 1839.
Philipp Erzb. Bischof v. M. Fiascone
und Cometo u. Ap. Nuntius.
Ein Kanzleivermerk besagt, daß man De Angelis mit der Samstags¬
post antworten soll, « daß er nach Belieben abreisen könne, ohne die
Ankunft des Nachfolgers abzuwarten». Das geschah. De Angelis
antwortete am 22. April folgendes:
ft
Euere Eminenz 1
Ich bestätige dankend den Empfang der gütigen Nachricht Euerer
Eminenz Nr. ■ '^ 7 vom 13. d. Mts, die ich gestern ordnungsgemäß
erhalten habe. ! -
Ich weiß gar nicht, wie ich meine Gefühle, die mich erfüllen, zum
Ausdruck bringen soll, Gefühle des lebhaftesten Dankes gegen den
Heiligen Vater, der durch Euer Eminenz geruht hat, mich von dieser
Nuntiatur abzuberufen und mir so zu gestatten, persönlich für die
mir an vertraute Herde Sorge zu tragen. Zuvor möchte ich jedoch die
unumgänglich notwendige Pflicht erfüllen, mich zu Füßen Sr. Heiligkeit
und Euerer Eminenz niederzulassen und die Gefühle meiner berech¬
tigten Dankbarkeit zum Ausdruck zu bringen, von denen ich erfüllt
bin, und die ich stets hegen werde, nicht nur wegen der erwähnten
Wohltaten, mit denen ich überhäuft .wurde, sondern auch wegen der
wohlwollenden Nachsicht, mit der ich stets ausgezeichnet wurde
Gebe Gott, daß mein lebhafter Wunsch bald befriedigt werden möge
und daß die Schneemassen, die heuer besonders hoch die Alpen bedecken,
aufzutauen beginnen, so daß ich meine Reise schnell oder wenigstens
gefahrlos antreten kann.
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2Ör
Unsägliche Freude erfüllte mich bei der Nachricht, daß Msgr. Gizzi
offiziell zu meinem Nachfolger in der Nuntiatur ernannt worden sei.
Da mir die vorzüglichen Eigenschaften des ehrwürdigen Prälaten
bereits vom Hörensagen bekannt sind, und ich Gelegenheit hatte,
in nächster Nähe seine edlen hervorragenden Dienste um die Religion
und den Heüigen Stuhl zu erkennen, dessen schwierige Unterhand¬
lungen ein gutes Endergebnis hatten, während er sich hier in der
Eigenschaft eines Intemuntius aufhielt, kann ich den Apostolischen
Stuhl zu dieser Wahl nur beglückwünschen und mich über die Wirkung
freuen, die seine Wahl in der ganzen Schweiz, wo er schon eine bekannte
Persönlichkeit ist, und wo er ob seiner vielen Fähigkeiten, auch ob
seines Wissens und seines klugen Eifers willen geschätzt wird, hervor-
rufen wird. Es ist mein heißester Wunsch, daß dieses Volk auch wieder
bessere Zeiten erleben möge, zum Tröste des Heüigen Stuhles und
seines neuen Vertreters, der sicher nicht ruhen wird, mit allen Mitteln,
mit denen er reichlich versehen ist, dazu beizutragen.
Gleichzeitig statte ich auch Euer Eminenz meinen grenzenlosen
Dank für die Gnade ab, die Sie meinem Uditore zu teü werden ließen,
indem Sie ihn ermächtigten, bis zur Ankunft des neuen Nuntius die
Angelegenheiten der Nuntiatur zu führen. Er wird Euer Eminenz
gewiß keinen Grund zur Klage geben und seinerzeit nicht verfehlen,
sein Amt wieder niederzulegen.
Mit der heutigen Abendpost werde ich nebst meinem Schreiben
an das Direktorium den Brief absenden, den Euer Eminenz an dasselbe
richtete, um es von meiner Rückberufung und der Ernennung meines
Nachfolgers in der Person des Msgr. Gizzi zu verständigen. Ich werde
auch gleichzeitig die betreffenden Behörden davon in Kenntnis setzen,
daß mein Uditore bis zur Ankunft des neuen Nuntius die Geschäfte
an dieser Nuntiatur zu erledigen hat. Sobald ich die Pässe von der
Bundeskanzlei und von der Legation von Sardinien zurückerhalten
habe (was nicht vor Ablauf von 8 Tagen der Fall sein kann), begebe
ich mich sofort auf die Reise.
In dem sehnsüchtigen Wunsch etc.
Geschrieben den 22. April 1839.
Philipp Erzbischof
und Bischof v. M. Fiascone Cometo
und Apostolischer Nuntius.
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2Ö2
Uber die Abreise des Nuntius De Angelis nach Rom und die
Antwort des Direktoriums auf die Rückberufung desselben hin und
auf die Ernennung seines Nachfolgers schrieb Tirabassi folgendes
nach Rom:
«Ich gehorche einer dringenden Pflicht, indem ich mich beeile.
Euer Eminenz davon in Kenntnis zu setzen, daß gestern ungefähr
um 6 Uhr morgens der Nuntius bei bestem Wohlsein Schwyz verlassen
und die Reise nach Italien angetreten hat, um sich direkt nach Rom
zu begeben. — Ich kann gar nicht schildern, wie schmerzlich der
Abgang des Prälaten von allen hier empfunden wurde, der ohne Unter¬
schied des Standes oder der politischen Richtung seit seiner Ankunft
in diesem Lande allen so teuer geworden war. Die Regierung und die
Geistlichkeit haben gerade diese Gelegenheit zum Anlaß genommen,
um ihre Anhänglichkeit und Zuneigung für die Person des Nuntius
zum Ausdruck zu bringen. Auch bei seiner Abreise, obwohl die Zeit
nicht bekannt gegeben worden war, versammelten sich die meisten
Regierungsvertreter und geistlichen Würdenträger in der Nuntiatur,
von wo sie dann den Nuntius mit einem Gefolge von Wagen eine Meile
weit, bis an das Ufer des Sees, begleiteten, wo er sich dann nach Altdorf
einschiffte.
Mein Prälat wollte jedoch die Reise nicht früher antreten, bevor
er nicht vom Vorort Antwort erhalten hatte, sowohl auf die Nachricht
Euer Eminenz hin, die seine Rückberufung und die Ernennung des
Nachfolgers enthielt, als auch auf das Begleitschreiben des Nuntius
hin. Ich lege die meinem Schreiben beigeschlossene Antwort Euer
Eminenz demütigst zu Füßen. Ich schmeichle mir, zu hoffen, daß
diese zur Zufriedenheit Euer Eminenz ausgefallen sei, besonders
hinsichtlich des Geistes, der in jenem Direktorium herrscht. Auch
die Antwort auf das Schreiben des Nuntius läßt nichts zu wünschen
übrig.
Durch die Abreise meines Prälaten ist die Leitung der Angelegen¬
heiten dieser Nuntiatur durch die besondere Güte Euer Eminenz
mir an vertraut; ich sehe mich daher genötigt, Euer Eminenz meinen
unendlichen Dank für den so außerordentlichen Vertrauensbeweis,
mit dem Sie mich gütigst beehrten, demütigst zu Füßen zu legen und
Euer Eminenz gleichzeitig um gütige Nachsicht während des kurzen
Zwischenraumes zu bitten, in dem ich die Ehre habe, bis zur Ankunft
des neuen Nuntius mit Euer Eminenz in direktem Briefwechsel zu
stehen.
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— 2Ö3 —
In freudiger Erwartung dieser Ehre küsse ich den heiligen Purpur
und verbleibe in tiefster Ehrerbietung und in aufrichtigster Verehrung
Euer Eminenz ergebenster, demütigster und
gehorsamster Diener
Bemardo Kanonikus Tirabassi
Geschäftsträger der Nuntiatur ad interim.
Geschrieben am i. Mai 1839.
Der Nuntius Gizzi hatte aus Ceccano am 10. März 1839 an den
Kardinal-Staatssekretär Lambruschini geschrieben, daß ihm der
Schweizer Nuntius De Angelis geschrieben habe, er müsse aus der
Schweiz abreisen, und es sei Gebrauch, daß der Schweizer Nuntius früher
das Land verlassen müsse, bevor der neue Nuntius dasselbe betrete. Auch
verabschiede sich der abgehende Nuntius nicht persönlich beim Direk¬
torium, sondern mache das schriftlich ab. Das müsse auch er (Gizzi)
bestätigen. De Angelis wünsche abzureisen, wie wenn er Urlaub hätte,
seine Eigenschaft als Nuntius beibehaltend, um sich nicht, wie Gizzi
vermutet, einer Unannehmlichkeit auszusetzen für den Fall, daß
er sich von der Konföderation definitiv verabschiede, während er
sich noch am Orte befinde oder auch, um eine Vakanz der Nuntiatur
zu vermeiden.
Gizzi will am 3. oder 4. April in Rom sein, um die geistlichen
Übungen zu machen und die Weihe zu empfangen, um dann Ende
des Monats nach der Schweiz abzureisen. Denn wenn er abreise,
während die Alpen noch voll Schnee seien, so fürchte er, das bißchen
Erholung wieder einzubüßen, das er in der Heimat gewonnen habe.
Es habe keine unangenehmen Folgen, wenn er ein paar Wochen später
in der Schweiz ankäme.
Am selben Tage schrieb Gizzi dem Kardinal, er habe in der Person
des Josef Bovieri einen Uditor für die Nuntiatur gefunden. Dieser
vereinige Wissen mit /großer Frömmigkeit, sei aus seinem Heimatsort,
aber seit einigen Jahren dem römischen Klerus zugeschrieben, sei
39 Jahre alt, Ehrendoktor der Theologie, Doktor beider Rechte, von
untadelhaften Sitten und erbaulichem Lebenswandel. De Angelis
mache ihn aufmerksam, daß sich die finanzielle Lage der Nuntiatur
verschlechtert habe durch die Dispensfakultäten, die den Bischöfen
von Basel und Chur verliehen worden seien, wodurch der Kanzlei
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— 264 —
ein erheblicher Verlust erwachse, die im Hinblick auf die aus den
Dispensen eingegangenen Gebühren nur mit 3000 Scudi bedacht sei.
In der Antwort vom 16. März sagt ihm der Kardinal, er werde
alles mit ihm besprechen, wenn er nach Rom käme. Gegen die Wahl
des Uditore habe er nichts einzuwenden.
Gizzi reiste am 3. Juni erst aus Rom ab, nachdem die nötigen
Papiere (Breven, Kredentialien etc.) ausgestellt und die bischöfliche
Weihe vollzogen worden war. Ende Juni kam er an seinem Bestimmungs¬
ort an. Doch wir wollen ihn über seine Reise selbst berichten lassen.
In seinem ersten Bericht vom 24. Juni teilt Gizzi dem Kardinal-
Staatssekretär Lambruschini mit, daß er nach einer sehr guten Reise
in Schwyz angekommen ist, aber von der Gicht befallen wurde, von
der er in einigen Tagen befreit zu sein hofft. Er will einen aus¬
führlicheren Bericht später einschicken, beschränkt sich heute darauf,
zu bemerken, daß er noch ganz bewegt ist von der treuen Anhänglichkeit.
Verehrung und Hochachtung aller Bürger gegen den Heiligen Stuhl,
indem sie dem Vertreter desselben die lebhaftesten und aufrichtigsten
Beweise dafür bei seiner gestrigen Ankunft an den Tag gelegt hätten.
«Wenn alle Kantone der Schweiz so wären, wie die von Tessin, Uri
und Schwyz », die er durchreist hat, « dann wäre viel zu hoffen in der
Herstellung, besonders der kirchlichen Angelegenheiten ; aber nicht in
allen Gegenden der Schweiz denkt man ebenso in den kirchlichen
Dingen.»
Im zweiten Bericht (vom 29. Juni) zeigt er an, daß er nach alter
Gewohnheit allen Bischöfen und Äbten der Schweizer Konföderation
von seiner Ernennung als Nuntius Mitteilung gemacht habe. Er habe
dem Kardinal seine Abreise nach Zürich mitteüen wollen, wo er seine
Kredentialien dem Direktorium überreichen wolle, aber die Gicht
halte ihn noch zu Bett.
Im dritten Bericht (vom gleichen Tage) schickt er den Akt über
die Besitzergreifung von der Nuntiatur in Balerna am 18. Juni.
Der Akt lautet:
In den Akten des Unterzeichneten Notars befindet sich wie folgt:
Im Namen des Herrn.
Nr. 1159. Schweizer Konföderation. Kanton Tessin. Distrikt
Mendrisio. Balerna, den 18. Juni 1839, gewöhnlicher Zeitrechnung,
Mittwoch.
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— 265 —
Mit gegenwärtigem öffentlichen feierlichen Akte sei kundgegeben,
daß Seine Ehrwürdigste Exzellenz Mgr. Erzbischof von Theben, Pasquale
Gizzi, Apostolischer Nuntius für die ganze Schweizer Konföderazion,
im oben besagten Jahre und Tage sich vor die Pforte der ehrwürdigen
und hohen Kollegiat- und Volkskirche von St. Viktor in Balema,
im Distrikt Mendrisio, im Kanton Tessin, persönlich begeben hat,
mit dem hochwürdigsten Herrn Don Luigi Bernasconi, Erzpriester
von Balema, Vikar von Torraneo und Apostolischer Kommissar,
zugleich mit den hochwürdigen Kanonikern desselben Ortes, die da
feierlich versammelt waren; er wurde in die genannte ehrwürdige
hohe Kollegiat- und Volkskirche St. Viktor eingeführt und bis zum
Hochaltar derselben gebracht und, nachdem dort S. E. Mgr. Nuntius
Pasquale Gizzi das Allerheiligste angebetet und den Hauptaltar geküßt
hatte, wie auch das Kreuz, hat er zum Zeichen seiner Apostolischen
Sendung vor mir, dem Notar, den Unterzeichneten Zeugen, des ehren¬
werten Regierungskommissärs des Distriktes von Mendrisio, Paul
Lavizzari, und viel Volks, das dort zusammengekommen war, alle jene
Akte vollzogen, die von den Apostolischen Nuntien vollzogen werden,
wenn sie ihren wirklichen und wahren Besitz ergreifen, und alles das
ohne die geringste Abneigung und ohne den geringsten Widerspruch.
Und alles das habe ich, der Unterzeichnete Notar, beglaubigt.
Es wurde verlesen und veröffentlicht zu Balema in der Sakristei
der besagten ehrwürdigen hohen Kollegiat- und Volkskirche von
St. Viktor zu Balema, mit klarer und deutlicher Stimme vor mir, dem
unterschriebenen Notar, in Gegenwart des oben genannten Mgr. Nuntius
Gizzi, Exzellenz, und des Hochwürdigsten Herrn Erzpriesters und der
Hochwürdigsten Herren Kanoniker der genannten ehrwürdigen und
hohen Kollegiat- und Volkskirche von St. Viktor in Balema, und in
Gegenwart des Herrn Jakob Quadri, Sohn des verstorbenen Leonard,
und des Dominikus Quadri, Sohn des verstorbenen Karl, beide wohn¬
haft in Balema, als Zeugen bekannt und tauglich.
Pasquale, Erzbischof von Theben, Ap. Nuntius.
Advokat Luigi Bernasconi.
Kanonikus Franz Alexander Maggi.
Kanonikus Anton Fontana.
Kanonikus Balthassar Vassalli.
Kanonikus Innozenz Regazzoni.
Kanonikus Bartholomäus Bernasconi.
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266
Kanonikus Natalis de Abbondio.
Kanonikus Eio Vassalli.
Paulus Lavizzari ff. di Com°.
Dominikus Quadri, Zeuge, Jakob Quadri, Zeuge.
Dr. Josef Bossi, öffentl. Notar des Kt. Tessin.
Zur Beglaubung dessen habe ich, Dr. Josef Bossi, Sohn des ver¬
storbenen Innozenz, geborener Patrizier von Balema, öffentlicher
Notar des Kanton Tessin, wohnhaft in Balema selbst, als Beglaubiger
der gegenwärtigen Urkunde der Besitzergreifung, das gewöhnliche
Zeichen meines Notariates (tabellionato) dieser authentischen ersten,
von mir selbst geschriebenen, dem Original konformen Kopie hinzu¬
gesetzt [ist links davon aufgedrückt!] am selben Tage des 18. Juni 1839
gewöhnlicher Zeitrechnung.
#
Ich habe die Gebühren erhalten.
Bossi, Notar.
Der Reisebericht Gizzi’s.
Euer Eminenz!
Auf Grund meines in meinem letzten Schreiben abgegebenen Ver¬
sprechens halte ich es für meine Pflicht, Euer Eminenz über die Einzel¬
heiten meiner Reise Bericht zu erstatten. Da der größte Teil derselben
schnell von statten ging, ist nichts Bemerkenswertes darüber zu
berichten. Ich erwähne nur, daß ich nach meiner Abreise von Rom
am 3. Juni die erste Nacht in Terni, die zweite in Sigillo, die dritte in
Fano und die vierte in Faenza verbrachte. Am 7., einige Stunden vor
Mittag, kam ich nach Bologna , besuchte den Kardinal Legaten, der
mich auf das Liebenswürdigste empfing, und fuhr in den ersten Nach¬
mittagsstunden nach Modena weiter. Der Hof hatte sich nach Catajo
und nach Wien begeben ; so hatte ich keine Gelegenheit, Besuche
zu machen.
Am 8. Abend war ich in Piacenza, am 9. in Alessandria. Da eine
fast unerträgliche Hitze eingesetzt hatte und ich es daher für mich
und meine Begleiter für nötig hielt, irgendwo Rast zu machen, hielt
ich mich einige Tage in Cigliano, in der Nähe von Verceüi auf.
Hierauf setzte ich meine Reise fort und kam am 16. morgens nach
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— 267 —
Mailand, wo ich mich nicht genug über die Aufmerksamkeiten und
Liebenswürdigkeiten des päpstlichen Generalkonsuls Cavaliere de
Sitnoni loben konnte. Ich begab mich sofort zu S. Eminenz dem
Kardinal Erzbischof (Gaysruck), um ihm meine Aufwartung zu machen
und ihm das übliche Breve Sr. Heiligkeit zu übergeben. Er empfing
mich auf das Liebenswürdigste und Herzlichste. Obwohl er schon im
Begriffe war, sich auf seinen Landsitz zu begeben, wollte er mich doch
noch vorher mit seinem Besuche beehren. Am Abend suchte mich
auch sein Generalvikar in meinem Gasthof auf, der mich im Namen
Sr. Eminenz einlud, sein erzbischöfliches Seminar in Polleggio im
Kanton Tessin zu besichtigen und mich dort etwas auszuruhen.
Da ich mich gerade in Mailand befand, hielt ich es für angemessen,
dem Statthalter der Lombardei, Graf Hurtig, und dem General Radetzky
einen Besuch abzustatten. Beide bezeugten, daß sie über meinen
Besuch sehr angenehm berührt waren und machten mir zusammen
einen Gegenbesuch. Ich lernte in Graf Hartig einen besonders liebens¬
würdigen Menschen kennen : da er mich bei seinem ersten Besuch
nicht daheim angetroffen hatte, ließ er nicht seine Karte zurück,
sondern ließ mir sagen, er würde wiederkommen, was er denn auch in
Begleitung des General Radetzky tat.
Am 17. abends fuhr ich von Mailand nach Cotno. In einer Ent¬
fernung von ungefähr einer halben Stunde von der Stadt, begegnete
ich dem Sekretär des Bischofs Romanö, der mich im Namen seines
Prälaten einlud, bei ihm abzusteigen. In der Gesellschaft des Sekretärs
war auch der Erzpriester von Balema, der mich in seiner Eigenschaft
als Apostolischer Kommissar der Nuntiatur begrüßte. Die Einladung
wurde so liebenswürdig und dringlich vorgebracht, daß es unhöflich
gewesen wäre, sie nicht anzunehmen. Ich stieg daher im bischöflichen
Palais ab. Der Bischof kam mir auf der Treppe entgegen, empfing
mich mit der größten Herzlichkeit und überhäufte mich mit Liebens¬
würdigkeiten, Aufmerksamkeiten und Beweisen zarter Rücksicht¬
nahme. Am selben Abend beehrte mich der Kais. Kgl. Delegat der
Provinz Como mit seinem Besuche.
Am darauffolgenden Tag, den 18., erwiderte ich den Besuch des
Delegaten und reiste dann in das Nachbarland der Schweiz ab- Der
Bischof von Como wollte mir eine Höflichkeit erweisen, die wohl
ungewöhnlich ist: er selbst wollte mich bis nach Balema begleiten,
ein Landstrich im Kanton Tessin, wo ich der Sitte gemäß von der
Nuntiatur Besitz ergreifen sollte.
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268
An der Grenze des Kantons Tessin begrüßte mich der Kom¬
missär oder Präfekt des Distrikts von Mendrisio im Namen seiner
Regierung und ein Detachement des Kantons erwies mir die mili¬
tärischen Ehren. Ich dankte dem Kommissär für den liebenswürdigen
Empfang und setzte dann meine Reise nach dem benachbarten Dorf
Balerna fort, mir voran schritt ein großer Trupp Soldaten, hinter mü¬
der genannte Regierungskommissär, um mich herum eine Menge
von Bewohnern dieser Orte, die sich herandrängten, um den Segen
zu empfangen.
Unter Glockengeläute hielt ich meinen Einzug in Balerna und
stieg bei dem Erzpriester Bernasconi, Apostolischer Kommissär der
Nuntiatur, ab. Die Mitglieder des Kollegiatkapitels des Ortes holten
mich im Chorrock in meiner Wohnung ab und mit Rochette und
Mozzetta begab ich mich mit ihnen zur nahen Kirche und trat mein
Amt unter den üblichen Formalitäten an. Nach Hause zurückgekehrt,
erhielt ich den Besuch der Kanoniker, der Ortsbehörden und anderer
vornehmer Persönlichkeiten. Der Apostolische Kommissär Bernasconi
gab ein treffliches Mahl, zu dem auch der Bischof von Como geladen
war. Um 4 Uhr nachmittags, nachdem ich mich von diesem Prälaten
verabschiedet hatte, setzte ich meine Reise nach Lugano fort, in
Begleitung des Regierungskommissärs von Mendrisio, des rühmlichen
Apostolischen Kommissärs Bernasconi und des Apostolischen Kom¬
missärs von Lugano, Kanonikus Frasca, der sich bis nach Balerna
begeben hatte, um mich zu begrüßen.
An der Grenze des Distrikts von Lugano, in Capolago, nahm der
Regierungskommissär von Mendrisio herzlich Abschied. An seine
Stelle trat der Kommissär des Distriktes von Lugano, der, zu¬
sammen mit dem Müitärkommandanten, mich im Namen der Regierung
auf das Liebenswürdigste bewillkommte und sich meiner Begleitung
anschloß. In Bissone angelangt, das am Ceresio liegt, bestiegen wir
alle eine Barke, die schon bereit war, um mit uns über den See zu
fahren. So kamen wir glücklich nach Melide, einem Dorf, das am
entgegengesetzten Ufer liegt. Dort stieß ich auf eine Abordnung der
Behörden von Lugano: der Bürgermeister an der Spitze richtete im
Namen der Stadt eine Anrede an mich, die ich mit entsprechenden
Dankesworten erwiderte. Es war auch der Erzpriester von Lugano
mit einer Abordnung des dortigen Kapitels anwesend, und auch Abord¬
nungen der Väter der christlichen Lehre von Somask, der Kapuziner
und der Minoriten.
«
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— 269 —
Mit dem ganzen Zug kam ich abends nach Lugano, wo in allen
Kirchen die Glocken geläutet wurden. Eine Volksschar umgab mich.
Ich nahm im Hause des Apostolischen Kommissärs Fräs ca Wohnung,
bei dem die Regierung eine Wache aufgestellt hatte, die bis zu meiner
Abreise da bleiben sollte, um mir, als Nuntius, die üblichen Ehren¬
bezeugungen zu leisten. Der Abend verging mit Besuchen, die ich
von Welt- und Ordensgeistlichen und von den vornehmsten Persönlich¬
keiten der Stadt erhielt.
Am folgenden Morgen begab ich mich in die Stiftskirche, um die
heilige Messe zu zelebrieren. An der Kirchentür empfingen mich die
Mitglieder des Kapitels im Amtskleid, um mir, als Vertreter Sr. Heilig¬
keit, pflichtgemäß die üblichen Ehrenbezeugungen zu leisten. Später
erledigte ich die Formalitäten bei der Ortsgemeinde und den Behörden
und besuchte dann die verschiedenen Klöster beiderlei Geschlechts.
Der Kanonikus Frasca, Apostolischer Kommissär, gab ein reich¬
liches Mahl, wozu er die höchsten Regierungs- und Ortsbehörden,
die bedeutendsten Mitglieder der Welt- und Ordensgeistlichkeit und
die vornehmsten Personen des Ortes einlud.
Nach dem Essen setzte ich meine Reise nach Bellinzona fort, in
Begleitung all dieser Abordnungen, die mir schon bis Capolago und
Melide entgegen gekommen waren. Diese verabschiedeten sich von
mir an der Grenze des Distrikts von Lugano. An ihre Stelle trat jedoch
sofort der Regierungskommissär des Distrikts von Bellinzona, der
mich im Namen der Regierung feierlich begrüßte, die Magistratsbeamten,
die mich im Namen der Stadt willkommen hießen, eine Abordnung
des Klerus und der Apostolische Kommissär der Nuntiatur, der
Kanonikus Bruni. Sie fuhren mit ihren Wagen hinter dem meinen.
So kam ich bei Einbruch der Nacht nach Bellinzona, wo ich im Hause
des genannten Apostolischen Kommissärs abstieg, wie es vereinbart
war. Auch hier, wie in Lugano, strömte viel Volk zusammen, auch
hier erklangen die Kirchenglocken und war eine Ehrengarde aufgestellt.
Gleich nach meiner Ankunft besuchten mich die höchsten Würdenträger
des Kapitels, die Vorsteher der Klöster, andere ehrenwerte Persönlich¬
keiten der Stadt und die Apostolischen Kommissäre von Locarno
und Losone. Der Stadtrat hatte dafür Sorge getragen, die Stadt mit
Wachslichtern zu beleuchten. Der Kanonikus Bruni wollte seinen
Kollegen in Lugano nachahmen, indem er in einer schönen Rede den
Nuntius, die Abordnungen und die Regierungsvertreter begrüßte.
Am folgenden Morgen, nachdem ich die Messe in der Stiftskirche
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angehört hatte, an deren Tür ich von den Mitgliedern des Kapitels
empfangen wurde, und nachdem die übrigen Formalitäten erledigt
waren, setzte ich wieder meine Reise fort und kam vor Mittag nach
Pollegio. Bis zu diesem Ort begleiteten mich die oberwähnten Abord¬
nungen von Bellinzona, Nachdem ich diese entlassen hatte, begrüßte
mich sogleich der Regierungskommissär des Distrikts von Pollegio
im Namen der Regierung. Ebenso auch der vicario foraneo von Faido.
der mir bis hieher zur Begrüßung entgegen gekommen war.
Die heißesten Stunden des Tages verbrachte ich im Seminar
Sr. Eminenz des Erzbischofs von Mailand und leistete damit seiner
liebenswürdigen und dringlichen Einladung Folge. Der Abt Miglio,
erzbischöflicher Generalvikar in jenem Teil der Diözese, den S. Eminenz
Gaysruck im Gebiet des Tessin hat, zugleich auch Rektor des Seminars,
empfing mich mit den Professoren an der Pforte des Seminars, voll
Liebenswürdigkeit und Herzlichkeit. Die Seminaristen waren in der
Vorhalle der Anstalt aufgestellt und einer von ihnen deklamierte ein
lateinisches Gedicht, das zu dem Anlaß paßte. Der Generalvikar und
Rektor feierte meine Ankunft als Nuntius durch ein Essen, zu dem
auch der Regierungskommissär, der vicario foraneo, der Bürgermeister
und verschiedene Geistliche erschienen.
Um 5 Uhr abends reiste ich nach Faido, in Begleitung des
Regierungskommissärs des Distrikts von Pollegio und des vicario von
Faido ab. Ich verbrachte die Nacht im Kloster der Kapuziner, die sich,
wie sie behaupteten, glücklich schätzten, den Vertreter des Heiligen
Vaters in ihrer Mitte zu haben.
In einem anderen Schreiben werde ich über den Abschluß meiner
Reise berichten. Indessen habe ich die Ehre usw.
Schwyz, 29. Juni 1839.
P. Erzbischof von Theben, Apost. Nuntius.
Schluß des Reiseberichtes.
Euer Eminenz !
In diesem Schreiben erlaube ich mir, den Schluß des Berichtes
über meine Reise nach Schwyz niederzulegen.
Am 21. Juni fuhr ich sehr früh des Morgens von Faido, in Begleitung
des Regierungskommissärs des Distrikts von Pollegio und des vicario
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r
— 271 —
foraneo. Als wir in Airolo angelangt waren, dem letzten Dorf des
Kantons Tessin und Italiens überhaupt, das am Fuße des St. Gotthard
gelegen ist, verabschiedeten sich die beiden genannten Herren und
ich setzte meine Reise über den steilen Berg fort, dessen Gipfel ich nach
4 %-stündiger Wanderung erreichte. Vom malerischen Standpunkt
betrachtet, war der Weg herrlich, doch ob der Abgründe, über denen
man gleichsam zu schweben schien, grauenerregend, besonders für
Leute, die schon einmal abgestürzt waren.
Ich verrichtete ein kurzes Gebet in der kleinen Kirche des Hospizes,
das den Kapuzinern gehört, und nachdem ich von Italien sozusagen
Abschied genommen hatte, trat ich den Abstieg in das Tal von Urseren
im Kanton Uri an. Nach ungefähr zwei Stunden gelangte ich in das
Dorf Andermatt, wo ich die Nacht verbrachte. Zwei Missionare,
Kapuziner, die dort den Pfarrdienst zu versorgen hatten, suchten
mich gleich nach meiner Ankunft auf.
Am folgenden Tag, den 22., reiste ich nach Altdorf, dem größten
Ort des Kantons Uri. Im Dorfe AmsUg begrüßte mich eine Abordnung
der Regierung, die aus dem Schatzmeister und einem Staatsrat bestand.
Der erstere hielt mir eine äußerst liebenswürdige Ansprache und legte
jene Gefühle der Verehrung, der kindlichen Ergebenheit und der
aufrichtigen Anhänglichkeit für das Oberhaupt der Kirche und den
Heiligen Stuhl an den Tag, welche die Regierung und die Einwohner
jenes Kantons, treu den Grundsätzen und Überlieferungen ihrer
frommen Ahnen, auch in den Umwälzungen der Zeit stolz zur Schau
tragen. Ich antwortete, so gut ich konnte, auf die erbauliche Anrede
des Abgesandten, und nachdem ich mich ein wenig ausgeruht hatte,
schlug ich, in Begleitung der Abordnung der Regierung, den Weg nach
Altdorf ein. Nach ungefähr zweistündiger Fahrt kam ich dort an,
wo mich Glockengeläute empfing und das Volk zusammenströmte
und mich umgab, um den Segen zu empfangen. Ich stieg in dem
Quartier ab, das mir die Regierung wie bisher bereitet hatte.
Ich zog Stadtkleider an und besuchte den Landammann, der mich
in der üblichen Weise und auf das Höflichste empfing. Auf meine
Anrede hin dankte er liebenswürdig im Namen der Regierung und
in seinem eigenen, indem er derselben Gefühle Erwähnung tat, die
schon die Herren Abgeordneten in Amsteg geäußert hatten, indem
er noch hinzufügte, daß die Regierung von Uri es stets für ihre heilige
Pflicht erachten werde, unsere heilige Religion und die Rechte der
Kirche, die heute so schlecht vertreten würden, zu schützen.
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— 272 —
Bald danach erwiderte Herr Landammann meinen Besuch.
Hierauf begrüßten mich der bischöfliche Kommissär des Kantons,
der Pfarrer mit der Geistlichkeit des Hauptortes, eine Abordnung der
Kapuzinerpatres und andere vornehme Persönlichkeiten des Ortes
Die Regierung bewirtete den Nuntius auf ihre eigenen Kosten nach
altem Herkommen, indem sie ein vortreffliches Essen gab, zu dem die
hervorragendsten Vertreter der Regierung und der städtischen Behörden
des oberwähnten Hauptortes, sowie die bedeutendsten Vertreter des
Klerus geladen waren.
Am folgenden Morgen, den 23., reiste ich in Begleitung derselben
Abordnung, die mir entgegen gekommen war, von Altdorf weiter.
Wir fuhren im Wagen bis Flüelen, wo wir eine Barke der Regierung
bestiegen und nach Brunnen im Kanton Schwyz fuhren, indessen eine
andere Barke mein Reisegepäck dorthin brachte.
An dem Punkt des Sees, der die Grenze zwischen den beiden
Kantonen bildet, kamen uns zwei Barken der Regierung von Schwyz
entgegen. Ich verabschiedete mich von den Herren Abgeordneten
des Kantons Uri, indem ich ihnen meinen Dank aussprach und sie bat,
auch ihrer Regierung in meinem Namen für den liebenswürdigen
Empfang zu danken, den sie mir als Vertreter des kirchlichen Ober¬
hauptes bereitet hatte. Ich fügte noch die dem Anlaß entsprechenden
Höflichkeitsformen hinzu.
Ich bestieg hierauf die erste Barke, welche die Regierung von
Schwyz gesandt hatte, die ganz mit Grün und Blumen ausgeschmückt
und mit Seidentüchem ausgeschlagen war. In ihr empfing mich Herr
Landammann Ab-Yberg mit einer Abordnung der Regierung und einer
des Klerus. Ersterer hielt mir eine feierliche Anrede und sprach in
überströmender Wärme von den Gefühlen aufrichtiger Ergebenheit
und kindlicher Zuneigung des Kantons für den Papst und seinen
Stellvertreter.
Unter den Klängen von Musik, dem Schall der Kirchenglocken
und Kanonenböllern, umgeben von einer großen Volksmenge, die
von allen Seiten herbeigeströmt war, stiegen wir in dem Dorfe Brunnen
ans Land. Man führte mich hierauf in ein Haus, das nahe dem Hafen
gelegen war, wo mich der Statthalter der Regierung, als Haupt des
Distrikts, und die Abordnung der Geistlichkeit begrüßten. Dann
begaben wir uns nach dem Orte Schwyz, der eine Meüe von Brunnen
entfernt liegt. Ein Diener der Regierung in Livree ritt uns voran.
Ich befand mich im ersten Wagen ; mit mir fuhren noch Herr Land-
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273
ammann Ab-Yberg und der andere Abgeordnete der Regierung, Herr
Landammann Schorno, in den übrigen vier Wagen folgten die Personen
meines Gefolges, der Statthalter des Distrikts, die Abordnung des
Klerus.
Die kurze Fahrt von Brunnen nach Schwyz vollzog sich inmitten
einer zahlreichen Volksmenge, die sich ehrerbietig herandrängte und
niederkniete, um den Segen zu empfangen. Besonders in der Nähe
des Ortes, wo man einen Triumphbogen errichtet hatte, waren viele
Menschen. Unter ihnen fielen die Jesuitenschüler auf, die in einer
Anzahl von ungefähr 250 eine doppelte Reihe büdeten und sich längs
der Straße auf die Knie niedergelassen hatten. Hier begrüßten wieder
Artilleriesalven und Glockenläuten den Einzug des Abgesandten Seiner
Heiligkeit. Von hier bis zur Nuntiatur waren die Straßen dicht von
Menschen erfüllt.
An der Tür der Nuntiatur empfing mich der Geschäftsträger der
Nuntiatur, der ehrwürdige Herr Kanonikus Tirabassi, ein höchst
achtenswerter Geistlicher, dessen ausgezeichnete Eigenschaften ich
jeden Tag mehr schätzen lerne.
Die Abordnungen der Regierung, des Distrikts, der Geistlichkeit,
zogen sich nach kurzer Zeit zurück, und ich konnte mich von der
Rührung erholen, die mich beim Anblick dieses Volkes überwältigt
hatte, das, von Ehrfurcht und Achtung für das Oberhaupt der Kirche
erfüllt, so deutliche und rührende Beweise dafür an den Tag legte,
indem es ihm in der Person seines geringsten Vertreters Ehren¬
bezeugungen erwies.
Zur Vollendung ihres Jubels endlich war am Abend alles festlich
beleuchtet, eine Leuchtkugel stieg auf, Feuerwerk wurde abgebrannt
und unter den Fenstern der Nuntiatur spielte die Musikkapelle.
Aus diesen einfachen Darlegungen kann Euer Eminenz leicht
ersehen, wie sehr die Bevölkerung von Schwyz und des Kantons es
zu schätzen weiß, die Residenz des Nuntius bei sich zu wissen und
mit welcher Begeisterung sie seine Ankunft gefeiert hat.
Nachdem ich meinen Reisebericht, den ich so kurz als möglich
faßte, beendet habe, küsse ich in Ehrfurcht ....
Schwyz, 6. Juli 1839.
P. Erzbischof von Theben,
Ap. Nuntius.
BEVUE D HISTOIRE ECCL&SIASTIQUE 48
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274
Bericht Aber die Reise nach Zürich,
zum Zwecke der Obergabe der Kredentialien.
Euer Eminenz!
Wie ich Euer Eminenz bereits mitzuteilen die Ehre hatte, reiste
ich in Begleitung des Geschäftsträgers Tirabassi und meines Uditors
am Montag, den 15. d. Mts., nach Zürich ab, um meine Kredentialien
dem Bundesdirektorium zu übergeben. In einer Entfernung von ungefähr
s / 4 Stunden von Zürich ritt mir eine Abteilung von 20 Dragonern ent-
entgegen, um mir, wie es Sitte ist, die militärischen Ehren zu erweisen.
Der Haupt mann, der das Kommando hatte, näherte sich mir und sagte,
er habe von der Regierung den Befehl erhalten, mich in die Stadt zu
begleiten. Nachdem ich gedankt, ließ er die Dragoner in Reihe und
Glied aufstellen, gab das Kommando zu einer Begrüßung, ließ meinen
Wagen in ihre Mitte nehmen, während er sich am rechten Wagenschlag
aufstellte. Zwei Dragoner ritten dem Wagen voran und die anderen
hinterher.
Je näher wir der Stadt kamen, desto größer war der Zulauf des
neugierigen Volkes und die Menge wurde immer dichter, bis wir bei
dem Gasthof zum «Raben » anlangten, wo ich Wohnung nahm. Wieder
erwiesen mir hier die Dragoner zur Begrüßung Ehrenbezeugungen;
sie stellten sich vor meinem Quartier in Reih und Glied auf und
warteten die Ankunft der Linientruppe ab, die aus ungefähr 60 Mann
mit einem Tambour bestand. Die Fahne war entfaltet. Kaum waren
diese angekommen, als auch schon der Hauptmann voll Ehrerbietung
auf mich zutrat und mir sagte, er hätte von der Regierung den Auftrag
bekommen, mit seiner Kompagnie vor meiner Wohnung die Ehrengarde
zu bilden. Ich dankte ihm freundlich, beanspruchte jedoch nur, wie
üblich, zwei Schüdwachen, die vor dem Tor des Gasthofes bis Mittwoch
spät blieben. Fast gleichzeitig mit der Ankunft der Truppe betraten
meine Wohnung in Uniform der Kanzler und der Bundessekretär,
um mich im Namen des Bürgermeisters Heß zu begrüßen und mich
zu fragen, ob es mir genehm wäre, die Kredentialien Mittwoch, den 17.,
zu überbringen, da der Bundesrat an diesem Tage keine Versammlung
habe, und welche Stunde mir am besten passen würde. Wir bestimmten
11 Uhr Vormittag, worauf mich die Herren, nachdem wir einige gleich¬
gültige Gespräche geführt hatten, bald verließen.
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- 275 —
Während der Zeit, von meiner Ankunft in Zürich bis zur Übergabe
der Kredentialien, hielt ich mich im Hause auf, um Besuche einiger
alten Freunde zu erwarten. Mittwoch, zur festgesetzten Stunde, fuhren
drei Staatssekretäre, Abgesandte der Regierung, in voller Uniform
in zwei Karossen mit allem Pomp vor meinem Gasthof vor. Der eine
von ihnen begrüßte mich feierlich mit einer liebenswürdigen Anrede.
Ich dankte ihm in ebenso höflicher Weise und, ohne Zeit zu verlieren,
nur mit dem Chorrock und meinem Schultermäntelchen bekleidet,
bestieg ich mit zweien der erwähnten Abgeordneten den ersten Vier¬
spänner der Staatswagen, der sehr prunkvoll war, während der Geschäfts¬
träger Tirabassi, mein Uditore und der dritte Abgeordnete meinen
Wagen bestiegen, der ebenfalls vierspännig war und als zweiter sich
anreihte. Zum Schluß kam noch eine Staatskarosse.
Als wir das Haus verließen, ertönten die ersten Kanonenschüsse,
die während der ganzen Zeremonie andauerten. Es fielen in den
üblichen Zwischenräumen 21 Schüsse. Auf dem Platz vor dem Regie¬
rungspalast befanden sich zwei Truppenabteilungen in einiger Ent¬
fernung voneinander mit aufgerollten Fahnen, die mich, als ich vorbei¬
kam, durch Präsentieren des Gewehrs und Senken der Fahne begrüßten ;
ebenso begrüßten sie auch den Geschäftsträger und den Uditore im
zweiten Wagen. Als ich schließlich zum Hause des Bürgermeisters,
des Präsidenten Heß kam, fand ich da wieder eine Truppenabteilung
vor, welche mir die üblichen militärischen Ehren erwies. An der
Schwelle empfingen mich der Kanzler und der Bundessekretär. Der
Präsident kam mir in den Vorsaal entgegen und ich schritt mitten
zwischen ir Regierungsmitgliedern in Uniform hindurch, die sich zu
meinem Empfang hier versammelt hatten und sich nicht eher setzten,
bevor ich meinen Platz zur Rechten des Präsidenten eingenommen
und mein Haupt bedeckt hatte. Neben mir ließen sich der Geschäfts¬
träger und der Uditore nieder, während neben dem Präsidenten der
Kanzler und der Sekretär saßen. Ich hielt eine kurze lateinische
Ansprache an den Präsidenten. Da dieser Protestant und von prote¬
stantischen Räten umgeben war, legte ich jedes meiner Worte auf
die Wagschale. Ohne mich in Einzelheiten zu verlieren, erklärte ich,
daß es dem Heiligen Stuhl sehr am Herzen liege, die freundschaftlichsten
Beziehungen mit der Schweizer Regierung zu unterhalten, und gab
gleichzeitig der Hoffnung Ausdruck, auf der soliden Basis gegenseitigen
Vertrauens die heikelsten Angelegenheiten in Ordnung bringen zu
können. Hierauf überreichte ich das Schreiben des Heiligen Vaters,
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— 276 —
das der Präsident eröffnete und der Kanzler mit lauter Stimme vorlas
Während ich sprach, bemerkten meine Begleiter, daß einige der
Umstehenden beifällig zuzuhören schienen ; der Präsident selbst bewies
es in seiner Antwort, indem er leicht die Vergangenheit streifte und
die Vorfälle den Zeitumständen zuschrieb. Er fügte noch hinzu, dal?
er die Hoffnung hege, daß, da ich mit dem Charakter der Bundes¬
verfassung vertraut sei und die Regierung mich persönlich kenne,
die beiderseitigen Beziehungen die friedlichsten und freundschaft¬
lichsten sein mögen, um so befriedigende Resultate zu erzielen. Es wäre
gut, wenn das der Fall wäre, aber man weiß, daß Worte, die bei solchen
Gelegenheiten fallen, laut klingen, aber von geringer oder gar keiner
Wirkung sind.
Nachdem der Präsident seine Rede beendet hatte, stellte er mir
die bei der Zeremonie anwesenden Staatsräte vor, ihre Namen und
die betreffenden Titel nennend. Hierauf unterhielt er sich mit mir
in ungezwungener Weise, bis ich mich von der ganzen Versammlung
verabschiedete.
Bei meiner Rückkehr wiederholten sich dieselben Formalitäten
wie bei meiner Ankunft beim Bundesdirektorium. Sobald ich zu Hause
angelangt war, gab ich an die Mitglieder des diplomatischen Korps
Nachricht, daß ich die Kredentialien bereits übergeben hätte. Bald
nachher kam der Bürgermeister und -Präsident in Uniform zu mir.
in Begleitung des zweiten Bürgermeisters, des Kanzlers, des Sekretärs
und anderer Staatsräte, um mir meinen Besuch zu erwidern, und lud
mich, der Sitte gemäß, zu Mittag. Dazu waren auch jene diplomatischen
Vertreter geladen, die sich gerade in Zürich aufhielten, und mir zu
Ehren auch einige katholische Bundesratsabgeordnete.
Von der Übergabe der Kredentialien an bis Donnerstag, den 18.
mittags, erhielt ich Besuche des diplomatischen Korps und fast aller
Abordnungen, katholischer und protestantischer, der Kantone. Es
fehlte jene des Kantons von St. Gallen, die, wie man mir berichtete,
seit zwei Jähren von ihrer Regierung die Weisung hatte, keinem diplo¬
matischen Vertreter einen Besuch abzustatten. Ebenso fehlten auch
die Abordnung von Bern, die sich ebenfalls der Besuche beim diplo¬
matischen Korps enthält, die Deputation von Appenzell und der
Abgeordnete von Basel. Die Abordnung von Luzern erschien nicht
offiziell, sondern Herr Avoyer Kopp gab bei mir seine Visitkarte ab,
als Privatperson sozusagen. Donnerstag erwiderte ich die Besuche.
Freitag, den 19. d. Mts., Abend, mußte ich die übliche Einladung
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— 277 —
beim Kanzler Antritt zum Thee annehmen, wobei auch einige Herren
vom diplomatischen Korps und verschiedene Bundesratsabgeordnete
anwesend waren, die mir als Vertreter Sr. Heiligkeit alle die größte
Ehrerbietung erwiesen. Ich erwähne nur die Abgeordneten von Genf,
die mich in ihren Kanton einluden und mich baten, sie rechtzeitig
von meiner Ankunft zu verständigen, damit sie mich mit allen Ehren
empfangen könnten.
Samstag morgens endlich, in aller Früh, bestieg ich mit dem
Geschäftsträger Tirabassi und meinem Uditore den Wagen und fuhr
nach Schwyz, wo ich um 4 Uhr nachmittags anlangte.
Ich erachte es für meine Pflicht, Euerer Eminenz die Antwort des
Bundesdirektoriums sowohl auf das Breve Sr. Heiligkeit als auch auf
den Brief Euerer Eminenz selbst zu übersenden.
Ich glaube, Euerer Eminenz kostbare Zeit genugsam in Anspruch
genommen zu haben. Indem ich in Ehrfurcht den heiligen Purpur
küsse, verbleibe ich in tiefster Unterwürfigkeit Euerer Eminenz
ergebenster, demütiger Diener
Erzbischof von Theben,
Ap. Nuntius.
Schwyz, 22. Juli 1839.
Heiligster Vater!
Die Schriftstücke Euerer Heiligkeit, welche die Wahl des Mon¬
signore Erzbischof von Theben zum Nuntius des Heüigen Apostolischen
Stuhles in der Schweiz beglaubigen, wurden soeben dem Bundes¬
präsidenten mit dem Ausdruck des wohlwollenden Interesses und der
Achtung für unser Land übergeben, und es gereicht uns zur Freude,
unseren wärmsten Dank dafür zum Ausdruck zu bringen.
Indem wir Sr. Exzellenz dem Erzbischof die gebührenden Ehren¬
bezeugungen leisteten, lag es uns vor allem am Herzen, die tiefe Ver¬
ehrung der helvetischen Konföderation vor Euerer Heiligkeit zum
Ausdruck zu bringen und den hohen Wert, den sie auf die Ankunft
eines Ministers legt, der der Achtung so würdig ist und der, wie wir
das feste Vertrauen haben, für die Kantone in den Beziehungen ihrer
religiösen Eintracht ein Nuntius voller Wohlwollen und ein Fürst des
Friedens sein wird. Die Eintracht und die Tugenden, die Euere
Heiligkeit zur Wahl des Msgre. Erzbischofs von Theben bestimmt haben,
bieten uns genügend Gewähr für den Erfolg seiner Tätigkeit in dieser
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— 278 —
Richtung. Er selbst hat während seines kurzen Aufenthaltes in der
Schweiz häufig Gelegenheit gehabt, sich von dem eifrigen Bestreben
des Bundesdirektoriums und der einzelnen Kantone, ihn zu unterstützen,
zu überzeugen, wie auch von ihrem lebhaften Wunsche die günstigen
Beziehungen zwischen dem Römischen Hof und den Staaten der Schweiz
zu erhalten und zu festigen. Der Erzbischof von Theben hat von
Seiten der Bundesregierung dieselben Bestrebungen und Wünsche zu
gewärtigen.
Wir bitten Euer Heüigkeit gütigst, den Ausdruck tiefster Ver¬
ehrung und grenzenloser Ergebenheit entgegennehmen zu wollen
von Ihren demütigen und gehorsamen Dienern, dem Bürgermeister
und dem Staatsrat des Kanton Zürich.
Die Bundesregierung
in ihrem Namen als Bevollmächtigter
der Bürgermeister.
Zürich, 17. Juli 1839. J. J. HESS.
Auch dieser Akt ist vom Bundeskanzler unterschrieben.
Der Bericht des Nuntius
Ober das erste abgehaltene Amt ln der Kirche.
Euer Eminenz!
Ich muß Euer Eminenz Bericht über die Zeremonie meines ersten
Eintrittes in die Hauptkirche dieses Ortes erstatten.
Gestern morgen, um ungefähr 7 Uhr, kam aus der oberwähnten
Kirche eine ziemlich lange Prozession in der Richtung auf meine
Wohnung zu, der der Vorschrift gemäß ein Kreuz vorangetragen
wurde. Hierauf folgten alle Jesuitenschüler mit ihren Lehrern in
musterhafter Ordnung; ihr bescheidenes Auftreten machte einen
wahrhaft erbaulichen Eindruck; dann kamen die Kapuzinerpatres
hinter der Reihe ihrer Schüler und schließlich der ganze übrige Klerus
im Chorrock, mit dem bischöflichen Kommissär. Gleich nach ihnen
folgten vier Mitglieder des Gemeinderates, die einen Baldachin für
mich trugen, und mit ihnen alle Behörden der Gemeinde und des
übrigen Distrikts in Uniform. Mitten in der Prozession sah man eine
große Fahne und zwei kleine Fähnchen und vier Kirchenlatemen.
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- 279 —
Als die Prozession bei meinem Hause angelangt war, wendete sie sich
in der Richtung gegen die Kirche um, wohin sie sich dann begeben
sollte. Die Geistlichkeit blieb vor der Türschwelle stehen, indessen
der Kommissär und der Zeremonienmeister zu mir heraufkamen.
Ich erwartete sie im Chorrock und Schulterkragen, in Gesellschaft
des Uditore und des Sekretärs, die Sutane trugen. Ich verließ das
Haus und schlug unter dem Baldachin den Weg zur Kirche ein. Es
begleitete mich der Zeremonienmeister, indessen mir die Geistlichkeit ,
voranging und die Behörden mir folgten, außer dem Uditore und dem
Sekretär, die ganz nahe neben mir gingen. In diesem Augenblick
setzten das Glockenläuten und die Kanonenböller ein.
An der Kirchentür reichte mir der bischöfliche Kommissär das
Weihwasser. Als ich ins Presbyterium kam, forderte man mich zum
Sitzen auf. Hierauf richtete der erwähnte Kommissär eine Begrüßung
in lateinischen Worten an mich. Nachdem ich dem Allerheüigsten die
Ehrenbezeugung dargebracht hatte, bestieg ich den für mich bereiteten
Thronsessel. Hierauf begann sofort das feierliche Hochamt, das der
genannte Kommissär abhielt und das von einer auserlesenen Vokal-
und Instrumentalmusik begleitet war. Nach der Messe erteilte ich
den Segen. Auf dem Heimwege begleitete mich nur die Geistlichkeit
im schwarzen Talar.
Nachmittags wohnte ich einem Essen bei, das Herr Landammann
Ab-Yberg mir zu Ehren im Namen der Regierung gab. Es waren im
ganzen mit meinem Uditore und meinem Sekretär mehr als 30 Gäste
anwesend, die zu den hervorragendsten Persönlichkeiten des Landes
zählten wegen ihrer gegenwärtigen oder frühem Stellung. Zu ihnen
gehörten auch fast alle Mitglieder des Klerus. Während des Essens
begrüßte mich Herr Landammann Ab-Yberg auf französisch in
schmeichelhaften Worten, die ihm von Herzen kamen, und bekundete
seine und des ganzen Kantons Standhaftigkeit im katholischen Glauben
und die Anhänglichkeit an den Heiligen Stuhl, auch auf Kosten des
eigenen Blutes, wie auch den dringenden Wunsch des Landes, daß
der Apostolische Nuntius dauernd seinen Sitz unter ihnen nehmen
möge. Ich antwortete ihm in ebenso liebenswürdiger Weise.
Nach Beendigung des Essens begleiteten mich der bischöfliche
Kommissär, der Vize-Landammann des Distriktes mit noch einigen
anderen Geistlichen und Laien nach Hause.
Jetzt, nachdem die üblichen ersten Formalitäten erledigt sind, fühle
ich eine Last von mir genommen, die mir Sorge gemacht hatte. Da ich
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Euerer Eminenz nichts weiter mitzuteilen habe, küsse ich in Ehrfurcht
den heiligen Purpur und bin in tiefster Verehrung und Ergebenheit
Euer ehrwürdigsten Eminenz demütiger Diener
Erzbischof von Theben, Ap. Nuntius.
Schwyz, 29. Juli 1839.
An den Nuntius ergingen von Kardinal-Staatssekretär Lam-
bruschini folgende Schreiben :
An den Ap. Nuntius bei der Schweizer Bundesregierung Schwyz.
Rom, 10. Juli 1839.
Die in dem Schreiben Euer Ehrwürden enthaltene Schilderung
der öffentlichen Zeremonie, mit der die Abhaltung ihres ersten Amtes
in jenem Orte vor sich ging, hat den Heiligen Vater und mich mit
großer Freude erfüllt. All das bietet einen neuerlichen tröstlichen und
sicheren Beweis der aufrichtigen und dauernden Ergebenheit dieses
Kantons für den Heüigen Stuhl und für die geheiligte Person des Papstes,
als auch für die ehrerbietige Achtung, die diese Behörde daher auch
für Euer Exzellenz als Vertreter des Heiligen Stuhles hegt.
In Verehrung usw.
An Msgr. Nuntius
der Schweizer Bundesregierung
in Schwyz in der Schweiz.
Rom, 3. August 1839.
Mit größter Befriedigung hat es Seine Heüigkeit zur Kenntnis
genommen, daß E. Exz. sich nach Zürich begeben hat, um die
Kredentialien dem Bundesdirektorium vorzulegen, und dort mit den
erdenklichsten Ehrenbezeugungen und Vertrauensbeweisen empfangen
wurde, wie es der höheren Vertretung, die Sie inne haben, zukommt
Ich habe den geheiligten Händen Sr. Heiligkeit die Antwort des
Direktoriums auf das päpstliche Breve übergeben und habe den Brief
gelesen, der die Antwort auf mein Schreiben enthielt. Wenn man den
so gütigen Worten des Direktoriums Glauben schenken könnte, das
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sich unter den herrschenden Verhältnissen und in Hinsicht auf den
Heiligen Stuhl und seinen Vertreter günstig geäußert hat, so müßte
man in der Schweiz auf eine bessere Lage der katholischen Kirche
in Zukunft hoffen. Aber, wie auch Euer Exzellenz in Ihrem Schreiben
richtig bemerkten, sind Worte, die bei derartigen Gelegenheiten
gesprochen werden, meist wirkungslos.
Bemerkenswert ist die an Sie ergangene höfliche Einladung von
Seite der Abgeordneten von Genf, ihren Kanton zu besuchen. Einerseits
wäre es gut, wenn Euer Exzellenz dieser Einladung Folge leisten
würden und somit auch in Genf dem päpstlichen Vertreter die
gebührenden Ehren erwiesen würden. Anderseits jedoch ist zu beachten,
daß Ihre Anwesenheit in dieser Stadt Sie mit dem gefährlichen Charakter
des dortigen Pfarrers Voirin in Berührung bringen kann. Ich überlasse
es indessen Ihrer bekannten Überlegung und Vorsicht, gegebenenfalls
die geeignete Entscheidung zu treffen.
In vorzüglichster Hochschätzung usw.
Zum Schlüsse sei hinzugefügt, daß Mgr. Gizzi am 13. Aprü 1839
von seinem Schweizer Posten abberufen winde. Er wurde 1841 als
Nuntius nach Turin geschickt, bald darauf von Gregor XVI. am 12. Juli
1841 zum Kardinal kreiert (aber erst am 22. Januar 1844 publiziert).
1844 wurde er zum Kardinallegaten von Forli ernannt. Pius IX.
übertrug ihm am 8. August 1846 das Staatssekretariat, das er bis
zum 17. Juli 1847 inne hatte. Er starb am 3. Juni 1849.
Anmerkung : Die mitgeteilten Aktenstücke befinden sich im Faszikel Nr. 2
des Vatik. Archivs, Segretaria di Stato ; ich habe sie hier in der Übersetzung
gegeben.
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P. Nikolaus
Joseph Albert von Dießbach S. J.
Von Dr. Ernst Karl WINTER (Wien).
(Fortsetzung und Schluss.)
Der Wiener Dießbachkreis nahm vor allem das Literaturapostola!
der Turiner Jahre auf. Am stärksten wirkte aber Dießbach auf Franz
Schmid, den späteren Beichtvater des hl. Klemens ; Schmid « verfaßte
eine bedeutende Anzahl von Gebet- und Erbauungsbüchem in deutscher,
lateinischer, italienischer, französischer, englischer und griechischer
Sprache für fast alle Stände_ Für die Juden ließ er die messia-
nischen Weissagungen in der Ursprache drucken. Auf den Erlös seiner
Bücher, die meist ohne seinen Namen erschienen, nicht angewiesen,
verschenkte er sie, zuweilen gleich auflagenweise .... Jedes neue
Buch wurde mit Gebet begonnen. Am Anfänge, in der Mitte und am
Ende der Arbeit unternahm er eine Wallfahrt in eine Vorstadtkirche
Dieses Bild spiegelt ganz die Arbeitsweise Dießbachs wieder. Als das
Ideal seines Wirkens verehrte Schmid mit Dießbach vor allem den
hl. Franz von Sales. 1 2 3 Hofbauer und Schmid waren die Träger eines
katholischen Literaturapostolats in Wien, das in gerader Linie auf
Dießbach zurückgeht. Von Dießbach lernte es Hofbauer, « wie wichtig
cs ist, gute Schriften ins Volk zu bringen » (658). Die Heiligsprechung
seines Schülers Hofbauer, sowie das heiligmäßige Leben und Sterben
seines anderen Schülers, Franz Schmid, für dessen Seligsprechung
sich nach seinem Tode besonders die Kaiserin Maria Anna, die Gemahlin
Kaiser Ferdinands, die Tochter Viktor Emanuels I. von Sardinien,
durch Schaffung eines Fonds interessierte 8 , endlich die Namen Schlegel
und Müller, Pilat und Klinkowström, Bucholtz und Passy, Vieth und
1 P. Hofer, 387 f.
2 P. Innerhofier, 663.
3 P. Innerhofier, 665.
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1
— 283 —
Brunner, der Männer, welche das Literaturapostolat Hofbauers und
Schmids aufnahmen und fortpflanzten, gewissermaßen eine Schule
bildend, beweisen, daß Dießbachs Same in Österreich auf fruchtbaren
Boden fiel. Das reiche katholische Schrifttum Österreichs in den Tagen
der Romantik, für das St. Klemens so viel Verständnis und sicher
noch mehr Gebetsstunden übrig hatte, darf ohne Übertreibung zurück¬
geführt werden auf P. von Dießbach, den genialen Anreger und gro߬
zügigen Organisator militärisch-jesuitischen Schnitts. Ihm danken
die Hofbauer, Penkler und Schmid die Fähigkeit, ja Kunst, den Sturm
und Drang der Romantik, die es nach Österreich in das Land ihrer
innersten, geheimsten Ahnung und Sehnsucht zog, einzugliedem mit
starker, sicherer Hand in eine gerade Bahn, und die Unbändigkeit der
Müller, Schlegel, Werner, in feste Obhut zu nehmen und ausreifen zu
lassen. « Er ist eine von den Posaunen Gottes ; aber man kann seinen
preußischen Stolz nicht oft genug demütigen » 1 , dieses Wort Hofbauers
über Werner gibt die pädagogische Maxime wieder, nach der alle diese
Kinder des individualistischen Nordens, denen der Borussismus oft
recht tief im Blute saß, behandelt werden wollten. Es ist der Geist
Dießbachs und Hofbauers, ihre katholische Unbedingtheit und Folge¬
richtigkeit, d. h. der katholische Geist der hl. Ignatius von Loyola,
Petrus Canisius, Franz von Sales, Alphonsus Maria von Liguori, der
die genialen Persönlichkeiten und Werke Müllers, Schlegels, Werners,
den Nachkommen zu retten verstand und damit die österreichische
Romantik vor dem Schicksal des sogenannten deutschen Idealismus,
der preußischen Romantik jener Johann Gottlieb Fichte (1762-1814),
Georg Wilhelm Friedrich Hegel (1770-1831), Friedrich Wilhelm Joseph
Schelling (1775-1854) bewahren konnte, vor Verflachung und Ver¬
sandung im Pantheismus. Dieser katholische Geist ließ in Österreich
selbst pantheistisch-rationalistisch angelegte Köpfe, wie vor allem
etwa Anton Günther (1783-1863), nicht loskommen vom Katholizismus
und nach Irrtum und Abweg immer wieder heimfinden.
Die Idee, welche die letzten Lebensjahre Dießbachs vor allem
beherrschte, war die der Wiederherstellung seiner Gesellschaft, wie
Cr^tineau-Joly des weitem ausführt. Im Jahre 1796 kehrte P. Dießbach
vor allem im Interesse der Restauration seiner Gesellschaft von Wien
in die Heimat zurück. Seine ganze Kraft und «seinen ganzen nicht
unbedeutenden Einfluß » bot er für diese Pläne auf. «Nach dem
1 P. Hofer, 291.
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*
— 284 —
Ausbruch der französischen Revolution verhandelte er mit den in die
Schweiz geflüchteten Bischöfen, um eine gemeinsame Bittschrift des
französischen Episkopats zustande zu bringen, durch welche der Papst
um Wiederherstellung des Ordens angefleht werden sollte. Da die
Wirren der Zeit und die Ablehnung einzelner die Bemühungen zum
Scheitern brachten, bearbeitete Dießbach die katholischen Schwcizcrständt
und betrieb eine Eingabe des Bundes. Schon waren Schritte gescheher.
in Luzern, Solothurn, Freiburg, da kam der Franzoseneinfall und alles
hatte ein jähes Ende. » 1 * * In diese Schweizerzeit fällt wohl die vor.
Bischof Räß berichtete Sedisvakanz des Bistums Lausanne, das man
Dießbach anbot, das er jedoch ausschlug. Wahrscheinlich fällt dieses
Intermezzo nicht in das Jahr 1782, da Bischof Joseph II. Nikolaus
von Montenach starb, sondern in die Zeit nach dem Tod des Bischof?
Leonhard Emanuel von Lenzburg (14. September 1795) und vor der
Wahl des Bischofs Joh. Bapt. Odet (27. Juni 1796). *
Der Franzoseneinfall warf Dießbach nach Wien zurück ; er über¬
raschte ihn in Freiburg, wohin er eben noch mit Unterstützung eines
österreichischen Offiziers, des Barons von Bietagh, seine Leihbibliothek
nach Turiner, Mailänder und Wiener Muster verpflanzt hatte. * «Die߬
bach, der den Verwundeten beistehen wollte, wurde in die Flucht mit
fortgerissen und zuletzt gefangen nach Bern gebracht. Völlig gebrochen
• an Kraft gelang es ihm, noch einmal Wien zu erreichen. » Romantischer
schildert Crdtineau-Joly Dießbachs Rolle während des Franzosen¬
einfalles in Freiburg. 4 Mülinen meint: «Der Jesuit von Dießbach
war von großem, glühendem Haß gegen die Franzosen, die Unter¬
drücker seines Vaterlandes beseelt, und er reiht sich hiemit würdig
an die zwei Benediktiner P. Marianus Herzog und P. Georg Effinger
und an den heldenmütigen Kapuziner P. Paul Styger an. » Nicht
1 P. Pfülf.
* Nach P. Collet wurde er beidemale von der kaiserlichen Regierung vor-
geschlagen, jedoch von Frankreich verworfen. Vgl. Mus6e Neuchätelois (1888).
* P. Pfülf.
4 II ouvre aux bless^s fran5ais le colldge de Fribourg. II n’a point 4 rechercher
les motifs de cette guerre d’invasion. Des ennemis de sa patrie, des r6publicain<
venant asservir une R6publique aux chants de la Marseillaise, ont besoin de tous
les secours de la terre et du Ciel. Diesbach convoque autour de lui l$s derniers
d6bris de la Compagnie et, 4 ces soldats qui depuis six ann6es ne voient de prttres
que sur l'6chafaud, il r^völe la charit6 sacerdotale. II s’asseoit au chevet des
agonisants ; il les encourage 4 mourir saintement, aprds avoir bravement com-
battu. Il leurs prodigue les soins d’une möre ; il veille sur eux le jour et la nuit.
Rien ne rebute sa patience, rien n’altdre son ddvouement.
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die Franzosen haßte P. Dießbach freilich, er liebte vielmehr ihre Sprache
und Kultur sehr, wohl aber haßte er die Phantasien der Revolution
und die vorausgehenden Irrtömer des Jansenismus und der Enzyklo¬
pädisten. Das Ringen der Schweizer gegen dieses Frankreich, das
Wirken Hallers wie Müllers, die Kämpfe der Legion Rov6r£a, die
Predigt der P. Herzog, P. Efiinger, P. Styger erlebte Dießbach nicht
mehr oder nur mehr zum Teil; auf welcher Seite er mit seinen
Sympathien gestanden hätte, kann nicht zweifelhaft sein. Und in
diesem Sinne darf man ihn in Parallele stellen mit den Männern, die
damals auf der Seite Österreichs gegen Frankreich, die Revolution
und Napoleon stritten. 1 * *
P. Dießbach starb in Wien am 22. Dezember 1798 im Alter von
66 Jahren in den Armen seines Jüngers und Freundes P. Sineo, nicht
am 24. d. Mt. 4 * ; er wurde am 24. d. Mt. in Maria Enzersdorf, dem
Friedhof der Herrschaftspfarre Penklers bestattet, nicht am 18. oder
19. d. Mt. * Daraus ergibt sich die Notwendigkeit einer Korrektur
der Angaben von Mülinen, der Müllers Brief vom 24. d. M. zwar anzieht,
sich jedoch auf Cr6tineau-Joly stützt und mit diesem Dießbach nicht
nur den Regierungsantritt Pius VII. 1801, sondern sogar die Wieder-
ansiedlung von Jesuiten in der Schweiz 1804 erleben läßt; ferner der
Angaben von Lauterburg, der für Dießbach die Jahreszahlen 1730
bis 1799 ansetzt. Vielfach, so auch von Holzhalb, wird unser P. Die߬
bach mit zwei anderen Mitgliedern der Gesellschaft Jesu verwechselt,
mit dem Freiburger P. Augustin Diesbach S. J. (1687-1743), Professor
zu Dillingen 4 , und mit dem Prager P. Johannes Diesbach S. J. (1729
bis 1792), Professor der Philosophie, Verfasser vieler Schriften, der
den Erzherzog Franz vor Joseph II. Tod in Mathematik unterrichtete. 6
Selbst Migne druckte das Hauptwerk unseres P. Dießbach in Ver¬
wechslung mit dem in der großen literarischen Welt wahrscheinlich
bekannteren P. Johannes Diesbach • ; auch er kannte unseren ver¬
schollenen Schweizer, der mehr auf mystischen Wegen und durch
seine starke Persönlichkeit auf andere einzelne Persönlichkeiten und
1 Vergl. über diese Felix Burckhardt, Die schweizerische Emigration, 1798
bis 1804. Basel 1908.
* P. Haringer, 18.
* P. Sommervogel, P. Pfülf.
4 P. Sommervogel, III. 55. IX. 215.
6 P. Sommervogel, III. 55 f., Wurzbach, III. 288 f.
* Bischof Rdß.
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286
nicht so sehr durch Schriftwerke auf große Massen wirkte, nicht mehr,
wie sehr ihm auch Dießbachs literarisches Hauptwerk imponierte.
Ein plastischer Beweis dafür, daß Bücher nur scheinbar leben und
doch sterben, die Persönlichkeiten aber jenseits ihrer Schriften leben
und wirken und nicht mehr untergehen. Als eine Persönlichkeit von
bedeutender Wirkung auch ohne großen Namen und ohne viele Bücher
lebte und starb auch P. Dießbach.
Dießbachs Tod in Wien hat hier drei Spuren hinterlassen. Nach
der offiziellen «Wiener Zeitung » vom 2. Jänner 1799 starb Nikola
Freyherr von Dießbach, Weltpriester und Exjesuit am 22. Dezember
1798 im Alter von 60 Jahren (!) in der Stadt, Seizergasse Nr. 460
Diese Notiz stammt aus dem Sterberegister der Pfarre am Hof, jetzt
St. Peter (I. 37), wo als Todeskrankheit « Lungengeschwüre » angegeben
sind, daneben der Vermerk : «hat die hl. Sakramente empfangen ».
Das Todeshaus, der alte Seizerhof, befand sich gegenüber der Kirche
« zu den neun Chören der Engel» am Hof, die 1554-1773 der Gesellschaft
Jesu gehörte, zu Dießbachs Zeiten aber Pfarrkirche war und nun seit
1907 wieder den Jesuiten zugesprochen wurde und geradezu ihr Wiener
Mittelpunkt geworden ist. Von der Altane dieser Kirche erteilte Papst
Pius VI. am Osterfeste 1782 dem Volk von Wien den päpstlichen
Segen 1 2 * ; damals mögen nicht nur Hofbauer, Penkler und Schmid,
sondern mag auch Dießbach unten am Platz gestanden sein und gebetet
haben für die Versöhnung des Kaisers mit dem Papste, Österreichs
mit der Kirche. Von seiner Wohnung im Seizerhof sah Dießbach
hinüber auf die Kirche, in der er die heilige Messe las ; nun sind
es bereits wieder mehr als 15 Jahre, daß die Patres der Gesellschaft
Jesu in derselben Kirche zelebrieren und predigen : P. Abel, P. Boißl,
P. Kolb, P. Kronseder. Vielleicht lag im Blickfeld Dießbachs auch das
kleine alte Häuschen *, worin eine St. Stanislaus Kostka-Kapelle an
das Wohn- und Krankenzimmer dieses lieben österreichischen Heiligen
polnischen Blutes erinnert. Sicher hat Dießbach auch in der stillen
Stanislauskapelle oftmals das Meßopfer gefeiert, in diesem verborgenen
österreichischen Heiligtum, vor dessen Reliquienaltar auch St. Klemens
später gerne zelebrierte. 8 Die andere Wiener Kirche, zu der Dießbach
wohl nähere Beziehungen hatte, ist die (italienische) Minoritenkirche,
1 P. Hofer, 25.
2 Kurrentgasse 2.
8 P. Innerkofler, 548.
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— 287 —
an der nacheinander P. Sineo, P. Virgineo und P. Hofbauer wirkten.
Vielleicht daß Dießbach von hier aus seine letzte Reise nach Maria
Enzersdorf antrat, wo er als der dritte Priester von der Gesellschaft
Jesu einzog. Nach dem Begräbnisprotokoll (I. 90) starb Dießbach
im Alter von 69 Jahren (!) an «Schleimschlag» und wurde am
24. Dezember vom Pfarrer eingesegnet. 1 1805 oder 1809 folgte ihm
sein treuer P. Virgineo und 1820 mit dem ausdrücklichen Wunsch an
der Seite des väterlichen Freundes ruhen zu dürfen der Jünger, der
den Meister überflügelte und dem die Wege bereitet zu haben sich
derselbe rühmen darf, der hl. Klemens Maria Hofbauer. Wäre P. Die߬
bach nichts anderes gewesen in seinem Leben als der Anreger dieses
Mannes, unseres Apostels von Wien, er hätte seine irdische Aufgabe gelöst.
Wenige Jahrzehnte nach dem Tod dieser Männer brach auch über
Österreich die «moderne Kultur» herein, gegen die sich ihr Wirken
vor allem gekehrt hatte ; Grundlagen konnten sie doch noch schaffen,
auf denen allein kommende Geschlechter wieder werden aufbauen
müssen. 1838 wurde der alte Seizerhof abgebrochen und in einen
Bazar (Warenhaus) verwandelt, das erste in Wien ; in seinen Keller¬
gewölben etablierte sich das Elysium, eine Vergnügungsstätte.
Das interessanteste Dokument vom Tode Dießbachs bietet wohl
der Brief des Historikers Johannes von Müller an seinen Bruder
J. Georg aus Wien vom 24. Dezember 1798. Als Landsleute haben
Dießbach und Müller in Wien sicher miteinander verkehrt. Vielleicht
daß ein längeres Leben Dießbachs Müller leichter heimgeführt hätte
zur Kirche und ihn so bewahrt haben würde, Österreich verlassen zu
müssen und im Norden zu Grunde zu gehen. Vielleicht, daß auch der
Verkehr Müllers mit Erzherzog Johann durch Dießbach vermittelt
wurde. Das Schreiben Müllers, das sowohl für das Bild Dießbachs
als auch für den Charakter Müllers von Bedeutung ist und das wir
daher ohne Kürzung bringen, lautet:
1 Daß Dießbach « von gedungenen Gaunern überfallen und so schwer mi߬
handelt wurde, daß er den erlittenen Verletzungen erlag 3 (P. Hofer, 148), wird
vermutet, kann jedoch nicht bewiesen werden. « Dießbach war ein Mann des
Gebetes, aber auch ein unverdrossener tätiger Arbeiter im Weinberge des Herrn.
Sein Eifer für das Heil der Seelen zog ihm viele Feinde zu und, da er als Lehrer der
jüngeren Söhne des Kaisers Leopold bei Hofe Zutritt und Ansehen hatte, wollte
man ihn unschädlich machen. Es wurden einige Bösewichte durch Geld gewonnen,
welche den Mann Gottes so heftig schlugen und mißhandelten, daß er schwer
erkrankte und bald darauf starb * (P. Haringer, 18). Dieselbe Nachricht enthält
schon die kurze Biographie Dießbachs in der italienischen Ausgabe seines Haupt¬
werkes von Conte F. Pertusati (Mailand 1823).
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288
f Vorgestern starb, oder man kann von ihm es wahrlich sagen, entschlief
im Herrn der P. Nikolaus von Dießbach. Gebürtig von Bern, wurde er
in früher Jugend, aus Anlaß (sagt man) einer Liebe, katholisch ; nach
eilf Jahren, die er als Offizier in Piemont zubrachte, beim Verluste seiner
geliebten Frau, Religiöse im Jesuitenorden. Nun lernte er erst Latein,
studierte von Grund aus, wurde ein wirklich gelehrter Theologe. Garne
Reisen tat er, um die Bedürfnisse einer einzigen Seele zu befriedigen. Was
er hatte, gab er den Armen. Wenn er aus der Schweiz seine Gelder bekam,
hatte er in drei, vier Tagen nichts mehr ; dann betrogen ihn seine Freunde,
als hätte der oder dieser auch etwas von ihm bekommen, und sorgten so
für ihn. Er war in dem Heer, das am 3. März bei Freiburg unterlag ; da
dann die französischen Soldaten, weil er die Verwundeten immer ermahnte,
mit Kolbenstoßen und Säbelhieben ihn so zurichteten, daß der 70-jährige ( 1 )
Greis hinfiel und einen Strom von Blut brach. Ein Offizier sah ihn und
jammerte sich, hielt die Unmenschen ab. Doch da er sich nach der Stadt
schleppte, wurde er noch sehr empfindlich mißhandelt. Nach ein, zwei
Rasttagen er wieder auf, in die Spitäler, sterbenden Bernern und Frei¬
burgern den letzten Trost einsprechend, ihre letzten Äußerungen zu
empfangen. Er von da nach Wien, wo er nun starb. Er war ein im Äußer¬
lichen den alten heiligen Religiösen, wie man sie malt, vollkommen ähnlicher,
imposanter, aber salbungsvoller Mann, voll Festigkeit, der Friede Gottes
in ihm, eine unermüdete Tätigkeit bis in die letzten Stunden. Er hinterließ
55 Kreuzer ; aber einen Schatz guter Werke und den Eindruck großer
Tugenden bei allen, die ihn gekannt haben, oder seinen Solitaire chrötien
lesen. Meine Seele sterbe des Todes dieses Gerechten I Heute, so kündigte
ich einem Freunde seinen Tod an, heute ist der Himmel wieder mit einem
Heiligen vermehrt worden. Er ist mit Bonnet, Plato und St. Francois
de Sales bei dem Herrn, dessen Werke sie wissentlich oder unwissentlich
taten. Eins noch. Als er Noviz war, und einst der Novizenmeister ihn,
den Mann, mit den J ünglingen spazieren führte, trafen sie auf zwei Offiziere,
iie sich eben schlagen wollten. Ihn ergriff der Geist, und mit dem Ton,
welchen er an der Spitze der Kompagnie geführt, redete er, zwischen
beiden Frieden gebietend, und ihr Zorn fiel durch die Kraft seines Wortes. 1
Hierauf ging er demütig zum Novizenmeister, daß er für die Übertretung
des Gehorsams und Schweigens büßend absolviere. Daß die neumodische
Dezenniumsphilosophie doch so gar eng und klein ist, nur eine Art von
Tugend und Größe ehren zu wollen ; als wären wir an guten und großen
Charakteren so reich, daß uns anstände, delikater zu sein als Gott, in dessen
großen Garten alle blühen.»
Auf dieses für den Historiker Johannes von Müller und seine
österreichischen Jahre selbst höchst bedeutsame briefliche Dokument,
das offenbar persönlichen Beziehungen der beiden Schweizer, die zu
1 Vom hl. Franz von Sales erzählen die Biographen eine ähnliche Anekdote.
Vgl. Hamon-Lager, Leben des hl. Franz von Sales. Paderborn 15)03*. 110, 169.
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gleicher Zeit in Wien lebten, entsprang, antwortete J. Georg am
9. Jänner 1799 : « Recht wohltuend war mir die Erzählung von Dieß-
bach. Solch ein Leben möcht ich leben. Wenn nicht solche Leute wieder¬
kommen, die weder Vater noch Mutter, noch Geld kennen, neue Luthers (I),
und mehr als einer, so ist der Fall Europcns in jeder Rücksicht unwider¬
ruflich. 1
Dießbachs Werk wurde von seinen Schülern in doppelter Weise
fortgeführt. Richtig hat P. Pfülf ihn als das « Bindeglied » erkannt
zwischen der alten Generation der Gesellschaft Jesu von 1773 und der
neuen nach der Wiederherstellung von 1814 : « Die alten Einrichtungen
und Hilfsmittel waren verloren, die kostbare Überlieferung in Bezug
auf Doktrin und Unterrichtswesen jäh unterbrochen. Allein es gab
etwas, was unvergleichlich wichtiger war: der alte Ordensgeist, die
Auffassung der Ziele und Aufgaben, die Art auf die Seele zu wirken,
die Gesinnung der bedingungslosen Hingabe an Christus, den König,
und an die Kirche, seine Braut. Das alles war treu überliefert worden
.... Das Bindeglied bildete ein alter Jesuit, ein Deutschschweizer »,
unser P. Dießbach. Nach Dießbachs Tod setzte vor allem Sineo diese
Seite des Werkes seines Meisters fort. Im Herbst 1796 kam die von
P. Leonor Franz de Tournely S. J. (1767-1797) gegründete, später von
P. Joseph Desire Varin S. J. geleitete «Gesellschaft vom heiligsten
Herzen Jesu», vielleicht auf Verwendung Dießbachs und Penklers,
jedenfalls unter dem Schutze des Kardinals Migazzi und des Nuntius
Ruffo von Frankreich nach Österreich und ließ sich in Hagenbrunn,
Bezirk Komeuburg bei Wien nieder. Vor allem die Erzherzogin Maria
Anna, die zweite Tochter Leopolds II., bewies sich als Förderin der
Gesellschaft, die sich zum Zwecke der Wiederherstellung der Gesellschaft
Jesu konstituiert hatte. Am 9. Juli 1797 starb P. Tournely zu Hagen¬
brunn im Alter von 30 Jahren ; ihm folgte P. Varin. Im August 1798
sandte der neue Obere durch Vermittlung Ruffos und Migazzis eine
von vielen emigrierten französischen Bischöfen Unterzeichnete Denk¬
schrift nach Rom, die den Zweck und die Einrichtungen der Gesell¬
schaft darlegen sollte. In Italien bestand die vom Südtiroler Nikolao
Paccanari gegründete « Gesellschaft des Glaubens Jesu » mit dem gleichen
Zweck, nämlich Sammlung aller Mitglieder der Gesellschaft Jesu und
Vorbereitung ihrer Wiederherstellung. Am 18. April 1799, also nur
1 Eduard Haug, Briefwechsel zwischen J. Georg Müller und Johannes von
Müller. 1893. 166.
REVUE D HISTOIRE ECCL&SIASTIQUE 19
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wenige Monate nach Dießbachs Tod, kam zu Hagenbrann die Ver¬
schmelzung beider Gesellschaften zu Stande. P. Sineo, der am 16. Juli
1796 in die « Gesellschaft vom heiligsten Herzen » ein trat und auch
an den Hagenbrunner Verhandlungen führend Anteil nahm, hat wohl
überall, wo er einzugreifen Gelegenheit hatte, den Standpunkt Die߬
bachs vertreten und denselben nach dem Tod des Meisters kongenial
weitergedacht. Die neue Gesellschaft wirkte vor allem in den öster¬
reichischen Militärspitälem, man betrachtete sie vielfach «gleichsam
als ein Appendix der österreichischen Armee ». 1 P. Sineo, der bald
nach Dießbachs Tod Wien verließ und sich nach Italien wandte, ließ
sich 1805 in Sitten nieder und wurde vom Wallis aus «Begründer
der schweizerischen und deutschen Provinz der Gesellschaft Jesu ». * . 1 *
Sowohl Heimbucher (103) als auch P. Pfülf (70 f.) heben hervor, daß
nebst der Grabstätte des seligen Petrus Canisius gerade die in frischem
Gedächtnis stehende Persönlichkeit Dießbachs den Wiedereinzug der
Jesuiten in Freiburg vorbereiten half.
In Wien setzte Dießbachs Werk fort der Nachfolger Sineos an
der Minoritenkirche, P. Virgineo. Wie sehr es Hofbauer bereits damals
nach Wien zog, beweist sein Brief an Virgineo, den von ihm selbst
sogenannten « Fortsetzer und Leiter des Werkes Dießbachs » 4 : « Sobald
alles geordnet ist, wird mein erster Weg nach Wien sein, um Sie, hoch-
würdiger Vater, und die übrigen Freunde zu sehen und den Geist
unseres Vaters Dießbach zu verehren » (150). Virgineo starb nach
P. Innerkofler (363) 1809, nach P. Hofer (178) 1805 an einem in den
Kriegsspitälem zugezogenen Typhus. 5 Ihm folgte jetzt 1810 auch an
1 Biedenfeld. 57. — * P. Hofer, 95.
* Vgl. P. Achille Guidie S. J. (1792-1866). Vie du P. Joseph Varin (Paris
1854, in deutscher Übersetzung, Innsbruck 1869) und Notices historiques (Paris
1860) (P. Sommervogel, III. 1929 f.). P. Joh. Xaver Gagarin S. J. (1814-1882)
veröffentlichte in den Pr6cis historiques zuerst eine Studie über P. Dießbach
(1876), dann eine Studie über P. Sineo (1878), als Notices biographiques
d’aprds les manuscrits infedits du P. Grivel (P. Sommervogel, III. 1089 ff.).
P. Fidile de Grivel S. J. (1769-1842) (III. 1839 f.) gehörte mit Sineo zur
« Gesellschaft des Glaubens Jesu ». Auf diesem Material beruhen letzter Linie
die uns zugänglichen Studien : P. R. Brischar S. J., Artikel « Paccanaristen » in
Wetzer-Welte 1895 *, IX. 1225 ff., ferner Max Heimbucher, Die Orden und Kongre¬
gationen der katholischen Kirche (Paderborn 1908 *, III. 87 ff.). Ans anderen,
nicht offiziellen Quellen, wie er selbst bekennt, schöpft Ferdinand von Biedenfeld ,
Geschichte aller geistlichen und weltlichen Orden (Weimar 1839, I. 2. Suppl. 51 ff.).
4 P. Hofer, 148.
5 Nach den biographischen Notizen im t Cristiano Cattolico • des Cent»;
F. Pertusati (Mailand 1823) plante Don Virgineo eine Lebensbeschreibung Die߬
bachs, starb jedoch, ehe er seine Absicht verwirklichen konnte.
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291
der Minoritenkirche als der wahre Wiener Erbe Dießbachs, als der,
dem Dießbach die Wege gerade machte, St. Klemens.
Uber Hofbauer hinaus wirkte Dießbach auf die Romantiker.
Die Summe der Lehren, die sein Wiener Kreis aus dem Munde des
Meisters vernommen haben mag, gibt wohl nichts besser wieder als
das im Anhang veröffentlichte Memorandum an Leopold II. ; zugleich
offenbart es den Charakter des Mannes, eines stolzen .katholischen
Christen, der auch Königen die Wahrheit sagte, eines biederen Schweizers
von Schrot und Kom, in dessen Blut alte Familientradition und die
Kultur weiser Staatskunst lebte. Diese Denkschrift darf als eines der
wichtigsten Dokumente gelten für das Verständnis der katholischen
Politik der Emanuel Veith und Sebastian Brunner, der Othmar
Rauscher und Franz Joseph Rudigier, schließlich sogar in weitester
Folge der Karl Vogelsang und Karl Lueger. Alle Gedanken, die der
konsequente Katholizismus, die Kirche Österreichs, im Kulturkampf •
mit dem modernen Staat durch diese Männer in dem verflossenen
19. Jahrhundert formulieren ließ, sind in nuce, oft auch expressis
verbis in dieser genialen Schrift enthalten. Wir fühlen hier die aller-
stärkste Wirkung dieses seltenen Mannes mit dem verschollenen
Namen. Der Geist seines Memorandums hat einerseits das religiöse
Österreich um St. Klemens und dessen Jünger bestimmt, andererseits
sich aber auch in Leopold II., in Franz II. und in den franziszeisch-
ferdinandeischen Traditionen des Hauses Österreich dargelebt. Viele
Gedanken, die Dießbach hier Leopold II. nahelegte, haben nach diesem
Kaiser Franz, Fürst Metternich und P. Hofbauer, jeder freilich in
seinem Stil verwirklichen helfen. Der Umschwung vom Josephinismus
zu besseren Traditionen, der gerade in dem anfangs wohl « aufkläre¬
rischen n Leopold II. einsetzt, geht mit auf P. Dießbach und seine
klare, ehrliche Sprache, seinen Schweizerstolz vor Königsthronen
zurück. Wer die Seiten dieser merkwürdigen Denkschrift durch¬
blättert, wird mit Staunen entdecken, wie das romantische Staatsideal,
dem in Österreich Franz und Metternich anhingen, vor allen Roman¬
tikern des 19. Jahrhunderts vertreten wurde von diesem Manne, dessen
Gedankengänge freilich letzter Linie flössen aus dem katholischen
Geist der Ignatius, Canisius, Franz von Sales, Liguori, und sich
gründeten auf ein Familientum vom Alter derer von Dießbach. Ehe
Bern dem Protestantismus verfiel, da herrschte- in den regierenden,
patrizischen Geschlechtern der Stadt gutkatholischer (Beatus) Geist.
Valerius Anshelm, ein geborener Schwabe, erzählt, daß die Dießbach
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am längsten die alte Messe feierten 1 und daß die « ufrüerischen stein-
böck», die katholischen Bauern des Oberlandes ihren hartnäckigen
Widerstand gegen die Neuerungen geradezu damit begründeten:
«die rechten hem und alten stök sind noch uf unser siten _, die
alten rechten Berner stök und hem sind nit dran » (279). Aus der
Fülle dieses Geistes, der das alte Bern glücklich regierte, schöpfte
auch unser Dießbach ; er verband in seiner Person ideal die weise
Staatskunst seines Blutes und Familientums mit der religiösen Kunst
seiner Gesellschaft; so konnte er der religiösen und kulturellen
Bewegung in Österreich vor und um St. Klemens, so auch dem katho¬
lischen Herrscherhaus der Leopold und Franz etwas sein und bleiben,
ein weiser Ratgeber im Leben und ein seliger Patron vor dem Throne
Gottes. Wenn Bischof Räß berichtet, man habe Dießbach das Bistum
Lausanne angeboten, so mag man auf den ersten Blick bedauern,
daß dieser Mann nicht in die Lage kam sein Staatsmannisches und
kirchenpolitisches Genie zu entfalten. Wer jedoch tiefer zusieht, muß
sich freuen, daß Dießbach seinen Geist und seine Ideale in Jüngern
sammeln und aufspeichem durfte, ohne sich vergeuden und aufreiben
zu müssen in oft zweckloser Politik, und daß er dadurch gerade umso
tiefer auf einzelne Persönlichkeiten zu wirken verstand, je unsichtbarer
und unscheinbarer diese Wirkungsweise in den Augen der Mit- und
Nachwelt sich zeigte. Dießbach war es nicht vergönnt, greifbart
Erfolge seiner Mühen zu erleben, ganz wie Hofbauer, der am Tage, da
der Kaiser das Dekret, die Einführung der Redemptoristenkongregation
in Wien betreffend, Unterzeichnete, starb. * Vielleicht daß auch Dießbach
wie sein Jünger um diese Gnade des Himmels zu flehen den Mut hatte,
nämlich arbeiten zu dürfen im Weinberge Gottes, ohne ernten zu
müssen, säen zu dürfen, die reifen Früchte aber andern überlassen
zu können. « Bisher habe ich nichts als Spott und Verachtung erfahren,
und jetzt erwarten mich Ehrenbezeigungen, diesen möchte ich gerne
entgehen. » (426). Nicht diejenigen sind die besten, die am lautesten
wirken und deren Namen die Winde, gar erst die Stürme der nächsten
Jahre vielleicht schon wieder verwehen, sondern die anderen, die man
oft erst nach Generationen « entdeckt», weil sie während ihres Lebens
in der Stille zu wirken sich begnügten, dann aber wiederfindet nicht als
Fremde, sondern als alte Freunde, die man schon immer nahe gefühlt,
1 V. 244.
* P. Hofer, 431.
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— 293 -
deren Namen nur verschollen waren. So gehts dem Österreicher mit
P. Dießbach; wir spüren ihn hinter allem, was sich an P. Hofbauer
knüpft, und was knüpft sich in diesen Landen nicht an P. Hofbauer;
er ist uns als der Lehrer und Meister Hofbauers kein Fremder, sondern
ein lieber Freund, den wir wiederfinden durften gerade zur rechten
Zeit, auf daß er auch unserer Generation und allen Kommenden sei
ein seliger Patron im Himmel.
Beilage 1.
Memorandum Dleflbachs an Leopold II . 1
« Vous venez, Sire, de prendre en main les ränes d’une Monarchie
Puissante, mais 6branl6e dans ses fondemens, impliqu6e dans une guerre
coüteuse, et m£nac6e d'en voir 6clöre une autre bien plus difficile au moment,
oü peut-€tre la Dignitä de Chef de l’Empire vous 6chappe, et que quelques-
unes de vos belles Provinces se sont soustraites 4 Votre Domination. Mais
aussi d’un autre cöt6 les cceurs de vos Sujets volent au devant de vous,
tous vous accueillent comme un Pöre, comme le Restaurateur futur de
leurs pertes, et comme un ange de paix, sous le sceptre duquel on cesse
de toüjours craindre, et on recommence 4 goüter les douceurs de l’esp6rance
d’un avenir plus heureux. Les cceurs 6toient ulcerez, l’indignation 6toit
montee 4 son comble, on laprovoquoit par des nouveaux rdglemens döplacez,
et violens ; la r Evolution commencäe dans le Brabant alloit devenir generale ;
votre venue a toute arröte, remplirez-vous les vceux des amis de la Patrie ?
Tout l’annonce, votre douceur, votre affabilite, votre 6quit6 naturelle,
rexperience, que vous avez d 6 j 4 acquise, la prudence, qui dinge 6videmment
toutes vos premidres dämarches. D 6 j 4 vous vous 6tes sagement attach6 la
Noblesse, le ressort principal de la Monarchie si volontairement m6connü,
et neglig6. D 6 j 4 les Peuples des Provinces que vous avez travers6es,
raccontent 4 l’envi tous les traits de Sägesse, et de Bont6, qu’iLs ont remarqu6
en vous, et bientdt celui de la Capitale quoique moins sensible, et plus
raisonneur va suivre la möme pente, et se rapprocher de son Maltre. Vous
sauvez encore, on l’espere, arröter 4 tems le cours, ou du moins les effets
des operations ennemies du Cabinet de Berlin, et reprendre la consideration
et l'ascendant, que les Monarques vos Ancätres s’6toient aquis depuis
plusieurs sidcles en Allemagne. On espäre, que le Hongrois desarmä par
votre 6quit6 n’excddera point dans l’ardeur de son Patriotisme les justes
bornes d’une r6clamation legitime. On espÄre, que l’ordre, et la soümission
seront retäblies, ou maintenuSs dans toutes les Provinces de vos 6täts
par les justes 6gards, que vous avez pour les Droits de chacun de vos Sujets.
1 Staatsarchiv Wien, Kaiser Franz Akte, 150 (Projekte) : Memoire d’un
Jesuite 4 S. M. pour rätablir les Jfesuites et contre les Jans^nistes (vom
30. September 1790).
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- 294 —
Oui les Flamands memes seront peut-etre encore ramenez par l’impression
puissante, que votre 6quit6 est capäble de faire sur leurs coeurs, si au
sortir de l'agitation extreme, k laquelle ils se trouvent livrez maintenant.
ils seront les Maitres de disposez d’eux-mßmes. Du moins leur exemple
ne sera-t-il plus contagieux pour les autres Provinces ; car ou les M6contens,
qui s’y trouvent, cesseront d’etre tels, ou ils seront opprimez, et confondus
par le Sentiment universel d’attachement, qu’on ne pourra refuser ä ur.
Souverain si 6 quit 4 ble.
Qu’une paix honorable, et n6cessaire 4 l’ex6cution de vos vues de bien-
faisance vienne encore mettre le comble k la satisfaction de vos Peuples.
on vous en benira, mais on n’en sera pas surpris. Que n’espere-t-on pa>
de votre Sagesse, et de vos vertus ?
II n’est, Sire, qu’un seul doute afBigeant, mais il en est un, qui a.i
milieu de tant d’apparences flatteuses, et si bien fond6es peut encore
r 6 p 4 ndre l’amertüme, et la döfiance dans l’esprit, et dans le cceur d un
trös-grand nombre de vos Sujets. Ces Sujets sont les Catholiques, et ce
doute concerne leur Religion. II est n6 dans mon esprit, et il d6chire mon
coeur. Permettez, 6 Monarque, que je vous en expose bri6vement et 1 «
motifs et l’importance dans cette humble adresse. Puissiez-vous le detruire.
Votre esprit scrutateur des veritez utiles k vos Peuples semble les rechercher
particulierement dans ce moment avec une ardeur bien 6difiante ; c’est ce
.qui m’enhardit k vous presenter cet 6crit. Nulle vue quelconque d’aucun
interßt humain ne me le dicte ; mais je veux avoir le bonheur d’^crire
pour la plus grande, et la plus juste de causes.
Prot6gerez-vous, Sire, le Jans^nisme dans vos nouveaux etäts :
Guerirez-vous les plaies, que l’Eglise y a re^ußs ? Voil 4 mon doute ; il
s’6tend k ce double objet; et voici les motifs, qui le fondent. A mesure
que je les exposerai, l’importance de. la chose se fera sentir d'elle-meme.
C'est depuis peu, Sire, et sous votre Rögne en Toscane, que l’Italie
6 tonn6e a vu pour la premiere fois dans son sein le Jans6nisme, qui y
rampoit cy-devant foible, et dans les t^nöbres, 616 ver tout d’un coup sa
tete altiÄre pour attaquer l’Eglise jusques dans son centre, et y insyltcr
sous les murs du Vatican son chef. Des S6ctaires passionez ont os6 enseigner
ouvertement k des Peuples catholiques, qui les repoussoient en vain, des
Doctrines aussi solennellement, que justement condamn^es par l’autorite
lögitime, et sous pr6texte de retäblir l’ancienne Discipline, on a enfreuit
non seulement toutes les loix de la Prudence, qui doivent diriger de sera-
blables operations, mais mSme celles de la Justice en introduisant une
insubordination r6elle envers le Pasteur Supreme du Troupeau de Jesus
Christ.
Vous le savez, Sire, si la Religion en est 6branl6e, si les esprits son
aigris, si l’autorit6 de Rome est combattue, et si la bonne foi des Peuples
est troublöe dans sa croiance. Cependant tous ces maux continuent encore,
et ils sont n6s, et ils se son multipliez sous vos yeux, sans que vous en
ayez arret6 le cours.
Il paroit, que c'est l’effet de la persuasion, oü vous 6tes de la droiture
des vues de ce Parti, persuasion infiniment a craindre pour nous daus un
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4
caractöre aussi dstimible, que le Vötre. A la face de toute l'Europe vons
avez protögö les auteurs de ces mau*. A quoi donc devons nous nous
attendre ? Protögerez-vous, Sire, sous ce nouveau Regne le Jansönisme
dans la Monarchie ?
Doute affligeant, et terrible ! Ah ! si nos craintes se röalisoient 1 Souffrez,
Monarque, que je vous le prödise ; Non malgrö toutes vos vertus, et votre
Sagacitö, et votre z 61 e pour le bien public, non, vous ne rendriez point vos
Peuples heureux. Ah ! Loin de nous, loin de nous, Sire, cette peste
de la Religion, et de tout bien .... Ah ! Pröservez-nous donc, 6 Grand
Monarque, daignez nous pr6server des accroissemens d'une hörösie si
pernicieuse ! que les ebnes de vos Sujets rächettöes par le sang d’un Dieu
vous soyent pröcieuses, ne chargez point le Vötre du compte sövere, que
vous auriez 4 rendre au Tribunal d’un Dieu, si vous souteniez des hommes
röfractaires 4 son Eglise, des Doctrines, qu'elle a irrövocablement con-
damnöes, et qui sont intrinsöquement si criminelles. Puissiez-vous, ö
Monarque, au milieu des grands soins, qui vous assiögent de toutes parts
sans avoir pü vous accabler, sentir vivement, que les objets, qui interessent
la Religion, sont plus grands, que tous les autres avec la möme proportion,
avec laquelle l’ötemitö s’ 61 öve au dessus de tout ce, qui passe : et puissiez-
vous sentir de mfime, que le seul parti, que vous avez 4 prendre sur ces
objets sacrez, est celui de soutenir de tout votre Pouvoir l’Eglise Catholique.
Je ne vous citerai pas les exemples funestes d’un Constance, d’un Valens,
d’un Zönon et d’un Anastase, qui par l’appui döclarö, qu’ils ont donnö
aux herösies, se sont faits des maux irröparäbles 4 eux-mömes, et les ont
faits 4 leur Peuples, mais ceux mfime d’un Heraclius et d’un Justinien,
qui avec des vuös moins döpravöes, et des proeödez moins violens se sont
cependant ögarez, ont de quoi faire craindre, et de quoi instruire tous les
Souverains, qui veulent s'ingerer dans les Döcisions de l’Eglise, et oublier
qu’ils ne sont que de simples bröbis dans le Bercail de Jesus Christ.
Je ne doute pas, qu’un Parti souverainement actif, intrigant, et
audacieux, qui environne actuellement la plus part des Thrones, ne cherche
pas tous les moiens, que sa sagacitö lui dicte, de vous envelopper dans ses
plans insidieux. Puissiez-vous le bien connoltre, et l’appröcier pour ce,
qu’il est. II est composö d’hommes, qui au fond n’ont d’autre interöt,
que leur interöt propre, ni d’autre Dieu que leurs passions, ni d'autre Oracle
que Voltaire, ni d’autre Paradise que le vain espoir d’ötre anöantis.
Ce n’est point exagerer que de dire, que ce Parti d'hommes irreligieux,
qui cherche actuellement 4 dominer en Europe, et nommöment dans cette
Monarchie est pret 4 favoriser selon les circonstances toutes les Religions
hormis la catholique.
II n'aime assuröment point Moyse, ni ses Rites antiques, mais il favorise
volontiers sa Nation ennemie de Jesus Christ, et il cherche 4 la laver, autant
qu’il le peut, de cet air de röprobation, que sa singularitö sinistre, et la
dispersion anarchique sans exemple sur la surface de la terre lui imprime
aux yeux de toutes les Nations policöes. Il y-a lieu de croire, qu'on accorde-
roit volontiers la tolerance au Mahomötisme, s'il s’en presentoit quelque
occasion avantageuse, et que ce fleau döstructeur de tant de belles Provinces,
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qui s’est attird l’anathdme des plus sages Politiques, n’ettraie point vos
nouveaux Penseurs. Ils seroient indulgens envers les absurditez mdmes
du Paganisme, si l’interet le plus ldger y concouroit ....
Avec la vrale Religion non ; il ne le peut pas. II ne fera jamais avec
eile aucune paix quelconque, ni de trdve, que par force. C’est son ennemie
naturelle, et dternelle. Le Catholicisrae avec ses motifs de crddibilitd. et
une idde juste de la Providence a les Droits les plus ldgitimes sur tous les
esprits dclairez, et vrais, son antiquitd, et son existence toüjour visible,
les prophdties, qui l’ont annoncd, les miracles, qui l’ont fondd et dilate,
les Martirs, qui l’ont cimentd de leur sang, les Saints de toutes les conditions,
qu’il a formez, et que lui seul pouvoit former par sa morale simple, et
sublime, les grands hommes, qu’il a produits, et qui l’ont cheri, et deffendu,
et la vigueur de sa Constitution, qui a passd, et passera encore sans aucune
alteration essentielle k travers les vicissitudes de tous les Sidcles, lui donnent
une autoritd trop imposante pour qu’on puisse la mdpriser sans folie-
En Suisse les Loix de Gendve, de Zürich, et de Berne contre le Catholicismc
sont d’une severitd outrde, et se maintiennent en vigueur, et gdndralement
il n’-y-a pas un seul pals Protestant, oü mdme purement par conscience
un homme convaincü puisse se faire catholique sans s’exposer aux plus
fortes persecutions domestiques, et civiques, tandis qu’on ne lui dira rien.
s'il se fait, et se montre manifestement Socinien, et Ddiste. Les exemples
qu’on peut citer, son certains, ddcisifs, et innombräbles. Voil 4 k quoi
va aboutir le grand Pandgirique de la tolerance, dont l'Europe retentit
d'un bout k l'autre depuis trente ans ....
Joseph Second n’dtoit ni un impie, ni un herdtique, mille traits certains
de sa vie, et sa mort le demonstrent. Ni les fautes de l'homme en lui, ni
celles du Monarque ne prouvent le contraire. Mal grd cela il a fait des plaies
profon des k l’Eglise, et elles saignent encore : Si son caractdre haut, et
impetueux, son esprit vif, mais inquiet, et son activitd extreme, si son
Emulation provoqude sans doute par le Roi de Prusse Frdderic Second,
et peut-dtre par le Czar Pierre le Grand lui a inspird l'envie et l’espoii
d’dtre Crdateur d’un nouveau sistdme, et s’il a malheureusement crü, que
plus il braveroit les Institutions des Sidcles passez pour se montrer ardent,
et constant dans ses innovations, tout cela ne l’auroit rendu que singulier,
mais il n’auroit point forcd le courageux Pie VI. k aller porter la Majest6
du Souverain Pontife devant une Cour, oü il savoit fort bien, que les Poli-
•
tiques, et les adulateurs en grand nombre ne l'auroient vü, que de l’ceil
jaloux, et malin de la critique. Ce qui a placd Joseph Second quoique
Catholique, et estimable k plusieurs titres, parmi les Princes, qui ont afflige
l'Eglise, c’est l’esprit dominant d'irreligion masqud d'une apparence de
reforme, qui pdndtra jusqu’ä. lui pendant qu’il formoit sa manidre de penser,
et qui l’a environnd, quand il a rdgnd. Il ne s’est point assez garänti contre
son influence. C’est le poison subtil des Livres impies, qui a coüld jnsqu ’4
lui, et contre lequel il n’a point dtd assez en garde, et ce sont nommdment
des Impies, et des Sdctaires habiles, qui sous les beaux prdtextes de ddtniire
des abus, et des prdjugez, ou de soütenir son autoritd, et d'introduire un
nouveau sistdme de Ldgislation, qu’il goütoit lui-mdme, ont sü lui faire
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297
adopter leurs plans, et leurs projets, qui au fond tendoient 4 dätruire la
vraie Religion, er en souvant seulement les apparences. Voil 4 au tan t que
je peux le connoitre les vraies sources de l’illusion d6ploräble, qui a rendu
le regne de Joseph Second funeste 4 l’Eglise.
II a pass6 rapidement ce Prince infortunö. L’Europe entidre l’a d 6 j 4
jug6 sur ses operations civiles, militaires, et politiques, qui tracent des
grandes 1690ns 4 tous les Souverains, qui sauront lire son histoire. Dieu
l’a d 6 j 4 jug6 dans l’ordre moral, et puisque sa main paternelle l’a visit6
sur cette terre en renversant ses projets, et detruisant les oeuvres de ses
mains, puis-qu’il lui a fait boire lentement, mais cependant avec des senti-
mens de Religion le calice de l'humiliation, et de la douleur, et de la mort,
de l’abandon des Cr6atures, et des terreurs de l’6temit6 imminente, on ose
esperer pour lui. II est mort dans la communion de l’Eglise, et muni de
ses Sacremens : mais malheureusement les tristes effets de maux qu’il a
causö 4 la Religion, subsistent : et plus malheureusement encore les auteurs
de ces maux, et ceux, qui pensent comme eux, vous entoürent vous mörae,
ö Monarque, de toutes parts, et ne desirent que de les perpetuer, et de les
aggraver sous d’autres pr6textes, dont leur Politique est f6conde. Con-
fondez-les, ö Säge Leopold, ces Politiques pervers. Ni la conscience, ni les
vrais interßts de Votre Couronne ne vous permettent de les seconder.
Souvenez-vous. que le Sang Autrichien coule encore dans vos veines,
et les mämes moiens d’un Catholicisme pur, d6cid6, et ferme, qui ont attirö
sur vos pieux Ancötres tant de benedictions sensibles du Ciel, pourront
encore les attirer efficacement sur vous.
On cherche 4 vous soulever contre le Successeur de St. Pierre, et
cependant si vous dßtruisiez dans l’esprit de vos Peuples cette juste soü-
mission, qui est duß 4 cette autorit6 sacr6e, vous feriez et 4 eux, et 4 vous
un mal irr6paräble dans l’ordre moral. Si le centre de l’unit6 pouvoit fitre
6branl6 dans l'Eglise, dans le moment mßme eile tendroit 4 sa dissolution ;
or c’est l'ebranler par rapport 4 vos Peuples, que de rabaisser au point,
oü on l’a fait, l'autorit6 du Pape. Ne prenez donc point le change,
6 Monarque, l’objet est trop important.
Henri VIII. n’a jamais express6ment attaqu6 d'autre dogme, que
celui de la Primaut6 du Pape, et cependant il a frai6 le chemin aux autres
erreurs sans nombre, qui introduites ensuite sous la minorit6 d’Edouard.
et affermies rous le regne d'Elisabeth pervertirent enfin sans retour tout
le corps de la Nation de cette isle faraeuse, jadis la Patrie des Saints_
L’autorit6 du Pape est legitime, eile sera toüjours r6spectAble aux yeux
de tout homme säge; eile 6mane imm6diatement de Jesus Christ : nul
homme vraiment Chr6tien n’y donnera atteinte.
Mais c'est peu de n’y pas donner atteinte, pourquoi laisser outräger
la Maj6st6 v6neräble du Pöre commun des Chrßtiens par ces imitateure
de Cham, dont l’insolence maligne cherche 4 le rendre m6prisäble 4 leurs
frdres. Dieu nous commande d'honorer le Pöre ; et le Monarque ne remplit
point 6xactement ce pr6cepte, lorequ'il n’arrßte pas, s’il le peut, les efiorts
d’une Cabäle, qui insulte, et d6chire sous ses yeux celui, que Dieu nous a
donn6 4 tous pour Pasteur, et pour P6re. Ils se donnent pour Reformateurs
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de l’Eglise : eux, qui n'ont aucune mission pour cela, eux, qui auroient
un besoin extreme de se reformer eux-memes, et qui sont condamnez
d’avance par la rdgle, que nous a donn6e Jesu Christ, puisque le mauvais
arbre de leurs projets ne porte que des fruits empoisonnez d’insubordination.
d’erreurs, et de scandales. Ils ne cessent de d6clamer contre l’autoritl
de Rome, et cependant ils s’attribuöent par le fait I’infaillibilitö, qu’ils
refusent au Pape uni k tout le corps de premiers Pasteurs ; eux hommes
de Parti, ou impies aveuglez par mille erreurs, ils sont toüjours a les entendre
les Deffenseurs n6s de la verit6. Envain Dieu a deffendu aux Souverains
de mettre la main k l’encensoir, ces S6ctaires, et ces Politiques irreligieux
vous y invitent. Ils vous offrent, 6 Monarque, des Droits sacrez, dont
ils ne peuvent disposer, et dont vous ne pouvez user sans säcrilöge, et sans
violence. Ils veulent mettre sous vos pieds la Tiare, et r6unir entre vos
mains la Crosse ou Sceptre, mais ce n’est, que pour abattre l’Eglise, et
s’ils parvenoient eux au d6gr6 d’autorit6, oü ils aspirent, vous seriez oblige
de plier vous-müme la tete sous leur joug-
S’il ne nous a point cr6ez au hazard, et s’il ne nous a point placez
sur cette terre pour que nous errassions librement, et sans cons6quence
chacun de nous au gr6 de ses desirs ; si nous existons pour une fin d6termin£e,
et surnaturelle, et si les moiens, qui doivent nous y conduire, le sont, si
cette fin est si importante aux yeux de l’etre Supröme, que lui-meme par
un mistdre, qui frappe d’6tonnement tout esprit cr66, et attentif, n’a pas
d6daign6 de se rävütir de notre chair morteile, et d’expirer pour nous sur
une croix, ah 1 la Religion, qui nait d’un tel ordre de Providence, et l'Eglise.
qu’un Dieu Sauveur s’est acquise par son sang, l’interessent n^cessairement
trop, pour qu’il ne demande point un compte severe de l’appui, que leur
auront donn6, ou refus6 ceux, qui on pü, et dü les prot6ger. Lui ce grand
Dieu, qui jugera nos Justices, est le meme, qui a dit k ses Apötres, celui.
qui vous 6coüte, m’6coüte, celui, qui vous m6prise, me m^prise, il a dit,
c’est sur cette pierre, que je bätirai mon Eglise, pais mes Br6bis, et il a dit,
celui, qui ne croit pas, sera condamnä. L’impie, que sa malice guide avec
un bandeau sur les yeux k des suppliges Stemels, peut se möquer de sem-
blables m6naces, le S6ctaire peut chercher k les 61 uder par ses sophismes,
l’indolent esclave de la volupt6 peut pour ne poiqt y penser se plonger
dans la funeste 16 thargie du vice, mais le Chrütien säge, qui sait appr&ier
un Dieu, et les devoirs, qu’il nous impose, une 6ternit6 inevitäble, et les
rögles de prudence, qu'elle nous pr6scrit, deviendra certainement un catho-
lique z 616 pour sa Religion, et dans votre cas, 6 Sage Leopold, il en sera
le Deffenseur.
Voiez seuleraent k quel 6tät Votre Monarchie est reduite dans l'ordre
religieux, et moral, et vous sentirez combien il est n6cessaire d'arreter
le cours ulterieur des maux, qui l’accablent. Une tolerance outree, et
d^plac^e a confondu les id6es d’un Peuple autrefois simple, mais fidile,
et eile lui a inspirö de la d^fiance de sa simplicit6, et de sa fidelitä meme
k la Religion de ses Päres, lorsqu’il a dü voir tout d’un coup, et gratuitement
les anciens ennemis de sa foi, les enfans d’un Luther, et d’un Calvin mis au
niveau avec les enfans de l'Eglise, et le culte her6tique avec le Saint Cult
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Catholique. La licence de la Presse, et celle du commerce tipographique
sont venuös en meme tems armees de tous Ies mo'iens infames, mais puissans,
qui sont de leur ressort, justifier, et agraver cette persöcution faite k la
vrale Religion. Les livres des impies, et des Sectaires ont inondö Vienne,
oü ils se vendent encore en trös-grand nombre, et librement, et publique-
ment; et d’oü ils vont infecter tout le reste des ötäts autrichiens.
Les vrais principes de la Religion sont öbranlez dans l’esprit d’un grand
nombre de ceux, qui se disent catholiques. L’autoritö de la foi est affoiblie
k leurs yeux, il regne dans leur esprit un certain doute vague, qui ne peut
subsister avec une foi divine. Le vrai culte de Dieu est donc diminuö en
tout sens, son saint nom est blasphömö, et par contre le luxe raffinö, les
plaisirs sensuels, et les goüts voluptueux, et un esprit de libertö armö de
mille sophismes contre tout ce, qui le gene, rögnent. Le cölibat vicieux
s'est extremement multipliö, et il a multipliö le nombre de ces malheureuses
cröatures avilies, qui söduites au commencement finissent par devenir
k leur tour les söductrices de la jeunesse. Un ton döpravö regne dans le
plüpart des Sociötez, l’infidelitö dans les Mariäges, et une molesse habituelle
dans la maniere de vivre, l’interet, l’usure, et la mauvaise foi, et la duplicitö
dans le commerce de la vie, et dans les contrats, le manque d’önergie pour
tout ce, qui n’est que pure vertu, et le döfaut d'application• k remplir les
devoirs de la vie civile, dez qu’on n’est pas surveillö, et qu’on n’a pour*
tömoin, que l'ceil de Dieu, qu’on ne redoute plus, regnent. L’Egoisme
en un mot, et toutes les passions, dont il est l’escläve idolätre, ont fait
sous les drapeaux de la Philosophie, et de la tolerance les plus funestes
progrez dans cette vaste Monarchie.
Or de tels maux, 6 Säge Löopold, exigent de grands römödes. J’ignore,
si la Politique peut vous en foumir, qui solent suffisans pour vous prö-
cautionner contre les contrecoups, que comme Souverain vous avez k
en redouter dans l’ordre des choses humaines. Mais ce, qui est certain,
et susceptible d’une dömonstration, c’est, que dans l’ordre de Dieu, et
relativement k votre conscience vous n’avez d’autre römöde efficace k
opposer k ce torrent de maux, si non celui de retäblir la veritable Religion
dans tous ses Droits, de lui rendre une entiere libertö, et d’accorder une
sage protöction k l’Eglise Catholique Romaine, qui en est la seule Döposi-
taire et l’Interpröte lögitime.
Je parle peut-etre avec trop de libertö k un Grand Roi, mais je ne
crains point de vous offenser, 6 Monarque, parceque je sais, que votre
Caractöre personel vous engäge ä aimer les veritez utiles, et que celles,
que je vous represente, le sont. Je respecte d’ailleurs sincerement et le
haut rang, oü Dieu vous a ölövö, et vos vertus, par lesquelles vous l’omez
encore. Je parle en faveur de ma Sainte Religion, et de la Vötre aujourdhui
si outragöe ; et si je me sers de quelques expressions fortes, ce n’est point,
que j'oublie ce, qui vous est dü, ni que je veuille m’arroger le ton de dicter
des döcisions, mais c'est parceque la forte persuasion, qui uniquement
m'engäge k öcrire, n’admet gueres un langäge, qui exprimeroit trop foible-
ment ce qu’elles sent.
Loin de nous donc, 6 Roi Löopold, l’influence des Impies, loin de nous
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celles des Söctaires. Point d’impies, point de S6ctaires sur nos tetes. Xe
laissez plus g£mir la vraie Religion sous les coups, que ces ennemis insidieux,
et cruels lui portent arraez de l’autoritö publique. Point de Nöckers Republi-
cains pour Ministres, si vous ötes Roi; point de Nöckers Calvinistes pour
arbitres de la Religion des Catholiques. Oh ! puissiez-vous nous rdgir
par des hommes, qui unissent l’integritö de la foi avec talens, et qui craigpnant
Dieu vous servent fidellement, mais sans d6triment de la Religion avec
l’attachement, qu’inspire une conscience droite. Tout n’a pas flöchi le
genouil devant Baal, et de semblables hommes existent encore pour vous,
si vous le voulez.
Soütenez par votre autoritö (c’est le vceu de tous les .vrais catholiques)
celle du Saint Siöge. II n’-y-a qu’une union reelle, et constante avec le
centre de l'unitö, qui präsente une voie süre de salut. Vous vous devez
4 vous, et k vos Peuples de la suivre, faites donc preter la soümission con-
venüble aux Döcrets Apostoliques, sans qu'on ose en exc^pter la Bulle
Unigenitus, et imposez silence aux R6fractaires. La cause est finie sans
retour, Dieu veuille, que 1 'erreur finisse, et en attendant on doit lui soü-
traire les alimens, qui le perpetüent ....
Mais la libertö de la Presse, et le commerce tipographique exigent
encore une reforme bien plus exacte. L’Impie n’en veut aucune, le Söctaire
ne la veut, que partielle, le faux Politique ne la veut qu’apparente, le
Souverain Chretien et Catholique la fait röelle, et entiöre. Le bien, et le
mal moral existent, la vertu et le vice ne sont pas de vains noms, les
sophismes peuvent £garer notre foible raison. Le langüge des passions
peut söduire notre foible coeur, il faut donc un frein k l'introduction, et
k la circulation des mauvais livres. Ce n'est pas le tout. Dieu nous a donne
une Religion, qui porte l’empreinte de sa main adorüble ; un interprete
infailhble de cette Religion ; un culte interieur, et exterieur pour moiens
de salut, et l’öternitö pour terme. II nous a commandö de nous conformer
k cet ordre de Providence; tout ce, qui s’y oppose, et ce, qui sollicite effi-
cacement l’homme k y contrevenir, doit donc 6tre considerö comme un
mal d'un ordre superieur k tous les interßts purement humains, et reprim6
comme tel par tout Souverain, qui professe la veritable Religion, et qui
croit sincerement, que Jesus Christ le jugera inövitablement un jour.
Voila la rögle invariable, qui doit proscrire de tout etüt Catholique bien
administr6 tous les öcrits contraires au Catholicisme, et aux bonnes mceurs.
Si les circonstances contraires k l’application de ce principe ne permettent
pas, qu’on le mette immödiatement en exöcution, eiles prouvent d’autant
plus la nöcessitö du r6m6de. Et quel devoir de conscience plus stricte
y-a-t-il pour un Souverain, que celui d’abolir le plütöt, qu’il est possible,
les scandales pubhcs, et sur tout lorsqu’ils tendent ä dötruire, ou k älterer
la vraie Religion ? .... Les scandales sont döj 4 6videns, trös-grands,
innombräbles, et ils tendent directement, ö Roi Apostohque, 4 la perversion
rehgieuse totale des Peuples de votre vaste Monarchie. II faut donc chercher,
et emploier efficacement, et au plütöt les moiens capübles d'arröter dans
sa course ce torrent döbordö ddstructeur de tout bien.
Le premiere dömarche indispensüble pour cela est sans doute celle
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d’ 61 oigner de toute administration en ce genre ceux, qui en ont d6jä abus6,
et principalement ceux, que la voix publique de tous les gens de bien vous
a d6jä d6sign6s, et ne cessera de vous indiquer corarae des D6spötes Litte-
raires Corrupteurs de la Religion, qui eraploie tour-ä-tour contr'elle et
le bei esprit de Voltaire, et les ruses hypocrites des Jansenistes, et l’autorit6,
qu’on leur a malheureuseraent confi^e. Sans ce präliminaire indispensäble,
ö Säge Leopold, vous batiriez sur le säble tout projet quelconque meme
le plus utile pour la Conservation de la foi. II faut ensuite surroger ä ceux,
qui occupoient si indignement cette place avec ses däpendances, des vrais
amis de la Religion, savans, et säges, qui veuillent, et sächant la faire
respecter. Ils doivent assuräment ätre moderez et discrets pour ne pas
exciter des räclamations legitimes ; mais il est encore bien plus essentiel,
qu’ils soient fermes ä ne se laisser äbranler ni par aucune vu6 d’interöt,
ni par aucun faux raisonnement, ni par aucune crainte quelconque au
point de permettre ou l'impression, ou l’introduction d'aucun livre dangereux
soit pour la Religion, soit pour les moeurs. Choisir des hommes de ce
caractäre, et les soütenir ä quelque prix, que ce soit, ce sera äläver la plus
forte barriäre, qu’il dopende de vous, 6 Monarque, d’avoir pour la süretä
de votre conscience sur ce point.
Allez plus loin, et aprez avoir fermä autant que le bras de l’homme
le peut, les sources empoisonnäes du mal, ouvrez celles du bien. Je sais
par la voix publique, que je parle ä un Prince, qui placä au premier rang
parmi les Mörtels, connoit cependant par lui-möme animä du beau desir
de s'instruire, ce que peuvent et le goüt de la lecture, et le choix des livres.
Faites donc agir en faveur de la Religion, 6 Säge Leopold, ces puissans
ressorts sur l’esprit, et sur le coeur des hommes. Que cette divine Religion
paroisse tout entiere dans son äclät aux yeux de quiconque veut s’instruire,
et avec l’enchainement des connoissances utiles, qu'ell a räpänduös sur la
terre, depuis l’enfance du monde jusqu’ä nos jours, en nous rävälant la
grandeur, et la däpravation de notre origine, et la grand reparation de nos
maux, et avec les preuves de la certitude absoluß des faits, qui l’ätäblissent,
et avec la saintetä cäläste de sa doctrine seule capäble de reformer tous
les coeurs dociles ä sa voix, et avec le sceau de Dieu, des Prophäties, et des
miracles, dont eile est munie, et ses milliers de Martyrs, et ses grand s
hommes, et sa propagation admiräble, et la Sagesse de sa Constitution,
et tous ses moiens efficaces de salut, par lesquels eile a fait germer constam-
ment les plus hautes vertus dans tous les lieux, oü eile a pü en däploier
la force. Cela peut s'obtenir par la moien des livres, et la lumiäre de la
veritä operera la conviction, le feu de Sentiment excitera ä la conversion.
II faut seulement faciliter la circulation de bons livres soit polämiques,
soit ascetiques, qui purs pour la Doctrine parlent des objets de la foi avec
la force, et avec la majestä du savoir, et du gänie, avec l'exactitude de la
Science, avec onction, et dignitä ....
Tout cela seroit cependant trds-peu pour un Monarque vraiment Chrätien,
si vous ne rendiez une libertä entiäre ä l’Eglise. Votre Religion et votre Sagesse
vous ont däjä dictä le fond de cette veritä, souffrez seulement que je fasse
quelques observations sur les consäquences legitimes, qui en derivent.
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302
C’est k Simon Pierre, k un P6cheur de la Galil6e et k quelques autres
hommes vulgaires k peu prez de la meme classe, que le Fils de Dieu a
confi£ expressement avec le d£pöt des v£ritez de la foi, et l'Apostolat le
gouvernement de son Eglise. Ni la conversion de Constantin le Grand
k la foi, ni le Christianisme de ses Successeurs ne changerent rien, et ne
pouvoient rien changer k cette Constitution 6täblie par Jesus Christ. Et
si l’Eglise reclama souvent l'assistance de leur bras puissant, et si eile les
d£cora du titre de ses Prot6cteurs, ce fut simplement pour £tre deffendue
par ses enfans contre ses ennemis, et pour honorer ses Deffenseurs, mais
non pour partager avec eux une autorit£, qui lui a £t£e transmise inalienable.
.... Wicliff, et Hus, et plus clairement encore Luther, et Calvin furent
proprement les premiers, qui livrerent entidrement la Religion, et toute
l’autorit£, que son administration exige, entre les mains des Princes, et
en derniere analyse du Peuple. Cela £toit digne d’eux, et de leur sistöme.
Mais ce, qui porte avec soi une inconsequence frappante, et souverainement
odieuse, c’est, que des hommes, qui se disent Catholiques, cherchent k les
imiter. Ce sont des faux fr£res, des Politiques d£pravez, ennemis de notre
Religion, qui n’en portent le masque que par convenance. Ils ne voient
dans l’heritäge de Jesu Christ qu’un objet de traffic. Leur politique envisage
l’Eglise, comme une Province ennemie, qu’ils veulent conquerir, ou ravager :
et lorsque les Princes Catholiques, qu’ils entourent, ont encore trop de
religion pour adopter cette id£e, ils savent pallier avec sagacitö leurs
aggressions. Ce sont eux, qui ont rempli les Universitez, et les Academies
de la Monarchie de Professeurs impies, ou S6ctaires, qui r£v£tus du manteau
de l’autoritö ont souffl£ de toute part le poison de leur doctrine. Ce sont
eux, qui veulent gouvemer par des Th£ologiens mercenaires les Successeurs
des Apötres, et qui leur aient arrach£ l’6ducation de la jeunesse ecclesias-
tique, ont sü r£vetir de couleurs specieuses aux yeux de Joseph Second
l’entreprise la plus injuste, et la plus pemicieuse, que depuis le regne de
l’Apostät Julien on alt tram£e dans aucun etät Catholique- Quelle
injustice peut-il-y avoir plus manifeste, que celle de d£poüiller l'Eglise
Catholique du Droit inherent, qu’elle a comme Soci£t£ religieuse de se
choisir parmi ses enfans pour Ministres de son culte, ceux, qu’elle y juge
propres, tandis qu’on laisse en meme tems exercer pleinement ce Droit
en paix, et au Juif mSme, et k l’her£tique, et au Schismatique.
Ah 1 Brisez, ö Säge L6opold, ces chaines indignes. Eloignez de vos
Universitez, et de vos Academies tous les Professeurs, qui ont enseigne
des Doctrines condamn£es par l'Eglise, et que ceux, qui seroient tentez
de les imiter, sächent, qu’ils ont k craindre la juste animadVersion de l’Epis-
copat, s’ils s’6cärtoient de leurs devoirs.
Puissant Monarque, daignez 6coüter ma foible voix. Excitez, et
favorisez de semblables entreprises, vous aurez procur£ k vos Peuples,
en Roi vraiment Catholique, les plus vrais, les plus grands de tous les biens
la paix de l’Ame, l’amour vif, et permanent de la vertu, l’esp6rance legi¬
time d'un bonheur £temel.
Je dois seulement encore ajouter que pour perp£tuer les effets salu-
taires .... il est indispensäble, que la religion, et le zdle de Votre Maj£ste
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303
s’attachent ä multiplier le Clergö sur tout Regulier trop döchü pour le
nombre dans vos vastes 4täts. Sans une fröquentation convenäble des
Saints Sacreraens la pi 6 t 6 du peuple ne se soütient point, et sans un nombre
convenable de Religieux, qui pretent la main aux Pasteurs ordinaires
(nombre, qui bientöt n’existera plus dans votre Monarchie) cette fröquen-
tation devient moralement impossible. La suite de mes idöes m’y a
conduit, j’en sens toutes les consöquences, mais n’importe, je sais, que je
parle ä un Monarque öquitable, l’amour seul, que Dieu me donne pour sa
Religion, m’anime. Je vais manifester le dernier de mes voeux, qui embrasse
tous les autres, je vais le dire, Puissant, et Sage Löopold, rötäblissez les
J4suites ....
J’ai vöcu pendant prez de 16 . ans parmi les Jösuites, j’y-ai-vü de
grandes vertus, et je n’y-ai point vü de vices. Quelle puretö de mceurs n’y-
ai-je pas admir4 mille fois dans nos Religieux, quelle pi 6 t 6 sincere, quelle
application ä l’ötüde, que de vraie Philosophie. Inviolablement attachö
au Catholicisme, et aux loix de la conscience le Jösuite les soütenoit au
prix de sa tranquillit4, et de sa vie. Mais dez que ces devoirs sacrez ötoient
remplis, il ötoit doux, et affäble, et bienfaisant envers tous les hommes.
Je ne suis point surpris, qu’un tel corps caract6ris4 d'ailleurs par une
administration säge et ferme, par l’ordre, et par la döcence, par un esprit
distinguö de z41e, et de couräge, ait dans l’espace de moins de deux siöcles,
et demi pü donner k l’Eglise des Xaviers, des Borgia, des Regis, des Louis
de Gonzague, des Stanislas Kostka, et des troupes de Martyrs, qu’il ait
allumö le flambeau du savoir, et le feu du gönie sous les auspices de la
Religion, qu’il ait arret 6 longtems comme une forte digue le torrent des
herösies, et de l'impiötö, qu’il leur ait arrachö des milliers de victimes,
et sanctifiö par les plus hautes vertus de milliers d’äraes g4nereuses, qu’il
ait ötendu le regne de la foi dans l’Affrique, et dans l’Inde,-en un mot
qu'il ait fait rötentir d’un Pöle k l’autre dans les deux hömispheres au prix
de mille travaux surmontez avec une constance invincible la gloire du nom
adoräble de Jesu Christ.
Ah ! Rötäblissez, 6 Monarque, un tel Institut dans vos ötäts, foumissez
un moien de salut si puissant k vos Peuples, d’ödification k toute l’Eglise.
et de consolation k tant d’ämes vertueuses, qui le desirent ardemment,
C'est une entreprise vraiment digne de votre Sägesse, et qui fralera le
chemin ä toutes celles, que j’ai os 6 vous proposer. Si au milieu du tour-
billon des grandes affaires, qui vous environnent, et des grands soins, qui
vous assi£gent de toutes parts, cet 4crit peut parvenir jusqu’ä vous, et
exciter votre attention, il vous presentera quelques veritez peu goütöes
aujourd’hui par les Grands de cette terre, mais qui n’en sont ni moins
certaines pour cela, ni moins importantes.
Lorsque l’öclair de cette vie perissable aura disparu pour vous, et
pour moi, lorsque le cours rapide, et irrösistible du tems nous aura trans-
portö dans l’inövitable, et immense öternitö, lorsqu’ä la lumiere de Dieu
nous verrons avec ötonnement ce grand, ce nouvel ordre immuäble de
choses, qu’une foi obscure, mais divine nous annonce maintenant, ces
veritez subsisteront, et eiles brilleront dans tout leur jour. L’övidence,
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avec laquelle nous verrons alors, et toute la caducit£ des biens de cette
terre, et la Maj6st6 ineßäble d'un Dieu, et la grandeur des recompenses
6temelles, qu’il donne, et des peines 6temelles, qu’il inflige, nous montrera,
qu’il n’y-a de vrai bonheur pour l’homme, que celui d'ßtre un membre
vivant de l’Eglise de Jesus Christ seule Döpositaire de l'autorit6 Divine
Leopold, consiste donc a appröcier maintenant ces veritez, conune eiles
meritent de l’ötre. Que sert-il k l’homme de gägner le monde entier, s’il
perd son Ame.
Beilage 11.
1764, die martis ai« Augusti. Advenit heri Friburgum ex provincia
Mediolanensi M. Diesbach, audit. theol. i®» anni, Bernensis, antea Acatholicus,
et centurio sub legione pedestri regis Sardiniae. — Die veneris 34* , M. Dies¬
bach abiit in Torny ad illustr®»»® comitem de Diesbach ; die sabbati a 5 « rediit;
die lunae 27* iterum abiit in Torny; die veneris 3 i» rediit. Die mercurii
5 « septembris pransus est extra urbem apud d«*® comitissam d’Affry; die
jovis 6« prandium in urbe sumpsit apud illustr®“® D*»® comitem de Diesbach,
die sabbati 8 » inchoavit exercitia sacra pro sacerdotio. Die sabbati 23* rediit
M. Diesbach qui in praedio celsissimi nostri Episcopi SS. ordines subdiacona-
tus, diaconatus et presbyteratus acceperat. Die sabbati 39*, in festo S li Michaelis
Archangeli templi patroni, hora 8« officium, sub quo in ara Beatae Virginis
assistente R. P. Rectore (Alexandro Vonderweid) et ministrantibus duobus
magistris primam Deo hostiam litavit M. Diesbach ; idem postea finito officio
gallice ad populum dixit. In prandio duplex quadrante post 10*® ad mensatn
rotundam in refectorio positam accessere praeter nostros hospites externi duo
Illust®» D n » comites de Diesbach in Torny, ill« dn“« Fegeli, praefectus io
Monugny, et tres patres Galli. P. Rector et P. Diesbach tractati ut hospites in
coena, quae hodie fuit habita. — Die martis aa* octobris redit ante prandium
ex Torny P. Diesbach provinciae Mediolanensis. Die a 5 » discedit Lucernam
versus P. Diesbach inde prosecuturus iter Mediolanum provinciam suam
(Diarium collegii Sti Michaelis Frib. Helv. 1764, /.«* 276-380).
Praedium celsissimi D» Joseph-Nicolai de Montenach, episcopi Lausan-
nensis, erat in vico Russy, paroch. Dompierre, dit. Friburg. Ibidem exstat ad-
huc capella S t0 Nicolao dicata, anno 1731 a nobili familia de Montenach
fundata.
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Peter Girod
und der Ausbruch der Reformbewegung
in Freiburg.
Von Albert BÜCHI.
(Fortsetzung und Schluss.)
So war es in Freiburg bestellt, als Peter Girod sein Amt als Gericht¬
schreiber antrat. Daß es ihm als Anhänger der evangelischen Lehre
von Anfang an unheimlich sein und zusehends imgemütlicher werden
mochte, je mehr der Rat der Neuerung zu Leibe rückte, liegt auf der
Hand. So erklärt es sich denn auch, daß er es bei jeder sich bietenden
Gelegenheit vorzog, sich von Freiburg zu entfernen und so lange als
möglich fern zu halten, bis in der Glaubensfrage die Würfel gefallen
wären. Im Sommer 1521 wurde mag. Peter Girod vom Rate auserkoren,
die 200 Fl. Pension, die von der Erbvereinigung wegen Freiburg zukamen,
beim Seckeimeister von Zürich persönlich in Empfang zu nehmen
und den Gnädigen Herren zuzuschicken. 1 Es scheint also, daß er selber
von Zürich nicht nach Hause zurückkehrte, sondern, vermutlich in
amtlichem Aufträge, sich von dort auf Reisen noch weiter begab,
ohne daß wir wüßten, wohin. Ferner im Spätherbst 1523, als die Frei¬
burger unter dem Hauptmann Hans Ammann ein Fähnlein über die
Alpen führten, um den Franzosen zur Wiedereroberung Mailands
behilflich zu sein, wobei sie aber wenig Lorbeeren holten, da schloß
1 1521, Juli 4., beschloß der Rat zu schreiben : An magister Girons, daz er
die 200 fl. von dem seckelmeister von Zürich von der erbeinigung wegen in Zürich
erheben] und M. H. H. schicken in ein bleiseclen, St.-A. Freiburg, R. M. 39.
RKVl'E d'histoirs £ccl£siastiqiik SO
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— 3°6 —
sich ihnen auch Peter Girod an und erhielt dafür Urlaub vom Rate. 1 * *
Da es sich wahrscheinlich nur um Verstärkungen der bereits ahge
gangenen Streitkräfte handelt und uns die Nachrichten über dieses
Fähnlein Ammanns mangeln, so wissen wir auch nicht, welche Stellung
G. bei diesem Auszuge bekleidete ; doch dürfte er, falls der Auszug
überhaupt stattfand, bald wieder nach Hause zurückgekehrt sein. *
Endlich wird Girod im Frühjahr 1525 zum Feldschreiber ernannt
anläßlich eines Auszuges wider die aufrührerischen Bauern in Süd¬
deutschland, der auf Bitten Schaffhausens um ein getreues Aufsehen
vorbereitet, aber schließlich doch nicht bewerkstelligt wurde, da sich
inzwischen die Gefahr eines Einbruches verzogen hatte. *
Um diese Zeit muß sich Girod entschlossen haben, seine Stelle
in Freiburg mit derjenigen eines Ratschreibers in Bern, die ihm wohl
von seinen dortigen Freunden und Gesinnungsgenossen im Rate ange¬
tragen wurde, zu vertauschen und damit seiner Vaterstadt für immer
%
den Rücken zu kehren ; denn am 7. Juli 1525 sehen wir ihn bereits sein
neues Amt in Bern antreten. 4 * Dieser Wegzug ist so auffallend, daß
man nach einer Erklärung dafür sucht, und da in den zeitgenössischen
Quellen sich keine bestimmten Anhaltspunkte dafür finden, so bleiben
wir lediglich auf Vermutungen angewiesen. Bisher herrschte auf
bemischer wie auf freiburgischer Seite ganz unwidersprochen die
Meinung, daß der Glaubensstreit und die Verfolgung der Neugläubigen
durch den Freiburger Rat dazu die Veranlassung geboten hätten.
Die Freiburger Chronisten befassen sich nicht mit Girod und erwähnen
seinen Wegzug überhaupt nicht; auch Anshelm weiß hierüber nichts
zu melden. Die erste Andeutung findet sich verhältnismäßig spät
bei Daniel Ragor (1609), der schreibt, G. sei « von der Religion wegen»
nach Bern gezogen. 8 Dabei muß unentschieden bleiben, ob er sich
auf ältere Quellen stützt, ohne sie zu nennen, oder ob es nur seine
1 1523, November 19., M. H. H. haben meister Peter Gironis dem gericht-
schryber erloupt, mit heim Hansen Ammann houptmann zü ziechen mögen.
St.-A. Freiburg, R. M. 41. Vgl. über diesen unglücklichen Zug, der sich bis ins
Jahr 1524 erstreckte, Hottinger, Gesch. d. Eidgenossen, Zürich 1825, S. 131 ff.
* Die Freiburger Chronisten wissen von einem Auszug des Hauptmann
Ammann um diese Zeit überhaupt nichts. Ammann hat aber sicher teilgenommen
an dem Auszug, der am St. Bartholomäustag 1523 ausrückte unter dem Haupt¬
mann Wilh. Arsent, vgl. die Chronik Paillard, Anz. Sch. Gesch. V 218 und
Berchtold, Hist, du canton de Fribourg, II 148, Hottinger, 133.
■ Vgl. Eidg. Absch. IV 1 a 626 q. und Sulser, 4.
4 Sulser, S. xv.
• Ebda. S. 5.
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307
persönliche Auffassung ist. Ihm folgte dann ohne Vorbehalt Bücher
in seinem Regimentsbuch 1 * * wahrscheinlich aus dem 17. Jahrhundert
mit den Worten : « welcher von der evangelischen religion wegen gan
Bern zogen was ». Ohne Bedenken haben verschiedene neuere Frei¬
burger Historiker sich diese Auffassung zu eigen gemacht. *
Nim will Sulser dieses Argument nicht gelten lassen und gibt
sich alle erdenkliche Mühe, dasselbe zu entkräften. Daß Anshelm
des religiösen Momentes ebensowenig gedenkt als die gleichzeitigen
Freiburger Chronisten, spricht noch nicht dagegen. Vielleicht fand
man in Bern es ebensowenig geraten wie in Freiburg, an diesen Dingen
zu rühren, da jeder Ort in Glaubenssachen souverän war und gegenüber
den Andersdenkenden nach den gleichen Prinzipien verfuhr und in
Bern einem Katholiken das Verbleiben in einem Staatsamte ebenso
unmöglich war wie in Freiburg einem Evangelischen. Also war hier
kein Grund zur Beschwerde, sondern stillschweigendes, gegenseitiges
Einverständnis nach dem auch in den Schweizerorten geltenden Grund¬
satz : Cujus regio, illius et religio. Das weitere und für Sulser ent¬
scheidende Argument, die Ausweisung der Neugläubigen hätte in
Freiburg erst mit dem Jahre 1530 begonnen, widerspricht aber direkt
den Tatsachen und ist schon früher widerlegt worden. * Freiburg hat
durch sein Verhalten gegenüber den Neugläubigen seinen festen Willen,
diese nicht aufkommen zu lassen, unzweideutig an den Tag gelegt,
sodaß Girod durch eine Übersiedelung nach Bern wenigstens hoffen
konnte, von dort aus mehr für seine zurückgebliebenen Glaubens¬
genossen tun zu können, wie aus einer späteren Äußerung Wannen¬
machers an Zwingli hervorzugehen scheint, daß man auf Bern zähle. 4 *
Daß Girod in Bern keine günstigere Lage gefunden hätte 6 , ist auch
1 Ebda. S. 191, Anm. 34. Leider macht Sulser keine Angaben, von welchem
der verschiedenen Stadtschreiber dieses Geschlechtes das Regimentsbuch abgefaßt
wurde.
a Dellion, Dictionnaire des paroisses, VI 320 und 378, spricht sich darüber
nicht aus, ebensowenig [ Brasey] , Le chapitre de St-Nicolas, 149, dagegen zwar
etwas unbestimmt Heinemann, 77 und Zimmermann, Peter Falk, in, A., sowie
Fleischlin, a. a. O. S. 260.
* Vgl. oben, S. 19.
4 Wir hoffen, der Ber werde bald ein rechter evangelist, schreibt Wannen¬
macher an Zwingli am 29. August (1526 ?). Die ersten Herausgeber von Zwinglis
Epistolae datieren dieses Schreiben 1524, während die Herausgeber der neuen
Auflage es 1526 ansetzen, aber auch 1527 nicht ausschließen, s. Zwingli Werke,
VIII Briefwechsel II Nr. 523 bei Egli-Finsler-Köhler.
• Sulser. S. 6.
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— 3 <>$ —
nur scheinbar richtig. Obwohl dort eine Reaktion eingetreten war.
so wagte der Rat doch bei weitem nicht, mit der gleichen Härte gegen
die Anhänger der Neuerung einzuschreiten: die Klöster blieben
bevogtet, der Cölibat faktisch, wenn auch nicht gesetzlich aufgehoben;
es war vielmehr eine Periode vorsichtiger Zurückhaltung und unent¬
schiedenen Abwartens, aber nicht eines rücksichtslosen Einschreitens
von unbeugsamer Strenge. Das drohende Gespenst der an den Grenzen
brandenden Bauemempönmg zwang den Berner Rat zu dieser klugen
Kompromißpolitik und gegenseitigen Duldung für so lange, bis er
wieder die Hände frei bekam. Unter solchen Umständen mochte es
für Girod verlockend sein, der ihm in absehbarer Zeit sicher drohenden
Ausweisung durch freiwillige Übersiedelung nach Bern zuvorzukommen.
Daß dazu noch andere Momente, wie die ehrenvolle Beförderung und
das höhere Gehalt eine Rolle spielen mochten, will ich nicht bestreiten,
und ich gebe Sulser auch darin Recht, daß Girod freiwillig aus seinem
Amte schied; sonst wäre uns irgendwo ein Absetzungssbeschhiß
bekannt, wie bei den übrigen Ausgewiesenen.
Daß aber das religiöse Moment wohl der bestimmende Faktor
für seinen Weggang war, möchte ich daraus schließen, daß auch seine
Freunde und Gesinnungsgenossen im Laufe dieses und der folgenden
Jahre gezwungen wurden, Freiburg zu verlassen. Am 28. April 1525
war Konrad Schiffener «so gut Luterisch erfunden » mit 20 fl. und
Landesverweisung gebüßt worden. 1 Daß es gerade um jene Zeit,
als Girod seine Stelle aufgab, für die Neuerer in Freiburg nicht geheuer
war, geht aus einer vorsichtigen, aber doch deutlich erkennbaren
Anspielung im Briefe Kotters an Dr. Bonifaz Amerbach in Basel vom
23. August 1525 hervor, von dessen Besuch er bei Regenwetter eben
nach Frei bürg zurückgekehrt war, der nun schreibt: « es sie nit vü
luterisch gesin, sonder hab alle tag geregnet, damit alle wasser sind
trieb worden. » * Das will doch heißen, es sei um die Lutherische Sache
nicht gut bestellt.
Am 29. August (1526) berichtet Wannenmacher an Zwingli aus
Freiburg i. Ue. u. a.: «Es ist ein priester by uns, heißt d. Arnoldus;
1 St.-A. Freiburg, Ratsmanual.
* Bei Merian, a. a. O. S. 190, sowie bei Fluri, in Arch. B. Gesch. XVI 515.
Das wird von P. Gabriel Meier, Phrasen. Schlag- und Scheltwörter der schweize¬
rischen Reformationszeit, Zeitschr. für Schweiz. Kirchengesch. XI 223 dahin
gedeutet, er werfe den Freiburgern (M. schreibt irrtümlich Bernern) vor, sie
seien weder Luther (lauter) noch trüb, was den Sinn nicht richtig wiedergibt.
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— 309 —
ich mein, ir soltend in wol kennen. Der wil uns all reformieren und
regieren; er ist min gröster figend von wegen, daz ich güts von den
von Zürich und von üch red; er wolt mich für gmein Eidgnossen
citiert haben etc.; er persequiert die frummen brüder all etc. Wir
wolten gern wissen, wie er sich zü Zürich gehalten hab, daz er nit darf
wider dar kummen. Er klagt vast vil und löft den herren noch und
practiciert; man würt sin worlich bald müd ; wann die herren hands
nit gern etc. Hec aput te maneant propter fratres, quos odit et perse-
quitur. » Dieser Kaplan ist nach der Vermutung der Herausgeber
des Zwingli-Briefwechsels 1 * * Arnold Winterswyck, aus der Diözese
Münster gebürtig, päpstlicher Notar und früher als Sekretär im Dienste
des Kardinals Schiner, seit 1515 und 1520 als dessen Sachwalter nach¬
weisbar, der nach Schiners Tod in Zürich eine Kaplanei am Gro߬
münster versehen zu haben scheint, aber am 21. April offenbar wegen
Anhänglichkeit an den alten Glauben dort seinen Abschied erhielt
und dann nach Freiburg übersiedelte und hier die Anhänger der
Neuerung aufs schärfste bekämpfte. Er ist noch im folgenden Jahre
hier nachzuweisen, indem der Rat sich für Herausgabe seines in Zürich
liegenden Vermögens verwendet (16. Mai). 8 Aber es sollte noch
schlimmer kommen. Am 25. Februar 1527 wurde über die Anhänger
des neuen Glaubens wiederum die Strafe der Verbannung verhängt,
der Besuch der Lutherischen Predigt aber mit 20 fl. gebüßt. * Endlich
wenn auch verhältnismäßig spät, erreichte dieses Los auch seine
Freunde und Gesinnungsgenossen, so weit sie noch in Freiburg zurück¬
geblieben waren : Dekan Jean Hollard sowie Hans Wannenmacher,
Chorherr und Hans Kotter. Beide wurden «umbs glaubens willen»
am 12. Dezember 1530 ins Gefängnis geworfen, getürmt und gefoltert,
um ihre Gesinnungsgenossen zu erfahren, so daß selbst der Henker
mit solchen « biderben erenlüten » Mitleiden empfand, und mußten trotz
Fürsprache des Berner Rates, kaum dem Tode entrissen, Stadt und
Land auf immer verlassen und fanden im Bemischen Aufnahme und
neue Anstellung 4 * * * . Der Umstand, daß sie für « meineidig lüt geachtet »
wurden, dürfte die Annahme gestatten, daß sie, um der Vertreibung
1 Bd. II Nr. 523 (Werke VIII).
* St.-A. Freiburg, R. M. 44, 16. Mai 1527.
* Fluri, a. a. O. 516.
4 Anshelm, VI 516. Fluri, a. a. O. 516-17. In die Conceptionis [1530] hat
man den Wannenmacher mit Hans dem Organisten und her Hollard in gfengknus
gleit. Bald darnach gab man inen den eid von statt und land des Lutrischen
glaubens halb. Chronik Franz Rudella (Msc.).
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3io
auszuweichen, den obrigkeitlich geforderten Glaubenseid zwar geleistet
aber hernach nicht gehalten haben, und deshalb als Rückfällige und
wegen Meineids so hart bestraft wurden. Sie haben es aber den G. Hh
von Freiburg nicht allzusehr nachgetragen ; sondern zwei von
ihnen haben sich später noch in untertänigen Schreiben an den Rat
gewandt und um Begnadigung und Vergütung für rückständigen Lohn
gebeten, die ihnen freüich abgeschlagen wurden. 1 Auch Hollard ver¬
sicherte die Gnädigen Herren in einem Schreiben vom 3. Februar 1545
noch seiner Anhänglichkeit. 2 *
Das alles beweist meines Erachtens, daß es Peter Girod wohl nicht
besser ergangen wäre, wenn er in Freiburg geblieben wäre. Als Schreiber
mochte er aber die Gesinnung des Rates und den Emst der Lage der
Neugläubigen noch früher erkannt und richtiger beurteilt haben als
die beiden Chorherren und der Organist. Auch aus dem späteren Ver¬
halten der Verbannten zu Freiburg und seinem Rate läßt sich ent¬
nehmen, wie wenig Gewicht der von Sulser hervorgehobenen späteren
Anhänglichkeit Girods än seine Vaterstadt beizumessen ist, als Argument
dagegen, daß er nicht aus freien Stücken Freiburg verlassen habe. 1
Vielmehr spricht eine Äußerung Girods über Freiburg, die er im
August 1527 getan, als er schon längst in Bern niedergelassen war, und
die vom Freiburger Rate als abschätzig und sehr übel aufgenommen
wurde, direkt gegen eine solche und als schnöder Undank. 4 So dürfen
wir doch mit großer Wahrscheinlichkeit annehmen, Girod sei ein Opfer
seiner reliögisen Überzeugung geworden, und er sei, wenn auch nicht
formell, aus Freiburg verbannt worden, doch von dort weggezogen, um
diesem ihm drohenden Schicksale, von dem seine Freunde einige Jahre
später wirklich erreicht wurden, rechtzeitig zu entgehen. Er ist in
1 Vgl. J. Wannenmacher an Schultheiß Peter von Praroman, 9. Februar
und 22. August 1532, Dienstag vor Martini 1536 in Cod. Praroman, S. 294, 305.
195 ; ferner Hans Kotter an Peterman von Praroman, Freitag nach Ulrich 1531
und Samstag vor Quasimodo 1532, ebda. S. 179 u. 238 (St.-A. Freiburg). Ich
werde diese Schreiben demnächst mit noch andern aus diesem Cod. publizieren.
2 Cod. Praroman, S. 351, St.-A. Freiburg.
* Sulser, a. a. O. 8.
4 Nota, wie uff 12. Augusti a° 1527 minen herren ist fürkommen, wie Petras
Gironis mit red hatt lassen merken, daz wol zü verstan, das er ein besserer Strass-
burger dan Fryburger ist, wiewol man uff grund der red nit hatt mögen kommen.
Min herren beduret, so si im so vil gütz gethan hand und er aber inen hinder-
rücktz söllichs zu merken gitt. Ist mich von M.H-H. geheissen hierin ze
schryben, domit man immer daran gedenkt zu siner zitt. Ist uss dem manual
des vorgemeldten jars usstilget und hierin geschryben worden. St.-A. Freiburg,
Projektbuch S. 86 unter 1528, Legislation 54.
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- 3 11 “
dieser Hinsicht ein Vorläufer von Jost Alex geworden, der allerdings
erst etwa 6^ Jahre später wegen Äußerungen gegen die katholische
Religion nach Bern fliehen und sein Freiburger Bürgerrecht aufgeben
mußte. 1 Daß Girod trotzdem seiner Vaterstadt keinen Groll nachtrug
und mit dieser gute Beziehungen zu unterhalten suchte, gereicht
seinem Charakter zur Ehre, was für ihn aber auch um so leichter war,
als er in seinem neuen Wirkungskreise sich allgemeiner Achtung
erfreute und finanziell besser stellte, so daß er seinen Abgang nicht
zu bedauern hatte, während Kotter und Wannenmacher das Glück
hernach nicht gelächelt zu haben scheint, ja letzterer sogar in bittere
Armut geriet. In Freiburg aber trat mit dem Siege der Katholiken
bei Kappel (1531), der die Stoßkraft des evangelischen Bekenntnisses
gebrochen, und nach der unnachsichtlichen Austreibung aller Neuerer
und Verdächtiger ein Stillstand ein, bis die Tridentinischen Reformen
und die Berufung der Jesuiten die positive Befestigung und Erneuerung
des Katholizismus einleiteten.
Das Verdienst, so eifrig über die Erhaltung des Glaubens der Väter
gewacht und nicht weniger energisch und rücksichtslos der Eindringung
und der Festsetzung der Neuerung gewehrt zu haben, kommt weder
dem Bischof noch dem Kapitel oder gar den Jesuiten zu, sondern aus¬
schließlich der weltlichen Behörde, dem Rate. Vom Bischöfe und
seiner Tätigkeit vernehmen wir überhaupt nichts ; das Chorherrenstift
war selbst ein gefährlicher Herd der Neuerung geworden, der den
Behörden am meisten zu schaffen machte, und die Jesuiten kamen
erst nach Freiburg, als die Stünne der Neuerung längst abgeschlagen
waren ! Merkwürdigerweise ist uns auch nicht überliefert, wer die
unerschrockenen, glaubenstreuen Männer waren, die in diesen schicksals¬
schweren Jahren den maßgebenden Einfluß auf die Entschließungen
des Rates ausübten, und endlich müssen wir in Ermangelung bestimmter
Anhaltspunkte auch die Frage unentschieden lassen, ob nur die Anhäng¬
lichkeit an den angestammten Glauben oder nicht auch rein politische
Motive mit Rücksicht auf die Stadt Bern wie den Bischof von Lausanne
hiebei den Ausschlag gaben. Ich möchte allerdings annehmen, daß
das eine das andere nicht ausschließt und daß diese Haltung nicht
bloß der religiösen Treue, sondern auch dem politischen Weitblick
Ehre macht.
1 Vgl. Biographisches Lexikon der Schweiz, 1 225.
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312
BEILAGE l . 1
(Stadtbibliothek Solothurn # Opera Bebeliana, Phorce in aedibus,
Thomae Anshelmi Badensis a° i 5 og mense Augusto; Eintrag auf der letzten
Druckseite, von der Hand Peter Falks.)
1 5 1 5 Februar 18. Pavia.
Petrus Rlcardus Girod Petro Falconi, mecenati suo, S. (D.)
(Übersendet ihm Gedichte Cornigers, die er auf dem Markte erworben.)
Semper aliquid auditu jocundi tibi, patrono meo, referre conor. Quum
vero festa bacchanalia me prepediant, seria scripsisse me non convenit.
Ne autem tui memoria apud me intercidisse videatur, carmina hec Cornt-
geri * ad torum nimium elaborata tibi severis negotiis occupatissimo missi-
culare statui, que mihi dedit senex quidam certe non ineruditus vico mer-
cati presente singulari tuo amico d. Hieronymo archipresbytero Bellin-
zonense, qui me humanissime tractavit. Quippiam ex officina mea
deprompsissem, si me juris adipiscendi Studium et opera non detineret,
maxime etiam ne tibi molestus essem. Ceterum incudi aliqua reddidi,
que pröpediem deo auspice nostro Marte excussa videbis. Vale pilea
senecta (I)
Papie, ex museolo nostro 12. Kal. Martias a° 1515.
BEILAGE I).
(Bulle, Bibliothek des Kapuzinerklosters, in Codex Hugo de S. Caro,
Repertorium apostillarum utriusque testamenti Tom. IV. s. I. et a.
Basileae, Amerbach 1504 (?), letzte Seite.)
1 5 17 Sept. i 5 . Paris.
Peter Girod an Peter Falk.
Enttäuschung über das Ausbleiben eines Briefes von Falk. Teilnahme
an dem unerwarteten Ableben Theobalds von Praroman. Sendung von
Briefen durch Dietrich von Englisberg, Diebold Arsent, sowie den Herrn
von Arlens. Freude über die Rückkehr von Falks Schwager, Ulrich, nach
1 Für die gütige Durchsicht dieser Beilagen schulde ich meinem Kollegen
Prof. Ant. Piccardt meinen aufrichtigsten Dank.
* Dazu folgen 6 Gedichte in lateinischen Distichen : Comiger in Venetum
et Venetus in Comigerum, eines auf den Tod Cornigers von Dr. art. et med. Hierony¬
mus Secazoni, ferner noch ein weiteres: Johannes Franciscus Philomusus in
Gallum ab Helvetio victum über die zweimalige Niederlage der Franzosen durch
die Schweizer und zum Schlüsse noch ein Distichon Petri Richardi Friburgensts
(s. oben, S. 3), alles auf den Vor- und Nachsetzblättem von der Hand Peter
Falks, dem sie von Peter Girod zugestellt wurden.
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Paris. Prahlerische Ausrede Glareans wegen seiner Bemühungen um
Erlangung der Stipendien für die Schweizer Studenten und Abwälzung
der Schuld auf Falk.
Petrus Ricardus Gyronus illustri viro d. Petro Falconi, patrono suo,
Salutem dicit.
Jamjam calamo indulgere plus aequo coger, patrone suavissime,
quottidie tuas expectans litteras, spe semper frustratus. Aut certe mei
oblitus es, aut litterae interrumpuntur, aut, quod magis credam, magno
desyderio trepidantique animo easdem plurimum mihi gaudii allaturas
me expectare vis. Nec equidem credo te virum constantissimum sanctissi-
mumque vel clientulum tu um deserere vel tui patrocinii foedera ullo pacto
fracturum ; sed scio, quid te a scribundis epistolis avocet.
Inopinatus quidem nobilis Sebaldi 1 * * , affinis tui, obitus non solum tibi
tuisque, verum etiam toti urbi calamitosus, quo percepto non minus quam
si parente indulgentissjmo orbatus fuissem, toto animo constematus sum.
Verum enimvero, quoniam fata sic statuerunt nec ullis sit revocabilis
lachrymis, nihi(l) conducibilius facere possumus, quam vita functo bene
loquentes altam pacem summamque quietem ejus manibus optemus.
Qu um quidem liberos reliquerit, qui etsi non omnino illum aequent, simu-
lachrium tarnen pateme justiciae atque nobilitatis jam sunt assequuti,
quibus deus optimus maximus cuncta fecundet, precor.
Quod autem presentis negotii maxime est mirum, immodum me male
habet diutuma tua taeitumitas, qui jam temis meis epistolis nondum
ne verbulo quidem rescripseris, quas an acceperis, dubito, quum non
respondeas. Credebam illas fidelibus nunciis tibi reddendas commisisse :
primas juveni nostrati, famulo Theodorici de Englisperg dederam ; secundas
d. prothonotario Theobaldo Arsent *, tertias et ultimas nobili cuidam
Patemiacensi vocato de Arlyn *. Sed quid de hujufmodi nugis obtundo
severioribus videlicet reipublice officiis detentum ? Spero nihilosecius
adventu Udalrici, sororii tui 4 (quem ita appellas), qui aliquamdiu sub
nostra ferula fuit, magis quam dici possit gaudere, qui propediem secundo
ventu ad nos appellat, deus faxit.
De Glareano autem nostro quod scribam, parum constat. Hoc solum
nobi8 omnibus importunum videtur ipsum admodum jactabundum (ut
semper solitus est) in propatulo predicare se non nomine nostro nec domi-
norum Helvetiorum sed sua atque Glareanensium opera salarium illud
adeptum (?), quod profecto egre ferimus. Nam quoties illustrissimum
d. Renaium alloquutus est, quum nobis stipendia a thesaurario denegarentur,
plus facere quam sui muneris esset, exprobrabat dissimulans se nobis nec
1 Sebald von Praroman.
* Diebold Arsent, Sohn des Schultheißen Franz Arsent, apostolischer Proto-
notar, Dekan des Landkapitels Freiburg, Chorherr von St. Niklaus und von
Neuenburg.
* Nicht näher bekannt.
4 Ulmann von Garmiswü, Schwager Falks, der sich Studien halber damals
in Mainz aufhielt, s. Zimmermann, Peter Falk, S. 113.
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defensorem nec preceptorem adductum, quasi Falco, quem sibi patronum
vendicat, pro eo regem Christianissimum non interpellaverit. Sed haec,
ne invidiae ascribant, omitto. Hoc unum peto, tu semper de me quod
ego de te (quicquid oblocutores obganiant) et sentias et loquaris.
Vale presidium meum ! Parrhysiis, ex museolo nostro Attico, 17.
Calendas Octobris 1517.
Adresse : Ornatissimo viro d. Petro Falconi Friburgiorum consuli
prudentissimo, equiti aurato.
(Von der Hand Wilhelms von Praroman, des Neffen Peter Falks,
eingetragen, nebst drei andern Schreiben.
Dieser Codex gehörte Peter Falk und wurde von Hugo de S. Caro
dem Kloster in Bulle geschenkt von der edeln Frau von Heidt, Herrin
in Aumont und Montet.)
BEILAGE 111.
(S/.-A. Freibur£, Sammlung Praroman, Fas%. i 5 i 8 , ungedruckt.)
1 5 18 Mai 3 i. Paris.
Peter Girod an Peter Falk.
(Seine Bedürftigkeit. Bitte um Hilfe und um Antwort in Bezug auf
seine in den zwei früheren Schreiben erwähnten Anliegen. Ankunft von
mag. Wilhelm Cudrefin ; dessen Unterbringung im Spital und seine
Geschäfte vor den kirchlichen Behörden. Gruß von Thomas Schnewli.)
Petrus Ricardus Petro Falconi, mecenati suo, S. D.
Nescio equidem, patrone suavissime, tabellionum ne crebra oportunitas
an oris impudens temeritas sive amor erga te meus scribendi ansam tocies
praebeat aut quod fcriolari potest degens (?) in augustis rebus egestas,
qua (ut ingenuum verum fatear) jam premor. Tu igitur, qui semper rebus
nostris consuluisti, non desis devotissimo tibi clientulo. Quid autem petam,
ex superioribus literis habuisti, quas ad te binas post Idus Apriles dedi.
Haud miror quidem te hiis non respondisse tot tantisque reipublicae
negotiis gravioribus detentum, neque magistratus est publicis rebus neglectis
privatorum amicorum utilitatem praeferre. Ceterum satis superque amicis
prodesse dicitur, qui reipublicae habenas, in qua amici degunt, et paca-
tissime et aequissime moderatur. Et haec hactenus, ne aures tuas, quas
cotidie civilibus disceptationibus accommodas, obtundere videar.
De magistro Gulielmo Cudrifin, quod scribam, in promptu non est.
Postquam ad nos appulit, hospicio benigne eum accepimus. Apud nos
adhuc est; diu pedibus longo itinere defatigatis laboravit; medici operae
se dedit; convaluit. Negotium suum post festum ttj; 7tevnr|xo<rrric tractare
incepit; ei assumus ut civi nostro, consulimus pro ingenii nostri sollertia.
Res tota est fori ecclesiastici; intelliges re absoluta ex literis ab officiali
Parisiensi praestitis, pro cujus tribunali res ipsa ventilatur, quo pacto
se negotium habuit. Et tibi epistola mea, quam tibi reddet, exquisitius
explicabit.
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Vale BafftXtxto;. Parisiis, ex museolo nostro Attico, pridie Cal.
Junii, anno a Christo nato 1518.
Coramilito noster Thomas Schnewli se plurimum commendat.
Adresse : Prudentissimo consultissimoque viro d. Petro Falconi, equiti
aurato, Friburgensi consuli de republica bene merito Friburgi.
BEILAGE IV.
(St.-A. Freiburg, Sammlung Praroman, Fas$. i 5 i 8 , ungedruckt.)
1 5 18 Aug. 7. Paris.
Peter Girod an Peter Falk.
(Besorgung von Grabschriften. Beabsichtigte Flucht vor der Pest
in die Heimat. Weitere Berichte durch N. de Treytorrens.)
Mecenati suo Petrus Ricardus S. (D.).
Redditae sunt mihi literae tuae amoris erga me tui et familiaritatis
plenae. Scribis de epitaphiis: Duobus satisfeci; tercium uxoris tuae
desideratissimae non satis excolui, fateor. Si eam suis coloribus depingere
statuissem, profecto longiori tempore exactiorique diligentia opus fuisset.
Ceterum quia in aliud tempus differendum putas et jam fluctuente animo
pestilentia totam ferme Gallium devastante nonnihil de discessu cogito.
Quodsi me secundis ventis apellente natale solum placido portu stationeque
fida exceperit, tibi, cui, quicquid hoc corpusculi est ac studii, totum debeo,
ero obsequentissimus. Verum non prius vela dabo ventis, quam grossans
t pestis, [quam] em&T)[xiav appellant, civitatem Parisiensem adgressa vicinos
mihi abripiat. Ad haec urgent ac infestant pericula cotidie nobis immi-
nentia, quae tibi propediem per nobilem N. de Trethorinis, qui et ipse
tibi referet, significabo, copiosius ad fastidium usque scripturus.
Vale, basilice. Lutetiae Parisiorum, ex musaeolo nostro toto Attico,
7. Idus Augusti 1518.
Adresse : Consultissimo viro d. Petro Falconi, equiti aurato, consuli
aequissimo, mecenati suo, Friburgi.
BEILAGE V.
(St.-A. Freiburg, Sammlung Praroman, Fas$. i 5 / 8 , ungedruckt.)
1 5 18 August 16. Paris.
Peter Girod an Peter Falk.
(Zitiert eine Stelle aus Agapetus zum Dank für erwiesene Wohltat.)
Petrus Ricardus mecoenati suo yafpetv.
Continere me non possum, quin semper et importunus et loquaculus
existam. Tu hujus temeritatis causa me incitans ac tarn benigne tuis
suavissimis hteris alloquens. Ut autem jam aliquid nostri studii tecum
communicarem, hec subscribere libuit:
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IlXeov x-fi-nci tou; Xafißavetv xapa oou /acpiTa; ixtreuovrac 7jxep to-j;
exouSa^ovTa; Siopea; aot xpoe^epetv toi; jacv yap oyetXcrr|; i|/.otßf|; xaSforaoat,
ol 8t aot tov Otov ocpttXerriv xotouot t8v 6tx«tou|ievov xa el; auTOu; ytvopLtva
xai äjAcißöpitvov aYaöat? ivTt8öoeot tov <ptA88tov xai ^iXavSptuxöv oou oxoxov.
Verba haec Agapeti diaconi 1 latino sermone ita donamus: Plus eos
amare debes, qui a te beneficia accipere exoptant, quam qui tibi largitiones
offerunt. His enim remuneratione teneris, illi autem deum tibi debitorem
faciunt, qui sibi omnia, quae in ipsos contuleris, vendicat, amplissimis
donis tuam piam et humani amoris plenam intentionem remuneraturus.
Vale BaotXtxu>;. Lutetiae Parisiorum, 17. Cal. Septembris 1518.
Adresse : Prudentissimo consuli d. Petro Falconi, equiti aurato p. p.
Friburgum.
%
BEILAGE VI.
(St.-A. Freiburg, Sammlung Praroman, Fasi 5 ig, ungedruckt.)
1 5 18 Dez. 27.
Peter Girod an Peter Falk.
(Entschuldigt sein langes Schweigen. Dank für Erschließung des
Studiums, besonders des Griechischen, durch Verschaffung eines doppelten
Stipendiums und Veranlassung seines Wegganges aus Freiburg, wo er sich
den Haß der Bürger zugezogen. Zitate aus griechischen Autoren über
die Helvetier. Über Girods Gesinnung und Absicht findet sich Näheres
in dessen Schreiben an Wilh. von Praroman. Grüße von Thomas Schnewly,
Rud. Praroman und Jakob Ernst.)
Petrus Ricardus mecenati suo S. (D.)
Profecto ingratitudinis accusandus sum, qui tanto temporis intervallo,
magis (ut ajunt) mutus pisci, ne tantillum quidem literarum ad te dederim.
Certe tibi ascribenda culpa meis moribus plus equo obsecundanti: tarn
benigne mecum agis, tarn familiariter te utor, ut verear tue autoritati,
qua pre ceteris in reipublice fastigio collocatus fulges, aliquid infima mea
sors detrahat ac j uxta Platonicum illud : Tot? ivtoot; Ta loa avtaa yiyvotT’ av,
inequalibus equalia fiant inequalia. Cum autem tuto Grecorum testante
proverbio : avaYxatÖTepov xupö; xat 58 aTo; b ^>fXo; (magis necessarius quam
ignis aut aqua amicus) necesse est precipue inopia laborantes amicos
habere, quibus fruantur, qui vacillantes suffulciant, maxime illum y u P® v
arep x< 5 pu 8 ö; Tt xai iexi'8o; oü8’ eytv If/os (Ilias 21, 50), qui galea simul et
clypeo nudatus et hasta impetuosam et fortunae et ho min um seviciam ferre
nequeat, in qua parte tu mihi semper fideliter constan tissimeque afiuisti,
atque ut denuo Homerica usurpem verba:
xpöoSt 8e oi 88pu t’ iayt xai äax(8a xavToa’ (elaTjv) (Ilias 17, 7.)
undique protexit me hasta clipeoque rotundo.
1 An der Sophienkirche zu Konstantinopel, widmete Justinian I. eine Art
Fürstenspiegel (527).
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Facis pro tua humanitate ingeniique dexteritate ac integro erga lite-
rarum cultores amore, quo eque omnes tibi in hac re familiäres arctissime
complecteris, verum nullum magis quam me. Etsi inter hos sim tamquam
noctua, ad solem incitas tarnen, et non solum incitas sed et adjuvas,
quo mihi facile omnia ad bonarum literarum, precipue Grecarum, adyta
pateant. Tu inquam capescende eruditionis ansam prebuisti duplici stipendio
ascribi faciens, nimirum cogitans uno non sat esse conquirendorum librorum
profusioni preceptorumque Grecorum precio, quibus nec maxima quidem
largitio satisfacere posse videtur. Omnia hec subministrasti, tibi igitur
agende gratie, tibi omnia accepta ferenda. Insuper fortune mee adverse
mutationem cui potiss im um adscribam quam tibi ? Qui causa mei dis-
cessus extitisti, ex quo extinctum iri arbitror inexplebile civium ferme
omne odium, quod nimis profecto pueriliter tumultuando in me concita-
veram. Resipui nuces reliqui
UuYYvtüfAiri Tb> xputTov a|xapTavovTt
Venia prim um delinquenti.
Ale xpbe töv «Ütöv aleypöv ctaxpöuitv X(8ov
Iterum ad eundem turpe lapidem ofiendere.
Et de hiis satis.
Ut autem vigiliarum mearum te participem faciam, hec, que apud
Strabonem de Elveciis reperi (accipe lib. 4), ita tradit:
^ael 81 xal xoXuyptiaoue tou; ’EXomrjTfouc, [jltjBev [xevtoi ■qrrov ixt
X7jar«(av rpaxiaSat rote t5»v K((ißpo>v cüxopfac ISdvrac. (Strab. IV 193.)
Dicunt et auro abundare Elvetios, nihilominus se ad latrocinia con-
vertisse Cimbvorum divitias ad miratos.
Deinde multa addidit, que ex lib. 1 commentariorum Cesaris videtur
mutuo accepisse. Quem librum velim omnibus Helveciis notum esse, in
quo agros nostros sane aptissime definit, bellum contra eos gestum et,
quo maxime glorior, tabulas Graecas in eorum castris a se repertas asserit.
In fine IV. libri:
xal tä ixtarpitpovTa xpb? vötov 'PatTol xal OütvSiXtxoi
xaTtyouat auvaxrovTec ’EXoutjtIoic xal Bofote. (Strab. IV 206 .)
Vergentia ad meridiem Rhaeti et Vindelici incolunt Elvetiis
Bois que contigui.
Et paulo inferius :
T7JV X((J.V7JV TTjV A7|{XCWav TX
’EXoutjtIwv xcSla xavxtCöcv et; ETjxoavou;. (Strab. IV 208.)
vel lacum Lemannum ad Helvetiorum agros et inde in Sequanos
Lib. II in principio:
’EvTiuötv ’EXouTjTfoue xoXuypuaoue uiv av8pae, eipijvafoue 8e. (Strab.
VII 293, doch lautet der Anfang eIt’ ixt ’EXoutjtIou;.)
Dehinc ad Helvetios viros auro abundantes at paci deditos.
Multa plura de alpibus Toygenis, Tigyrenis, Rheno, Jurasso, Rhodano
et aliis disserit, que brevitati studens omittenda censeo. Hec ideo scribere
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libuit, quoniam domestica lectione autorera hunc Grecum geographorum
absolutissimum evoluimus.
Preterea, que mihi sit sententia menti, aut quem vite scopum attingere
coner, ex literis, quas d. decano Gulielmo de Pratoromano misi, anteiligere
poteris, jussu meo ille tibi omnia explicaturus est.
Vale basilice. Lutecie Parisiorum, 6. Cal. Januarias 1519.
Thomas Schnewli, Rudolfus Praderwan et Jacobus Ernst plurimam tibi
Optant salutem.
Expaßtüv Ye<oYpacpixüiv ßißXhov (?) Scxa-riu.
Oi av6pci)7iot jxaXtara [AijjivoüvTai tou; Öeou; otocv EÜEpYeTOvatv.
Mortales tune maxime deos imitantur, quum benefici sunt.
Adresse : Illustri equiti aurato d. Petro Falconi, optimati equissimo.
BEILAGE Vll.
(St.-A. Freiburg, Sammlung Praroman, Fast. ‘ 5 ig, ungedruckt.)
1 5 19 Januar 3 i. Paris.
Peter Girod an Peter Falk.
(Ergänzungen zu einem früheren Schreiben und Rechenschaft über
sein ganzes Leben. Bedauern über Falks bevorstehende Wallfahrt nach
dem Heiligen Land, verbunden mit dem Wunsche, diese um ein Jahr zu
verschieben mit Rücksicht auf Girods Heimkehr, die durch den Tod des
Kaisers erschütterte politische Lage, sowie die Gefahr von Aufständen in
der Schweiz. Bitte um Mitteilung vom Zeitpunkte der Abreise, und wo
sein Stipendium zu erheben sei. Im übrigen Hinweis auf den mündlichen
Bericht von Niki. Seftinger.)
Petrus Ricardus mecenati suo S. (D.)
Si reddite sunt tibi litere, quas 9. Cal. Februarias exaravi, non est
quin totius vite mee rationem habeas. Cogor nihilominus et jam literis
meis tecum communicare. Maxime profecto dolore affectus sum percepto
tuo ad Terram $anctam discessu non modo mihi sed etiam toti patrie acer-
bissimo, non dicam reipublice isti florentissime, quam administras, cala-
mitoso. Hane solam deseris omni ope, omni consilio, omni denique presidio
destitutam ; relinquis generum, urbis nostre unicum decus et specimen
itemque filiam famosissimam eandemque pudicissimam. Relinquis clien-
tulum tuum, ut ita dicam
uetoc£u toü ax[xovo; xai aepupot?
id est inter malleum et incudem, qui pro te quitvis discriminis subire non
recusaret, cui si vel tantillum diviciarum esset non solum te comitaretur
verum etiam tuis oculis se nunquam subtraheret utramque fortunain
tecum tentaturus. Incusanda ergo fortuna, que hoc denegavit, imploranda
tua humanitas, que hoc largiri potest. Rogo igitur, immo obsecro, si fieri
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possit, peregrinationem istam in alium annum differas, quo ego domi esse
possim et tranquilliorem Christiane reipublice statum expectes.
Consyderare enim debes, quantus rerum tumultus, quanta innovatio
imperatore Romano extincto exoriri possit. Quodsi Helvetiam te absente
tumultuari contingeret, vereor hujus rei te socium subterfugisse malevoli
(ut aliquin accidit) dicant. Ideo tue omnique commoditati consulas.
Sed quid prudentissimuro moneo ? quid sus Minervam ? Hoc enim
unnm addam : si proposito tuo avocari nequeas, clientuli tui numquam
sis immemor meque certiorem reddas, quo tempore te itineri (quod faustum
tibi opto) acingas, ac ubi salarium, quod nosti, mihi dabitur. Preterito
anno mihi dedit thesaurarius Megret, qui Parisiis commoratur ; ab eodem
velim et nunc acciperem. Te tarnen rem commodius disponere non dubito,
quam ego exoptare possim.
Reliquum, quod scribam in praesentiarum, non habeo; ab amico
meo Nicolao Sefftinger, quem tibi commendo, percontari poteris propediem,
quoniam per nobilem de Thretorium significabo, qui mihi propter te omnem
honorem exhibet.
Vale, Parisiis, pridie Calendas Februarias 1519.
Adresse : Optimati consultissimo equitique aurato strenuissimo d.
Peiro Falconi.
BEILAGE VJ11.
(St.-A. Freiburg, Affaires Ecclisiastiques, Nr. i 35 .)
i 520 Mai 28.
Schultheißen und Räte von Bern und Freiburg
an Papst Leo X.
(Sendung von Peter Girod zum Heiligen Stuhl, um wegen Besitznahme
des Klosters Filly durch Kardinal Fieschi und Verleihung von Bonmont
an den Neffen des bisherigen Abtes zu appellieren. Nähere Angaben durch
Pucci.)
Quam humillime ad sacratissimorum pedum oscula sese faciunt recom-
mendatos. Beatissime in Christo pater, heros longe omnium colendissime
et gratiosissime. Intellexit S tas V. ex aliis litteris nostris, quae nostra in
S tis V. ob monasterii Filliaci pendentes dissensiones determinationem
sit petitio. Et quamquam non dubitamus, quin eadem S us V. proprio
motu et absque uberiori investigatione desiderio nostro satisfaciat, attamen
quia nobis in dies occurrant gravissimae perturbationes, quibus d. cardinalis
de Flisco 1 nos et capitula ecclesiarum nostrarum vexare non cessat, hunc
presentium exhibitorem, Petrum Girodi, familiärem et nuntium nostrum
ad S m V. emittendum duximus cum mandato et commissione, ut in primis
ad cautelam beneficium appellationis impetrare et deinde causam princi-
palem prefati monasterii Filliaci, etiam resignationem monasterii Boni -
1 Nicolaus de Flisco (Fieschi), card. tit. S. Sabinae, 1503-24.
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320
montis per d. abbatem 1 ejusdem monasterii cuidam nepoti sui factam
sollicitare debeat, prout S us V. ab eo et precipue etiam per Rev mum d.
Anihonium Puccium, episcopum Pistoriensem, plenius intelligere habebit.
Quorum relatibus conjunctim et divisim, ut fidem indubiam adhibere
et nobis hanc in partem pacem et quietem et pendenti litigio finem et
silentium promovere dignetur, eandem S lem V. cervice in terram defixa
obsecramus. Quae et felicissime valeat nobis usquequoque praecipiendo.
Ex urbe Bemensi et sub urbium nostrarum sigillis 28. die mensis Maji
a° 1520.
S. V ae humillimi famuli
Sculteti et consules urbium Bemensis et
Friburgensis.
BEILAGE IX.
(St.-A. Freiburg, Affaires Ecclisiastiques, Nr. i 35 .)
i 5 ao Mai 28. Bern.
Schultheifien und Räte von Bern und Freiburg:
an Ant PuccI, päpstlichen Legaten.
(Gesuch um Aufhebung der Zensuren und Beilegung der Anstände
wegen Filly und Bonmont.)
Plurimum sese commendant, Rev rae in Christo pater, heros singulariter
colende ! Quamquam Rev m,e Pat ,s V Äe aliis litteris nostris significavimus,
quae ob extinctionem litigii monasterii Filliaci nostra sit exhortatio, nosque
firmissime credimus Rev m P. V. non deficere, quin petita ad eff ec tum
deducantur optatum, attamen quia certum est d. cardinalem de Flisco
non cessare, quin nos et capitula ecclesiarum nostrarum importuna et
crebri instantia vexet et perturbet, voluimus hunc presentium exhibitorem
ad Rev m P. V. destinare eandem in primis pro obtinenda absolutione ad
cautelam, et deinde ut per pacis media concordium impetretur, ad 9 ollici-
tandum, quam in partem ut Rev ma P. V. manus exhibeat auxiliatrices
et in eo nobis ad patrocinandum nihil obmittat. Praeterea resignationem
per d. abbatem Bonimoniis occasione ejusdem monasterii, de quo ecclesiis
nostris pariter est provisum, factam revocare promoveat, eandem iterum
et iterum precamur. Quae et felicissime valeat huic presentium exhibitori,
nuntio nostro, in hiis fidem indubiam praestando. Ex urbe Bernensi et
sub urbium nostrarum sigillis, die 28. mensis Maji a° 1520.
Sculteti et consules urbium Bemensis et Friburgensis.
1 Aymon de Gingins, 1463-1536. Abt des Zisterzienserstifts B.
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BEILAGE X.
(St.-A. Freiburg, Affaires Ecclisiastiques, Nr. i 35 .)
i 52 o Mai 28. Bern.
Schultheißen und Räte der Städte Bern und Freiburg
an Kardinal Puccl.
(Beglaubigung für Peter Girod.)
Humiliter sese recommendant, Rev me in Christo pater, heros colen-
dissime ! Derivamus hunc presentiura exhibitorem oratorio nomine ad
R mam P. V., cui dedimus in mandatis nonnulla, quae dissensiones inter
Rev mum cardinalem de Flisco et capitula ecclesiarum nostrarum occasione
monasterii Filliaci pendentes concemant, eidem referre. Quae ut
Rma j> y credula et indubia fide audiat et petita nostra ad effectum
promoveat, eandem plurimum precamur, et valeat felicissime. Ex urbe
Hernensi et sub urbium nostrarum sigillis 28. die mensis Maji a° d. 1520.
Sculteti et consules urbium
Bemensis et Friburgensis.
BEILAGE XL
(St.-A. Freiburg, Missiven VIII, i 38 »; ungedruckt.)
1 523 März 18.
Schultheiß und Rat von Freiburg an Meister Franz Kolb.
(Dank für sein Anerbieten, die Predigerstelle wieder anzunehmen ;
doch sei er falsch berichtet und die Stelle nicht unbesetzt.)
Unsem früntlichen grüs etc. Wolgelerter, ersamer, insunders lieber
herr I Uwer schryben, uns getan, des datumbs des letsten tags Februarii
nächst vergangen, haben wir empfangen und des ersten in demselben
verstanden, das ir bericht, wie wir bi einem jar syen gewesen, das wir
niemands gehept, der uns verkundt hab das gottzwort, darum ein gros,
erschrockenlich sach und ein grosse plag sy etc.; do wir wol mögen ermessen,
wenn dem also, daz wir in grosser ungnad des herm stünden. Es soll sich
aber, lieber herr, mit der warheit nitt erfinden üwer wort war syn, als wir
achten, üwer wird unserm alten bruch nach gut wüssen tragen, dann daz
wir also verrucht cristen sin sollten. Dorumb so achten sollich üch für¬
bracht red für unnütz und unwarhaftig.
Zum andern achten wir gros, daz üwer wird sich so hoch gegen uns
erbietet, uns in söllichem fal zu dienen und das gottzwort zu verkünden
lut irs schrybens. Deshalb wir, damit uns das laster der Undankbarkeit
nit werd zügemessen, derselben grossen dank sagen irs güten willens, wellen
REVUE d'histoire eccl&siastxque 14
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ouch sollichen zu güten nitt vergessen. Dann jetzmalen sind wir mit [einem]
erlichen mann versechen, verkünden wir derselben Uwer Wird, sich darnach
wüssen zü halten.
Datum Mittwuchen 18. Martii a° 23.
Schultheis und rat der statt Fryburg.
Adresse : Dem wolgebornen, ersamen meister Frantzen Kolben,
predicanten, gesessen zü Nürenberg, in des ersamen Melchior Riedlers
huss an der Rotschmidgassen, unserm günstigen, güten frtlnd.
BEILAGE Xll.
(St.-A. Freiburg, Missiven 8, fol. 148* ; Kopie bei Fontaine,
Coli, diplomat. XVII, 3 a 7 ff.)
[ 1 5 a 3 Dezember.]
Verordnung: gegen die Neugläubigen.
Herr Predicant I Min G. H. H. rät, LX und CC haben angesechen,
den kätzerischen Luterschen und Zwinglischen handel us ir statt und land
zu rütten, daz menglichem uff der canzel soll verkündt werden, dem vor zü
sind, und üch insunders bevolchen, das volk trüwlichen zü ermanen, dheinen
falschen fürträgem noch büchlinen nit glouben zü geben. Dann vor allen
dingen, nachdem M. gn. H. H. ein gerüff haben lassen usgan, das niemands
der Luterschen büchern sollt behalten sunders die verschicken bi 20 Rh. fl.
büss, dobi lassen es M. H. H. beliben. Es will aber min obgemeldten herren
bedunken, es syen ettlich vorhanden, so nitt M. H. H. den vänren und
andern, so zü besüch derselben umbgangen, nit gezöugt, sonders üben
sich ettlich in winklen in derselben kätzerischen seckt, wellen M. H. H.
menglich gewamet haben, es syen mann oder frowen, rych oder arm.
Dann hinder wellichen söllich bücher, so min herrn ein ander ersuchung
thünd, anders dann vor beschächen, erfunden, wellen si die straffen nach
innhalt der obgemeldten büss oder anders, nachdem und der handel
ertragen ist.
Demnach so wellen min obgemeldten herren nitt, daz jemands sollichen
handel niendert anzüch, den zu handhaben oder zü glimpfen, dann welicher
dowider tüt, denselben wellen M. H. H. an lib und güt straffen, und ob
der handel so grob were, den von statt und land weisen mit wib und kinden.
Und ob jemands sollich tätter hörte und die einem ersamen rat nit fürtrüg,
wellen M. H. H. den gehörer in glycher straff halten.
Hett dann jemands einichen dienst, der der ferflüchten* seckt were,
den zü warnen und von sinem fümämen zü wysen, und ob er dovon nitt
stan, den einem ersamen rat (!) zü rügen.
Und ob einich wirt gaest hetten, so [bi] urtinen oder sunst des ver-
flüchten handeis gedächten, sollen mit niemands einichen hader darumb
anfachen sunders sollich lut einem ersamen rat rügen, si syen wer si wellen,
niemands usgescheiden ; dann wo es kund wurd, daz einich wirt sollich
täter verschwygen, wellen si M. H. H. glych wie die täter straffen.
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323
Domit sich jederman, geistlich oder weltlich darnach wüss zü halten,
daz ein jeder, [der] das nüw testament der bible, so jetz nüwhngen durch
die, so sich so scinpar (?) mit ir Kriegscher und Ebrayscher sprach
berümen, die frome Latin nitt gntigsam achten, emüwert und in demselben
die liebe müter gottes schmächen, wellen M. H. H. verstan und haben
luter geordnet, das ein jeder dasselb nüw testament soll hin und hinweg
thün und sich benügen der bible, dero die alten fromen sich benügt haben.
Dann wo das by jeraands erfunden, wellen min obgemeldte herrn den
oder die, bi dem es erfunden wurd, strafen nach inhalt der Ordnung, es sy
wer do wel, geistlich oder weltlich, mann oder wib.
II. September 1523 M. Zu den Barfüßern, Augustinern und auf dem
Land verkündigt 4. Juli 1524, 25. Februar 1527.
(Undatiert, zwischen einem Schreiben vom Samstag vor Clementis
1524 und einem solchen von Dienstag nach Weihnachten 1524. Im Auszug
bei Heinemann, S. 105, Anm.)
Nachtrag : Einige einschlägige Briefe von Glarean, Myconius, Grebel,
Hans Ammann, die sich alle auf die Zeit des Pariser Aufenthalts von
Girod beziehen, sind mir erst zu Gesichte gekommen, nachdem dieser
Aufsatz gesetzt war. Ich behalte mir vor, dieselben gelegentlich in dieser
Zeitschrift zu publizieren.
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Un Cardinale Ticinese
Per il D r Celestino TREZZINI
£ pretenzione la nostra ? Parlare di un Cardinale Ticinese,
quando comunemente si crede che due soli sono i Cardinali che la
Svi^era ha dato alla Chiesa, non b presunzione? Quando si b detto
Schiner e Mermillod, non b esaurita la lista dei Cardinali svizzeri ? No.
Chi crede il contrario, b in errore. II nostro Ticino ha il vanto di avere
dati parecchi dignitari alla Chiesa, i quali, per esser nati fuori dei
nostri confini per circonstanze di famiglia, o per aver esplicata la loro
t
azione fuori di patria, non cessano dall’essere nostri, una gloria
ticinese.
Uno di questi — dico di questi, chfc altri ce ne furono e degni di
essere ricordati — b il Card. Carlo Francesco Caselli, patrizio autentico
di Carona, niente meno.
Non inganni il nome Caselli. Non b altro se non la corruzione si
facile un tempo e non assolutamente esclusa neppure oggi, dei nome
Casella; nome illustre per varii titoli, che da Carona, dove b menzio-
nato giä nel 1456, irradiö dal sec. XVI in poi nei villaggi circonvicini
e s’impiantö, grazie ai numerosi artisti che immortalarono la famiglia
e Carona, a Como, Genova, Milano, Ferrara, Brescia, Roma e in
Sicilia.
Caselli b patrizio di Carona. Infatti fu figlio di un Casella emigrato
ad Alessandria; la madre era della famiglia caronese degli Adami; una
nipote dei Cardinale, una Adami, morta quasi centenaria alcuni anni
fa, fu ancora conosciuta dall’On. Dr. Giorgio Casella, a cui devo piü
di un dettaglio concernente il Cardinale.
Nel Ticino il Card. Caselli non fu uno sconosciuto. Scrissero di
lui: Oldelli, nel suo Di^ionario storico ragionato degli uomini illustri
dei Cantone Ticino; Baroffio, nella Storia dei Cantone Ticino .
dal i 8 o 3 al x 83 o ; Borrani, nel Ticino Sacro e il Bollettino Storico,
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3*5
occasionalmente nell’annata 1890. II testimonio dell’Oldelli b parti-
colarmente di pregio, in quanto che esso scrive di un contemporaneo,
di cui gli era ben nota la vita, poichfc, come vedremo, tesserä l’elogio
all’elevazione del Caselli al Cardinalato.
Ma chi piü si ricorda di tali pubblicazioni e si preoccupa di
leggerle ?
Recentemente, nel fascicolo XIV del Dictionnaire historique ei
biographique de la Suisse , richiamai i dati principali della vita del
Cardinale nell’articolo consacrato ai Casella. Dissi : richiamai y poichö
non b proprio di un dizionario di contenere delle biografie complete;
poi le forbici inesorabili della direzione sono la sempre pronte a
togliere, scavezzare, dilaniare gli articoli, quando sembrano oltre-
passare la misura. Troppo spesso nei dizionari — ne ho qualche
esperienza — si applica la legge di Procuste e l’importanza di un
persönaggio non b sempre data dal valore suo reale, ma dallo spazio
disponible e qualche volta anche dalla miopia di chi presiede.
Tutte ragioni per cui ho creduto bene di presentare ai lettori di
questa rivista 1’ illustre personaggio ticinese e, per quanto mi b dato,
meglio illustrato. La mia non b Opera originale, non frutto di ricerche
di archivi; b semplicemente una rievocazione.
Carlo Francesco Caselli nacque ad Alessandria di Piemonte il
20 ottobre 1740. Contrariamente a quanto Borrani afferma, entrö
giovane nell’ordine dei Serviti. La vita esemplare e la dottrina Io
segnalarono presto all’attenzione dei superiori e dei confratelli, sicchö
di buon’ora entrö nella filiera delle cariche dell’ordine, che percorse
rapidamente fino alla piü elevata. Fu lettore, maestro, reggente,
priore, nel 1781 b provinciale e segretario generale, poi procuratore
generale e finalmente, nel 1792, generale dell’Ordine dei Servi di
Maria. Predicö « con molto onore, dice l’Oldelli, nelle cittA di Piacenza,
Alessandria, Milano, Parma e Roma». Nel 1785 Caselli era stato
incaricato dal Generale dell’Ordine di una missione abbastanza delicata.
Venne mandato come plenipotenziario al sindacato dei XII cantoni
sovrani per regolare certe questioni concernenti il convento dei Serviti
di Mendrisio, di cui si minacciava la soppressione. Caselli seppe
ben condurre le trattative e conservö il minacciato convento. In
quell’occasione fondö il collegio e costrusse l’edificio, che serve ancora
oggi a quel che rimane delP antico ginnasio cantonale di Mendrisio.
Pio VI seppe apprezzare il valore del Caselli e lo nominö con-
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— 326 —
sultore delle due importantissime Congregazioni romane del St. Officio
e dei Riti. In seguito, per incarico di Pio VII, Caselli si recb a Parigi
con Mgr Spina, divenuto piu tardi arcivescovo di Genova e Cardinale,
quäle teologo consulente del* Card. Consalvi per le laboriose trat-
tative, che culminarono col famoso Concordato tra la Santa Sede e
Napoleone I del i 5 luglio 1801. Diversi quadri rappresentanti questo
grande avvenimento danno la figura dell’abate Caselli. Cosi un quadro
attualmente nel palazzo pontificio di Castel Gandolfo, riprodotto
nell’opera in sette volumi di Paolo Rinieri : La diploma^ia pontificia
nel sec. XIX, nel quäle il Card. Consalvi presenta a Pio VII le due
pergamene della ratifica del Concordato. Cosi ancora una stampa
della Biblioteca nazionale di Parigi, riprodotta a pag. iio dell’opera :
Napoleon, sa vie, son oeuvre, son temps, di Lacour-Gayet (Hachette),
rappresentante la scena della firma.
Sull’inizio del 1802, Caselli accompagnö, per incarico di Pio VII,
la salma venerata del martire della Rivoluzionc, da Valenza a Roma.
Oldelli e, sulle sue tracce, Borrani danno il Caselli come arcivescovo
di Sida per opera di Pio VI, senza indicare nessuna data di questa
promozione. Invece secondo il Di\ionario di erudi^ione slorico-eccle-
siastica, vol. X, di Moroni (opera che certamente ha attinto le sue
notizie sui prelati della Chiesa a buona fonte), si fu solamente nel
marzo dell’anno 1802 che Caselli fu preconizzato arcivescovo titolare
di Sida da Papa Pio VII. Cardinale in pectore nel concistoro del
23 febbraio 1801, venne pubblicato in quello del 9 agosto 1802 col
titolo presbiterale di S. Marcello. Nella sua qualitä di cardinale venne
addetto come membro alle Congregazioni del St. Officio, dei Vescovi e
Regolari, dell’Indice e alle commissioni della disciplina e degli esami
dei futuri vescovi.
Non gli mancarono le distinzioni da parte del governo napoleo-
nico. Ohre splendidi doni avuti dall’Imperatore, il Card. Caselli fu
dato da Napoleone quäle elemosiniere a Madama Letizia, fu eletto
senatore dell’Impero e nominato arcivescovo di Parigi, carica dalla
quäle riusci a farsi esimere.
Il 25 maggio 1804 Pio VII preconizzö il Card. Caselli, lasciandogli
perö il titolo di arcivescovo, alla sede vescovile di Parma in succes-
sione del defunto Mgr Adeodato Turchi; e resse questa diocesi con
raro zelo e con esimia prudenza per ben ventiquattro anni.
Il favore di Napoleone per Caselli doveva cessare durante la lottt
che l’onnipotente imperatore impegnö con Pio VII. Fatto prigioniero
- 3 27 ~
il Pontefice e deportato a Savona, si radunö a Parigi il famoso concilio
nazionale del giugno 1811. Il Caselli fu tra i difensori del Papa e dei
diritti della Santa Sede. Non ci voleva di piü per cadere nella disgrazia
di Napoleone, che allora ritenevasi ancora onnipotente e non s’accor-
geva che l’aquila imperiale aveva gia piombo nell’ala e che lo splendore
di tanta gloria era prossimo al suo tramonto.
Caduto Napoleone, Maria Luisa divenne sovrana di Parma e
Piacenza. Il Card. Caselli ebbe allora il titolo di consigliere intimo
dell’imperatrice decaduta. Fu insignito della croce dell'ordine costan-
tiniano di S. Giorgio e in seguito promosso alla carica di gran priore
dello stesso. Mori in fama di zelante pastore il 19 aprile 1828 nella sua
sede di Parma e fu sepolto in quella cattedrale.
Parma riconoscente innalzö due monumenti al suo illustre vescovo.
Uno lo ricorda quäle salvatore di Parma per aver egli impedito alle
truppe francesi l’ingresso in cittA ; il secondo £ un busto di marmo
nella cappella dove le sue spoglie dormono il sonno della morte, mentre
una grande iscrizione latina ricorda i meriti di lui. Nella sala muni-
cipale della citta una tela, posta tra i due Pontefici Pio VI e Pio VII,
ricorda il grande benefattore di Parma.
Prima di por fine a questa rievocazione val la pena di dire due
parole sulla parte presa dal Ticino ai festeggiamenti che ebbero luogo
in occasione deH’elevazione del Caselli al Cardinalato.
A Mendrisio si capisce che i Serviti dovettero sussultare di contento
per l’innalzamento alla porpora dell’illustre confratello e del bene¬
fattore del convento e del collegio. Alla cerimonia religiosa del
14 novembre 1802 il P. Oldelli pronunziö l'elogio del neo-porporato
che poi fece pubblicare a Lugano sotto il titolo di Ora^ione ringra^ia-
toria recitata nella chiesa dei Padri Serviti di Mendrisio. Il Borrani
riproduce il testo delle tre iscrizioni che ornavano il convento in quel
giorno. Non riferirö che la terza, perchA dice dei titoli del porporato
alla riconoscenza di Mendrisio : « Carolo Francisco Casellio — Qui
subalpinae Servorum provinciae — Praefecturam gerens — ad Helvetiae
XII viros legalus — Mendrisianae juventuti scholas aperuit — Et prima
huius ephebei fundamenta posuit — Tum ad supremum Ordinis
magistratum erectus — Prudentia consilio rerum gerendarum peritia
— Romae magnam famam adeptus — Difficillimis negotiis consultor
adscitus — Summorum Pontificum gratia floruit — Magna commen-
datione sapientiae collatam — Ob magnitudincm meritorum —
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— 328 -
Romanam purpuram — Gratulantur Moderatores et florens agmen
adolescentium — Devoti nomini amplitudinique ejus ».
Carona non volle esser da meno di Mendrisio e celebrö esso pure
il suo illustre cittadino il i 3 febbraio i 8 o 3 . Ci fc conservato ancora il
sonetto, che venne fatto comporre dal Comune di Carona — in omaggio
ad un antico uso luganese — per quella fausta occasione. £ dedicato al
parroco di allora G. B. Adami, probabilmente un parente del
festeggiato. Ecco il sonetto con la sua lunga intestazione.
«c Solennizzandosi — Dalla Comune di CaroDa — il giorno
i 3 febbraio i 8 o 3 — in ringraziamento a Dio per Ia promozione — alla
Sacra Porpora — dell’eminentissimo — Carlo Francesco Cardinale
Caselli — Arcivescovo di Sida, ex Generale dell’Ordine — dei Servi di
Maria — originario della suddetta Comune di Carona — Sonetto -
dedicato al merito impareggiabile ed esimia virtü del Sacerdote —
Don Giambattista Adami — parroco di Carona.
Spiendi, o Caselli, con eterno onore
Lä sopra il Tebro, ove sublime stai,
Chi del Gran Nume l’infinito amore
T’adorna il Crine di brillanti rai.
Se giä di Sida fosti il buon Pastore,
Di tue famiglie il Padre, e tu lo sai,
L’oracolo di Pio, il difensore
De’ Dogmi santi, che s’eclissan mai,
Or sei di Piero nel Collegio ascritto ;
Virtü, gloria ed onor in te s’avviva,
E nel seggio primier presto sei scritto.
In bronzi e marmi il tuo bei nom s’ascriva ;
Carona echeggi, come fu prescritto :
Viva Caselli, in sempiterno evviva.
In attestato di sommo ossequio
e di profondo rispetto,
La Comune di Carona. »
Come £ facile vedere, il sonetto non brilla per eccessivo valore
letterario ; dice perö l’esultanza dei caronesi per 1’onore che loro
veniva dalla porpora di uno dei loro concittadini.
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KLEINERE BEITRÄGE — MELANGES
Lombardische Reliquienfreunde und -Sammler.
Die Sitte, die sterblichen Überreste der Heiligen ehrfurchtsvoll zu
sammeln und beizusetzen, ist so alt wie das Christentum.
Einen besondern Aufschwung nimmt sie, als der Kirche der Friede
gegeben war und man die bisher verborgenen Reliquien offen zeigen und
zugänglich machen konnte.
Es genügt auf die Tätigkeit des Papstes Damasus in Rom hinzu¬
weisen, um den Aufschwung, den der Reliquienkult im IV. Jahrhundert
nahm, zu charakterisieren. In der Lombardei ist des hl. Ambrosius
Elevieren und Transferieren eine Parallelerscheinung dazu. Sie ist für
die Lipsanographie und Hagiologie von weittragender Bedeutung, indem
die Welt von manchen Heiligen nie etwas erfahren haben würde, wenn
nicht der Mailänder Bischof ihre Gestalt zu Leben oder neuem Leben
erweckt hätte. Und das lombardische oberste Kirchenhaupt findet
Nachahmer in den angrenzenden Ländern und Bistümern : S. Theodor l ,
Bischof von Octodurum erhebt die Leichen der Thebäer in Agaunum,
Bischof S. Gaudentius von Brescia sammelt Reliquien 1 * und vereinigt sie
zu einem concilium Sanctorum in einer Kirche seiner Kathedral-Stadt.
Noch 1200 Jahre später wirkt das Beispiel des hl. Ambros nach.
Auch die Fürsten der Langobarden treten als Reliquienehrer hervor :
erinnert sei an die Geschenke, die Königin Theodelinde aus Rom erbat,
und die heute noch in Monza erhalten sind. Erwähnt sei die Translation
der hl. Julia nach Brescia, des hl. Augustin nach Pavia, veranlaßt durch
Langobardenkönige.
Die Karolingerzeit bleibt nicht zurück: Angilbert II. transferiert
S. Calocerus, S. Quirin M., S. Nicomedes Prb., S. Ambros und erbittet
Primus und Felician aus Rom. *
Vom sei. Manfred erfahren wir, daß er zum Besuch des Gerardus-
grabes in Monza aufmunterte. In Pavia wird ein Katalog der Heilig¬
tümer, der sog. Rodobaldinus 4 angelegt. In Mailand transferiert Erz-
1 Stückelberg, Die Schweiz. Heiligen des Mittelalters, p. in.
* Vacandard, S. Victrice, 1903, p. 65 ; Lucius, Die Anfänge des Heiligenkults,
1904, p. 278 ; Smith and Cheetham, Diction. of ehr. Antiq. 1893. II. p. 1775.
* Anal. Boll. XV. p. 25.
4 Hsgeg. von G. Boni und R. Majocchi, Pavia 1901.
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- 330 —
bischof Carl I. im Jahr 1461 den hl. Nagel vom Kreuz Christi und den
Leib des hl. Galdinus. 1
Ganz besondere Verehrung aber bezeugte der hl. Carl Borromaeus
den Heiligen, ihren Gräbern und Reliquien. Anfangs noch zurückhaltend,
indem er sich in der Frage nach der Authentizität der Brescianer
Märtyrer Faustin und Jovita ausschwieg, trat er bald für die Beatihkation
der Angela Merici ein, ließ die Berechtigung der GerardusVerehrung zu
Monza durch Bischof Bascapö untersuchen und erhob zu Somasca den
Leib des sei. Hieronymus Aemiliani auf den Altar. Er transferiert den
hl. Maximus, Märtyrer zu Mailand, 1566 den Eremiten Nicus * in Besozzo,
1571, die hhl. Nabor und Felix, Maternus und Caius, er reponiert 1579 die
hhl. Fidelis und Carpophorus von Arona in Mailand, SS. Dionys, Ariald
und Erlembald, uralte Apostelreliquien in der Nazariuskirche, den
Mailänder Erzbischof Mona* 1576, ferner einen Ardericus 4 (auch Uldaricus
oder Oldericus genannt und mit dem hl. Bischof Ulrich von Augsburg
identifiziert), zu Mailand 1576, S. Victor 6 , S. Satirus und unbekannte
Heiligenleiber, 1579 den hl. Nazarius* und Matronian, 1581, die hhl. Leo,
Marin und Arsatius, Bischof. 7 Es folgt eine Visitierung der Reliquien
von S. Euseb zu Vercelli # , dann eine Fahrt nach Disentis, wo die Leiber
von SS. Placid und Sigisbert 9 verehrt wurden. Das folgende Jahr bringt
S. Carl, die Findung der hhl. Sisinnius, Martyrius, Alexander und Benignus,
Bischof von Mailand, Ampellius und Gerontius. 10 Es folgt die Translation
des hl. Simplician und anderer, dann als letzte, die des hl. Johann Bonus. u
S. Carl scheut keine körperlichen Anstrengungen, um die Zentren der
Heiligenkulte aufzusuchen ; zwei Jahre vor seinem Tode noch steigt er
durchs Cavargnatal zum Heiligtum des hl. Uguzo “. Dazwischen fallen
mehrere Wallfahrten zum Grabtuch des Erlösers 1S , der berühmten
savoyischen Hausreliquie in Turin, fällt die Untersuchung eines zweifel¬
haften Heiligengrabes, die Schenkung von Reliquien nach Bologna 14 und
unzählige kleinere Beschäftigungen lipsanographischer Art, von denen
I San Carlo Borromeo (Festschrift 1901), p. 436.
* Ferrari, 194.
* 1. c. 204 ; über S. Karls lipsanophile Tätigkeit vgl. die Festschrift San Carlo
Borromeo, 1910, p. 434-438.
4 1. c. 643.
• 1. c. 817 (i. J. 1579).
4 Giussano, 157.
7 1. c. 236.
4 1. c. 277.
• 1. c. 281 ; C. Camenisch, Carlo Borromeo, 1901, p. 128.
10 1. c. 286.
II 1. c. 290.
14 1. c. 292 ; Stückelberg, San Lucio, im Schweiz. Archiv f. Volkskunde, 1910.
13 Giussano, 220, 291 ; die reiche Literatur über diese Reliquie sei hier
nicht zitiert.
14 1. c. 291 ; S. Carl pflegte bei seinen Graböffnu ngen meist Partikeln mit¬
zunehmen ; so war er in der Lage, Reliquien wieder abgeben zu können.
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— 33i —
uns die Visitationsakten 1 * 3 Kenntnis geben. Auch das Bild von Saronna
würdigte S. Carl eines Besuchs. *
Auch anderen Heiligtümern, wie dem hl. Haus zu Loreto, dem Wall¬
fahrtsort Postua im Bistum Vercelli und Sächseln, wo der Leib des sei.
Nicolaus von Flüe ruhte, pilgerte S. Carl. * Besondere Vorschriften, welche
die Tridentmischen Beschlüsse ergänzten, wurden mit Bezug auf die
Heiligtümer zu Mailand erlassen ; 43 Abschnitte der Acta 4 * gehen in alle
Einzelheiten des Reliquienkultes ein.
S. Carl war ein zweiter hl. Ambrosius auch in solchen Dingen ; « er
ließ weder Lebenden noch Toten Ruhe », sagte der Mailänder Volksmund
von dem eifrigen und besorgten Kirchenfürsten, der die Heiligen ausgrub.
Noch im Tod stellt sich S. Carl zu seinen himmlischen Schutzherren,
indem er sich ihnen allen empfahl, d. h. am Tage Aller Heiligen seinen
Geist aufgab.
Noch heutigen Tages gibt es außer den Geistlichen, denen die Fürsorge
für die Heiligtümer obliegt, Sammler von Reliquien in der Lombardei.
So hat in Piemont ein Salesianer 4000 Partikeln, auch ganze Leiber und
Häupter von Heiligen zusammengebracht 6 * 8 , so hat in den Sanctuarien
im Mailändischen ein Laie 6 eine große Sammlung von Partikeln und
Authentiken angelegt; sie ist entstanden in der zweiten Hälfte des
XIX. Jahrhunderts.
E. A. Stückelberg.
Reliquienverzeichnis von Groß-Dietwil
(Kt. Luzern).
Im Jahrzeitbuche von Großdietwil, geschrieben anno 1553 von Chor¬
herr Leodegar Schinbein in Münster, enthält vom auch ein Reliquien¬
verzeichnis :
Anno Domini 1498 circa festum Pasee reformata est crux argentea
ecclesie, que antea continuit in pondere argenti duas marcas et tres uncias
modo continens quinque marcas cum decem unciis in argento et unum
ducatum in auro. In qua etiam cruce subsequencium reliquiarum pars
sola recondita reservatur, altera vero dupliciter in cruce videlicet et aliis
hujus ecclesie scriniis, reliqua solum in scriniis nec in cruce collocantur.
Quas reliquiarum prefatarum locaciones distinctio subscripta plane docebit.
1 D’ Alessandri, Atti, passim.
3 Giussano, 283.
3 San Carlo Borr., p. 458, 462 und 463.
4 Acta Eccl. Mediol. 1603. I. p. 287-295. Die ersten Vorschriften betreffend
Rekognition und Konservation der Reliquien wurden schon vom Provinzial-
konzil S. Carls erlassen.
* A. M. Rocca, Santi e Beati. Torino 1907, p. 20.
8 Prof. L. Sartori ; Zuschrift vom 12. Mai 1902 an den Verfasser.
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- 332 -
In sola cruce nec alibi de his partes reconduntur reliquiis: de cingulo dive
virginis, de altari Joannis evangeliste, de veste Elizabeth, in qua fuit mortua,
de duodecim apostolis, Petri et Pauli speciaiiter, dens sancti Erasmi,
alique partes reliquiarum, quarum nomina ignorantur, de loco ubi Christus
edocuit Pater noster. Dupliciter vero in cruce videlicet et extra in aliis
conservatoriis hec collocantur reliquie: de sancta cruce, de columna, ad
quam flagellatus fuit Christus, de columna, ubi Christus fuit coronatus,
de lapide, ubi inventa fuit crux Christi, de loco, ubi Christus ter oravit,
de loco ubi Christus sudavit sanguinem, de loco ubi Christus fuit captus,
de loco ubi Christus cenavit, de loco unde Christus ascendit in celum, de
loco Calvarie, de loco ubi Christus flevit super civitatem Iherusalem, de
monte Syon, de terra agri Aceldemat, de sepulchro Lazari, de cruce sancti
Andree, de sepulchro Innocentum, reliquia sancti Joannis baptiste. Gregorix
pape, Georii martyris, Mauricii, Joannis et Pauli, Ursi et sociorum ejus,
Verene virginis. Extra vero crucem in solis capsis ecclesie notate conser-
vantur reüquie de loco, unde migravit beata Virgo et assumpta est in celum,
de loco ubi sanctus Joannes Baptista circumcisus fuit, de vestimentis Petri
et Pauli, de oleo sancte Cathrine, de oleo sancti Nicolai, de sepulchro sancti
Stephani, reliquie sancti Bartholomei, Nicolai, Erasmi, Adelheidis regine,
Vitalis martyris, Apollinaris, Tiburtii, Arbogasti, Leodegarii, Pangratii,
undecira milium virginum, Albani martyris, Imerii (S. Imier) episcopi,
Cosme et Damiani, Martini, Marcelli, pera Desiderii, costa Reinfridt,
aliquorum sanctorum, quorum nesciuntur nomina, item due partes reli¬
quiarum, quorum eciam ignorantur nomina.
Notandum, quod in antiquo libro, ubi notata fuerunt reliquiarum
nomina in antiqua cruce contenta, eciam habebantur nomina reliquiarum
sancti Laurenlii, Valentini, Cornelii, Cipriani, Blasii quorum cartulas
credo esse corrosas, ut ipse vidi, et partes innominatas sive in cruce sive
extra crucem superius positas aliorum sanctorum esse reüquias. (Für die
Namen sei übrigens verwiesen auf Jahrgang XII dieser Zeitschrift, S. 157 fi.)
K. Lütolf.
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REZENSIONEN — COMPTES RENDUS
Dominik Aofdarmaaer. Der Glarnerh&ndel oder «Tsohndikrieg *
1666 - 64 . Ein Beitrag zur Geschichte der Gegenreformation in der Schweiz-
Freiburger Dissertation. Schwyz 1923. 102 S. (S. A. aus Mitteilungen
des historischen Vereins Schwyz, Heft 31, 1922).
Verf. behandelt hier eine abgerundete und abgeschlossene, aber immer¬
hin wichtige Episode aus dem XVI. Jahrhundert, die nahe daran war,
einen neuen Glaubenskrieg in unserem Lande zu entfesseln und trotz des
ausgesprochen lokalen Ursprunges doch eine allgemeine Bedeutung hatte.
Eine monographische Darstellung fehlte bisher und schien umsomehr
angezeigt, als Wilhelm öchsli in seiner Tschudibiographie die Frage streifte
und ziemlich tendenziös zu Lasten Tschudis darstellte. Auch G. Heer
hat in seiner Geschichte des Landes Glarus das Ereignis berührt in gleichem
Sinne, und ihnen folgte Feiler in der Biographie Lussys, ohne das Thema
zu erschöpfen. Es war darum angebracht, diese Frage einmal gründlich
und quellenmäßig zu behandeln. ■
Eine Schwierigkeit bot sich insofern, als das urkundliche Material
im Glarner Landesarchiv nur noch in verhältnismäßig geringer Zahl und
nicht mehr in den Originalen, sondern nur noch in späteren Kopien sich
vorfindet, ferner, indem bisher der Handel ausschließlich von protestantischer
Seite dargestellt wurde. Er geht dabei sehr vorsichtig und methodisch zu
Werk und bringt nun die katholische Auffassung geschickt und maßvoll
zum Ausdruck. In der Hauptsache haben die V Orte, nach seiner Ansicht,
Unrecht mit ihren Forderungen. Die ganze Frage spitzte sich zu einem
großen eidgenössischen Konflikte zu, wobei es darauf ankam, festzustellen,
ob es den Katholiken nur um einen Gewaltakt gegen die Neugläubigen
zu tun war, oder ob sie bloß in Wahrung berechtigter Interessen und auf
Grund des Vertrages von 1532 gehandelt haben. Ich bin geneigt, eher das
letztere anzunehmen und zwar nur auf Grund der vorliegenden Quellen.
Die Zusammenstellung und die Schilderung des äußeren Verlaufes
ist sehr verdienstlich, die Darstellung recht gefällig und die Mühe, die
Verfasser sich gegeben, die ganze Frage in ihrem Zusammenhang zu
behandeln und das ungedruckte und unbekannte Quellenmaterial heran¬
zuziehen, anerkennenswert. Auch erscheint nun das Verhalten Tschudis
in einem neuen und für ihn vorteilhafteren Licht; es bedeutet nicht bloß
eine Entlastung, sondern zugleich eine Ehrenrettung des sonst als‘klug
und maßvoll bekannten Staatsmannes. Das Verdienst, den Ausbruch
eines Bürgerkrieges verhindert zu haben, gebührt den Orten Luzern, Zug
und Uri. Albert Büchi.
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ich;.ii
Otto Pfülf. Die Anfänge der deutschen Provinz der neu erstand
Gesellschaft Jesu und ihr Wirken in der Schweiz 1805-1847. Freiburg
i. Br. Herder Cie. 522 S. Grundzahl 23.
Dieses Buch bildet gewissermaßen die Ergänzung zu Staehelin, Der
Jesuitenorden und die Schweiz (s. oben XVII S. 317). Aber während dort der
Protestant vor allem die Vergangenheit und die politische und polemische
Seite in den Vordergrund stellt, wendet sich hier ein Ordensmitglied selber
mehr dem inneren Leben und religiösen Wirken und zwar ausschließlich
im verflossenen Jahrhundert zu. Beide zusammen bilden dem Historiker
die nötige Unterlage, um über die Tätigkeit der Jesuiten ein Gesamturteil
sich zu bilden. Während Stähelin alle ihm erreichbaren Quellen heranzieht,
beschränkt sich Pfülf im wesentlichen auf ungedrucktes in den Ordens¬
archiven vorhandenes und deshalb nicht allgemein zugängliches Material,
worüber in einem einleitenden Kapitel Aufschluß gegeben wird. Dann
führt uns Verf. durch die Geschichte der Ordensniederlassungen seit Auf¬
hebung der Gesellschaft Jesu im Jahre 1773 bis zur gewaltsamen Unter¬
drückung infolge des Sonderbundskrieges vom Jahre 1847 und dem all¬
gemeinen Jesuitenverbot in der Bundesverfassung von 1848. Wenn wir
hier auch manches vermissen, was wir gerne erfahren möchten, so bringt
der Verf. doch so viel Neues und Unbekanntes über Personen, Anstalten
und Missionen, daß unsere historische Erkenntnis im ganzen wie im
einzelnen eine bemerkenswerte Förderung erfährt, obwohl mir eine gewisse,
apologetisch-erbauliche Tendenz zu stark betont scheint, und eine aus¬
gesprochene Vorliebe für Gebetserhörungen und Wunder sich geltend
macht. Über die Opposition gegen die Zurückberufung der Väter nach
Freiburg und ihre Gründe erfährt man zu wenig, und eine Stellungnahme
zu dem, was Daguet in seiner Biographie Girards hierüber sagt, wird ver¬
mißt, so daß man annehmen möchte, dieses Buch, das vom Verf. nicht
erwähnt wird, sei ihm unbekannt geblieben. Auch von den gegen 100
Broschüren, die sich mit den Jesuiten in dieser Zeit befassen und die sich
in der Bibliographie der Schweizergeschichte von Barth (3 Bände, Basel
1914-15) registriert finden, wird auch nicht eine einzige berücksichtigt
oder auch nur genannt. Von besonderem Interesse auch für ferner stehende
Kreise sind die eingehenden Angaben über den Studienbetrieb in ihren
Lehranstalten ; auch findet man manchen wichtigen Beitrag zur Sprachen¬
frage in den gemischtsprachlichen Kantonen Freiburg und Wallis. Die
Verfassungs- und staatsrechtlichen, vielfach auch die geographischen Ver¬
hältnisse der Schweiz sind dem Verf. nicht geläufig. So dürften die Jesuiten
aus dem Oberwallis über den Simplon und nicht den Großen St. Bernhard
geflohen sein (477). Schwyz war nie keine Stadt (393) und statt Buxgaud
muß es wohl Buchsgau heißen (316), wie Martigny für Morgny (324),
Vuadens statt Vuadenz (325), Erstfeld statt Ersfeld usw. Das wundertätige
Muttergottesbild bei Freiburg, wohin Peter Canisius zu wallfahren pflegte,
befindet sich in Bürglen und nicht auf dem Bühel (230) usw. Den ale¬
mannischen Dialekt als verderbtes Schweizerdeutsch zu bezeichnen, wird
den Beifall der Germanisten kaum finden. Dagegen sind die vielen Perso-
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— 335 —
nalien über Ordensangehörige, die durch ein gutes Namenregister leicht
auffindbar gemacht sind, sehr brauchbar. Die Angaben über die Gründung
des Hauses von Schwyz sind in Ermangelung einer Monographie ebenso
neu als verdienstlich. A. Büchi.
Aufgaben und Probleme auf dem Gebiete der byzantinischen und
orientalischen Kirchenmusik. Von Egon Wellesz, Privatdozent für Musik¬
geschichte in Wien. (Liturgiegeschichtliche Forschungen, herausgegeben
von Dölger-Mohlberg-Rücker, Heft 6. viii und 120 S. Aschendorff
Münster. (Gr.) Mk. 3.20.
Ausgehend von der Stellung, welche der Orient in der neueren musik¬
geschichtlichen Forschung einnimmt, legt der Verf. die Ergebnisse der
bisherigen Untersuchungen zur östlichen Kirchenmusik vor, der byzan¬
tinischen, armenischen, syrischen, koptischen und äthiopischen. Durch
Einzelstudien auf diesen verschiedenen Gebieten war Wellesz wohl vor¬
bereitet, aufzuweisen, was hier bereits geleistet wurde, und was noch zu
leisten ist. Er tut es in ruhiger, kenntnisreicher Darlegung, gibt überall
die wichtige Literatur an und bietet so eine Schrift, die ihren Zweck in
jeder Weise erfüllt. Mit Nachdruck stellt er sich auf die Seite der durch
Strzygowski und Baumstark für die altchristliche Kunst und Liturgie
vertretenen Richtung und betont für die Kirchenmusik der ersten christ¬
lichen Jahrhunderte starke Beziehungen zum Osten, nicht nur zu Byzanz,
sondern auch zu Syrien, Palästina, Armenien. Nach Wellesz hat dieses
letztere Land seine Tonzeichen (Neumen) nicht von Byzanz bezogen,
vielmehr weisen Spuren bis weit nach Persien, Babylonien und Indien.
An diesem einen Beispiele mag man übrigens ermessen, bis in welche
Fernen sich heute Fragen verästeln, die man früher eher europazentrisch
behandelt hat.
Zur Lesart des Weihnachtshymnus des Romanus S. 59 (Übertragung von
Thibaut) ist nachzutragen die gleichlautende (nur eine Quarte höher transponierte)
von Rebours, traitö de psaltique, p. 195, und eine andere « aghioritische » Lesart
von Adaiewsky in der Rivista musicale italiana, VIII, p. 586. Der Hauptsache
nach stimmen sie überein, und das zeugt für die Ursprünglichkeit der gemeinsamen
Züge. In der Lesart von Adaiewsky dürften aber die Melismen original^näßiger
übertragen sein ; diejenigen bei Thibaut und Rebours sehen so aus, als ob ihre
melodische* Linie geglättet worden sei, und auch der Rhythmus scheint mir von
gewissen neueren Vorstellungen beeinflußt. Ist überhaupt die Fassung Thibaut’s
und Rebours’ die moderne oder aus alten Quellen entziffert ? Rebours bezieht
sich sonst nur auf die moderne Praxis. — Von eigenen Trierer Neumen, von denen
S. 67 die Rede ist, war bisher nichts bekannt; auch ist unbeweisbar, daß die
St. Galler und Metzer Neumen sich aus dem Strome «syrisch-armenischer
Klostertradition » entwickelt hätten, die « von Marseüle die Rhone aufwärts nach
der Schweiz und dem Rheine drang » (ebenda). St. Gallen z. B. hat seine Neumen
den englischen nachgebildet, nicht aber orientalischen. Danach wäre auch S. 38
unten zu berichtigen. Wie man sieht, lassen sich die Zusammenhänge mit dem
Osten auch übertreiben. — Eine Wiederholung steht S. 68 und S. 76, Anm. 2.
Meist ist « Oktoechos » als feminini generis gebraucht, S. 101, 102, 104 ; das Wort
ist doch Masculinum, wie S. 44, Anm. 3. P. Wagner.
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Braomberger Otto. Beati Petri Canürii, Soo. Jesu. Epistolae et Ada
Volumen VII. (1572-81) Friburgi Brisgoviae 1922, Herder Cie. Lxxxvm
u. 905 S. Preis broschiert Grundzahl mal Schlüssel; Grundzahl broschiert
20, geb. 22.50. Der Schlüssel ist in jeder Buchhandlung zu erfragen.
Diese monumentale Brief- und Aktensammlung, welche seit 1896
begonnen wurde, schreitet rüstig voran und dürfte bald ihrem Ende ent¬
gegen gehen. Auch dieser Band reiht sich den vorausgehenden würdig an
als ein specimen erdutionis des gelehrten, hochbetagten, aber nimmer¬
müden Herausgebers. Er verdient besondere Beachtung in der Schweiz,
da die Gründung der Jesuitenkollegien in Luzern (1574) und in Freiburg
darin berührt wird und vielfach neues Licht auf diese Gründungen, die
damit in Verbindung stehenden Männer und die sie begleitenden Umstände
fällt. Auch von anderen Vorkämpfern der tridentinischen Reformen in
der Schweiz ist darin die Rede, wie gelegentlich vom Basler Bischof Christoph
Blarer von Wartensee, von einem nicht näher genannten Schulmeister von
Baden und der Absicht, dort ein Jesuitenkolleg zu gründen, von Basel
und seinen Druckern, von der Reise des Peter Canisius von Konstanz über
Paradies, Luzern, Bern nach Freiburg usw.
Wie in den früheren Bänden, ist ein chronologisches Verzeichnis der
Briefe und ein solches der Akten nach Orten vorangestellt. Das Vorwort
gibt Aufschluß über die Briefe im allgemeinen, ferner die Editionsgrundsätze,
wo man die jetzt gemeinübliche Behandlung der lateinischen und deutschen
Texte ungern vermißt (Normierung von u-v ; i-j, Majuskeln). Es folgt
eine summarische Inhaltsangabe mit Hervorhebung der neuen Ergebnisse
(S. xix bis xxxv) zur Biographie des Canisius, zur tridentinischen Reform
und zur Ordensgeschichte. Sehr dankenswert ist die chronologische Tafel
zum Leben des P. Canisius während dieser Zeit, weiter ein bibl. ausführliches
Verzeichnis der wiederholt zitierten Druckwerke, sowie der benützten
Handschriften mit Beschreibung, endlich die Erklärung der angewendeten
Abkürzungen. Die einzelnen Stücke werden in chronologischer Folge
aufgeführt, sind mit Inhaltsangabe, Anmerkungen und allen nötigen Nach¬
weisen reichlich versehen, so daß der Benützer hier für die lateinische
Sprache des Apparates reichlich entschädigt wird. Die Edition ist, so weit
Stichproben dies zu konstatieren ermöglichten, sehr sorgfältig und zuver¬
lässig. Bei P. Robert, dessen englischer Name Andrew sein soll, möchte
ich immerhin die Frage aufwerfen, ob sein latinisierter Name nicht eher
Andrevo statt Andreno zu lesen ist.
Hervorheben möchte ich aus dem noch nie vollständig gedruckten
Briefe des P. Canisius den Provinzial P. Hoffaeus vom 5. Januar 1581,
wo er mit folgenden Worten seine ersten Eindrücke von seinem neuen
Bestimmungsort, Freiburg, wiedergibt (S. 600) : Humanitatem singulärem
clerus et populus nobis exhibet, ac prorsus existimo in catholica Helvetia
nihil esse cultius, nihil fertilius, nihil coeli salubritate, virii proventu et
victus facilitate praestantius hoc Friburgo, Bernae quidem aemulatrice sed
super omnes fere ditionis hujus civitates superiore, si in na tarn civium
comitatam humanitatemque spectemus. A. Bücht.
Fribourg. — Imp. de l'CEuvre de Saint-Paul. 24.
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Hans von Matt, Verlag, Stans.
Dr. Joseph Hürbin
Handbuch der Schweizergeschichte.
«'leg:. T falbleinen-Bände.
Preis Fr. S6.IO
* i * " • _
ln der « Schweizerischen Rundschau * schreibt Universitäts-Professor
Ür. Büchi von Freiburg über Harbins Handbuch der Schweizergeschichie :
«c Wir haben nun ein Buch für alle gebildeten Katholiken jeden Standes, das
einem längst empfundenen Bedürfnisse abhilft und in keiner gebildeten
katholischen Familie fehlen sollte. An wissenschaftlichem Gehalt und
gefälliger Darstellung braucht es den Vergleich mit andern Handbüchern der
Schweizergeschichte nicht zu scheuen. Es unterscheidet sich von den bis¬
herigen Bearbeitungen durch besondere Betonung des religiösen und kultur
geschichtlichen Momentes f in dieser Hinsicht wird es von keinem anderen
Werke erreicht, geschweige übertroffen *.
Dr. Joh. Georg Mayer
Geschichte des Bistums Chur.
Mit zahlreichen Knnstbeilagen und Textillustrationen.
2 Bände in eleg. Originalleinwanddecken mit Goldprägung. Preis Fr. 37 . 80 .
Der Verfasser hat bereits durch eine ganze Reihe wertvoller geschichtlicher
Publikationen sich einen angesehenen Namen im Kreis* der. schweizerischen
Geschichtsforscher gemacht. Hier liegt nun sein bedeutendstes Werk, gewisser¬
maßen seine l^cbensarbeit vor. Sie bietet sehr viel Neues, noch ganz Unbekanntes,
und ist direkt aus den primären Quellen geschöpft, ganz original. — Kür alle
Freunde vaterländischer Geschichte bietet das Werk reiches Interesse: für die
Geschichte Graubiindeus and der schweizerischen Eidgenossenschaft bietet es einö
Menge wertvoller Bausteine. Kirchengeschichtlich ist es eine der bedeutungs¬
vollsten unter den bisher erschienenen schweizerischen Publikationen.
DIE ERRICHTUNG DES BISTUMS ST. GALLEN
Von Dr. Frid. GSCHWEND
Gr. 8*. In 2 Abteilungen broschiert. Preis 9 Fr.
Was Pr. Gscbwcnd in diesem interessant und flüssig geschriebenen Werke bietet. Ist weit
mehr als der Titel vermuten lässt. Er gibt eine aktcnmäsMg belegte Geschichte der Aufhebung des
altbcrühmten Klosters St, Gallen. dcrGrÖndungdes KantonsSi. Gallen und der st. gallischen Politik in
den ersten Jahrzehnten des vergangenen Jahrhunderts und darauf basierend und damit verflochten di*
Geschichte des Doppelbistums Chur-St.Gallen u. d.kirchl. Errichtung des neuen Bistums St. Gallen.
Dif+or Molnhinr I 11001 Ton Unterwalden, seine Beziehungen zu Italien
nlllol IVIolUlllUI LUool und sein Anteil an der Gegenreformation.
Von Dr. Richard FELLER.
pS* 7 .y W. >2 Bände 8\. 247 und i 55 Seiten. — Broschiert Preis « Fr. 25 .%/ ; / T
«c Dr. Feiler bietet uns hier ein Buch von bleibendem Werte, ein Charaktergemälde, zugleich
ein Zeitbild, für des wir ihm aufrichtigen Dank schulden. Kein anderer Schweizer jener Zeit hat
sich um die Wiederbelebung des Katholizismus In unserem Vaterlande so verdient gemacht
wie Ritter Melchior Lussi. In überaus anziehender, geistreicher, oft geradezu spannender Darstel¬
lung tveiss Dr. Feiler den Leser für seinen Helden zu interessieren ». „Schweller. Ilrthenieitnng“,
Go gle
HANS von MATT, Antiquariat in Stans
offeriert nachstehende hervorragende Werke ;ur schweizerischen Kirchen¬
geschichte zu den beigesetzten ermäßigten Preisen :•* :
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Fielner, Dr. Fr. Staat und Bischofswahl im Bistum Basel. Geschichte der
diplomat. Verhandlungen mit der röm. Kurie im tg. Jahrh. Lpz. i 8 g 5 .
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Fleischlin, B. Studien und Beiträge zur schweizerischen Kirchengeschichte.
(Reformationsgeschichte.) Lieferung 1-10 (Bd. 2-4, Heft 2), Luzern 1903-10.
^ 2 Bdc. Hlwd., Rest broschiert. (Alles, was erschienen ist) I
(statt 3 i.—) 18.50
GatriO, A. Die Abtei Murbach im £lsa&. 2 ßde. Straäburg 1895
(statt 20.—) 12.50
Gelpke, E. F. Kirchengeschichte der Schweiz. 2 Bände. Bern i 856 -fii.
(statt 2<>. —) 9.50
Geschichtsfreund. Mitteilungen des historischen Vereins der 5 Orte.
1.-70. Band und 4 Registerbände. Einsiedeln u. Stans 1843-1915.
• 37 Bände gebunden, Rest broschiert. (statt 53 q.—) 290 .— ]
Hurter, Frledr. von. Die Befeindung der kathol. Kirche in der Schweiz ,
seit dem Jahre 1 83 1. 2 Bde. Schaffh. 1843. Selten! ;
(statt 20.?o) 8.50
Lütolf, A. Die Glaubensbolen der Schweiz vor St. Gallus. Luzern 1871.
Gebunden GjP 12.50 i
— Die Schweizergarde in Rom. Einsiedeln 18S9. Selten! 3.76
Meyer. Erlebnisse des Bernhard Meyer, weiland Staatsschreiber und Tag-
satzungs-Gesandten des Kts. Luzern. Von ihm se'lbst verfaüt. 2 Bde.
Wien 1875. ' (statt 16.—) 7.50 I
Ringholz, O. Geschichte des Benediktinerstiftes Einsiedeln. 1 . Band. Mit
vielen Illustrationen. Einsiedeln 1904. Lex. 8® in Lieferungen. w f
(stau 20. —) 11 .—
Scheuber, Dr. J. Die mittelalterlichen Chorstühle in der Schweiz. Mit
11 Lichtdrucktafeln. Stratiburg 1910. (statt 8.—) 5.75
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hundert, unter Mitwirkung von L. von Pastor, Kirsch. Fonck, Künzle u. a.
herausg. 3 . Aufi. Einsiedeln 1917. , - (statt i 5 . 6 o) 8.75
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1859-1904. Alles, was erschienen (statt 223 .—) 75 .—
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35 prächtigen Portraits. Stans 1907. ;* v 12 .— ’ .
Stückelberg, Dr. E. A. Die Katakombenheiiigcn der Schweiz. Mil
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